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Mitteldeutsche Orientliteratur des 12. und 13. Jahrhunderts. «Graf Rudolf» und «Herzog Ernst»

Ein Beitrag zu interkulturellen Auseinandersetzungen im Hochmittelalter

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Yücel Sivri

Die beiden mitteldeutschen Epen «Graf Rudolf» und «Herzog Ernst» spielen zwar in den neuesten Darstellungen der Geschichte der deutschen Regionalliteratur eine Rolle, aber ihre Einordnung in Gattungen lässt Fragen offen. Zur Diskussion stehen ihre Verbindung zur Heldenepik sowie ihre Rezeption besonders im mitteldeutschen Kulturraum. Dadurch, dass der Autor die Werke in die historischen Zusammenhänge des ausgehenden 12. und beginnenden 13. Jahrhunderts einordnet und Motivverwandtschaften als Ausdruck des im Hochmittelalter blühenden Kulturaustausches interpretiert, werden die bis in die jüngste Zeit gängigen Bezeichnungen «Fabulierlust» oder «orientalische Exotik» obsolet. Der Autor hebt die Einzigartigkeit dieser Epen ebenso wie ihre Vorbildhaftigkeit hervor, indem er sie in weltliterarische Zusammenhänge einordnet.
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5. Die Versepen ‘Graf Rudolf’ und ‘Herzog Ernst’ im Kontext europäischer und orientalischer Literatur. Das Beispiel der legendären Völker und Fabeltiermotive

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5.    Die Versepen ‘Graf Rudolf’ und ‘Herzog Ernst’ im Kontext europäischer und orientalischer Literatur. Das Beispiel der legendären Völker und Fabeltiermotive

Abenteuerliche Reisebeschreibungen über die entlegensten Länder, deren Zahl nach den Alexanderzügen zunimmt, beinhalten bizarre Angaben über Monstra,566 Flora und Fauna, und liefern einen Völkerkatalog, der den Orient im Okzident befremdlicher und unliebsamer machte als je zuvor. Gut ein Dutzend mittelalterliche Alexanderdichtungen zählen zu den Errungenschaften der Zeit, wobei meist die Dichtungen aus dem Umkreis von Lamprechts Alexanderlied im Fokus der Forscher standen.567 Der Völkerkatalog reicht von den armseligen kriechenden oder hüpfenden, fast dahin vegetierenden Wesen bis zu den „wunderlichen Monstern“568 ← 185 | 186 → wie Kynokephalen oder kopflosen Missgeburten.569 Ktesias erteilt detaillierte Auskünfte über die Kynokephalen. Demnach sind sie der lingua humana nicht mächtig, können aber mit den Indern Amberhandel treiben. Dass der Kynokephalenherr ← 186 | 187 → scher sein Land in Gerechtigkeit regiert, geht aus der Tatsache hervor, dass das Kynokephalenvolk einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit besitzt, übrigens so, wie die Bibel vorschreibt.570 Die Kynokephalen sind geschickte Jäger, aber nicht gerade saubere Geschöpfe. Denn während die weiblichen Hundsköpfler sich nur einmal im Monat waschen, reicht den männlichen Artgenossen eine Art „Katzenwäsche“ aus.571 John B. Friedman weist darauf hin, dass die monströsen Geschöpfe nicht nur Angst und Feindseligkeit im Mittelalter erzeugt haben, sondern es tatsächlich auch Belege gab, die von den “edlen Wilden” (Monstrous men as...

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