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Verbesserung der Patientenversorgung durch Innovation und Qualität

19. Bad Orber Gespräche über kontroverse Themen im Gesundheitswesen

Series:

Edited By Eberhard Wille

Dieser Band der Bad Orber Gespräche 2014 enthält die erweiterten Referate eines interdisziplinären Workshops zum Thema «Verbesserung der Patientenversorgung durch Innovation und Qualität». Vertreter des Deutschen Bundestages, des Gemeinsamen Bundesausschusses, des GKV-Spitzenverbandes, der Krankenkassen, der Universitätskliniken, der pharmazeutischen Industrie und der Wissenschaft erörtern Probleme der Qualitätsorientierung und der Innovationsanreize in der Gesundheitsversorgung sowie Effekte der jüngsten Reformen im Arzneimittelbereich.
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Eine Zwischenbilanz des AMNOG aus Sicht des GKV-Spitzenverbands

Johann-Magnus von Stackelberg und Anja Tebinka-Olbrich

Eine Zwischenbilanz des AMNOG aus Sicht des GKV-Spitzenverbands

1.Einleitung

Das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) aus dem Jahr 2011 ist eines der ehrgeizigsten Regulierungsprojekte für die gesetzliche Krankenversicherung der letzten Zeit. Über den Umsetzungsstand wurde in der Vergangenheit bereits an dieser Stelle berichtet (vgl. von Stackelberg, J./Tebinka-Olbrich, A. 2015). Die aktuellen Entwicklungen sind im Fokus des vorliegenden Beitrags.

2.Fakten zu den Verhandlungen und Schiedsstellenverfahren

Bis zum Ende des Jahres 2014 wurden beim GKV-Spitzenverband 88 Erstattungsbetragsverfahren durchgeführt, woraus insgesamt 68 heute gültige Erstattungsbeträge resultieren (Mehrfachzählungen einzelner Wirkstoffe aufgrund von Neuverhandlungen im Zusammenhang mit Zulassungserweiterungen, Kündigung etc.). Dabei wurde die weit überwiegende Zahl der Erstattungsbeträge von 59 auf dem Verhandlungsweg abgeschlossen. Nur in neun Fällen wurde nach einem Scheitern der Verhandlung der Erstattungsbetrag durch die gemeinsame Schiedsstelle festgesetzt.

Die gemeinsame Schiedsstelle hat sich dabei als wichtige neutrale Instanz im AMNOG-Prozess etabliert. Mit Stand zum 31.12.2014 wurden insgesamt 17 Schiedsstellenverfahren eingeleitet, wovon insgesamt elf durch einen Schiedsspruch abgeschlossen worden sind. In sechs Fällen haben sich die Vertragsparteien noch während des Schiedsstellenverfahrens auf eine für beide Seiten tragbare Lösung geeinigt. Diese Bilanz zeigt, dass der angestrebte faire Ausgleich zwischen den Interessen der Versichertengemeinschaft und der pharmazeutischen Industrie bis in die Schiedsstelle hinein gängige Praxis ist.

Eine weitergehende Analyse der Schiedsstellenverfahren zeigt, dass bei der überwiegenden Anzahl von 14 der eingeleiteten Schiedsstellenverfahren Wirkstoffe ohne Zusatznutzen Gegenstand waren. In den meisten Fällen war die zweckmäßige Vergleichstherapie bereits als preiswertes Generikum verfügbar. Unter diesen Voraussetzungen können die gravierenden wirtschaftlichen Auswirkungen eine Einigung auf dem Verhandlungsweg erschweren. Nach dem Willen des ← 133 | 134 Gesetzgebers darf in diesem Fall der Erstattungsbetrag nicht den Preis der wirtschaftlichsten Alternative der zweckmäßigen Vergleichstherapie überschreiten.

Abbildung 1:Anzahl gültiger Erstattungsbeträge und laufender Verfahren (Stand: 31.12.2014)

Quelle: Eigene Darstellung

Bis zum Ende des Jahres 2014 trat in insgesamt sechs Fällen der pharmazeutische Unternehmer nicht in die Verhandlungen ein und wählte die rahmenvertragliche Option, sein Arzneimittel unter Aussetzung des Erstattungsbetragsverfahrens vom Markt zurückzuziehen (sog. „opt-out“). In sieben Fällen entschied sich der pharmazeutische Unternehmer erst nach Festsetzung des Erstattungsbetrags durch die Schiedsstelle sein Arzneimittel aus dem Vertrieb zu nehmen (im Zusammenhang mit einer sog. „Außer Vertrieb“-Meldung). Für keines dieser Produkte hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) einen therapeutischen Zusatznutzen ausgesprochen. Durch keinen der Marktaustritte war die Arzneimittelversorgung auch nur ansatzweise gefährdet, da stets gleichwertige Versorgungsalterativen zur Verfügung standen.

