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Vom Ich erzählen

Identitätsnarrative in der Literatur des 20. Jahrhunderts

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Edited By Heribert Tommek and Christian Steltz

Narrative des Ich und des Selbst sind für die bürgerliche Kultur konstitutiv. Dieser Band beleuchtet, wie das Ich seit Rimbauds Fanal «Je est un autre» destruiert wurde. Nietzsches «Tod Gottes» entthronte das Ich. Ernst Mach erklärte es für «unrettbar», da er es auf seine einzelnen Elemente zurückführte, während Freud das Ich schließlich nach seinen Funktionen im psychischen Apparat zerlegte. Mit der Ich-Auflösung vollzog sich eine fundamentale metaphysische Krise. Die Beiträge zeigen, wie sich diese Auflösung als Katalysator für eine dynamisierte Modernisierung der Künste erwies. Denn paradoxerweise steht die Destruktion des Ich für eine neue, autonome Subjektkonstitution in der Literatur des 20. Jahrhunderts.
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Benjamin Kohlmann - Das Ich in der Revolte: Eine komparatistische Perspektive auf den Bildungsroman bei Jean-Paul Sartre, Doris Lessing und Peter Weiss

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Benjamin Kohlmann

Das Ich in der Revolte: Eine komparatistische Perspektive auf den Bildungsroman bei Jean-Paul Sartre, Doris Lessing und Peter Weiss

Dieser Aufsatz beschäftigt sich aus komparatistischer Perspektive mit dem sozialistischen Bildungsroman – einer Untergattung des Bildungsromans, die bislang in der Literaturwissenschaft kaum Beachtung gefunden hat.1 Im Folgenden formuliere ich zunächst ausgehend von einem fragmentarisch gebliebenen Versuch im Spätwerk von Georg Lukács einige Gattungsmerkmale des sozialistischen Bildungsromans. Im Anschluss soll die Kategorie anhand einer Lektüre von Doris Lessings The Golden Notebook (Das goldene Notizbuch; 1962), Sartres Les chemins de la liberté (Die Wege der Freiheit; 1945–49) sowie Peter Weiss’ Ästhetik des Widerstands (1971–81) auf den Prüfstand gestellt werden. Meine Leitthese ist, dass das Identitätsnarrativ des sozialistischen Bildungsromans die wechselvolle Geschichte des Sozialismus im 20. Jahrhundert widerspiegelt und dabei insbesondere das spannungsreiche Verhältnis zwischen sozialistischem Internationalismus einerseits und dem Wiedererstarken von Nationalstaatsdenken und Nationalismus andererseits kritisch fokussiert.

Das in der Anglistik seit kurzem wiedererstarkte Interesse am Bildungsroman verdankt sich zu großen Teilen den Literaturwissenschaftlern Franco Moretti und Jed Esty, die darauf hingewiesen haben, dass die Handlungsstränge des klassischen Bildungsromans des neunzehnten Jahrhunderts in Analogie zur historischen Entwicklung des Nationalstaats im neunzehnten Jahrhundert gelesen werden können.2 Folgt man den Ausführungen von Moretti und Esty, entspricht die organische Entwicklung des Individuums im bürgerlichen Bildungsroman der Vorstellung von der Nation als einem sich komplex ausbildenden Organismus. ← 145 | 146 → Franco Moretti geht...

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