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Verbesserung der Patientenversorgung durch Innovation und Qualität

19. Bad Orber Gespräche über kontroverse Themen im Gesundheitswesen

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Edited By Eberhard Wille

Dieser Band der Bad Orber Gespräche 2014 enthält die erweiterten Referate eines interdisziplinären Workshops zum Thema «Verbesserung der Patientenversorgung durch Innovation und Qualität». Vertreter des Deutschen Bundestages, des Gemeinsamen Bundesausschusses, des GKV-Spitzenverbandes, der Krankenkassen, der Universitätskliniken, der pharmazeutischen Industrie und der Wissenschaft erörtern Probleme der Qualitätsorientierung und der Innovationsanreize in der Gesundheitsversorgung sowie Effekte der jüngsten Reformen im Arzneimittelbereich.
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Begrüßungsansprache „Bad Orber Gespräche 2014“

Frank Schöning

Begrüßungsansprache „Bad Orber Gespräche 2014“

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Gäste,

es ist mir eine große Freude, Sie heute im Namen von Bayer HealthCare Deutschland zu den mittlerweile 19. Bad Orber Gesprächen begrüßen zu dürfen. Ich möchte mich ganz herzlich bei all den hochkarätigen Referenten vorab bedanken, die interessante Vorträge und spannende Diskussionen in der traditionell offenen „Bad Orber“ Atmosphäre erwarten lassen, auch wenn „Bad Orb“ aus gutem Grunde schon seit einigen Jahren seine Zelte hier in Berlin aufgeschlagen hat. Ein ganz besonderer Dank gilt Herrn Prof. Wille, der in bewährter Form wieder die Gesamtmoderation der Veranstaltung übernimmt.

Die mittlerweile 150-jährige Geschichte von Bayer ist eine Geschichte bahnbrechender Innovationen, von der Synthese der Acetylsalicylsäure über die Entdeckung der Sulfonamide bis zur Entwicklung der Polycarbonate. Eine solche Tradition trägt dazu bei, eine starke Innovationskultur in unserem Unternehmen zu verankern. Man kann auch sagen: Innovation steckt in den „Genen“ unserer Organisation. Diese Tradition wollen wir pflegen und weiterentwickeln.

Damit wir dabei erfolgreich sein können, kommt es ganz entscheidend auf ein Umfeld an, das Innovationen als etwas Positives anerkennt – und ihnen eine angemessene Wertschätzung zukommen lässt. Aufgrund der langen Entwicklungszyklen bei der Erforschung und Entwicklung neuer Arzneimittel brauchen wir Planbarkeit und Planungssicherheit.

Einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für Bayer ergab sich dabei stets aus der hohen Bereitschaft, in Forschung und Entwicklung zu investieren.

Heute beschäftigen wir von unseren weltweit etwa 55.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei Bayer HealthCare allein 7.500 Forscher an den verschiedenen weltweiten Forschungs-Standorten. Dabei hat Deutschland mit Wuppertal und Berlin eine unverändert große Bedeutung. Wir setzen weiter auf den deutschen Heimatstandort. 35.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bayer-Konzerns arbeiten an 12 Standorten in Deutschland – das heißt: mehr als jeder 3. Bayer-Mitarbeiter.

Und in der Gesundheitssparte Bayer HealthCare investieren wir trotz eines inländischen Umsatzanteils von nur etwa 7 Prozent erhebliche Mittel in unseren ← 7 | 8 Heimatmarkt – so gehen rund 50 Prozent unserer Ausgaben für medizinische Forschung und Entwicklung nach Deutschland. Das summiert sich auf mehr als 1 Mrd. Euro.

