Show Less
Restricted access

Die Verfassungsbestrebungen der Tanzimât-Periode

Das «Kanun-i Esasî» – Die osmanische Verfassung von 1876

Series:

Tunay Sürek

Dieses Buch beschäftigt sich mit der Tanzimât-Periode, welche den Zeitraum von 1839 bis 1876 umfasst und den Beginn der Neuordnung von Recht und Gesellschaft in der osmanischen Geschichte darstellt. Tanzimât bedeutet übersetzt «heilsame Neuordnung». Die Neugestaltung und damit die Europäisierung des osmanischen Verfassungsrechts wurde in mehreren Phasen eingeführt. In diesem Kontext stellt sich unter anderem die Frage, inwieweit die Tanzimât-Periode mit ihren gesetzlichen Anordnungen eine Demokratisierung des Rechts (und womöglich der Gesellschaft) im Osmanischen Reich vorangetrieben hat. Mit dem Verfassungstext im Sinne des europäischen Konstitutionalismus des 19. Jahrhunderts kann auch erstmals von Rezeption, Transfer oder (kultureller) Translation ausländischen Verfassungsrechts (Belgiens und Preußens) gesprochen werden.
Show Summary Details
Restricted access

Erstes Kapitel: Einführung

Extract



I. Einleitung und Fragestellung

Gesellschaften kann man verstehen, wenn man ihre Geschichte kennt und versteht, was ihre rechtliche Grundordnung ausmacht, da die rechtliche Grundordnung im Idealfall die gesellschaftlichen Kräfte- und Rechtsverhältnisse widerspiegelt. Hier setzt meine Untersuchung an: Inwieweit hat die Tanzimât-Periode (1839–1876)9 mit ihren gesetzlichen Anordnungen eine Säkularisierung und Konstitutionalisierung des Rechts im Osmanischen Reich vorangetrieben und beeinflusst? In diesem Kontext bedeutet Säkularisierung die Loslösung des Rechts von den Bindungen an die Religion und meint damit die Verweltlichung bzw. Verstaatlichung des Rechts.10 Der Fokus dieser Untersuchung gilt deshalb den säkularen Charakteristika des ersten osmanischen Grundgesetzes bzw. der ersten osmanischen Verfassung11 und der Frage, inwieweit eine Demokratisierung des Rechts im Osmanischen Reich durch diese Verfassung vorangetrieben und beeinflusst wurde. Dazu gehört die Untersuchung, ob die Anordnungen der Tanzimât das osmanische Verfassungsrecht und somit den Staat, die öffentliche Ordnung – das Staatsgebilde im Ganzen – in der späten Tanzimât-Periode säkular beeinflusst haben. Insbesondere ist zu erläutern, was an Recht rezipiert wurde und wie das Recht rezipiert bzw. transformiert12 worden ist. Untersucht werden soll die Rezeption, das heißt die Annahme und Übernahme fremden Rechts in die eigene Rechtsordnung13 bzw. der Transfer „fremden“ Rechts, die sich in den Artikeln des ersten osmanischen Grundgesetzes bzw. der Verfassung aus dem Jahre 1876 findet. Letztendlich ist somit die Frage ausschlaggebend, welche Verfassung sich das Osmanische Reich gab. Dabei wird ← 1 | 2 → nicht untersucht, ob eine umfassende Modernisierung der osmanischen...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.