Durch die Erstattungsbeträge konnten in den Jahren 2012 und 2013 180 Mio. EURO und im Jahr 2014 bereits 450 Mio. EURO für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) eingespart werden. Darüber hinaus ist von Einsparungen auch für die Versicherten der privaten Krankenversicherung (PKV) auszugehen. Hinzu kommen die nicht quantifizierten Ausgabeneffekte durch ← 134 | 135 Bezugnahme eines Arzneimittels mit Erstattungsbetrag als zweckmäßige Vergleichstherapie oder vergleichbares Arzneimittel in Folgeverhandlungen.

Für die Abweichung zu den vom Gesetzgeber im Jahr 2010 geschätzten zwei Mrd. EURO Einsparungen (vgl. Gesetzesbegründung Fraktionsentwurf AMNOG, BT-Drs. 17/2413, S. 38) gibt es mehrere Gründe:

Das Einsparpotenzial des AMNOG ist infolge der Abschaffung der ursprünglich vorgesehenen Bestandsmarktbewertung mit dem 14. SGB V-Änderungsgesetz 2014 stark reduziert worden. Es kann hierdurch von ca. 900 Mio. EURO direkt entgangenen Einsparungen im Jahr ausgegangen werden. Darüber hinaus ist von erheblichen qualitativen Nachteilen für die Patientenversorgung auszugehen.

Die Erfahrungen der ersten vier Jahre AMNOG haben gezeigt, dass die Preisgestaltungsfreiheit in den ersten 12 Monaten nach Inverkehrbringen eines neuen Arzneimittels den Anreiz zu provokanten Einstandspreisen geben kann. Diese übersteigerten Preise der pharmazeutischen Unternehmer belasten nicht nur die Ausgabenseite der GKV. Dadurch werden auch irreale Erwartungen innerhalb der Unternehmensleitungen an die Verhandlungen genährt und nachteilige Effekte über die internationale Preisreferenzsysteme angelegt. Das alles erschwert unnötig die Vereinbarung zusatznutzenorientierter Erstattungsbeträge.

Die neuen nutzenbewerteten Arzneimittel befinden sich noch am Anfang ihres Produktlebens und können aus diesem Grund in der Regel noch keine so großen Ausgabeneffekte bewirken. So weist der aktuelle Arzneimittelreport für 2014 einen relativ geringen Anteil am Verordnungsvolumen (0,9 %) und an den Nettokosten (4,7 %) des GKV-Fertigarzneimittelmarktes aus (vgl. Schwabe, U. 2014, S. 147). Unabhängig davon, ist die eigentlich interessante Frage, ob die neuen Arzneimittel tatsächlich bei denjenigen Patienten ankommen, die wesentlich davon profitieren. Davon ist unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht zwingend auszugehen.

Aus diesem Spektrum ergeben sich konkrete politische Schlussfolgerungen für strukturelle Anpassungen des AMNOG, die im Folgenden näher beleuchtet werden.

3.Nutzenbewertung des Bestandsmartes wieder aufnehmen

Der Bestandsmarkt umfasst patentgeschützte Arzneimittel, die vor dem 01.01.2011 in den Verkehr gebracht worden sind. Er ist nach wie vor von großer wirtschaftlicher und versorgungspolitischer Bedeutung. Ausgaben im zweistelligen Milli ← 135 | 136 ardenbereich steht ein im Großen und Ganzen unbekannter Zusatznutzen für die Patienten gegenüber. In Teilbereichen gewinnt dieses Missverhältnis sogar an Bedeutung.

Zunächst verursachen Bestandsmarktarzneimittel Multiplikatoreffekte in den Erstattungsbetragsverhandlungen mit neuen Arzneimitteln: Sie sind mit ihren nutzenunabhängigen Preisen ein entscheidender Preistreiber in den laufenden Erstattungsbetragsverhandlungen. So stellen Bestandsmarktarzneimittel im Rahmen der frühen Nutzenbewertung häufig die zweckmäßige Vergleichstherapie dar. Sie sind damit entscheidend für die monetäre Zusatznutzenbewertung. Darüber hinaus erfüllen Bestandsmarktarzneimittel im Rahmen der Erstattungsbetragsverhandlungen auch regelmäßig das Kriterium „vergleichbarer Arzneimittel“, das bei der Preisfindung für Arzneimittel mit Zusatznutzen ergänzend zu berücksichtigen ist. Über verschiedene Kanäle verfälschen also Bestandsmarktarzneimittel die Innovationsprämie.

