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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

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Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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19. Fazit

19.  Fazit

Ziel dieser Arbeit war es, einen umfassenden und detaillierten Überblick über formelhafte (Ir-)Regularitäten sowohl aus empirischer als auch theoretischer Perspektive zu geben. Insgesamt wurde gezeigt, dass es sich bei formelhaften (Ir-)Regularitäten nicht um einen vernachlässigbaren Bereich der Phraseologie handelt, sondern dass diese besonderen Erscheinungsformen einen konstitutiven und elementaren Bestandteil von (formelhafter) Sprache darstellen und sie keineswegs deren Ordnung stören (vgl. COULMAS 1981a: 29f.).

Im Abgleich mit den gängigen phraseologischen Eigenschaften (Polylexikalität, Festigkeit und Idiomatizität) kam zum Vorschein, dass formelhaft (ir-) reguläre Wendungen diese genauso wie unmarkierte Phraseme nur mehr oder weniger aufweisen. Auch formelhaft (ir-)reguläre Wendungen lassen sich auf der gesamten Merkmalsskala anordnen. Sie vereinen trotz ihrer „Irregularität“ nicht zwangsläufig die prototypischen Ausprägungen (sprich: Satzgliedwertigkeit, absolute Festigkeit und volle Idiomatizität), denn es existieren auch nichtsatzgliedwertige, stark variable und nicht-idiomatische formelhaft (ir-)reguläre Wendungen.

Die Arbeit tritt für die Ablösung der bis dato gängigen Bezeichnung für den Untersuchungsgegenstand ein. Die negativ konnotierten Termini „phraseologische Irregularität“ und „phraseologische Anomalie“ sollten durch den neutralen Terminus „formelhafte (Ir-)Regularität“ ersetzt werden. Durch diesen wird einerseits das Spektrum formelhaft (ir-)regulärer Wendungen betont, die weit bis in die phraseologische Peripherie reichen, andererseits wird das „irreguläre“ Moment dieses Gegenstandes relativiert und im Umkehrschluss werden die durchaus vorhandenen Regelmäßigkeiten hervorgehoben.

Zum ersten Mal wurde eine genauere Begriffsbestimmung und somit eine Eingrenzung des Untersuchungsgegenstands vorgenommen. Formelhafte (Ir-) Regularitäten können anhand folgender Merkmale beschrieben werden: 1) Sie treten für gewöhnlich nur (noch) in formelhaften Wendungen auf, 2) weichen mehr oder weniger von Regeln/Normen des außerformelhaften Sprachgebrauchs ab, 3) manifestieren sich in der Oberflächenstruktur oder Semantik der kontextunabhängigen Nennform des Phrasems, 4) erstrecken sich über alle phraseologischen Klassen und über verschiedene Sprachbeschreibungsebenen ← 405 | 406 → und sind 5) in vielen Fällen Rudimente vergangener Sprachzustände. Besonders auffällig ist die enorme Bandbreite und Vielfalt formelhafter (Ir-)Regularitäten, weshalb den einzelnen Typen in Form eigenständiger Kapitel, die für sich genommen auch den Status von Nachschlagekapiteln besitzen, besondere Aufmerksamkeit gewidmet wurde.

Innerhalb dieser Einzelkapitel war ein erklärtes Ziel, dem Phänomen nicht introspektiv – wie es in der bisherigen Forschung weitgehend der Fall gewesen ist – zu begegnen, sondern durch erschöpfende Sammlungen und deren korpusbasierte Auswertung, die tatsächliche Verwendung formelhafter (Ir-)Regularitäten aufzudecken. Die quantitativen und qualitativen korpuslinguistischen Befunde zeigen dabei, dass durchaus Variation zwischen „irregulärer“ und „regulärer“ Ausprägung existiert, in vielen Fällen also ein Kontinuum zwischen „irregulären, nur noch in Phrasemen auftretenden“ und „regulären, auch außerhalb von Phrasemen auftretenden“ Erscheinungsformen besteht.

Aus theoretischer Perspektive erweist sich die Anbindung an die Bereiche der Sprachnorm, des Sprachwandels, der Konstruktionsgrammatik und der formelhaften Sprache/Phraseologie als äußerst gewinnbringend. Statt die zum Teil sehr detaillierten Einzelergebnisse des Theorieteils zu wiederholen, möchte ich thesenartig nochmals das Essentielle, das primäre und übergeordnete Ergebnis darlegen, das sich aus diesen sprachtheoretischen Überlegungen (aber auch aus den korpuslinguistischen Befunden) ergibt: Der Irregularitätscharakter formelhaft (ir-)regulärer Wendungen/formelhafter (Ir-)Regularitäten muss relativiert werden,

1)  weil sie aus rein quantitativer Sicht nicht zu unterschätzen sind; sie treten in äußerst vielfältigen Erscheinungsformen (Genitivobjekt, Pronomen(ir) regularität, Pseudokinegramme etc.), auf fast allen Sprachsystemebenen (lexikalisch, morphosyntaktisch, semantisch etc.) und in einer kaum zählbaren Menge auf.

