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Astrologie in der Europäischen Religionsgeschichte

Kontinuität und Diskontinuität

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Gustav-Adolf Schoener

Diese religionswissenschaftliche Untersuchung verfolgt die europäische Tradition der Astrologie von ihren orientalischen Anfängen bis in die Gegenwart. Als ein Sammelbegriff unterschiedlicher auf den Kosmos bezogener Lehren und Praktiken ist die Astrologie einerseits ein in sich konsistentes kulturelles Phänomen. Andererseits scheint es, dass sie mit der Überwindung des geozentrischen Weltbildes durch Kopernikus und Kepler ihre Begründung verloren hat und nur als «intellektuelle Regression» (Theodor W. Adorno) weiterhin bestehen kann. Dieser Auffassung steht die hier begründete These entgegen, dass die Astrologie den Wechsel der Weltbilder unbeschadet überleben konnte, weil die Begründungsmuster jenseits der rein naturwissenschaftlichen Perspektiven liegen. So hat sich die Astrologie als moderne individualisierte Religiosität auch in westlichen Gesellschaften etabliert.
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4. Der physische Einfluss der Gestirne: Die Astrologie als falsch verstandene Naturwissenschaft

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4.   Der physische Einfluss der Gestirne: Die Astrologie als falsch verstandene Naturwissenschaft

In einigen astrologischen Schriften der Spätantike und des Mittelalters wird statt der Analogie zwischen Mensch und Kosmos ein physischer Einfluss der Gestirne zugrunde gelegt – zumindest wenn man diese Schriften auf den ersten Blick liest. Es handelt sich um solche Schriften, die sich erkennbar auf die Naturlehre und die Kosmologie des Aristoteles beziehen. Die bekannteste und für nachfolgende Astrologengenerationen einflussreichste Schrift dieser Art ist die Tetrabiblos des Claudius Ptolemäus. Auf diese aristotelisch begründete Astrologie beziehen sich die zu Beginn genannten kritischen Beiträge mit naturwissenschaftlichem Hintergrund.

Ein wesentliches Argument dieser naturwissenschaftlichen Kritik an der Astrologie bezieht sich auf die physikalischen Aspekte dieser ptolemäisch-aristotelischen Deutung der Astrologie, vernachlässigt dabei aber den in Kapitel 3 beschriebenen Transzendenzcharakter der Astrologie als ein wesentliches Strukturelement ihrer Begründung. Die Betonung der physikalischen Grundlagen der Astrologie führte schließlich zu der Annahme, die Astrologie sei generell und unlösbar an das geozentrische Weltbild gebunden.650 Daraus ergibt sich die Folgerung, dass die Astrologie vor dem Hintergrund astronomischer Kenntnisse nach der Ablösung des geozentrischen Weltbildes jede Begründung verlieren muss, weshalb sie auch als „residuale (Pseudo-)Wissenschaft“651 bezeichnet worden ist.

Im Folgenden soll es darum gehen, auf diese naturwissenschaftliche Kritik an der Astrologie noch einmal direkt zu reagieren, die Spur einer naturwissenschaftlich-geozentrischen Argumentationslinie im Detail zu verfolgen und vor dem Hintergrund der bisherigen Ergebnisse zu diskutieren. Als Beispiel soll ein ausf...

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