Ein hochaktuelles Beispiel: Bayer nimmt gerade mehr als 500 Millionen Euro in die Hand, um in Wuppertal und Leverkusen künftig mehr Medikamente auf Basis des rekombinanten Faktor VIII herzustellen. Dieses Projekt gehört zu den bisher größten Investitionen von Bayer und wird bis 2020 rund 500 neue Arbeitsplätze schaffen. Momentan wird der Faktor VIII ausschließlich im kalifornischen Berkeley in den USA hergestellt. Mit einer zusätzlichen Versorgungsquelle in Deutschland werden wir neue Therapieoptionen zur Behandlung der Blutererkrankung schaffen und gleichzeitig die wachsende weltweite Nachfrage bedienen.

150 Jahre Bayer bedeuten Erfolg durch Innovation und Wandel. Rahmenbedingungen ändern sich stetig. Dabei ist hohe Flexibilität gefordert.

Die Unternehmen sind natürlich darauf angewiesen, einen „return“ zu erwirtschaften, der die finanziellen Risiken zumindest teilweise abdeckt. Und das sehe ich hier in Deutschland in zunehmendem Maße gefährdet. Viele Reglementierungen und viel Bürokratie hemmen den für unser Gesundheitswesen so notwendigen Wettbewerb. Und auch die letzte große Arzneimittel-Reform, das AMNOG, bedeutet leider kaum eine Stärkung wettbewerblicher Elemente.

Das AMNOG fordert seit mittlerweile 4 Jahren in der Tat allerhöchste Flexibilität von uns ein. Denn Planungssicherheit wird für uns zunehmend zu einem Fremdwort. Nächste Woche, am 11.11., jährt sich die Verabschiedung des AMNOG im Deutschen Bundestag zum vierten Male. Es war ein Paradigmenwechsel von ebenso historischer wie grundsätzlicher Bedeutung, aber gleichzeitig auch von großer Sprengkraft.

Sie wissen, dass wir uns als Industrie mit dem AMNOG aktiv auseinandersetzen – und zwar fast täglich. Dabei gibt es gegen die grundsätzliche Philosophie des AMNOG im Prinzip nichts einzuwenden.

Entscheidend allerdings ist die Umsetzung und wie wir die Regeln im wohlverstandenen gemeinsamen Interesse interpretieren und damit umgehen. Sie wissen, dass wir hier angesichts ernsthafter struktureller Probleme erheblichen Veränderungsbedarf sehen. Ich will der Diskussion von morgen nicht vorgreifen, aber einige Punkte lassen Sie mich bitte gleichwohl hervorheben:

Es ist gut, dass alle Beteiligten das AMNOG als lernendes System ansehen und Fehlentwicklungen korrigieren wollen. Denn das Verfahren läuft noch nicht wirklich rund. Ein Kernproblem ist, dass es keine klare Trennung von Nutzenbewertung und Rabatt- bzw. Preisverhandlung gibt. Die Seite der Krankenkassen dominiert nach wie vor in sämtlichen Verfahrensschritten, damit ist der AM ← 8 | 9 NOG-Prozess aus der Balance und gefährdet eine faire Preisbildung für innovative Arzneimittel.

Wir machen uns auch Sorgen, dass bei der frühen Nutzenbewertung und der anschließenden Preisfindung von Arzneimitteln wichtige Fragen des Patientennutzens keine ausreichende Berücksichtigung finden. Das liegt daran, dass die relevanten Fragen doch allzu einseitig auf Basis klinischer Studien eines bestimmten Typs beantwortet werden, nämlich auf Basis randomisierter kontrollierter Endpunktstudien, die zum Zeitpunkt der Bewertung ja vielfach noch gar nicht vorliegen können.

Die Auswahl der Vergleichstherapie muss alleine nach medizinischen Kriterien erfolgen und nicht danach, was am Billigsten ist: Die große Mehrzahl der festgesetzten Vergleichstherapien im AMNOG-Verfahren ist generisch, wir werden dazu im Laufe der Tagung noch Details erfahren. Das heißt, das Arzneimittel unterliegt nicht mehr dem Patentschutz und kostet oft nur noch einen Bruchteil eines neuen Arzneimittels. Das ist auch in Ordnung so, da es seine Entwicklungskosten in aller Regel während der Patentlaufzeit refinanziert haben dürfte. Auf der Hand liegt aber, dass eine generische „Billigtherapie“ nicht der preisliche Maßstab für ein innovatives, aufwendig entwickeltes Arzneimittel sein darf. Jedenfalls – und das muss allen klar sein – setzt ein generischer Preisanker keinen Anreiz für die Entwicklung von Arzneimittelinnovationen in Deutschland.

