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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

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Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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7. Vorangestelltes Genitivattribut

7.  Vorangestelltes Genitivattribut

7.1  Definition

Eine formelhafte (Ir-)Regularität, die ebenso wie unflektierte Adjektivattribute im Bereich der Nominalphrase anzutreffen ist, stellt die Voranstellung des Genitivattributs dar (z. B. auf (des) Messers Schneide stehen). Diese gilt im heutigen Deutsch nicht mehr als produktives Muster der Genitivattribuierung. Genitivattribute werden im Gegenwartsdeutsch in der Regel ihrem Bezugswort nachgestellt (siehe Beispiel 39) (vgl. ENGEL 2009: 294). Bei artikellosen Eigennamen ist die pränominale Realisierung jedoch auch heute noch Usus (siehe BEISPIEL 40) (vgl. Duden 2009: 826). Formelhafte Wendungen können daher als Besonderheiten angesehen werden, da innerhalb ihrer festen Struktur die letzten „erstarrten Reste“ dieser ursprünglichen Genitivstellung zu finden sind (siehe Beispiel 41) (vgl. NÜBLING u. a. 2010: 102).

     (39)  In Oftringen (Aargau) ist am Samstag ein 18-jähriger Autofahrer durch eine Hausmauer direkt in die Küche des Hauses gefahren. (Die Südostschweiz, 17.11.2008)

     (40)  Am nächsten Morgen sitzen wir zusammen in Nathalies Küche, draussen braust der Morgenverkehr Richtung City Centre. (St. Galler Tagblatt, 06.01.2011)

     (41)  Im deutschen Zivilrecht gilt der Grundsatz Pacta sund servanda – Verträge sind zu erfüllen. Und wer das nicht tut, kommt schnell in Teufels Küche. (Braunschweiger Zeitung, 09.10.2009)

Bereits an dieser Stelle sei auf einen wichtigen Aspekt bezüglich dieser (Ir-)Regularität hingewiesen: Trotz des fast vollständigen Abbaus pränominaler Genitivattribute im heutigen Deutsch gelten diese dennoch nicht als vollkommen ungrammatisch (vgl. SCHINDLER 1996a: 228). Obwohl die Stellung nicht mehr produktiv ist, hat sie keinen Einfluss auf (grammatische) Akzeptabilitätsurteile, sondern wirkt allenfalls altertümlich, archaisch und stilistisch ungewöhnlich (vgl. LINDAUER 1995: 205; HENTSCHEL/WEYDT 1990: 157 sowie MARILLIER 1992: 49). Vorangestellte Genitivattribute können somit genau genommen nicht als „Abweichungen“ vom System des Gegenwartsdeutsch bezeichnet werden. Zwar werden sie als normwidrig empfunden, einen wirklichen Verstoß gegen das heutige Regelsystem stellen sie aber nicht dar (vgl. FUHRHOP 2001: 55). Die Termini „Irregularität“ bzw. „Anomalie“ sind für diese Erscheinungen somit eher unpassend. BURGER (1973: 35) spricht daher auch nur von Idiomen mit „heute veralteter“, nicht aber mit „irregulärer“ bzw. ungrammatischer Voranstellung des Genitivattributs. ← 151 | 152 →

7.2  Diachrone Entwicklung: Die Etablierung des vorangestellten Genitivattributs

Die Stellung des Genitivattributs verändert sich im Laufe der Zeit von der Voranstellung hin zur Nachstellung; Eigennamen, insbesondere Personenbezeichnungen, stellen hierbei eine Ausnahme dar (vgl. WAGNER 1905: 5):

    Im Althochdeutschen kann das Genitivattribut sowohl vor als auch nach seinem Bezugswort stehen, wobei jedoch die Voranstellung dominiert (vgl. SCHRODT 2004: 23). Die Stellung wird hauptsächlich durch die Funktion des Genitivs bestimmt. Bei determinierender Funktion steht es pränominal und präzisiert das Bezugswort als begrifflichen Kern der Phrase, indem es dessen Referenzbereich einschränkt und abgrenzt, z. B. chuningo hrucca, ‚der Rücken des Königs‘ (vgl. SZCZEPANIAK 2011: 67f.). Die Rechtsversetzung steht in enger Beziehung mit der Herausbildung des Definitartikels, der allmählich die determinierende Funktion übernimmt. So enthalten definite Nominalphrasen entweder ein pränominales Genitivattribut ohne dher oder ein postnominales mit dher (vgl. SZCZEPANIAK 2011: 68).146

    Auch im Mittelhochdeutschen können die meisten Genitivattribute ihrem Bezugswort sowohl voran- als auch nachgestellt werden (vgl. WEGERA/WALDENBERGER 2012: 174). Grundsätzlich muss dabei zwischen verschiedenen Substantivklassen sowie Textsorten unterschieden werden. Personenbezeichnungen stehen in mittelhochdeutscher Zeit in der Regel pränominal; die Nachstellung bei Nichtpersonenbezeichnungen ist gegen Ende dieser Sprachepoche fast vollständig durchgeführt (vgl. EBERT 1986: 92). Während in mittelhochdeutschen Prosatexten eine deutliche Tendenz zur Postposition zu beobachten ist (vgl. FUSS 2011: 31), dominiert in Verstexten eindeutig die Voranstellung:

