Show Less
Restricted access

Von der Hysterie zur Magersucht

Adoleszenz und Krankheit in Romanen und Erzählungen der Jahrhundert- und der Jahrtausendwende

Series:

Iris Schäfer

Die Adoleszenz geht nicht selten mit psychischen Krankheiten einher; mitunter erscheint sie selbst als eine Krankheit, die überwunden werden muss. Die Nähe von Adoleszenz und psychischer Krankheit ist ein prominentes Thema von Jugenderzählungen und Romanen der Zeit um 1900 und um 2000. Die berücksichtigten deutschsprachigen Adoleszenz- und Krankheitsdarstellungen beider Zeitabschnitte ähneln sich auf erstaunliche Weise. Neigten um die Jahrhundertwende adoleszente Figuren vermehrt zur Hysterie, so leiden sie um die Jahrtausendwende vielfach unter Magersucht. Beide Leiden erscheinen als Strategien, den während der Adoleszenz sich einstellenden psychischen Konflikten zu begegnen, diese zu verarbeiten und durch körperliche Signale nach außen hin sichtbar zu machen. Sowohl die Hysterie als auch die Magersucht kommunizieren über den Körper.
Show Summary Details
Restricted access

1. Literatur und Adoleszenz

Extract



1.1 Einleitung

Mit der Entwicklungsphase der Adoleszenz beschäftigen sich unterschiedliche Disziplinen, wie die (Entwicklungs-)Psychologie, die Pädagogik, die Soziologie, die Anthropologie, die Gender- und Generationsforschung, nicht zuletzt auch die Medizin. Im Folgenden wird ein kurzer Überblick über die gegenseitige Beeinflussung dieser unterschiedlichen Disziplinen erfolgen, um die literaturwissenschaftliche Adoleszenzforschung in ihrer interdisziplinären Einbettung zu verorten – und ihre Entwicklung nachzuvollziehen. Für diesen Zweck werden Aspekte der Adoleszenztheorie und des Adoleszenzromans aufgegriffen, um im Anschluss das Augenmerk auf literarische Adoleszenzdarstellungen zu richten. Da das literarisch transportierte Jugendbild gesellschaftsabhängig ist, scheint es sinnvoll, den Wandlungsprozess, der sich im Untersuchungszeitraum ablesen lässt, kurz zu skizzieren.

Hinsichtlich literarischer Adoleszenz- und Krankheitsdarstellungen ist auch die metaphorische Dimension zu berücksichtigen. Da die Phase der Adoleszenz nicht in vorgegebenen Bahnen verläuft, sondern sich als individueller Entwicklungsprozess durch ein hohes Maß an Ungewissheit auszeichnet, ebenso wie die meisten Krankheiten, wird sie innerhalb literarischer Darstellungen nicht nur als Mittel der Gesellschaftskritik verwendet, sondern bisweilen auch als Metapher für einen Zustand der Ungewissheit; und wie bereits ausgeführt wurde, betrachtet Kristeva die Adoleszenz nicht als eine bestimmte Altersphase, sondern als eine generelle Verfassung des Menschen, in welcher er dekonstruiert ist, da er sich aus illusionären Stabilisierungen herausgelöst hat.19 Die hieraus resultierende Struktur des offenen Subjekts manifestiere sich besonders im Genre des Romans, da dessen Polyphonie sich der Ambivalenz der offenen Struktur der Adoleszenz verdanke.20

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.