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Die Rezeption der Gestaltpsychologie in Robert Musils Frühwerk

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Karen Brüning

Im Mittelpunkt des Buches steht die Analyse der Wechselwirkung zwischen Robert Musils Frühwerk und der Gestaltpsychologie. Der österreichische Schriftsteller gilt als Wanderer zwischen den Welten der Wissenschaft und der Literatur. Er emanzipiert sich von der wissenschaftlichen Psychologie und setzt ihr eine auf psychologischen Erkenntnissen basierende Poetologie entgegen, in der besonders die Erkenntnisse der Gestalttheoretiker literarisch verarbeitet werden. In diesem Prozess, dessen Endpunkt der «Mann ohne Eigenschaften» darstellt, kommt dem Frühwerk eine besondere Bedeutung zu. Karen Brüning zeigt auf, wie Musil hier erstmals literarische Zugänge zu einem eigentlich psychologischen Erkenntnisinteresse erarbeitet: der Definition der Seele.
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5. ‚Vereinigungen‘ – Ein literarisches Experiment zur Negierung des Kausalzusammenhangs

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Wenn man sagt: in der Neigung zu einem Tier kann partiell etwas von der Hingebung an einen Priester sein, oder: eine Untreue kann in einer tieferen Innenzone eine Vereinigung sein - so hat man die Basis von Veronika und Claudine umschrieben. Es ist nicht mehr darinnen als dies. Freilich ist jetzt der Innenbereich mit einer subtilen Mannigfaltigkeit gefüllt.373

schreibt Robert Musil in sein Tagebuch und umreißt damit die Handlung zweier enorm komplexer Novellen,374 die – „radikal avantgardistisch“375 – dem Rezipienten bis heute eine große Abstraktionsleistung abverlangen. Die ‚Vereinigungen‘, bestehend aus den Novellen ‚Die Vollendung der Liebe‘ und ‚Die Versuchung der stillen Veronika‘, erscheinen im Jahr 1911. Bereits 1908 entsteht eine frühe Fassung von ‚Die Versuchung der stillen Veronika‘, die unter dem Titel ‚Das verzauberte Haus‘ im Jahr 1908 publiziert wird. Eigentlich plante Robert Musil eine zweite Erzählung in ähnlichem Stil, die unmittelbar folgen sollte. Der Text, der als entspannte „Gelenkprobe“376 geplant war und sich schnell und einfach schreiben lassen sollte (im Stile von „Skizzen à la Maupassant“377), entwickelte sich zu einer mehrjährigen Herausforderung, an der Musil beinahe gescheitert wäre. Er selbst schreibt rückblickend: ← 125 | 126 →

Nun wird es für den, der die ‚Vollendung der Liebe‘ gelesen hat, wohl kaum einen unverständlicheren Gegensatz als den geben, der zwischen dieser Absicht und ihrer Ausführung bestand. Er ist ungefähr ebenso gross wie der zwischen dem Vorsatz, schnell eine kleine Geschichte zu schreiben, und dem...

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