     Die mhd. Verstexte bevorzugen hier also eine bereits veraltende Wortstellung, während die Prosatexte sich insgesamt als die sprachgeschichtlich ‚fortschrittliche‘ Textgruppe erweisen. (PAUL 2007: 328) ← 152 | 153 →

    Im Laufe des Frühneuhochdeutschen wird das Genitivattribut vermehrt nachgestellt (vgl. HARTWEG/WEGERA 2005: 173), weshalb ÁGEL (2000a: 1858) von einem „zunehmenden Übergewicht des postnominalen Genitivattributs“ spricht. Doch selbst im Frühneuhochdeutschen finden sich noch vielfach Genitivattribute, die links von ihrem Bezugswort realisiert sind (vgl. EICHINGER/PLEWNIA 2006: 1062). Die pränominale Stellung ist demnach durchaus noch üblich, nimmt aber bis circa 1700 stark ab (vgl. HARTWEG/WEGERA 2005: 173). Nach einer Auswertung FRITZES (1976: 458) steigt der Anteil postnominaler Genitive im Zeitraum von 1500–1700 von 53% auf 64%, wobei teilweise regionale Unterschiede beachtet werden müssen. Gewichtiger als die regionale Varianz sehen HARTWEG/WEGERA (2005: 174) den Einfluss der Textart auf die Genitivstellung. Sie heben hervor, dass der postnominale Genitiv um 1500 in der Fachprosa und in Flugschriften in über 74% der Belege realisiert ist, in chronikalischen Texten jedoch nur in 20,5%. Nach EBERT (1986: 96) ist dieser augenfällige Unterschied nicht auf gattungsstilistische Aspekte zurückzuführen, sondern lediglich darauf, „daß Eigennamen, Orts- und Zeitbezeichnungen, die gewöhnlich vorangestellt sind, in den Chroniken, Volksbüchern und Reisebeschreibungen häufiger vorkommen als in den Flugschriften und in der Fachprosa“ (vgl. auch HARTWEG/WEGERA 2005: 174).

Insgesamt kann festgehalten werden, dass die „zunehmende strukturelle Marginalisierung des pränominalen Genitivs“ (ÁGEL 2000a: 1858) bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts deutlich zu erkennen ist. Die frühere Stellungsvielfalt wird also bereits im Laufe des Frühneuhochdeutschen durch das System ersetzt, das auch für das heutige Deutsch kennzeichnend ist (vgl. FUSS 2011: 32).147

Der Stellungswechsel von pränominalen Genitiven zu postnominalen steht in engem Zusammenhang mit dem Ausbau der Nominalklammer. Der jetzige Zustand ist dabei vor allem auf zwei Wortstellungsveränderungen zurückzuführen: Während sich das Adjektivattribut auf die Position links des Basissubstantivs verfestigt, muss demgegenüber das Genitivattribut allmählich aus dem pränominalen Bereich weichen und wird somit aus der Klammer ausgelagert (vgl. RONNEBERGER-SIBOLD 1994: 122). Eine entscheidende Rolle spielt hierbei die Herausbildung des Definitartikels (vgl. NÜBLING u. a. 2010: 102). Auf der einen Seite bedeutet dessen Verfestigung als klammeröffnendes Element, dass Attribute ← 153 | 154 → grundsätzlich innerhalb der Klammer realisiert werden. Auf der anderen Seite kollidiert diese Entwicklung mit der Tatsache, dass Genitivattribute schon immer determinierenden Charakter besitzen und somit im Grunde nicht klammerintern zu stehen haben (vgl. EICHINGER/PLEWNIA 2006: 1062). Es werden demnach diejenigen Attribute nachgestellt, die aufgrund ihrer Nicht-Flektiertheit nicht imstande sind, mit dem Kern der Nominalklammer zu kongruieren (vgl. RONNEBERGER-SIBOLD 1994: 122). Mit anderen Worten: Der Artikel des vorangestellten Genitivs erweckt „falsche Erwartungen“ (NÜBLING u. a. 2010: 102), da er sich nicht auf das Basissubstantiv bezieht. Nach der Durchsetzung des obligatorischen Artikels folgt demnach die Ausklammerung des Genitivs, wodurch diese Diskrepanz behoben wird, da nun der Artikel mit dem Kopf der Nominalphrase kongruiert (vgl. EICHINGER/PLEWNIA 2006: 1062). Dies verdeutlichen NÜBLING u. a. (2010: 102) mithilfe des folgenden Beispiels:

