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Von der Hysterie zur Magersucht

Adoleszenz und Krankheit in Romanen und Erzählungen der Jahrhundert- und der Jahrtausendwende

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Iris Schäfer

Die Adoleszenz geht nicht selten mit psychischen Krankheiten einher; mitunter erscheint sie selbst als eine Krankheit, die überwunden werden muss. Die Nähe von Adoleszenz und psychischer Krankheit ist ein prominentes Thema von Jugenderzählungen und Romanen der Zeit um 1900 und um 2000. Die berücksichtigten deutschsprachigen Adoleszenz- und Krankheitsdarstellungen beider Zeitabschnitte ähneln sich auf erstaunliche Weise. Neigten um die Jahrhundertwende adoleszente Figuren vermehrt zur Hysterie, so leiden sie um die Jahrtausendwende vielfach unter Magersucht. Beide Leiden erscheinen als Strategien, den während der Adoleszenz sich einstellenden psychischen Konflikten zu begegnen, diese zu verarbeiten und durch körperliche Signale nach außen hin sichtbar zu machen. Sowohl die Hysterie als auch die Magersucht kommunizieren über den Körper.
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2. Literatur und Krankheit

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2.1 Einleitung

Die Literatur als Ort der Rede über Krankheit und Gesundheit,80 als Abbildung dessen, was als gesellschaftlich akzeptiert oder inakzeptabel, als normal oder von der Normalität abweichend inszeniert wird, birgt diverse und überaus komplexe Besonderheiten. Auf einige dieser Besonderheiten wird im Folgenden eingegangen.

Zunächst soll das Augenmerk auf die Kommunikation gerichtet werden, der im Zuge literarischer Krankheitsdiskurse eine besondere Rolle zukommt. So äußert sich eine Krankheit zunächst durch Symptome, die gelesen und interpretiert werden müssen. Die Lektüre der Symptome ermöglicht jedoch nicht nur Rückschlüsse auf die Art der Erkrankung, sondern auch auf die Persönlichkeit des Erkrankten, insbesondere wenn es sich um eine psychische Krankheit handelt. „So wird […] die Persönlichkeit das Element, in dem sich die Krankheit entwickelt, und das Kriterium für deren Beurteilung; sie ist zugleich die Wirklichkeit und das Maß der Krankheit.“81 Gleiches gilt für literarische Krankheitsdarstellungen, können diese doch ebenso als Ort verstanden werden, in welchem eine Krankheit entwickelt wird, und gleichzeitig als Kriterium dafür, wie die beschriebene Krankheit innerhalb der jeweiligen Gesellschaft aufgefasst wurde bzw. wird.

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