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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

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Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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20. Ausblick

20.  Ausblick

20.1  Formelhafte (Ir-)Regularitäten im Rahmen der Phraseodidaktik

Nimmt man Arbeiten zur Phraseodidaktik in Augenschein, so zeigt sich, dass bei der Vermittlung des phraseologischen Bestandes einer Fremdsprache – in unserem Fall des Deutschen – formelhafte (Ir-)Regularitäten eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Es geht hierbei vor allem um die Frage, ob das Erlernen von Phrasemen mit „Irregularitäten“ in ihrem Komponentenbestand schwieriger bzw. aufwendiger ist als das Erlernen unmarkierter Phraseme. VAJIČKOVÁ (2003: 602) bejaht diese Frage, wenn sie konstatiert, dass „[p]hraseologische Anomalität (Irregularität) […] sehr viele didaktische Probleme [verursacht].“ So verdeutlicht LÜGER (1997: 80; Hervorhebung im Original) anhand von morphosyntaktischen „Irregularitäten“ und Unikalia, dass „bereits die Ausdrucksseite selbst, die interne Struktur eines Phraseologismus, den Lerner vor Schwierigkeiten stellen kann“ und daher „die betreffenden morphosyntaktischen Anomalien und unikalen Elemente jeweils gesondert mitgelernt werden [müssen]“ (ebd.). Phraseme mit formelhaften (Ir-)Regularitäten erfordern – so die vorherrschende Meinung – in der Regel einen größeren Speicheraufwand als weniger markierte Phraseme, da in ihnen „[d]ie normalen grammatischen Regeln […] außer Kraft gesetzt bzw. nicht mehr produktiv [scheinen]“ (LÜGER 1997: 79). Formelhafte (Ir-)Regularitäten sind für VAJIČKOVÁ (2003: 602) daher der „Hauptgrund, warum man den phraseologischen Bestand der Fremdsprache am sichersten nur mnestisch erwerben kann.“

Es sind jedoch nicht nur Probleme mit formelhaften (Ir-)Regularitäten im Bereich Deutsch als Fremdsprache verbunden. Sie weisen auch einen Vorteil bzw. eine positive Eigenschaft auf. Formelhafte (Ir-)Regularitäten können den Lernenden aufgrund der ausdrucksseitigen und/oder semantischen Abweichung „als Idiom-Indikator dienen“ (ETTINGER 1998: 205). So spielen für HALLSTEINSDÓTTIR (1999: 93) neben der Lexikalisierung, der Relation zwischen wörtlicher und phraseologischer Bedeutung und dem Kontext besonders syntaktische und semantische „Irregularitäten“ „[e]ine große Rolle beim Erkennen und Verstehen von muttersprachlichen Phraseologismen“.

Aus diesem Grund stimmt die vorliegende Arbeit mit LÜGER (2004: 133) in der Forderung überein, dass im Fremdsprachenunterricht „der Vermittlung ausdrucksseitiger Besonderheiten genügend Beachtung zu schenken“ ist. Es sollte ← 409 | 410 → eine Aufgabe der Fremdsprachenvermittler sein, den Fremdsprachenlernenden neben sprachlichen Besonderheiten wie Reim, Vergleichsformeln und Wortpaaren auch unikale Komponenten und morphosyntaktische Besonderheiten als Erkennungshilfen für formelhafte Wendungen bewusst zu machen (vgl. HALLSTEINSDÓTTIR 1999: 93 sowie WOTJAK 1996: 7).

In diesem Zusammenhang müsste im DaF-Unterricht jedoch auch thematisiert werden, dass bestimmte formelhafte (Ir-)Regularitäten – so zeigen es die Analysen der vorliegenden Arbeit – gradueller Natur sind und in bestimmten Kontexten oder Konstruktionen auch außerphraseologisch anzutreffen sind (z. B. Unikalia, Dativ-e und Artikel(ir)regularitäten). Der Charakter als eindeutiger Phraseologie-Indikator sollte also relativiert bzw. mit Vorsicht genossen werden. Zudem führt HALLSTEINSDÓTTIR (1999) zwei weitere Probleme an: Zum einen ist die Identifizierung einer unikalen Komponente im Grunde nur möglich, wenn sie der Lernende bereits kennt. Anderenfalls empfindet er diese lediglich „als ein normales, noch nicht gelerntes Wort“ (HALLSTEINSDÓTTIR 1999: 94). Zum anderen können morphosyntaktische Besonderheiten laut HALLSTEINSDÓTTIR (1999: 94) nur dann „als Erkennungshilfe fungieren, wenn sie dem Fremdsprachenlerner als phraseologismustypische Struktureigenschaften und damit als mögliche Indizien der Phraseologizität bewußt sind, d. h., wenn er gelernt hat, über sie zu ‚stolpern‘.“