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7.3  Korpusauswertung

7.3.1  Vorgehensweise

In einem ersten Schritt wird eine möglichst umfangreiche Liste an formelhaften Wendungen mit pränominalem Genitivattribut erstellt. Neben der Integration von Belegen aus der bisherigen Forschungsliteratur werden die phraseologischen Wörterbücher RÖHRICH (2006), DUDEN (2008) und SCHEMANN (2011) im Hinblick auf dieses Phänomen ausgewertet. Insgesamt enthält die Liste 115 Phraseme mit vorangestelltem Genitivattribut, wobei es sich hierbei um 24 Eigennamen-Substantive (also Personenbezeichnungen wie in abgehen wie Schmidts Katze oder seit Adams Zeiten) und 91 Nicht-Eigennamen-Substantive handelt. Für die Korpusauswertung sind nur die Nicht-Eigennamen-Fälle relevant, da es sich hierbei um den markierten und somit „irregulären“ Fall handelt. Eigennamen werden hingegen auch im heutigen Deutsch noch überwiegend pränominal verwendet (vgl. NÜBLING u. a. 2010: 102).

Im Zuge der Korpusanalyse werden die Wendungen im Hinblick auf die Stellungsvarianz des Genitivattributs überprüft. Im Fokus steht die Frage, ob die Genitivattribute in allen Belegen vorangestellt werden oder ob sich auch Beispiele für die Nachstellung finden lassen, ohne dass dabei die phraseologische Bedeutung verloren geht. Hierfür werden detaillierte Suchanfragen durchgeführt, in denen zum einen nach Belegen mit Voran- und zum anderen nach Belegen mit Nachstellung gesucht wird. Von den 91 formelhaften Wendungen mit ← 154 | 155 → pränominalem Genitivattribut können 53 analysiert werden. Die übrigen Phraseme fallen aufgrund zu geringer Trefferzahlen aus dem Analyseraster.

7.3.2  Ergebnis: Schwankungen zwischen Voran- und Nachstellung des Genitivattributs

Die korpusanalytischen Ergebnisse sind im Anhang 4 zusammengestellt. Neben den genauen Trefferzahlen für vorangestellte und nachgestellte Genitivattribute ist die errechnete Prozentzahl der pränominalen Verwendung angeführt. In Fällen, in denen postnominale Genitive zu finden sind, ist jeweils ein Textbeispiel aus dem DEREKO angegeben.

Die Ergebnisse der empirischen Analyse deuten darauf hin, dass in Phrasemen mit vorangestellten Genitivattributen kaum Stellungsvariation auftritt. In insgesamt 32 der 53 ausgewerteten Wendungen wird der Genitiv in über 95% der Belege nachgestellt (z. B. in Undank ist der Welt Lohn, des Pudels Kern und des Wahnsinns fette Beute). Die Korpusanalyse offenbart aber auch solche Wendungen, in denen neben der Voranstellung ebenso die Nachstellung mehr oder weniger häufig zu finden ist und somit als alternative Variante (bzw. okkasionelle Modifikation) angesehen werden kann. Solche Belege sind gerade deswegen interessant, da sie aufgrund ihrer „normgerechten“ Position für eine Relativierung der „phraseologischen Irregularität“ der besagten Wendungen sprechen. Dies soll an drei Beispielen illustriert werden, die sich von einer hohen bis zu einer niedrigen Variation der Genitivstellung erstrecken:

1)  Jeder ist seines (eigenen) Glückes Schmied: Das Genitivattribut Glück ist in diesem Phrasem in 95% aller Belege vorangestellt wie beispielsweise in:

     (42)   In den USA ist jeder seines Glückes Schmied. Das ist in Amerika kein Spruch, sondern Lebensmaxime. (Mannheimer Morgen, 25.05.2013)

     Es lassen sich aber auch Belege finden, in denen das Genitivattribut postnominal verwendet wird und somit dem gegenwartssprachlichen Usus entspricht. Entscheidend ist dabei, dass die phraseologische Bedeutung durch die Nachstellung nicht verloren geht:

     (43)   Nach einem Vierteljahr ist es zwar noch viel zu früh, eine Bilanz zu ziehen; immerhin aber kann Abdi schon mal sagen: „Im Moment stimmt alles.“ Und der bald 26-Jährige kann für sich in Anspruch nehmen, der eigene Schmied seines Glücks zu sein. (Die Südostschweiz, 11.11.2012)

     Während bei einigen Phrasemen nur in vereinzelten Belegen der Genitiv nachgestellt ist und es sich hierbei wohl kaum um Varianz, sondern vielmehr um „Fehler“ bzw. „Modifikationen“ handelt, kann der Nachstellung ← 155 | 156 → jeder ist (der) (eigene) Schmied seines Glückes aufgrund der relativ hohen Trefferanzahl eine gewisse Usualität zugesprochen und sie durchaus als eine („normgerechte“) Variante der pränominalen Nennform angesehen werden.