2)  weil sie in allen phraseologischen Klassen anzutreffen sind; so existieren sie nicht nur – wie lange Zeit angenommen – in Kernklassen wie Idiomen, sondern auch in Randklassen wie Routineformeln, Kollokationen oder Modellbildungen. Sie erstrecken sich also über die gesamte formelhafte Sprache und können nicht auf den Kernbereich des klassischen Zentrum-Peripherie-Modells bzw. die kleine Spitze des Feilkeschen Ebenen-Modells reduziert werden.

3)  weil sie größtenteils keine Systemfehler, sondern für gewöhnlich nur Normabweichungen vom freien Sprachgebrauch darstellen. In den meisten Fällen ← 406 | 407 → lassen sie sich also nach Coseriuscher Auffassung als im System angelegte Realisierungsmöglichkeiten kategorisieren, die lediglich nicht (mehr) der synchronen Norm entsprechen.

4)  weil sie teilweise keine phraseologiespezifischen Phänomene sind, sondern häufig auch (noch) in außerformelhaften Kontexten oder Konstruktionen auftreten.

5)  weil sie aus diachroner/historischer Perspektive in vielen Fällen ehemals normgerechte Erscheinungsformen darstellen und zum Teil die Regel bzw. der Usus gewesen sind.

6)  weil sie auch auf synchroner Ebene durch (kreative) Ad-hoc-Bildungen entstehen können, es also auch gänzlich „neue“ formelhafte (Ir-)Regularitäten geben kann.

7)  weil sie aufgrund von besonderen phraseologischen Strukturmodellen eine gewisse Produktivität aufweisen und im Sinne phraseologischer Modellierbarkeit als etwas Regelmäßiges interpretiert werden können.

8)  weil sie aus sprachwandeltheoretischer Sicht – ebenso wie alle anderen Sprachwandelerscheinungen auch – Phänomene der dritten Art und somit Invisible-hand-Produkte darstellen.

9)  weil sie vom Standpunkt der Konstruktionsgrammatik aus nicht als „irreguläre“ Wortverbindungen, sondern wie andere Form-Bedeutungspaare auch als verfestigte Konstruktionen bezeichnet werden sollten. Gemäß der konstruktionsgrammatischen Annahme, dass den Sprechern ohnehin nur ein einziges Modell zum Verarbeiten von sprachlichen Informationen zur Verfügung steht, werden diese kognitiv nicht anders abgespeichert als unmarkierte Wortverbindungen.

10)  weil sie sich – abgesehen von ihrer besonderen Ausdrucksseite – genauso wie „reguläre“ Phraseme verhalten. Beispielsweise sind sie variierbar und modifizierbar, weisen ebenfalls die phraseologischen Eigenschaften nur mehr oder weniger auf und stellen im Gesamten kommunikative Einheiten mit idiomatischer Prägung dar.

Insofern haben wir es im Falle von formelhaften (Ir-)Regularitäten in gewisser Weise auch mit einem zweiseitigen Phänomen zu tun: Zum einen ist der Bestand an formelhaften (Ir-)Regularitäten viel größer und (phraseologisch) breiter anzusiedeln als bisher angenommen, zum anderen muss jedoch das Konzept der „Irregularität“ (im Sinne von etwas Defizitärem) aus verschiedensten ← 407 | 408 → Blickwinkeln grundsätzlich überdacht und relativiert werden. Von welcher Seite man sich diesem Phänomen nun aber letztlich nähert, eines sollte durch die Arbeit deutlich hervorgetreten sein: Es handelt sich bei diesen Erscheinungsformen sicherlich nicht um einen Bereich, den man aufgrund seiner vermeintlichen Bedeutungslosigkeit vernachlässigen sollte. Für die Phraseologie und die (formelhafte) Sprache als solche stellen formelhafte (Ir-)Regularitäten vielmehr sowohl aus diachroner und synchroner als auch aus empirischer und theoretischer Sicht einen untersuchenswerten und für weitere (innerdisziplinäre) Forschungen fruchtbaren Gegenstandsbereich dar. ← 408 | 409 →