Formelhafte (Ir-)Regularitäten sollten im DaF-Unterricht darüber hinaus aus zwei weiteren Blickwinkeln betrachtet werden:

1)  Da Phraseme „als Musterbeispiel ‚geronnener Sprache‘ angesehen werden müssen“ (KÜHN 1993: 59), kann an ihnen gezeigt werden, wie „im heutigen Deutsch geschichtliche Kräfte wirksam sind“ (BURGER 1996: 30). Gerade dieser Aspekt lässt sich laut BURGER (1996: 25) als „didaktisches Hilfsmittel“ nutzen. So kann beispielsweise bei Unikalia

     die historische Herleitung eine Art Hintergrundwissen vermitteln, das ein undurchsichtiges sprachliches Element (Kerbholz) durchsichtig, d. h. einsehbar macht. Mit anderen Worten: Den Deutschlernenden nützt die historische Herleitung zwar nicht direkt für die synchrone Praxis, aber sie stört den Lernprozess nicht, vielmehr bietet sie eine Art willkommene Lernstütze. (BURGER 1996: 26)

2)  Neben diesem historischen Aspekt wäre eine kontrastive Perspektive hilfreich. Den Lernenden könnte verdeutlicht werden, dass formelhafte (Ir-) Regularitäten auch in ihrer Muttersprache auftreten. Der Vergleich der fremdsprachlichen Typen formelhafter (Ir-)Regularitäten mit denjenigen des Deutschen könnte das Phänomen der formelhaften (Ir-)Regularitäten verständlicher machen und auf diese Weise den Lernprozess erleichtern. ← 410 | 411 →

Insgesamt lässt sich festhalten, dass – ebenso wie es KLEIN (2000: 80) in Bezug auf sprachliche Zweifelsfälle einfordert – der Behandlung formelhafter (Ir-) Regularitäten im DaF-Unterricht besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Neben der reinen Vorstellung des Phänomens als solches und den verschiedenen Typen formelhafter (Ir-)Regularitäten sollte vor allem ihr historischer Hintergrund thematisiert, ein Abgleich mit phraseologischen Besonderheiten der Muttersprache vorgenommen und in einigen Fällen der „irreguläre“ Charakter dieser Erscheinungen relativiert werden. Mithilfe dieses Vorgehens kann den Schwierigkeiten der Vermittlung phraseologischer Besonderheiten im DaF-Unterricht entgegengewirkt, diese Fehlerquelle im phraseologischen Erwerb des Deutschen beseitigt und das phrasemidentifizierende Potenzial formelhafter (Ir-)Regularitäten aufgezeigt werden.

20.2  Formelhafte (Ir-)Regularitäten und Phraseologieforschung: Impulse und Tendenzen

20.2.1  Der Blick nach innen: Phraseologieinterne Impulse und Tendenzen

Betrachtet man größere (sprach-)wissenschaftliche Arbeiten, lassen sich grob zwei unterschiedliche Vorgehensweisen feststellen: Entweder zeichnet sich eine Arbeit dadurch aus, dass sie sich einer aktuellen (Forschungs-)Tendenz anschließt und an Themen anknüpft, die innerhalb der jeweiligen (Teil-)Disziplin sozusagen in aller Munde sind, oder sie richtet sich gezielt gegen aktuelle Tendenzen und behandelt einen Bereich, der nicht dem Status quo entspricht. Die vorliegende Arbeit wählt mit dem Untersuchungsgegenstand der formelhaften (Ir-) Regularitäten den letztgenannten Weg. Sie richtet sich rein thematisch gegen die aktuelle phraseologische Tendenz, die darin besteht, sich in Richtung peripherer Klassen zu orientieren (also beispielsweise Kollokations- und Routineformelforschung) und den ehemals im Kernbereich befindlichen Erscheinungsformen ihre Zentralität und Wichtigkeit abzusprechen. Die Arbeit zeigt aber, dass davon keineswegs die Rede sein kann: Formelhafte (Ir-)Regularitäten stellen keine marginalen, zu vernachlässigenden Erscheinungen dar, zumal sie sich bei weitem nicht nur auf den traditionellen Kernbereich der Idiome beschränken.