2)  in Gottes Hand (fallen/stehen/legen/liegen): In dem Phrasem in Gottes Hand (fallen/stehen/legen/liegen) wird der Genitiv in 88% der Belege voran- und in 12% nachgestellt:

     (44)  „Der arme Rasen – seine Zukunft liegt am Sonntag in Gottes Hand.“ (Braunschweiger Zeitung, 18.05.2013)

     (45)  Er bangt. Er hofft. Er betet. Sein Schicksal, das weiß Michael Jackson, liegt in der Hand Gottes. Und in den Händen der Geschworenen. (Hamburger Morgenpost, 08.06.2005)

     Die Wortverbindung in Gottes Hand (fallen/stehen/legen/liegen) dient als Beispiel zur Erläuterung eines spezielleren Problems. Sie ist nicht die einzige mit dem vorangestellten Substantiv Gott. Insgesamt enthält die erstellte Liste acht formelhafte Wendungen mit diesem Attribut. Es stellt sich die Frage, wie das Substantiv Gottes einzuschätzen ist: Handelt es sich hierbei nicht vielmehr um einen Eigennamen und ist demnach die Voranstellung der unmarkierte Fall? Diese Meinung vertritt beispielsweise NIEHAUS (2011: 59), der Gott als Eigenname kategorisiert, „sofern nicht ein Gott unter mehreren, sondern der christliche Gott ohne bestimmten Artikel gemeint ist“. Demgegenüber steht jedoch die Tatsache, dass bereits im 16. Jahrhundert Gott in den meisten attributiven Verwendungen postnominal realisiert ist:

     The treatment of Gottes provides a striking contrast to the other personal nouns: in every group postnominal order dominates by a wide margin. (EBERT 1988: 38)

     Das Substantiv Gott vollzieht demnach dieselbe Entwicklung wie alle anderen attributiv gebrauchten Nicht-Eigennamen-Substantive auch.148 Aus diesem Grund werden Wendungen mit Gottes in die Analyse miteinbezogen. Die Frage, ob es sich hierbei nicht doch um einen Eigennamen handelt, spielt darüber hinaus nur eine sekundäre Rolle. Entscheidender ist die Erkenntnis, dass bei fast allen Phrasemen mit Gottes eine Stellungsvarianz zu beobachten ist.149 ← 156 | 157 →

3)  das Bessere ist des Guten Feind: In dieser Wendung dominiert eindeutig die Postposition des Genitivattributs Guten. Lediglich in 19% aller Belege wird dieses seinem Bezugswort Feind vorangestellt:

     (46)   Doch das Bessere ist bekanntlich des Guten Feind, und so haben die Wolfsburger den Öko-Passat überarbeitet. (Mannheimer Morgen, 20.02.2010)

     Innerhalb dieses Phrasems ist die Nachstellung die gebräuchlichere Variante:

     (47)   Doch auch bei Mitsubishi ist das Bessere der Feind des Guten. Modellpflegemaßnahmen sollen den Carisma für das nächste Jahrtausend fit machen. (Berliner Morgenpost, 06.06.1999)

     Die Angabe im DUDEN (2008), die nur die pränominale Nennform – ohne Variation – vorsieht, müsste daher überarbeitet werden. Einen Hinweis darauf, warum im Gegenwartsdeutsch die Nachstellung in über 80% der Belege der Voranstellung vorgezogen wird und sich die Nennform somit dem außerphraseologischen Usus angepasst hat, findet sich in der etymologischen Erklärung im DUDEN (2008: 114). Die Wendung ist auf eine Redensart aus Voltaires „Philosophischem Wörterbuch“ zurückzuführen und gehört somit der Klasse der geflügelten Worte an. Es lässt sich vermuten, dass sich die strukturelle Festigkeit des Zitats aufgrund des Nicht-mehr-Nachvollziehens der ursprünglichen Quelle gelockert und sich daher die Genitivstellung im Laufe der Zeit verschoben hat.

7.4  Vorangestellte Genitivattribute außerhalb formelhafter Wendungen

Im Folgenden werden drei Bereiche in den Blick genommen, in denen auch außerhalb formelhafter Wendungen pränominale Genitivattribute zu finden sind. Während im freien Sprachgebrauch bei Eigennamen die Voranstellung (noch) der unmarkierte Fall ist, wird sie u. a. auch in literarischen Werken, Kinderliedern und Kirchenliedern tradiert. Zuletzt werden Belege angeführt, die verdeutlichen, dass auch heute noch Substantive, die im engen Sinne keine Eigennamen sind, (innerhalb der Pressesprache) vorangestellt werden können.150

1)  Eigennamen:151 Während der pränominale Genitiv bei Nicht-Eigennamen bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts stark rückläufig und stilistisch ← 157 | 158 → markiert ist, gibt es die Voranstellung bei Eigennamen auch im Gegenwartsdeutsch (noch):

     Dabei ist der Genitiv im Normalfall dem Bezugswort nachgestellt, Voranstellung ist nur bei Eigennamen – besonders Personennamen – üblich und auch dort nicht notwendig […]. (FABRICIUS-HANSEN 1987: 169)

