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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

Series:

Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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Zwischenfazit und Vorausblick auf das nächste Kapitel: Die Vielfalt formelhafter (Ir-)Regularitäten und die Frage nach ihrer sprachtheoretischen Verortung

Zwischenfazit und Vorausblick auf das nächste Kapitel: Die Vielfalt formelhafter (Ir-)Regularitäten und die Frage nach ihrer sprachtheoretischen Verortung

Gegenstand des vorangegangenen Großkapitels war es, die Vielfalt und Bandbreite formelhafter (Ir-)Regularitäten aufzuzeigen und jeder Erscheinungsform besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Die zahlreichen Erkenntnisse zu den einzelnen Typen können hier nicht nochmals aufgeführt werden. Zwei übergreifende Ergebnisse sollen genügen:

    Es wurde aufgezeigt, wie heterogen und verschieden formelhafte (Ir-)Regularitäten sind. So existieren nicht nur die allgemein bekannten semantischen (Idiomatizität), lexikalischen (Unikalia) und morphosyntaktischen (Ir-)Regularitäten (z. B. unflektiertes Adjektivattribut oder vorangestelltes Genitivattribut), sondern beispielsweise auch valenzspezifische (Valenz(ir) regularitäten), phonetisch/phonologische (Apokope), orthografische (Phraseonyme) und nonverbale, gestische Besonderheiten (Pseudokinegramme), die sich in formelhaften Wendungen manifestieren.

    Aus empirischer Perspektive zeigen die durchgeführten Korpusauswertungen, dass in vielen Fällen graduelle Übergänge zwischen „irregulären“ und „regulären“ Formen bestehen (z. B. Dativ-e). Die genaue Grenzziehung zwischen „Irregularität“ und „Regularität“ wird zusätzlich dadurch erschwert, dass einige – bisher als phraseologiespezifisch deklarierte – Besonderheiten mitunter auch außerhalb der formelhaften Sprache auftreten. Aus dieser Perspektive erscheint eine Relativierung des „irregulären“ Charakters des vorliegenden Gegenstandsbereichs angebracht. Darüber hinaus zeigen die zahlreichen Einzelanalysen, dass es sich bei formelhaften (Ir-)Regularitäten nicht zwangsläufig um veraltete, nicht mehr produktive Wortverbindungen handeln muss. Vielmehr lassen sich auch modellartige, produktive und zum Teil vollkommen „neue“ formelhaft (ir-)reguläre Wendungen finden (z. B. X[Nomen] pur/satt/brutal).

Kapitel II „Die Vielfalt formelhafter (Ir-)Regularitäten“ gibt zwar einen detaillierten und auf empirischem Vorgehen basierenden Gesamtüberblick über den Untersuchungsgegenstand, es stellt sich jedoch die Frage, wie dieser auch aus theoretischer Sicht erschlossen werden kann. Die vorliegende Arbeit sieht es als ← 281 | 282 → notwendig an, sich nicht nur empirisch, sondern auch theoretisch dem Gegenstandsbereich zu nähern. Das folgende Kapitel steht daher unter dem Motto der (sprach-)theoretischen Einbettung formelhafter (Ir-)Regularitäten. Diese erfolgt auf vier Ebenen:

    Verhältnis zur Sprachnorm: Angesichts des vermeintlich „irregulären“ Charakters formelhafter (Ir-)Regularitäten lässt sich näher untersuchen, wovon genau diese Erscheinungen eigentlich abweichen. Stellen formelhafte (Ir-) Regularitäten Norm- oder gar Systemverstöße gegenüber dem außerphraseologischen Sprachgebrauch dar? Gibt es Anknüpfungspunkte formelhafter (Ir-)Regularitäten an die Konzepte der „phraseologischen Fehler“, „sprachlichen Zweifelsfälle“ oder „phraseologischen Variation“? Sind formelhaft (ir-) reguläre Wendungen aus pragmatischer Sicht nicht vielleicht vollkommen reguläre kommunikative Einheiten?

    Sprachwandel und Entstehungsprozesse formelhaft (ir-)regulärer Wendungen: Auch der diachrone/historische Charakter formelhafter (Ir-)Regularitäten muss angemessen untersucht werden. Es stellen sich hierbei vor allem die Fragen: Wie entstehen formelhaft (ir-)reguläre Wendungen und wie lassen sie sich in Sprachwandeltheorien einordnen? Darüber hinaus ist kritisch zu hinterfragen, ob es sich bei formelhaft (ir-)regulären Wortverbindungen immer nur um Erscheinungsformen handelt, die aufgrund historischer, sich über lange Zeit erstreckende Wandlungsprozesse zustande kommen. Existieren nicht vielleicht auch synchron, ad hoc gebildete formelhafte (Ir-)Regularitäten?

    Formelhafte (Ir-)Regularitäten innerhalb der Konstruktionsgrammatik: Die vorliegende Arbeit sieht in der Konstruktionsgrammatik einen interessanten und gewinnbringenden Ansatz für die grammatiktheoretische Einordnung formelhafter (Ir-)Regularitäten. Während Phraseme in der Generativen Transformationsgrammatik keine Berücksichtigung erfahren bzw. als Störung der Theorie angesehen werden (siehe u. a. CHAFE 1968), stellt die Konstruktionsgrammatik semantisch und/oder strukturell „irregulär“ erscheinende (Mehr-)Wortverbindungen in das Zentrum ihrer Theoriebildung. Es ergeben sich vor allem zwei Fragen, die den Status formelhafter (Ir-)Regularitäten aus Sicht der Konstruktionsgrammatik betreffen: Welche Stellung nehmen formelhafte (Ir-)Regularitäten in diesem Grammatikmodell ein? Und handelt es sich bei diesen aus konstruktionsgrammatischer Perspektive im Vergleich zu „gewöhnlichen“, „regulären“ sprachlichen Erscheinungsformen überhaupt um „irreguläre“ und defizitäre? ← 282 | 283 →

    Stellung innerhalb der formelhaften Sprache/Phraseologie: Formelhafte (Ir-)Regularitäten sind in der bisherigen Forschung weitgehend ignoriert worden. Sie werden gemeinhin zwar als phraseologische Besonderheiten erwähnt, eine detaillierte Untersuchung aber als wenig sinnvoll erachtet. Dies resultiert meist aus der Annahme, man habe es aus quantitativer Sicht mit einem Randphänomen zu tun. Das letzte Kapitel der Arbeit widerlegt die periphere Stellung formelhafter (Ir-)Regularitäten im phraseologischen Diskurs. Hierfür werden sowohl empirisch gewonnene Ergebnisse als auch theoretische Überlegungen zu phraseologischen Modellen herangezogen. Darüber hinaus wird mithilfe zahlreicher Einzelanalysen aufgezeigt, dass sich formelhaft (ir-)reguläre Wendungen trotz ihres scheinbar „irregulären“ Charakters keineswegs den phraseologietypischen Modifikationsmöglichkeiten widersetzen; zur Erzielung sprachspielerisch-kreativer Effekte kann problemlos auf sie zurückgegriffen werden. ← 283 | 284 → ← 284 | 285 →