Dann beeinflussen neu zugelassene Anwendungsgebiete von Bestandsmarktarzneimitteln entscheidend die aktuellen Versorgungsstrukturen. Um eine qualitativ hochwertige und bezahlbare Versorgung sicherzustellen, ist hierfür eine Nutzenbewertung wieder aufzunehmen. Keinesfalls würde damit der Bestandsmarkt über die „Hintertür“ bewertet. So zeigen erste Auswertungen am Beispiel antineoplastischer Arzneimittel, dass nur etwa die Hälfte in der EU zentral zugelassenen Arzneimittel acht Jahre nach Markteintritt eine oder mehrere Zulassungserweiterungen haben. Das dem gegenüberstehende Einsparpotential offenbart sich bei Gegenüberstellung der Verordnungen antineoplastischer Arzneimittel und den Kosten im gesamten GKV-Arzneimittelmarkt im Jahr 2012 (vgl. Schwabe, U. 2013, S. 128). So lagen die Verordnungen bei lediglich 0,12 % aller im GKV-Markt verordneten DDDs, wohingegen jedoch Ausgaben i. H. v. 2,3 Mrd. EURO, also 6,9 % der GKV-Kosten stehen.

Schließlich stellen biotechnologisch hergestellte Arzneimittel im Bestandsmarkt eine besondere Herausforderung dar. In diesem Markt führt der Patentauslauf von Originalpräparaten heute oder in der Zukunft in der Regel nicht – zumindest nicht zeitnah – zu mehr Wettbewerb mit Nachahmerpräparaten (sog. „Biosimilars“). Daraus resultiert -anders als bei den Generika, bei denen ein Preisunterscheid von durchschnittlich 71 % anzusetzen ist – ein wesentlich geringerer Preisunterschied zwischen Originator und Biosimilar (ca. 3 % – 23 % für die Biosimilars von Erythropoietin bzw. Somatropin), sofern es überhaupt Biosimilars gibt (vgl. Schaufler, J./Telschow, C. 2014, S. 242). Für zwölf Biologicals wird der Patentschutz bis zum Jahre 2018 abgelaufen sein. Darunter sind einige der Biologicals, auf die derzeit Ausgaben in Milliardenhöhe in der GKV entfal ← 136 | 137 len (z. B. Humira®). Um in diesem zentralen Ausgabenwachstumssegment zu nutzenbasierten und zumutbaren Preisen zu kommen, ist eine Nutzenbewertung von biotechnologisch hergestellten Arzneimitteln aus dem Bestandsmarkt nach wie vor zwingend notwendig.

Sollte sich eine Nutzenbewertung nicht wie beschrieben für den Bestandsmarkt umsetzen lassen, ist hilfsweise für patentgeschützte Bestandsmarktarzneimittel eine Anhebung des Herstellerabschlages sowie der Fortbestand des Ende 2017 auslaufenden Preismoratoriums erforderlich. Um die Brückenfunktion des Herstellerabschlags zu erhalten, sollte dann der Herstellerabschlag abhängig von den Einsparungen durch die Erstattungsbeträge im Neumarkt angepasst werden.

4.Fairness beim Erstattungsbetrag ab dem ersten Tag

Die Ausgaben für manche Krankheiten fallen nicht zwingend gleichmäßig über den gesamten Produktzyklus des Arzneimittels an. Daraus folgt, dass man nicht zwingend davon ausgehen kann, dass die Einsparungen nach Geltungsbeginn des Erstattungsbetrags die Mehrausgaben während der zwölfmonatigen Phase der Preisfreiheit langfristig wieder ausgleichen können.