     Die pränominale Stellung ist gegenüber der postnominalen die klar bevorzugte Variante (vgl. NIEHAUS 2011: 69). Funktional gesehen sind vorangestellte Eigennamen mit Determinativen verwandt, da sie pränuklear in unbetonter Position stehen und wie diese in der Regel eine Kasusmarkierung besitzen (vgl. EISENBERG/SMITH 2002: 124). Der Grund für die Voranstellung von Eigennamen hängt mit der Artikelsetzung zusammen. Mit Aufkommen eines obligatorischen Artikels weicht das Genitivattribut nach rechts. Da aber bei Eigennamen im Standarddeutsch kein Artikel gesetzt wird, bleiben diese weiterhin vorangestellt (vgl. EICHINGER/PLEWNIA 2006: 1062). NÜBLING u. a. (2010: 102) differenzieren im Hinblick auf den pränominalen Gebrauch von Eigennamen zwischen Personen- und Ortsnamen: Während bei Ortsnamen die Nachstellung zurzeit eher abnehme (z. B. ?Triers Sehenswürdigkeiten versus die Sehenswürdigkeiten Triers), sei die alte Voranstellung bei Personennamen auch heute noch konstant (z. B. Carmens Sonnenstudio versus ?das Sonnenstudio Carmens). NIEHAUS (2011: 68) kann diese These indes im Zuge seiner empirischen Analyse von Zeitungstexten nicht bestätigen. Seine Stichproben zeigen keine signifikante Nachstellung bei Ortsnamen.

2)  Literatursprache, Kinder- und Kirchenlieder: Typische Textsorten, in denen das vorangestellte Genitivattribut bewahrt bleibt, stellen insbesondere literarische Werke, Kinder- und Kirchenlieder dar. So bemerkt MARILLIER (1992: 48), dass, „wer am richtigen Ort sucht“, auch heute noch auf vorangestellte Nicht-Eigennamen treffen kann. MARILLIER (1992: 48f.) wertet in diesem Zusammenhang vor allem literarische Werke aus und kommt u. a. zu dem Ergebnis, dass sich gewisse Literaten – wie z. B. Christa Wolf – der Voranstellung vermehrt bedienen. Besonders häufig findet sich die markierte Genitivstellung in der Lyrik. Wirft man beispielsweise einen Blick auf Gedichte von Georg Trakl, lassen sich u. a. folgende Belege finden: Es steigt und sinkt des Rohres Regung („Melancholie des Abends“), Ferne glänzt des Weihers Spiegel („Frauensegen“), durch der Gärten Blätterrahmen („Die schöne Stadt“), Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain („Grodek“) und Gesegnet auch blüht armer Mägde Schoß („Der ← 158 | 159 → Spaziergang“).152 Die Voranstellung ist hier meist durch Reim und Metrik motiviert. Zudem ist sie einem gehobenen und archaischen Stil zuzurechnen und wird daher auch aus stilistischen Gründen eingesetzt. In Anlehnung an den lyrischen Stil, der durch die pränominale Stellung des Genitivs hervorgerufen wird, sind folgende Zeilen zu interpretieren, die aus einem LUSTIGEN TASCHENBUCH (2000: 143) stammen und sich bewusst dieses Stilmittels als Schablone bedienen:

     Wer statt des Glückes Gunst nur Pech für sich gepachtet, den man zu Recht als armen Tropf erachtet! So wie den Donald, den des Schicksals Ungemach bekanntlich schon des Öftern stach… (Hervorhebung von SöSt)153

     Eine kleinere Auswertung von deutschen Kinderliedern zeigt, dass auch in diesen ältere grammatische Phänomene bis heute Bestand haben. Beispielsweise findet sich in „Der Mond ist aufgegangen“ der pränominale Genitiv des Tages Jammer in der Textzeile Als eine stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt (siehe Kapitel 6.4.1). Und auch in Kirchenliedern wird die Voranstellung tradiert, was zweifellos dadurch zu erklären ist, dass diese meist aus einer Zeit stammen, in denen der pränominale Genitiv noch üblich gewesen ist. Exemplarisch lassen sich folgende Belege anführen, die aus einem EVANGELISCHEN GESANGBUCH (1996) stammen (in Klammern sind die dazugehörigen Liednummern angegeben): „Wacht auf“, singt uns der Wächter Stimme (69), hier ist des Paradieses Pfort (73), denn du durchdrangst des Todes Nacht (74), des Tempels Vorhang zerreißt (77), begnad unsers Geists Begier (78) und Keins Menschen Herz vermag es auszudenken (81). Die Bewahrung des vorangestellten Genitivattributs in literarischen Werken sowie in Kinder- und Kirchenliedern trägt sicherlich dazu bei, dass dieses uns zwar veraltet bzw. ungewöhnlich vorkommen mag, wir es aber nicht als vollkommen ungrammatisch, sprich „irregulär“ empfinden und es durchaus auch heute noch in bestimmten Kontexten – wie das obige Comic-Beispiel zeigt – verwendet werden kann.

