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Erinnerung sichtbar machen

Braunschweiger Vorträge zur Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands 2009/2010

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Matthias Steinbach and Michael Ploenus

Der Band versammelt die Beiträge der Vortragsreihe Geteilte Erinnerungen – deutsche Geschichten, die im Wintersemester 2009/2010 an der TU Braunschweig stattfand. Sie spürt jenen deutsch-deutschen Geschichten nach, die sich im Schatten der Mauer zugetragen haben und sich – wie deren Splitter – verstreuen und verflüchtigen. Selbst harte politisch-militärische Grenzen wie der römische Limes, die chinesische Mauer oder Europas Eiserner Vorhang unterliegen am Ende dem Naturgesetz des Wandels – von einer trennenden Demarkationslinie und Angstzone hin zu einem verbindenden Kulturraum. Allerdings, und insofern stimmt das mit dem Naturgesetz nur bedingt, geschieht derlei nie von selbst. Man muss die Dinge anfassen und die Frage nach den Geschichten dahinter stellen. Es ist an uns, sie zu erzählen, wieder und wieder.
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Über deutsche Teilung und Einheit reden

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Während die chinesische Mauer noch vom Mond aus mit bloßem Auge erkennbar sein soll, ist der „Eiserne Vorhang“, der sich nach Churchills schauerlich schöner Metaphorik 1945 über Europa und die Welt senkte, wenige Jahre, nachdem er außer Dienst gestellt wurde, kaum mehr auffindbar – fast wie Karthago nach dem dritten Punischen Krieg. Die meisten Berliner Mauerteile sind inzwischen in alle Welt verstreut, und Touristen Fragen notorisch: Wo ist denn nun die Mauer (gewesen)? Man könnte sagen: gut, dass sie verschwunden ist, und wer wollte diesem menschenfeindlichen Machwerk ernsthaft nachtrauern? Lieber schnell vergessen und mit Nietzsches kritischer Historie dem Leben dienen, indem man „die Kraft haben und von Zeit zu Zeit anwenden [muss], eine Vergangenheit zu zerbrechen und aufzulösen“1. Dabei scheinen harte politisch-militärische Grenzen, wie der römische Limes, die chinesische Mauer oder eben Europas Eiserner Vorhang, am Ende doch immer dem Naturgesetz der Aufweichung und des Wandels – von einer trennenden Demarkationslinie und Angstzone hin zu einem verbindenden Kulturraum – zu unterliegen. Irgendwann folgt auf den Krieg die Kunst und auf den Panzer das Fahrrad, und nach der Weisheit des Laotse besiegt das weiche Wasser mit der Zeit den harten Stein2. Allerdings, und insofern stimmt das mit dem Naturgesetz nur bedingt, geschieht derlei nie von selbst. Man muss die Dinge anfassen und mit der Frage nach der Mauer die Frage nach den Geschichten stellen, die sich in ihrem Schatten zugetragen haben, nach jenen deutsch-deutschen Geschichten also, die sich wie die Mauersplitter verstreuen und...

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