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Von der Hysterie zur Magersucht

Adoleszenz und Krankheit in Romanen und Erzählungen der Jahrhundert- und der Jahrtausendwende

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Iris Schäfer

Die Adoleszenz geht nicht selten mit psychischen Krankheiten einher; mitunter erscheint sie selbst als eine Krankheit, die überwunden werden muss. Die Nähe von Adoleszenz und psychischer Krankheit ist ein prominentes Thema von Jugenderzählungen und Romanen der Zeit um 1900 und um 2000. Die berücksichtigten deutschsprachigen Adoleszenz- und Krankheitsdarstellungen beider Zeitabschnitte ähneln sich auf erstaunliche Weise. Neigten um die Jahrhundertwende adoleszente Figuren vermehrt zur Hysterie, so leiden sie um die Jahrtausendwende vielfach unter Magersucht. Beide Leiden erscheinen als Strategien, den während der Adoleszenz sich einstellenden psychischen Konflikten zu begegnen, diese zu verarbeiten und durch körperliche Signale nach außen hin sichtbar zu machen. Sowohl die Hysterie als auch die Magersucht kommunizieren über den Körper.
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7. Fazit

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Die Umbruchphasen der Zeit um 1900 und 2000 weisen mehrere Ähnlichkeiten auf, insbesondere hinsichtlich der Vorstellungen davon, was den Menschen bzw. das menschliche Dasein ausmacht. Innerhalb der ausgewählten Texte ist die Zeit um 1900 dadurch gekennzeichnet, dass die Erkenntnisse verschiedener und teilweise neuer wissenschaftlicher Disziplinen auf die Lebenswirklichkeit der Menschen übertragen werden.631 Eine ähnliche Situation zeichnet sich mit Blick auf den Einfluss der neuen Medien am Beispiel der Texte um 2000 ab. Augenscheinlich sind diese literarischen Darstellungen durch gesellschaftliche Diskurse geprägt, die Adoleszenz und psychische Krankheit in Beziehung setzen, was etwa dadurch deutlich wurde, dass einige literarische Texte der Jahrhundertwende eine auffällige Nähe zu den psychoanalytischen Fallgeschichten Freuds und Breuers, den Studien über Hysterie (1895) und dem Bruchstück einer Hysterie-Analyse (1905), aufweisen.

Eine Besonderheit der hier berücksichtigten Literatur besteht darin, dass sie um den „werdenden Menschen“632 kreist, wie es Karl Graucob unter Bezugnahme auf die Literatur der Jahrhundertwende formuliert. Dieser wirft er bereits kurze Zeit nach ihrem Entstehen vor, sie vernachlässige bisweilen künstlerische Aspekte, insbesondere dann, wenn sie durch die Psychoanalyse beeinflusst oder „unmittelbar ausgelöst wurde […] [da sie] pathologische »Fälle« statt symbolhaltiger Geschicke“633 zum Thema mache. Auch wenn man den hier berücksichtigen Erzähltexten der Zeit um 1900 diese vermeintlich einseitige Fokussierung nicht vorwerfen kann, da die Krankheitsdarstellungen keineswegs ausschließlich für sich selbst stehen, lässt sich mit Blick auf die Texte der Zeit um 2000 eine ganz ähnliche Beobachtung machen....

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