Darüber hinaus orientiert sich die Arbeit aus methodischer Sicht an jüngeren und jüngsten Entwicklungen, indem sie empirisch auf die Korpusanalyse und theoretisch u. a. auf die Konstruktionsgrammatik zurückgreift. Diese Arbeitsweise verdeutlicht, dass neuere, innovative Methoden und Theorien und scheinbare forschungsgeschichtliche „Relikte“ wie formelhafte (Ir-) ← 411 | 412 → egularitäten nicht unvereinbar sind; auch neuere Methoden und Theorien können ältere – bereits aus den Augen verlorene – Bereiche „wiederbeleben“ und ermöglichen es, diese aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Dies gilt nicht nur für die Phraseologie als solche, sondern auch für die Sprachwissenschaft allgemein. Die Intention der Arbeit ist es, die vermeintliche Marginalität, die einigen (Untersuchungs-)Bereichen seitens der Phraseologie bzw. der Linguistik in den letzten Jahrzehnten introspektiv zugeschrieben wurde, nicht einfach – ohne empirische Überprüfung – hinzunehmen, sondern gerade diese vermeintliche Marginalität in Anbetracht neuer empirischer Methoden und Sprachtheorien zu überprüfen.299

Der Impuls der Arbeit besteht demzufolge darin, in Zukunft Bereiche in neuere (Forschungs-)Entwicklungen, -methoden und -theorien miteinzubeziehen, von deren peripheren und vernachlässigbaren Status man bisher (auf eine gewisse voreingenommene und vor allem introspektive Art) überzeugt gewesen ist. Eine solche Vorgehens- und Betrachtungsweise kann alte, bislang kaum hinterfragte (Vor-)Urteile relativieren oder sogar revidieren. So erscheinen beispielsweise angesichts der Ergebnisse der vorliegenden Arbeit die beiden phraseologischen Modelle des Zentrum-Peripherie-Modells und des Ebenen-Modells in einem anderen Licht: Das phraseologische Spektrum gestaltet sich im Hinblick auf „irreguläre“ Ausprägungen (seien sie auf semantischer, morphologischer, syntaktischer etc. Ebene) vielschichtiger, heterogener und fließender als bisher angenommen. Im traditionellen Sinne zentrale, weil „irreguläre“ Wendungen finden sich in allen Klassen und somit auch in der Peripherie. Die kleine Spitze des Ebenen-Modells ist daher nicht so klein bzw. die breiten (Basis-) Ebenen nicht so „regulär“, wie es FEILKE (2004) – von einem rein theoretischen Standpunkt aus – annimmt.

20.2.2  Der Blick nach außen: Phraseologie im sprachwissenschaftlichen Diskurs

Die heutige Phraseologie ist in weiten Teilen geprägt von der Betrachtungsweise von Einzelphänomenen sowie von einem starken kontrastiven Blick. Die zahlreichen „Phraseme in XY“-Arbeiten (z. B. „Phraseme in [beliebige Textsorte]“) sowie die kontinuierlich erscheinenden sprachvergleichenden Studien (z. B. „[beliebige Phrasemklasse] in [beliebige Sprache 1] und [beliebige Sprache 2] – kontrastiv“) ← 412 | 413 → gelangen zwar durchaus zu wertvollen Erkenntnissen für die Phraseologie als solche, sie können aber nur schwer dazu beitragen, ihr als linguistische Forschungsdisziplin zu einem entscheidenden Bedeutungs(zu)gewinn im sprachwissenschaftlichen Diskurs zu verhelfen.300 So ist und bleibt die Phraseologie heutzutage immer noch eine Randdisziplin – zumindest aus Sicht der meisten größeren und etablierten (Teil-)Disziplinen wie Morphologie, Syntax, Semantik oder Pragmatik. Von einer „Phraseologiezentrierung“ (DOBROVOLSKIJ 1992: 29) kann, sofern man die rosarote (Phraseologie-)Brille absetzt, nicht die Rede sein.301