Gerade bei kurzen Therapiezyklen oder Krankheiten mit hoher Prävalenz und niedriger Inzidenz fällt der höchste Ausgabenanteil ggf. im ersten Jahr nach Inverkehrbringen an. Ein aktuelles Beispiel dazu ist der Wirkstoff Sofosbuvir (Handelsname: Sovaldi®). Im G-BA-Beschluss zu Sofosbuvir wird eine Anzahl von derzeit 99.900 GKV-Versicherten mit chronischer Hepatitis C (Prävalenz) zugrunde gelegt. Dem steht eine geschätzte Inzidenz von ca. 5.000 gegenüber. Sofern es einem Unternehmen somit gelingt, im ersten Jahr der freien Preisbildung einen großen Anteil der bereits erkrankten Patienten von den etablierten Therapieregimen auf das neue Arzneimittel umzustellen, können hohe Ausgaben für die Krankenkassen die Folge sein, ohne dass für die bereits erkrankten Patienten der ausverhandelte und als für das Gesundheitssystem noch tragbare Preis jemals eine Bedeutung zukommt.

Durch eine Rückwirkung des ausgehandelten Erstattungsbetrages ab dem ersten Tag des Inverkehrbringens, ließe sich ein zusatznutzenbasierter Preis von Anfang an sicherstellen, bei weiterhin unverzögertem Zugang zu innovativen Therapien für die Patienten. Auch für Unternehmen erscheint dieses Vorgehen langfristig sachgerecht, da sie ihre Rendite- und Amortisierungsvorstellungen über den gesamten Produktzyklus besser planen können. ← 137 | 138

5.AMNOG-gerechter Einsatz neuer Arzneimittel?

Von Seiten der pharmazeutischen Industrie wird das AMNOG zuweilen als „Innovationsbremse“ kritisiert (vgl. vfa, 2014, PM 021 zum Arzneimittelatlas 2014). Die neuen Arzneimittel hätten es demnach schwer, sich auf dem Markt durchzusetzen. Die „AMNOG-gerechte Versorgungsquote“ werde nicht erreicht. Als Beleg dafür wird angeführt, dass beim Absatz nicht die in den G-BA-Beschlüssen angegebenen Patientenzahlen erreicht würden.

Diese Feststellung ist objektiv nicht nachvollziehbar. Weder überzeugt die Methodik des Vergleichs, noch bestätigen die Abrechnungsdaten mit der GKV diese Einschätzung. Wesentlich dabei anzuerkennen ist, dass der G-BA mit der Patientenzahl im Beschluss nur Schätzungen zum Marktpotenzial aufgrund von epidemiologischen Daten abgibt. Bei der tatsächlichen Marktdiffusion eines Wirkstoffes kann es daher regelmäßig zu erheblichen Abweichungen kommen. Der Erstattungsbetrag stellt schließlich keine Absatzgarantie für das nutzenbewertete Arzneimittel dar. Wie umfassend Arzneimittel bei den Versicherten Anklang finden, wird vielmehr durch verschiedene Aspekte beeinflusst.

So liegt die Auswahlverantwortung für das Arzneimittel weiterhin beim Vertragsarzt. Dies hat der Gesetzgeber auch explizit in der Gesetzesbegründung zum Ausdruck gebracht: „Mit der Vereinbarung eines Erstattungsbetrags für ein Arzneimittel ist keine Auswahlentscheidung für das einzelne Arzneimittel verbunden. Sie hat ebenso wenig eine verordnungslenkende Wirkung wie die Festsetzung von Festbeträgen“ (vgl. Gesetzesbegründung Fraktionsentwurf AMNOG, BT-Drs. 31– Drucksache 17/2413, S. 31). In diesem Zusammenhang fallen zudem regional unterschiedliche Marktdurchdringungsraten eines Arzneimittels, wie beispielsweise bei Ticagrelor (Brilique®) auf, was darauf hindeutet, dass die Information der Vertragsärzte durch ihre regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen einen signifikanten Einfluss auf das Verordnungsverhalten der Vertragsärzte hat (vgl. Kleinfeld, A./Luley, C. 2014, S. 48 ff). Hier sieht deshalb auch der GKV-Spitzenverband einen Ansatzpunkt für eine regional einheitlichere Innovationsdiffusion, z. B. durch die Integration von Entscheidungshilfen zum gezielten Einsatz von Innovationen in die Praxis-Software für jeden Arzt (vgl. Haas, A. 13.10.2014, Ärzte-Zeitung).

