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Odysseen des Humanen

Antike, Judentum und Christentum in der deutschsprachigen Literatur- Festschrift für Prof. Dr. Maria Kłańska zum 65. Geburtstag

Katarzyna Jastal, Pawel Zarychta and Anna Dabrowska

Literatur war und ist ein Ort menschlicher Identitäts- und Wertefindung, an dem die Kontingenzen individueller und historischer Erfahrung in universale Kontinuitäten eingeschrieben werden. Sie ist auch ein Ort, an dem antike, jüdische und christliche Traditionsbestände durch ihre Fortsetzung und Neusemantisierung wieder aufleben und nicht selten zu Grundmustern individueller Sinnstiftung werden. Von dieser Grundbeobachtung ausgehend, begeben sich die Autorinnen und Autoren dieses Bandes auf die Suche nach solchen Kontinuitäten und Neusemantisierungen der antiken, jüdischen und christlichen Narrative in der älteren bis jüngsten deutschsprachigen Literatur. Sie rekurrieren auf die Forschungsinteressen von Prof. Dr. Maria Kłańska, der diese Publikation zum 65. Geburtstag gewidmet ist.
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„lieber gott bleib mir fern“. Zur christlichen Gebetstradition in der deutschsprachigen Lyrik seit 1945

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In seiner gattungspoetischen Bestimmung des Gebets unterscheidet Andreas Kraß zwischen einem pragmatischen und einem poetischen Typus. „Die pragmatische Gebetsliteratur“ ist jene, die „trotz möglicher poetischer Stilisierung […] für den kirchlichen oder privaten Glaubensvollzug bestimmt“ ist. „Poetische Gebete hingegen sind solche, die, ungeachtet ihrer Verwendbarkeit für die Glaubenspraxis, primär als Dichtung konzipiert sind oder sekundär als solche rezipiert wurden.“1 Letztere stehen beim folgenden Aufweis einiger Facetten der deutschsprachigen Gebetslyrik seit 1945 im Mittelpunkt.2 Weiters gilt das Augenmerk jenen Lyrikerinnen und Lyrikern, die sich mit poetischen Gebeten in der Tradition der ‚christlichen Dichtung‘ nicht mehr abfinden wollten. Auschwitz bedeutete einen Zivilisationsbruch, der auch die Werte und Traditionen der christlichen Kultur radikal in Frage gestellt hat. Parallel zur Diskussion, die im Anschluss an ein Diktum von Th. W. Adorno im Bereich der Literatur geführt wurde, nämlich ob man nach Auschwitz noch Gedichte schreiben könne, wurde auch in der Theologie die Frage aufgeworfen, ob und wie man nach Auschwitz noch beten könne. Im Zentrum dieses interdisziplinären Aspekts der Beziehung zwischen Gebet und Gedicht steht das Sprachproblem. „Dialogisches Geschehen hat angesichts von Auschwitz seine Selbstverständlichkeit verloren, besonders das dialogische ← 279 | 280 → Geschehen zwischen Gott und Mensch“3, hält der Theologe Thomas Dienberg fest und fordert eine Sprache im „Modus des [kulturellen] Bruches“4.

Für die Krise des Gebets nach Auschwitz, die aus einer Krise des christlichen Gottesbildes in Verbindung mit der Theodizee-Frage resultiert, steht exemplarisch der „Tutzinger Gedichtkreis...

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