Als linguistische Forschungsdisziplin kann sich die Phraseologie nur dann einen höheren Stellenwert erarbeiten, wenn sie bereit ist, einen Blick über den (phraseologischen) Tellerrand zu werfen, sprich sich mit neuesten empirischen ← 413 | 414 → Methoden sowie aktuellen sprachtheoretischen Ansätzen auseinanderzusetzen.302 Phraseologen haben selbst dafür Sorge zu tragen, den Anschluss an andere (Nachbar-)Disziplinen nicht zu verlieren. Zukünftige Studien sollten daher nicht im „phraseologischen Elfenbeinturm“ verharren, sondern darum bemüht sein, ihre Ergebnisse sowohl inner- bzw. interdisziplinär als auch vor dem Hintergrund einer größeren sprachtheoretischen Einordnung zu betrachten. Die Angst, die innerdisziplinäre Vernetzung könne dazu führen, dass die Phraseologie als einheitliche Disziplin nicht mehr haltbar ist (siehe BÖHMER 1997), ist unbegründet; die Verknüpfung mit anderen Disziplinen führt mitnichten zu ihrer Auflösung.

Um ihre Eigenständigkeit bewahren zu können, muss die Phraseologie allerdings auch gezielt ihre – methodischen wie theoretischen – Erkenntnisse für andere Disziplinen attraktiv machen. Der Austausch sollte keineswegs einseitig sein; auch andere Bereiche können von der Phraseologie – die immerhin auf eine fast 50jährige Forschungstradition zurückblicken kann – profitieren. D. h. auch aus phraseologischer Perspektive kann (bzw. muss?) von anderen linguistischen Teildisziplinen erwartet (und gefordert?) werden, dass diese sie als (wichtigen) Forschungszweig wahrnehmen und sich nicht länger vor der offensichtlichen Tatsache verschließen, dass Idiomatik, Festigkeit, Formelhaftigkeit, Modellhaftigkeit, Musterhaftigkeit etc. keine Randerscheinungen innerhalb einer Sprache sind. Sprache selbst ist hochgradig auf unterschiedlichste Weise „vorgeformt“, weshalb Formelhaftigkeit „als ein Wesenselement von Sprache schlechthin verstanden werden muß“ (HEINEMANN 1984: 38). Dadurch, dass „sowohl das Verstehen als auch die Produktion sprachlicher Ausdrücke in einem außerordentlich hohen und bisher nur unzureichend erkannten und gewürdigten Maße, geprägt, das heißt, durch konventionelle Präferenzen bestimmt sind“ (FEILKE 1998: 72; Hervorhebung im Original), nimmt die Phraseologie nicht nur als wissenschaftliche Disziplin, sondern auch als Objektbereich eine zentrale Stellung ein. Auf die Allgegenwärtigkeit von sprachlicher Vorgeformtheit – im Sinne von „idiomatischer Prägung“ – verweist FEILKE (1996: 313; Hervorhebung im Original) nachdrücklich:

Sprache als Mittel der Kommunikation ist nicht auch idiomatisch, sie ist wesentlich idiomatisch! ← 414 | 415 →

Die vorliegende Arbeit versteht sich sowohl aus methodischer als auch (sprach-)theoretischer Sicht als Perspektivenöffner mit dem Ziel, die Stellung der Phraseologie im sprachwissenschaftlichen Diskurs zu stärken. Diese Stärkung kann nur durch eine geschickte Verbindung von Empirie und Theorie erreicht werden, die sich in der vorliegenden Untersuchung durch das Zusammenspiel korpusanalytischer Methodik und sprachtheoretischer Einbettung ausdrückt. So ist es insbesondere der hier bevorzugte Ansatz einer Vernetzung von Phraseologie, Korpuslinguistik und Konstruktionsgrammatik, der zukünftig zu einem Erkenntnisgewinn führen kann.303 Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Anwendung der Konstruktionsgrammatik auf die Phraseologie ohne empirische Analysen – besonders in Form der Korpusanalyse – nicht zu leisten ist (vgl. LASCH/ZIEM 2011: 3). Die Arbeit sieht sich demnach auch als Vorreiter eines solchen integrativen Ansatzes, indem sie sich nicht nur für eine korpusbasierte, an wirklichem Sprachgebrauch interessierte Phraseologie, sondern auch für die verstärkte Integration der Konstruktionsgrammatik in die Phraseologie einsetzt – und umgekehrt! Denn bislang werden konstruktionsgrammatische Fragen in der germanistischen Linguistik allgemein und der Phraseologie im Speziellen nur zögerlich aufgeworfen:

Bezogen auf den deutschen Sprachraum und die Gegenstandssprache Deutsch sind konstruktionsgrammatische Fragestellungen also noch weitgehend Neuland für die germanistisch-linguistische Forschung. (LASCH/ZIEM 2011: 2f.)

Die Arbeit betritt aus phraseologischer Sicht dieses „Neuland“. Sie zeigt, dass die Konstruktionsgrammatik für die Phraseologie eine in vielerlei Hinsicht gewinnbringende Theorie sein kann. So stellt sie ihr eine fruchtbare theoretische Basis zur Verfügung und ermöglicht dadurch eine umfassendere sprachtheoretische Verortung. Darüber hinaus kann sie der Phraseologie dabei behilflich sein, die Stellung innerhalb der Linguistik zu erreichen, die ihr seit Jahrzehnten vergönnt ist. Es ist nun also an der Zeit, diese Ressourcen zu nutzen, aber auch (immer wieder) kritisch abzuwägen, welche konstruktionsgrammatischen Ansätze der Phraseologie dienlich sein können und welche nicht bzw. welche Betrachtungsweisen der Konstruktionsgrammatik wirklich einen Mehrwert für phraseologische Fragestellungen und Forschungsfelder beinhalten.

Neben der stärkeren korpusanalytischen Methodik sowie der sprachtheoretischen Verortung plädiert die Arbeit zudem für eine historische/diachrone ← 415 | 416 → Betrachtungsweise. Sie ist davon überzeugt, dass „synchrone“ (phraseologische) Erscheinungsformen nur dann adäquat und erschöpfend beschrieben werden können, wenn auch diachrone Aspekte berücksichtigt werden. Die Grenze zwischen Synchronie und Diachronie ist ohnehin nicht als dichotomisch zu betrachten. Das Beharren auf einer genauen Trennung zwischen diesen beiden Ebenen ist bislang eher ein Hindernis als ein Vorteil phraseologischen Erkenntnisgewinns.

Insgesamt befürwortet die Arbeit trotz (oder gerade wegen) ihres (vermeintlich) phraseologiezentralen und -spezifischen Untersuchungsgegenstands generell die Ausweitung der Phraseologie im Hinblick auf unterschiedlichste Arten sprachlicher Vorgeformtheit. So zeigt sich nicht erst seit gestern, dass in zahlreichen alltäglichen (Sprech-)Situationen „sehr viel mehr ‚prefabs‘ verwendet werden, als sich der auf sprachliche Kreativität bedachte Sprecher eingestehen möchte“ (SCHMALE 2011: 178).304 Diese „prefabs“, sprich sprachlichen Fertigteile umfassen nicht nur Mehrwortverbindungen, d. h. klassische Phraseme und formelhafte Wendungen, sondern „eine Fülle ganz verschieden gearteter Ausdrücke und Strukturen in den verschiedensten Zusammenhängen“ (GÜLICH/KRAFFT 1998: 20). So manifestiert sich sprachliche Vorgeformtheit beispielsweise auch auf

    Wortebene in Gestalt von Wortbildungsmustern, auf die wir bei der Bildung neuer Wörter zurückgreifen (siehe u. a. FLEISCHER/BARZ 2012: 67–80), gegen die wir aber auch verstoßen können (siehe u. a. STEIN 2007b),

    Satzebene in Form valenztheoretischer Ansätze, die hervorheben, dass die Verbvalenz die (Leerstellen-)Struktur eines Satzes in Form von Satzbauplänen/-modellen vorgibt (siehe u. a. HERINGER 1988: 110–136 und VUILLAUME 2003),

