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Vom Ich erzählen

Identitätsnarrative in der Literatur des 20. Jahrhunderts

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Heribert Tommek and Christian Steltz

Narrative des Ich und des Selbst sind für die bürgerliche Kultur konstitutiv. Dieser Band beleuchtet, wie das Ich seit Rimbauds Fanal «Je est un autre» destruiert wurde. Nietzsches «Tod Gottes» entthronte das Ich. Ernst Mach erklärte es für «unrettbar», da er es auf seine einzelnen Elemente zurückführte, während Freud das Ich schließlich nach seinen Funktionen im psychischen Apparat zerlegte. Mit der Ich-Auflösung vollzog sich eine fundamentale metaphysische Krise. Die Beiträge zeigen, wie sich diese Auflösung als Katalysator für eine dynamisierte Modernisierung der Künste erwies. Denn paradoxerweise steht die Destruktion des Ich für eine neue, autonome Subjektkonstitution in der Literatur des 20. Jahrhunderts.
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Heribert Tommek - „Ein lose hängender Knopf“ oder die Lust, „eine reizende, kugelrunde Null im Leben zu sein“. Flüchtige Identität bei Robert Walser

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Heribert Tommek

„Ein lose hängender Knopf“ oder die Lust, „eine reizende, kugelrunde Null im Leben zu sein“. Flüchtige Identität bei Robert Walser

Ich-Dissoziation, Depersonalisierung und die mit ihr verbundenen Ängste sind zentrale Gegenstände der Moderne. Eine besondere Variante stellen dabei Figuren der Selbst-Verkleinerung dar, wie sie dem Leser besonders in den Werken von Franz Kafka und Robert Walser begegnen. Ersteres durchziehen sie zum Beispiel im Motiv der kleinen Tiere bzw. Insekten, letzteres prägen sie in seiner Gesamtheit.1 Die Figur der Selbst-Verkleinerung – bis hin zur Selbst-Verflüchtigung – birgt bei Walser das Moment einer affirmativen Haltung. Walsers berühmte „Mikrogramme“, mit Bleistift zwischen 1924 und 1933 geschrieben und mit dem bloßen Auge nur als graphische Spur zu lesen, scheinen gleichsam die ästhetische Materialisation der Maxime des Sichkleinmachens zu sein.2 Sie ist eng mit Walsers Biographie verbunden und führte vom unsteten Hin und Her zwischen Schriftsteller- und Angestellten-Dasein, über die Abgeschiedenheit des Dichters in einer Dachkammer bis hin zu einer auf ein Minimum reduzierten und zugleich selbstgenügsamen Existenz in einer Nervenheilanstalt.3 Hier verbrachte ← 67 | 68 → Walser die letzten 27 Jahre seines Lebens, in denen er zunächst nur noch gelegentlich, schließlich gar nicht mehr schrieb. Auch der Mitteilung überhaupt verweigerte er sich zunehmend. Eine Notiz in seiner Krankenakte lautet: „Pat.[ient] bietet unverändert dasselbe Zustandsbild des affektiv nivellierten, kühl-abweisenden Schizophrenen. Wünscht in Ruhe gelassen zu werden. Gibt auf Fragen höflich aber abweisend Antwort...

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