3)  Voranstellung in der Presse: Als Ergebnis einer stichprobenartigen Suche im DEREKO kann festgehalten werden, dass auch heute noch Belege – vornehmlich aus Pressetexten – zu finden sind, in denen Nicht-Eigennamen in attributiver Stellung vorangestellt sind. Selbstverständlich sind die ← 159 | 160 → Trefferzahlen aus quantitativer Perspektive marginal, sie verdeutlichen aber, dass diese Konstruktion nicht als vollkommen ungrammatisch gelten kann. Übersicht 7–1 zeigt einige Beispiele für die Voranstellung der Substantive Kanzler, Manager, Schüler und Professor.

Übersicht 7-1:  Vorangestellte Genitivattribute außerhalb formelhafter Wendungen

Kanzler

Des Kanzlers Vorgabe wirkte sich aber auf die rot-grüne Disziplin verheerend aus: Eine beträchtliche Minderheit erwägte, gegen die eigene Regierung zu stimmen. (St. Galler Tagblatt, 16.11.2001)

Des Kanzlers Rüpeleien im Fernsehen sind wie ein Startschuss: Überall in der Republik fallen Funktionäre und Abgeordnete über Journalisten her, als lebten wir plötzlich in einer südamerikanischen Bananenrepublik. (Braunschweiger Zeitung, 24.09.2005)

„Sind die Medien der Souverän? Oder ist das Volk der Souverän?“ Das sollten die Fragen sein, die des Kanzlers Presseamt in einem Kongress „Medien und Wahlkampf“ beantwortet haben wollte. (Braunschweiger Zeitung, 01.10.2005)

Manager

Fax und Maileingang hatten in des Managers Büro gestern Dauerbetrieb. (Mannheimer Morgen, 14.01.2004)

Auf die Frage, wie teuer der Ball war, antwortete Dürkop flüsternd hinter vorgehaltener Hand: „Sehr teuer.“ Dann lüften wir des Managers Geheimnis: Der „Teamgeist“ kostet 110 Euro. (Braunschweiger Zeitung, 11.04.2006)

Statt einer telegenen Wut-Rede hat Veh einfach schnörkellos den Ist-Zustand seines Teams analysiert und seine und des Managers Mitschuld eingeräumt. (Braunschweiger Zeitung, 24.11.2008)

Schüler

Die Ausstellung, die noch bis Freitag geöffnet ist, soll Schulräten, Eltern und Lehrern einen Einblick in das gewähren, was des Schülers Herz in Sachen Freizeit begehrt. (St. Galler Tagblatt, 21.01.1999)

Mit diesem Konzept fördern wir – den Legislaturzielen der Schulbehörde entsprechend – Kompetenzen und Haltungen, welche des Schülers Bereitschaft zu lebenslangem Lernen stärken. (St. Galler Tagblatt, 15.05.2010)

Das Deckblatt eines Reclam-Hefts provoziert in seiner leuchtend gelben Sachlichkeit geradezu des Schülers Kreativität: Da wird aus Kafkas „Verwandlung“ eine „Verwanzung“, verziert mit Krabbelkäfern, aus „Der zerbrochne Krug“ ein „Erbrochner Krug“ eines gewissen Peinlich und Dreist. (St. Galler Tagblatt, 04.05.2012)

Professor

Des Professors Begeisterung kennt kaum Grenzen, wenn er von Hanspeter Reiflers Gestaltungskunst spricht. (St. Galler Tagblatt, 09.12.2000)

Kaum war das „Oh“ der Kinder verklungen, klingelte des Professors Handy. (Braunschweiger Zeitung, 14.12.2009)

← 160 | 161 →

Eine Erklärung für die Voranstellung der in Übersicht 7–1 zu findenden Genitive gibt HENGXIANG (1986). Er nimmt eine Unterscheidung in Eigen- und Gemeinnamen vor und räumt nur den ersteren die Möglichkeit ein, pränominal verwendet zu werden. Das Problem besteht nun darin, dass das Deutsche auch Substantive aufweist, die sowohl als Gemeinnamen als auch – in einem bestimmten Kontext bzw. für einen bestimmten Zeitraum – als Eigennamen gebraucht werden können (vgl. HENGXIANG 1986: 533). Zu diesen Substantiven gehört beispielsweise auch (Bundes-)Kanzler. HENGXIANG (1986: 533) führt an, dass solche Substantive deshalb als Eigennamen fungieren können, weil bei ihnen die Möglichkeit besteht, dass sie sich jeweils auf ein bestimmtes Individuum beziehen, das im Umkreis des Sprechers nur einmalig sein kann. Sie können demnach auf ein belebtes individuelles Subjekt referieren und somit die Personennamen ersetzen (vgl. DEMSKE 2001: 210). Auch EISENBERG/SMITH (2002: 117) sprechen dem Substantiv Kanzler die Funktion eines Eigennamens zu. Sie ordnen es der Kategorie der „Titelbezeichnungen“ zu, denen sie die generelle Möglichkeit des direkten Referenzbezugs eines Individuums attestieren.154