    Textebene in Form der phraseologisch bereits gut erforschten formelhaften Texte (siehe u. a. DAUSENDSCHÖN-GAY u. a. 2007a und STEIN 2011a), aber auch in Form von Textgliederung(skonventionen) (siehe u. a. STEIN 2003) sowie Textsorten und Textmustern (siehe u. a. Fix 1999; HEINEMANN 2000; HEINEMANN/HEINEMANN 2002: 129–165 und STEIN 2004b) und ← 416 | 417 →

    Gesprächsebene/Sprachgebrauchsebene in Gestalt von kommunikativen Gattungen (siehe u. a. LUCKMANN 1986, 1988, 1992; GÜNTHNER/KNOBLAUCH 1994; GÜNTHNER 1995, 2006, 2010; DÜRSCHEID 2005b und IMO 2013b: 84–88), (konventionalisierten) Gesprächseinheiten und -strukturen (siehe u. a. SCHEGLOFF/SACKS 1973; SCHANK 1981; SPIEGEL/SPRANZ-FOGASY 2001; BRINKER/SAGER 2001: 57–115 und EHRHARDT/HERINGER 2011: 104–106) und rituellen Mustern in Gesprächen (siehe u. a. WERLEN 1979, 1984, 2001; HOLLY 1979; LÜGER 1980; PAUL 1990; RAUCH 1992 und WAGNER 2006).

Die Phraseologie wird sich zukünftig nicht davor verschließen können, diese „äußerst reichhaltige Palette an sprachlich Vorgeformtem“ (STEIN 1995: 106) und somit die gesamte (Trag-)Weite vorgeformter Sprachstrukturen in ihrer empirischen Analyse und Theoriebildung (noch stärker) zu berücksichtigen und sie mit bisherigen phraseologischen Ansichten und Fragestellungen in Verbindung zu bringen. Neben dem Feilkeschen Konzept der idiomatischen Prägung stellt die Konstruktionsgrammatik für die theoretische Erfassung dieser höchst heterogenen Erscheinungen sicherlich einen vielversprechenden Überbau zur Verfügung, unter dem sich diese subsumieren lassen. Denn sie bringt die notwendige Grundanschauung mit, indem sie im Gegensatz zu anderen Grammatiktheorien und ganz im Sinne des oben angeführten Zitats von FEILKE (1996: 313) davon ausgeht, dass Verfestigungen und sprachliche Schemata einen weit größeren Anteil in unserer Sprache haben als bisher vermutet. Mit IMO (2007: Anmerkung 13; Hervorhebung im Original) kann deshalb aus konstruktionsgrammatischer und ebenso phraseologischer Sicht sowie in Abgrenzung zu generativistischen Annahmen Folgendes festgehalten werden:

Sprache kann zwar unendlichen Gebrauch von endlichen Mitteln machen, die Realität zeigt jedoch, dass der Rekurs auf Vorgefertigtes eine der Hauptstrategien der Sprachverwendung darstellt.

Die vorliegende Arbeit versteht sich sowohl als Beitrag zur Erforschung der phraseologischen Empirie und Theorie insgesamt als auch zur Sprache des Neuhochdeutschen. Die Untersuchung zeigt, dass neuere empirische und theoretische Ansätze auch auf Phänomenbereiche angewandt werden können, die schon seit Längerem aus dem (phraseologischen) Blickfeld geraten sind. Gerade diese vernachlässigten Gebiete können durch neueste empirische wie theoretische Ansätze wieder eine für weitere Forschungen gewinnbringende Renaissance erfahren. Insgesamt – so muss nochmals betont werden – sollte die Phraseologie in Zukunft nicht weiter beharrlich den offensichtlichen Desideraten und Mängeln aus dem Weg gehen. Angesichts nicht zu ignorierender methodischer und ← 417 | 418 → theoretischer (Forschungs-)Lücken bleibt der Phraseologie noch einiges zu tun, um ihre Position im sprachwissenschaftlichen Diskurs zu stärken. Oder um es mit einer formelhaften (Ir-)Regularität auszudrücken: Die Phraseologie hat (auf ihrem Weg zu größerer sprachwissenschaftlicher Anerkennung) noch lange nicht fertig. ← 418 | 419 →


299  Als „Vorbild“ kann die Konstruktionsgrammatik fungieren. So baut diese auf den aus generativer Sicht peripher erscheinenden Phrasemen auf; sie rückt sie geradezu in den Mittelpunkt der Betrachtung.

