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Mitteldeutsche Orientliteratur des 12. und 13. Jahrhunderts. «Graf Rudolf» und «Herzog Ernst»

Ein Beitrag zu interkulturellen Auseinandersetzungen im Hochmittelalter

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Yücel Sivri

Die beiden mitteldeutschen Epen «Graf Rudolf» und «Herzog Ernst» spielen zwar in den neuesten Darstellungen der Geschichte der deutschen Regionalliteratur eine Rolle, aber ihre Einordnung in Gattungen lässt Fragen offen. Zur Diskussion stehen ihre Verbindung zur Heldenepik sowie ihre Rezeption besonders im mitteldeutschen Kulturraum. Dadurch, dass der Autor die Werke in die historischen Zusammenhänge des ausgehenden 12. und beginnenden 13. Jahrhunderts einordnet und Motivverwandtschaften als Ausdruck des im Hochmittelalter blühenden Kulturaustausches interpretiert, werden die bis in die jüngste Zeit gängigen Bezeichnungen «Fabulierlust» oder «orientalische Exotik» obsolet. Der Autor hebt die Einzigartigkeit dieser Epen ebenso wie ihre Vorbildhaftigkeit hervor, indem er sie in weltliterarische Zusammenhänge einordnet.
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3. ‘Herzog Ernst’

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3.    ‘Herzog Ernst’

Selten behielt ein mittelalterliches Werk seine Popularität so lange wie ‘Herzog Ernst’.248 In einem Lied Reinmars von Zweter wurde bereits im 13. Jahrhundert die abenteuerliche Geschichte des jungen Herzogs besungen.249 Viele Reisende oder Pilger ließen sich beim Verfassen ihrer Itinerarien von der ‘Navigatio Brandini’250 und eben dem ‘Herzog Ernst’ inspirieren. So schöpften beispielsweise John Mandeville, Arnold von Harff oder Johann Witte de Hese251 (oder Helt) aus diesen Werken.252 ← 87 | 88 →

Werke zum Trojanischen Krieg, die Berichte Herodots und Ktesias’ und die Alexanderdichtungen weckten die Wissbegierde der Menschen in Bezug auf fremde Länder. Auch HE befriedigte dieses Interesse. Das ist auch in der interessanten Mischung von Reichsgeschichte und orientalischer „Märchenwelt“ begründet. Sein Bekanntheitsgrad stieg von Tag zu Tag durch einige Werke der Neuzeit. Höchstwahrscheinlich im Wintersemester 1513/14 hielt der St. Gallener Humanist und Reformator Joachim von Watt (1484–1551) ← 88 | 89 → an der Wiener Universität „seine literaturwissenschaftliche Vorlesung“253, in der es auch um HE ging, den er vielleicht aus späteren Drucken kannte254. Die HE-Geschichte ist bis heute geschätzt, weil sie nicht – wie sonst üblich – nach einem apodiktischen Codex-Muster vorgeht und einen reizvollen fremden Orientteil beinhaltet.

3.1.    Einführung in die Fragestellung. Überlieferung

Das Epos ist in sechs deutschen und drei lateinischen Fassungen überliefert.

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