Sichtbar wird dies vor allem in Versorgungsbereichen, in denen es schon lange keine Innovationen mehr gab. Nehmen wir Antibiotika. Hier kann als „zweckmäßige Vergleichstherapie“ oft nur ein Generikum herangezogen werden. Für den Nutzenvergleich mag dies vielleicht noch angehen, aber das billige Generikum kann und darf nicht die letztlich entscheidende Basis für die anschließenden Preisverhandlungen sein. Eine solche Preisbildung benachteiligt gerade Anwendungsgebiete, in denen lange kein therapeutischer Fortschritt mehr erfolgt ist.

Wo lange kein Fortschritt war, ist das Preisniveau niedrig, wo der Fortschritt jung ist, ist das Preisniveau hoch – verkehrte Welt. So angewendet bestraft das AMNOG Innovationen. Ein faires Verfahren sieht anders aus.

Angesichts doch mittlerweile zunehmender Vertriebsstopps und häufigerer Opt-out-Szenarien aufgrund des AMNOG ist zu konstatieren, dass verhandelte Preise für neue Arzneimittel kaum auskömmlich mit Blick auf Forschungs- und Entwicklungskosten ausfallen. Das gefährdet dann auch die individuelle Patientenversorgung.

Das ist ein neues Bild in Deutschland, meine Damen und Herren, wenn Innovationen gar nicht mehr zur Verfügung gestellt werden. Das ist ernüchternd und sollte uns alle aufhorchen lassen. ← 9 | 10

Ein kleiner Preisaufschlag auf der Basis der billigsten Vergleichstherapie führt zu Erstattungsbeträgen, die in ihrer Mehrzahl mittlerweile deutlich unter EU-Preisniveau liegen. Das kann politisch so nicht gewollt gewesen sein. Das wird nicht nur spürbare Versorgungsprobleme, sondern auch Standortprobleme in Deutschland auslösen. Hier brauchen wir dringend andere gesetzliche Vorgaben. Ich möchte mich hier ausdrücklich Jens Spahn anschließen, der schon vor etwa einem halben Jahr darauf hinwies, dass Deutschland darauf achten müsse, dass nicht irgendwann die Preise von Bulgarien und Rumänien gelten. Ich wünsche mir, dass die Politik uns dabei hilft und entsprechend nachsteuert.

Wir alle haben Verantwortung dafür,

  dass innovative Arzneimittel auch weiterhin in Deutschland ohne Verzögerungen zum Patienten gelangen können,

  dass unsere mit hohen Risiken behafteten Ausgaben für Forschung und Entwicklung weiterhin eine Chance auf angemessene Refinanzierung erhalten,

  und dass die Interessen der Patienten, der Krankenkassen, aber auch der Industrie in einem harmonischen Dreiklang zu einem wirklich fairen Ausgleich gebracht werden.

Meine Damen und Herren,

Wenn ich an diesem Tag einen Wunsch äußern darf, dann ist es der, dass wir uns bei solchen Veranstaltungen wie der heutigen einen unvoreingenommenen Blick auf die Realität und die mit dem AMNOG verbundenen Konsequenzen erlauben und dass die Bad Orber Gespräche dabei ihrem Ruf als „Think Tank“ für dringend notwendige und sinnvolle Anpassungen im deutschen Gesundheitswesen gerecht werden.

Ich wünsche uns allen eine interessante und erkenntnisreiche Veranstaltung, fruchtbare Gespräche und hoffe besonders, dass das gegenseitige Verständnis dabei gestärkt wird.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. ← 10 | 11