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Odysseen des Humanen

Antike, Judentum und Christentum in der deutschsprachigen Literatur- Festschrift für Prof. Dr. Maria Kłańska zum 65. Geburtstag

Edited By Katarzyna Jastal, Pawel Zarychta and Anna Dabrowska

Literatur war und ist ein Ort menschlicher Identitäts- und Wertefindung, an dem die Kontingenzen individueller und historischer Erfahrung in universale Kontinuitäten eingeschrieben werden. Sie ist auch ein Ort, an dem antike, jüdische und christliche Traditionsbestände durch ihre Fortsetzung und Neusemantisierung wieder aufleben und nicht selten zu Grundmustern individueller Sinnstiftung werden. Von dieser Grundbeobachtung ausgehend, begeben sich die Autorinnen und Autoren dieses Bandes auf die Suche nach solchen Kontinuitäten und Neusemantisierungen der antiken, jüdischen und christlichen Narrative in der älteren bis jüngsten deutschsprachigen Literatur. Sie rekurrieren auf die Forschungsinteressen von Prof. Dr. Maria Kłańska, der diese Publikation zum 65. Geburtstag gewidmet ist.
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Bernhard Schlinks Odysseen

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Die Rezeption antiker Mythen in der Literatur erfreut sich in Deutschland besonders in den letzten Jahrzehnten eines steigenden Interesses, das sich u. a. anhand neuerer Veröffentlichungen, Veranstaltungen und Projekte verfolgen lässt.1 Der häufige Rekurs auf die Geschichte des Odysseus zeugt dabei von der seit Jahrhunderten andauernden Faszination für das in ihr enthaltene anthropologische Grundmuster der Selbst- und Welterfahrung. Dieses Muster beinhaltet den Aufbruch in eine fremde Welt außerhalb der Grenzen der bisherigen Erfahrung, eine Irrfahrt, bei der das reisende Subjekt nicht über die Zwecke und Ziele seiner eigenen Reise verfügen kann, eine Heimkehr, deren Charakter stets zwischen Unmöglichkeit und Fragwürdigkeit changiert. Auch die Gestalt des Odysseus ist nicht eindeutig, vielmehr polyvalent angelegt. Den transtemporalen Erfolg der Odysseus-Story erklären nach Theodore Ziolkowski zwei Eigenschaften des Protagonisten, die die Geschichte jeweils mit unterschiedlichen Vorzeichen lesbar machen: Zum einen sei Odysseus der Wanderer schlechthin, der aber entweder als ein heimatsuchender, zentripetaler oder als ein sein Ziel im Weg findender, eigentlich heimatloser, zentrifugaler Wanderer gedeutet werden kann. Zum anderen kann auch seine Intelligenz als ein positives Attribut oder aber als „höllische Schlauheit“2 aufgefasst werden.

Odysseus‘ „Flexibilität“3 und Anpassungsfähigkeit („adaptability“4) ermöglichen stark voneinander abweichende oder sogar widersprüchliche Auffassungen seiner Figur und erlauben, seine Geschichte innerhalb vieler unterschiedlicher ← 161 | 162 → Referenzfelder zu lokalisieren und zu deuten. Die oben genannten Grundsituationen menschlicher Kondition (Aufbruch, Suche, Heimkehr), die in dieser Geschichte kodiert sind, können als Sinnagenturen...

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