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Die Rezeption der Gestaltpsychologie in Robert Musils Frühwerk

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Karen Brüning

Im Mittelpunkt des Buches steht die Analyse der Wechselwirkung zwischen Robert Musils Frühwerk und der Gestaltpsychologie. Der österreichische Schriftsteller gilt als Wanderer zwischen den Welten der Wissenschaft und der Literatur. Er emanzipiert sich von der wissenschaftlichen Psychologie und setzt ihr eine auf psychologischen Erkenntnissen basierende Poetologie entgegen, in der besonders die Erkenntnisse der Gestalttheoretiker literarisch verarbeitet werden. In diesem Prozess, dessen Endpunkt der «Mann ohne Eigenschaften» darstellt, kommt dem Frühwerk eine besondere Bedeutung zu. Karen Brüning zeigt auf, wie Musil hier erstmals literarische Zugänge zu einem eigentlich psychologischen Erkenntnisinteresse erarbeitet: der Definition der Seele.
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1. Einleitung

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1.1 Robert Musil und die Wissenschaft der Seele

„Ich will nicht begreiflich sondern fühlbar machen“1, schreibt Robert Musil im Jahr 1906 und artikuliert damit bereits früh einen wesentlichen Anspruch an seine Dichtung. In dieser Äußerung zeichnet sich ein Spannungsfeld ab, das in der Literatur der Jahrhundertwende im Allgemeinen und in Musils Werk im Besonderen eine wesentliche Bedeutung hat: es ist die Differenzierung zwischen (Natur-) Wissenschaften und Literatur. Diese beiden Domänen sind auch in seinem Lebenslauf dominant; Musil schließt nicht nur das Studium der Ingenieurswissenschaften, sondern später auch noch ein Psychologiestudium erfolgreich ab. Dabei fällt seine Studienzeit am Berliner Institut für Psychologie in eine Periode des radikalen Umbruchs: Unter der Leitung von Carl Stumpf, der auch Musils Doktorvater ist, entwickelt sich eine neue Generation von Wissenschaftlern, deren Anliegen es ist, die bis dahin deutlich von der Philosophie geprägte Psychologie zu reformieren und zu modernisieren. In dieser Genese zur eigenständigen Wissenschaft spielt die Hinwendung zu experimentellen Untersuchungen von psychischen Phänomenen eine wichtige Rolle – ein Prinzip, das neben Carl Stumpf in Berlin auch Wilhelm Wundt in Leipzig unterstützt. Ihre Schüler sind es, die die Erkenntnisse aufnehmen und zu einem eigenständigen Forschungszweig ausbauen: die Gestaltpsychologie entsteht. Nicht nur in Berlin wird der Aspekt der Gestaltqualitäten untersucht, auch am Lehrstuhl von Alexius Meinong in Graz wird die Frage nach Gestalten in der Wahrnehmung eruiert. Dabei sind die Ergebnisse dieser Forschungsbemühungen verschieden – in der vorliegenden...

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