300  Ich möchte den Sinn von phraseologischen Arbeiten, die den Phrasemgebrauch in bestimmten Textsorten untersuchen, keineswegs in Abrede stellen. Es ist aber leider häufig so, dass die Studien nicht über die zentrierte Einzelanalyse hinausgehen. Ein wirklicher Mehrwert kann dabei nur gewonnen werden, wenn die Ergebnisse einer solchen „Phrasem-Textsorten-Untersuchung“ in den größeren Zusammenhang übergeordneter theoretischer Überlegungen eingeordnet werden, wie dies beispielsweise in LENK/STEIN (2011) der Fall ist.

301  Diese Randstellung macht sich auch aus publikationstechnischer Perspektive bemerkbar. Exemplarisch habe ich mir hierfür die Publikationen im Verlag „De Gruyter“ angesehen. Bisher (Stand: Dezember 2014) sind nur wenige phraseologische Arbeiten innerhalb einer Reihe von De Gruyter erschienen (abgesehen von dem Band „Phraseologie“ in der Reihe „Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft“). So sind in den beiden – ehemals auf den Niemeyer Verlag zurückgehenden – Reihen „Linguistische Arbeiten“ fünf von 557 Bänden (HERRLITZ 1973; ROTHKEGEL 1973; HÄUSERMANN 1977; KORHONEN 1992c und SCHLÖMER 2002) und „Reihe Germanistische Linguistik“ acht von 302 Bänden (KOLLER 1977; HESSKY 1987; WOTJAK 1992; LEHR 1996; TAO 1997; DIETZ 1999; FRIEDRICH 2006 und KAMBER 2008) der Phraseologie zuzuordnen. In den von De Gruyter selbst ins Leben gerufenen Reihen „Studia Linguistica Germanica“ (insgesamt 120 Bände), „Linguistik – Impulse und Tendenzen“ (insgesamt 62 Bände) und „Sprache und Wissen“ (insgesamt 20 Bände) ist nur ein einziges phraseologisches Werk zu finden (RUEF 1995 – „Studia Linguistica Germanica“). Fasst man die Reihen zusammen, kommt man gerade einmal auf 14 phraseologische Werke von insgesamt 1061 (circa 1,3%)! Und auch in gängigen sprachwissenschaftlichen Einführungswerken wie ADAMZIK (2001), LINKE u. a. (2004) oder MEIBAUER u. a. (2007) wird die Phraseologie weitgehend ignoriert. Ausnahmen bilden die Einführungen von BUSCH/STENSCHKE (2008: 202–204), die zumindest am Rande auf Phraseme eingeht, und BERGMANN u. a. (2010), in der ein eigenständiges Phraseologie-Kapitel enthalten ist.

302  Damit verbunden ist auch die Frage, ob das traditionelle Zentrum-Peripherie-Modell der Phraseologie nicht besser aufgegeben werden sollte. Denn dieses ist nicht dafür geeignet, „die Phraseologie als integralen Bestandteil der Linguistik zu beschreiben. Es zementiert die Randständigkeit und verstärkt unseres Erachtens die sprachtheoretische Marginalisierung der Disziplin und ihres Gegenstandsbereichs“ (FEILKE 1996: 209).

303  Für eine solche „Empirie-Theorie-Verbindung“ bietet sich die Konstruktionsgrammatik vor allem deshalb besonders gut an, weil sie „sich durch ein klares Bekenntnis zu empirischer Forschung auszeichnet“ (STEFANOWITSCH 2011b: 16).

304  Vgl. auch ÁGEL (2004b: 67): „Sollte der sprachliche Normalfall nicht das Okkasionelle, sondern das Geprägte und Vorgeprägte sein, müssten Theorien und Methoden der Linguistik darauf umgestellt werden, dass die ad-hoc-Bildungen mehr oder weniger kreative Realisierungen idiomatisch geprägter und vorgeprägter Modelle darstellen, dass also die grammatischen Regeln auf der Basis dieser Modelle funktionieren.“