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Erinnerung sichtbar machen

Braunschweiger Vorträge zur Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands 2009/2010

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Matthias Steinbach and Michael Ploenus

Der Band versammelt die Beiträge der Vortragsreihe Geteilte Erinnerungen – deutsche Geschichten, die im Wintersemester 2009/2010 an der TU Braunschweig stattfand. Sie spürt jenen deutsch-deutschen Geschichten nach, die sich im Schatten der Mauer zugetragen haben und sich – wie deren Splitter – verstreuen und verflüchtigen. Selbst harte politisch-militärische Grenzen wie der römische Limes, die chinesische Mauer oder Europas Eiserner Vorhang unterliegen am Ende dem Naturgesetz des Wandels – von einer trennenden Demarkationslinie und Angstzone hin zu einem verbindenden Kulturraum. Allerdings, und insofern stimmt das mit dem Naturgesetz nur bedingt, geschieht derlei nie von selbst. Man muss die Dinge anfassen und die Frage nach den Geschichten dahinter stellen. Es ist an uns, sie zu erzählen, wieder und wieder.
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Glasnost in der Schule – historisches Lernen als Grenzüberschreitung

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Ein berühmter Göttinger Kollege, Siegfried A. Kaehler, hatte im September 1945 seine liebe Not mit einem Aufklärungsvortrag zur Außenpolitik des NS, den er für Pädagogen der Provinz Hannover vorbereitete: „Nun sitze ich in der Patsche“, schreibt er an den Bruder. „Die arme Lehrerschaft, welche nun wieder ‚umgeschult‘ werden soll; umlernen nach 1918 von Schwarz-Weiß-Rot auf Schwarz-Rot-Gold, umlernen 1933 auf Hakenkreuz mit roter Grundlage, umlernen 1945 diesseits des Harzes auf westeuropäische Demokratie, jenseits des Harzes auf gemäßigten oder radikalen Marxismus – was soll da noch vom deutschen Charakter übrig bleiben?“1

Nun sind Sie (zum Glück) nicht alle Lehrer, und ich trete hier nicht an, deutschen Charakter zu bilden, auch wenn mir Deutschland durchaus am Herzen liegt. Gleichwohl weist die Einlassung auf Zweierlei hin, das mir für die Konturen dieser Vortragsreihe wichtig erscheint: Zum einen darauf, dass Grenzüberschreitungen in einem faktischen wie metaphorischen Sinne immer etwas mit Umlernen zu tun haben, mit Kulturerfahrung anderer oder neuer, auch schmerzlicher Art; zum Zweiten, dass, wenn wir in Deutschland über Grenzen und Grenzziehungen nachdenken, wir nicht nur an zerschnittene Räume, sondern auch an voneinander getrennte Zeitläufte, sich widersprechende politische Systeme und konkurrierende Mentalitäten, mithin an eine ideologische wie staatliche Zerklüftung zu denken haben, die anderswo selten ist. Daher unser Interesse an den „Geteilten Erinnerungen“ und den deutschen Geschichten als einer besonderen Herausforderung für Forschung und Vermittlung hier in BS.

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