7.5  Beispielanalyse: etw. ist (nicht) jedermanns X[Nomen] als produktive Modellbildung

Eine besondere formelhafte Wendung mit vorangestelltem Genitivattribut ist etw. ist (nicht) jedermanns X[Nomen]. Hierbei handelt es sich um eine Modellbildung, die im Rahmen der Konstruktionsgrammatik als eine äußerst produktive und frequente Konstruktion beschrieben werden kann. In attributiver Stellung findet sich kein Substantiv, sondern das Pronomen jedermann (vgl. MARILLIER 1992: 48).

Insgesamt kommt jedermanns im DEREKO 5.510mal vor. In mehr als der Hälfte dieser Belege (2.805) ist es mit Sache realisiert:

     (48)  Hiphop ist nicht jedermanns Sache, aber wenn man liest, dass Schulen andernorts Mühe haben, den (teils kostenlosen) Vertrieb von rechtsradikalem Prügel-Rock unter ihren Schülern einzudämmen, dann klingt er wie Musik in meinen Ohren. (Braunschweiger Zeitung, 22.12.2006) ← 161 | 162 →

Es ist deshalb durchaus verständlich, dass im DUDEN (2008: 394, 640) nur die Wendung nicht jedermanns Sache sein angegeben ist. Die Korpusanalyse offenbart darüber hinaus jedoch zahlreiche weitere Bezugswörter, denen jedermann vorangestellt werden kann. Diese sind aus quantitativer Perspektive unüberschaubar, was verdeutlicht, dass die Konstruktion hochproduktiv ist und die Leerstelle durch mehr oder weniger beliebige Substantive ausgefüllt werden kann. Übersicht 7–2 zeigt eine stichprobenartige Auswahl an Substantiven, die im DEREKO für X[Nomen] realisiert sind.

Übersicht 7-2:  Konkrete Realisierungsformen der Modellbildung etw. ist (nicht) jedermanns X[Nomen]

jedermannsBedürfnis, Darling, Ding, Einsicht, Entscheidung, Fall, Freude, Freund, Geburtstag, Gefallen, Geld, Geschmack, Humor, Instrument, Leben, Liebling, Meinung, Musik, Mutter, Recht, Sache, Stil, Sündenbock, Zufriedenheit, Zustimmung
 

Am zweithäufigsten hinter Sache kookkurriert das Substantiv Geschmack mit jedermanns (700 Belege). Geschmack besitzt dabei die Bedeutung ‚subjektives Werturteil über das, was für jmdn. schön oder angenehm ist, was jmdm. gefällt, wofür jmd. eine Vorliebe hat‘ (vgl. DUDEN 1999: 1483). Darüber hinaus ist innerhalb der Geschmack-Konstruktionen häufig die Präposition nach realisiert:

     (49)  Die bunten Fahnen an den Enden des Boulevards – sie scheinen nicht nach jedermanns Geschmack zu sein. (St. Galler Tagblatt, 30.04.2013)

Es lässt sich weiterhin feststellen, dass die Nominalphrase jedermanns X[Nomen] nicht an eine prädikative Funktion gebunden ist. Nur in der prototypischen Verwendung mit Sache tritt die Konstruktion in den meisten Fällen mit einem Kopulaverb auf. Besetzen jedoch andere Substantivergänzungen die Leerstelle, lassen sich auch Belege finden, in denen keine Kopulaverben realisiert sind und innerhalb derer die Nominalphrase jedermanns X[Nomen] häufig in präpositionale Fügungen integriert ist wie beispielsweise in Verbindung mit für, auf, zu und in:

     (50)  Christian Sommer, Maria Sommer, Sabine Sommer und Renate Thüringer sorgten mit süßen Mehlspeisen für jedermanns Seelenheil. (Burgenländische Volkszeitung, 03.03.2011)

     (51)  Schnee, Frost und Kälte schlagen zurzeit wohl auf jedermanns Gemüt. (Braunschweiger Zeitung, 20.03.2013)

     (52)  Dort wurden Zelte aufgeschlagen, die Feuerstelle errichtet und zu jedermanns Wohl eine Toilette aufgebaut. (St. Galler Tagblatt, 02.09.1999) ← 162 | 163 →

     (53)  Frisch und gesund kochen passt nicht in jedermanns Tagesablauf, und in der Mittagspause führt der Weg oft in die Kantine oder zum Bäcker nebenan. (Hamburger Morgenpost, 22.06.2013)

Das signifikanteste Merkmal aller Ausprägungsformen der hier vorliegenden Konstruktion ist die negierende Partikel nicht. In circa 70% aller Belege ist diese realisiert. Prototypisch weist die Konstruktion somit eine prädikative (Satzglied-) Funktion mit Negation auf. Neben dieser prototypischen Nennform besitzt die Nominalphrase jedermanns X[Nomen] eine Vielzahl an unterschiedlichen Strukturmodellen. Dabei ist sie nur in den seltensten Fällen für attributive Erweiterungen offen, die zwischen jedermanns und dessen Bezugswort stehen:

     (54)  Die polemische Würze seines kabarettistischen Rundumschlags ist sicherlich nicht nach jedermanns politischem Geschmack, besitzt aber hohen Unterhaltungswert. (Hamburger Morgenpost, 04.01.2013)

     (55)  Es sei jedermanns freie Entscheidung, sagte Kanetscheider, die Ausdrucksformen der neuen Zeit zu akzeptieren. (Tiroler Tageszeitung, 31.10.1998)

     (56)  Wie sehr wir von der wechselseitigen Verfremdung Gebrauch machen, steht in jedermanns geistiger Mobilität. (Die Presse, 28.05.1996)

Bemerkenswert ist, dass sich neben der generisch maskulinen Konstruktion jedermanns X[Nomen] auch Belege mit der femininen Form jederfraus finden lassen:

     (57)  Am Freitag- und Samstagabend zu arbeiten sei dagegen nicht „jederfraus“ Sache, obwohl deutlich mehr zu verdienen sei als in einer Fabrik. (St. Galler Tagblatt, 26.10.2007)

     (58)  Geschminkte und gepuderte Männer, die in bestickten Fräcken und auf hohen Absätzen durch prunkvolle Räume tänzeln, sind auch nicht jederfraus Geschmack. (Nürnberger Zeitung, 04.07.2008)

Obwohl die Trefferzahl (54) im Vergleich zur Konstruktion mit jedermanns (5.510) in keinem Verhältnis steht, zeigen diese Belege, dass auch bei Phrasemen mit generisch maskuliner Form die feminine Form als alternative Realisierungsmöglichkeit infrage kommt (siehe hierzu STUMPF im Druck3).155 Die Konstruktion mit jederfraus kann als Modifikation der regulären (maskulinen) Nennform angesehen werden. Sie ist stark kontextabhängig und teilweise metasprachlich – beispielsweise durch Anführungszeichen – hervorgehoben. ← 163 | 164 → ← 164 | 165 →


146  Die Setzung des Artikels führt somit zu einer allmählichen Aufweichung der ursprünglichen Korrelation zwischen der Funktion und der Position des Genitivattributs. Dies verdeutlichen auch empirische Auswertungen. So verweist beispielsweise SZCZEPANIAK (2011: 68) darauf, dass bereits bei „Notker (10./11. Jh.) jedes Genitivattribut (außer Eigennamen) mit definiter Lesart unabhängig von der Position mit dem Definitartikel der versehen“ ist.

147  In gesprochener Sprache ist gegenwartssprachlich darüber hinaus eine zunehmende Ersetzung des adnominalen Genitivs durch periphrastische Konstruktionen zu beobachten wie beispielsweise die von-Periphrase (der Hut vom Lehrer) und der possessive Dativ (dem Lehrer sein Hut) (vgl. FLEISCHER/SCHALLERT 2011: 85).

148  So macht NIEHAUS (2011: 67) darauf aufmerksam, dass Gottes in der Zeitungssprache der Gegenwart grundsätzlich postnominal vorkommt.

149  Dabei resultiert die Varianz wohl auch gerade aus der Unsicherheit, ob es sich bei Gott nun um einen Eigennamen (= Voranstellung) oder keinen Eigennamen (= Nachstellung) handelt.

150  Zudem ist der pränominale Genitiv in einigen Dialekten erhalten, vor allem in den höchstalemannischen Mundarten (vgl. FLEISCHER/SCHALLERT 2011: 86f.).

151  Für ausführliche Informationen zum Eigennamen als Genitivattribut siehe EISENBERG/SMITH (2002) sowie FUSS (2011).

152  Die Gedichte finden sich in KILLY/SZKLENAR (1969).

153  Diese Zeilen stehen zu Beginn eines Comics, in dem das außerordentliche Pech Donald Ducks thematisiert wird. Sie stecken sozusagen den Rahmen der Geschichte ab und leiten in die Episode namens „Der Glückshut“ über.

154  EICHINGER/PLEWNIA (2006: 1062) hingegen argumentieren gegen die (sprachliche) Korrektheit der in Übersicht 7–1 realisierten Konstruktionen, indem sie darauf verweisen, dass trotz der persönlichen Referenz vorangestellter Nominalphrasen mit Artikel diese Konstruktionen im gegenwärtigen Deutsch „irgendwo zwischen hoher stilistischer Markiertheit und Ungrammatikalität“ anzusiedeln sind, wobei sie interessanterweise ebenfalls ein Beispiel mit dem Genitivattribut (Bundes-)Kanzler anführen.

155  Zur Ersetzung von jedermann durch jedefrau aus der Perspektive der feministischen Sprachwissenschaft siehe auch SAMEL (2000: 93f.).