Auch jedes AMNOG-bewertete Arzneimittel mit Zusatznutzen muss sich im Wettbewerb mit anderen Arzneimitteln behaupten (vgl. Haas, A./Tebinka-Olbrich, A. 2014, S. 16). Der Anbieter eines Arzneimittels mit einem Anhaltspunkt auf einen geringen Zusatznutzen in nur einer Patientengruppe kann nicht eine Situation zugrunde legen, als würde ihn der AMNOG-Prozess in einen Solisten in diesem Segment verwandeln. ← 138 | 139

Die Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung basieren grundsätzlich auf Zulassungsstudien. Die Kenntnisse zu patientenrelevanten Endpunkten sind zu diesem Zeitpunkt häufig noch sehr gering. Der medizinische Nutzen muss über die folgenden Jahre in der Versorgungsrealität Bestätigung finden. Vertragsärzte haben daher gute Gründe für ein abwartendes Verordnungswechselverhalten gegenüber neuen Produkten: Als überaus sinnvoll erachtet der GKV-Spitzenverband daher auch die Nutzenbewertung als zyklischen Prozess zu gestalten, also bei Vorliegen neuer belastbarer Daten den Zusatznutzen zu aktualisieren und auf dessen Basis in erneute Preisverhandlungen zu treten.

6.AMNOG-gerechter Einsatz neuer Arzneimittel !

In der Praxis ist tatsächlich eher die Kehrseite der beklagten Unterversorgung zu verzeichnen, nämlich eine Versorgung von Patienten in Patientengruppen ohne erwiesenen Zusatznutzen. So schätzt der G-BA in einem Fall die Prävalenz auf insgesamt 9.500 Patienten in Deutschland. Davon können nach der Nutzenbewertung aber nur 1.500 Patienten einen Zusatznutzen erwarten. Tatsächlich erhalten laut Abrechnungsdaten jedoch mehr als 6.000 Patienten das entsprechende Arzneimittel. Das wäre eine Versorgungsquote von über 400 %!

Der G-BA differenziert in seinen Nutzenbeschlüssen häufig zwischen unterschiedlichen Patientengruppen. Dabei kann es dazu kommen, dass für eine Gruppe ein Zusatznutzen nachgewiesen werden kann, für andere jedoch nicht. Aus dem Erfordernis eines einheitlichen Erstattungsbetrages pro Wirkstoff ergibt sich hierdurch nun eine komplizierte Abwägung für den Erstattungsbetrag: Für Patientengruppen mit Zusatznutzen kann neben anderen zu beachtenden Aspekten ein Aufschlag auf die zweckmäßige Vergleichstherapie ausgehandelt werden. Für solche ohne Zusatznutzen stellen die Jahrestherapiekosten der zweckmäßigen Vergleichstherapie die Obergrenze dar. Für Patientengruppen, für die ein geringerer Nutzen nachgewiesen wurde, werden Abschläge auf die Kosten der jeweiligen zweckmäßigen Vergleichstherapie ausverhandelt.

In keinem Fall kann daraus nun geschlussfolgert werden, dass die Verordnung eines Arzneimittels mit einem Erstattungsbetrag in jedem Fall wirtschaftlich ist. Dies ist genauso wenig zutreffend wie für den Fall eines Festbetragsarzneimittels. Die Fragen der Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit der Verordnung eines Arzneimittels sind für die GKV in jedem Fall essentiell (§ 12 SGB V). Bei Arzneimitteln, deren Erstattungsbetrag unter Berücksichtigung differenzierter Patientengruppen vereinbart wurde, ist die Verordnung in besonderem Maße und stets im Einzelfall zu bewerten. Keinesfalls wird die Prüfung auf Wirtschaftlichkeit durch einen Erstattungsbetrag im Einzelfall obsolet. Die Letztverantwortung für ← 139 | 140 die Wirtschaftlichkeit trägt weiterhin der Vertragsarzt (u. a. BSG, 20.03.1996 – 6 RKa 62/94).

Bereits heute liegt es in der Hand der pharmazeutischen Unternehmer, diese komplizierten Erwägungen zu vereinfachen. Sollen Patientengruppen ohne nachweisbaren Zusatznutzen in der Versorgung und der Erstattungsbetragsverhandlung nicht berücksichtigt werden, besteht für ihn die Möglichkeit, die Zulassung ausschließlich auf bestimmte Patientengruppen zu fokussieren.

