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Von der Hysterie zur Magersucht

Adoleszenz und Krankheit in Romanen und Erzählungen der Jahrhundert- und der Jahrtausendwende

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Iris Schäfer

Die Adoleszenz geht nicht selten mit psychischen Krankheiten einher; mitunter erscheint sie selbst als eine Krankheit, die überwunden werden muss. Die Nähe von Adoleszenz und psychischer Krankheit ist ein prominentes Thema von Jugenderzählungen und Romanen der Zeit um 1900 und um 2000. Die berücksichtigten deutschsprachigen Adoleszenz- und Krankheitsdarstellungen beider Zeitabschnitte ähneln sich auf erstaunliche Weise. Neigten um die Jahrhundertwende adoleszente Figuren vermehrt zur Hysterie, so leiden sie um die Jahrtausendwende vielfach unter Magersucht. Beide Leiden erscheinen als Strategien, den während der Adoleszenz sich einstellenden psychischen Konflikten zu begegnen, diese zu verarbeiten und durch körperliche Signale nach außen hin sichtbar zu machen. Sowohl die Hysterie als auch die Magersucht kommunizieren über den Körper.
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3. Literatur und Psychoanalyse

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3.1 Einleitung

Literatur und Psychoanalyse überschneiden sich auf vielfältige Weise. Beispielsweise nahm Freud die Beschreibung des ödipalen Konflikts im Prozess der Persönlichkeitsbildung anhand von Sophocles’ Oidipous tyrannos (dt. König Ödipus136) vor. Thomas Anz bezeichnet Freuds Analyse des König Ödipus daher zur Recht als „prototypisches Beispiel psychoanalytischer Literaturinterpretation“.137 Wie bereits ausgeführt wurde, beschreibt Freud die Dichter als „wertvolle Bundesgenossen“138 bei der Erkundung des Seelenlebens; und in der so genannten „Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft“ tauschte er sich seit 1902 regelmäßig mit seinen Schülern, Mitarbeitern und Bekannten über Kunst und Literatur aus.139

Die Psychoanalyse ist im Zuge dieser Untersuchung nicht nur wegen ihrer Vorreiterrolle hinsichtlich psychoanalytischer Literaturinterpretation von Bedeutung, sondern auch weil sie zu einer veränderten Wahrnehmung innerhalb der Gesellschaft beigetragen hat. Beispielsweise habe sich durch die Psychoanalyse die „Beziehung des Sichtbaren zum Unsichtbaren, die für jedes konkrete Wissen notwendig ist […], geändert […] und unter dem Blick und in der Sprache etwas […] erscheinen lassen, was diesseits und jenseits ihres Bereiches lag.“140 Die sich in diesem Zusammenhang abzeichnende Ähnlichkeit des Blicks und der Sprache deutet bereits darauf hin, dass die Entdeckung des Unbewussten auch Auswirkungen auf das literarische Schaffen hatte.141 So lässt sich beobachten, dass sich der Blick des Erzählers um 1900 bisweilen jenem des Analytikers ← 47 | 48 → annäherte, was beispielsweise durch neue Erzählformen wie jene des inneren Monologs begünstigt wurde.142

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