Die gesetzlichen Möglichkeiten für Erstattungsausschlüsse in Abhängigkeit von Nutzenbeschlüssen müssten erst noch geschaffen werden. Vorbild dafür können analoge Verfahren im EU-Ausland sein. Ausgehend vom gefassten Nutzenbeschluss wären prinzipiell ex post verbindliche Teilverordnungsausschlüsse für bestimmte Patientengruppen denkbar. Diese Möglichkeit sollte der Gesetzgeber am besten durch eine explizite Klarstellung in § 92 SGB V als gesondertes Verfahren des G-BA mit gesetzlich fixierten Maximalfristen etablieren. Noch vor Markteinführung, also ex ante, wären Ausschlüsse realisierbar, wenn die Nutzenbewertung noch vor der Markteinführung abgeschlossen ist. Der versorgungspolitische Charme dieser Variante läge darin, die Versorgungsstrukturen von vornherein nutzenorientiert zu steuern. In jedem Fall müssen begleitend die technischen Voraussetzungen für ein subgruppengenaues Monitoring der Verordnungen des Arztes und damit eine subgruppenspezifische Codierung geschaffen werden.

Am Fehlen dieser technischen Voraussetzungen scheitern bis heute auch Vereinbarungen von Praxisbesonderheiten. Eine pauschale Vereinbarung einer Praxisbesonderheit für einen Wirkstoff mit unterschiedlichem Zusatznutzen in den Patientengruppen würde den gesetzlichen Vorgaben nicht gerecht werden.

7.Fazit

Der bisherige Umsetzungsstand des AMNOG zeigt: Das Instrument der Erstattungsbetragsverhandlungen ist handhabbar und funktioniert. Die dem AMNOG zugrundeliegenden Konzepte sind richtig und die Ziele des Gesetzgebers können erreicht werden. Die Wirkung des AMNOG korreliert mit der Zeit und mit geeigneten Anpassungen des gesetzlichen Rahmens.

Es ist in jedem Fall davon auszugehen, dass ein umfassend gedachtes Nutzenkonzept größeren Erfolg verspricht. Neben der oben betrachteten Einbeziehung des Bestandsmarktes ist dabei auch an die fortlaufende Bewertung der neuen Arzneimittel in der Zeit zu denken. Ebenso sollten Orphan Drugs bereits ab einer Umsatzgrenze von 30 Mio. EUR nutzenbewertet werden. Tests bzw. diagnostische Verfahren, die dem Arzneimitteleinsatz vorgelagert sind und den Einstieg in die ← 140 | 141 personalisierte Medizin eröffnen, sollten dringend in ein zum AMNOG analoges Nutzenbewertungsverfahren einbezogen werden.

Literaturnachweise

Haas, A. (13.10.2014): Interview „Der Arzt erhält wertvolle Informationen“, in: ÄrzteZeitung.

Haas, A./Tebinka-Olbrich, A. (2014): Nutzenorientierte Medikamentenpreise – Das Arzneimittelneuordnungsgesetz AMNOG, in: Pfeiffer/ v. Stackelberg/Kiefer (Hrsg.), GKV-Lesezeichen 2014, Neues bewerten – Bewährtes erneuern, Beiträge zur Gesundheits- und Pflegepolitik, S. 8–43.

Kleinfeld, A./Luley, C. (2014): Durchsetzung innovativer Wirkstoffe nach der frühen Nutzenbewertung, Monitor Versorgungsforschung, Nr. 02, S. 48 ff.

Schaufler, J./Telschow C. (2014): Ökonomische Aspekte des deutschen Arzneimittelmarktes 2013, in Schwabe, U. / Paffrath D. (Hrsg.): Arzneiverordnungs-Report 2014, Springer-Verlag Berlin Heidelberg, S. 197 ff.

Schwabe, U. (2013): Rezepturarzneimittel, in Schwabe, U./Paffrath D. (Hrsg.): Arzneiverordnungs-Report 2014, Springer-Verlag Berlin Heidelberg, S. 121 ff.

Schwabe, U. (2014): Drei Jahre Nutzenbewertung von neuen Arzneimitteln gemäß AMNOG, in: Schwabe, U./Paffrath D. (Hrsg.): Arzneiverordnungs-Report 2014, Springer-Verlag Berlin Heidelberg, S. 147 ff.

Vfa (2014): PM 021: http://www.vfa.de/de/presse/pressemitteilungen/pm-021–2014-qualitaetsgerechte-versorgung-bleibt-noch-utopie.html.

von Stackelberg J./Tebinka-Olbrich A. (2015): Erstattungsbetragsverhandlungen bei innovativen Arzneimitteln aus Sicht des GKV- Spitzenverbandes, in: Wille, E. (Hrsg.): Versorgungsdefizite im deutschen Gesundheitswesen, 18. Bad Orber Gespräche über kontroverse Themen im Gesundheitswesen; Reihe: Allokation im marktwirtschaftlichen System – Band 69, Frankfurt am Main u. a., 2015. ← 141 | 142 ← 142 | 143