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Selbstdarstellung in der Wissenschaft

Eine linguistische Untersuchung zum Diskussionsverhalten von Wissenschaftlern in interdisziplinären Kontexten

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Lisa Rhein

Selbstdarstellung, Image- und Beziehungsarbeit spielen in der Wissenschaft eine zentrale Rolle. Dieses Buch untersucht aus vornehmlich gesprächsanalytischer Perspektive, wie Images und Beziehungen der Akteure interaktiv konstituiert und ausgehandelt werden. Im Fokus stehen dabei Fachdiskussionen von Wissenschaftlern auf interdisziplinären Konferenzen. Grundlage ist ein von Soziologie und Psychologie befruchtetes linguistisches Methodeninventar. Die Autorin zeigt, wie Wissenschaftler in Diskussionen Images aufbauen, angreifen und verteidigen, wobei die Fachidentität der Akteure von zentraler Bedeutung ist. Sie erklärt ebenso, wie Wissenschaftler Kompetenz – auch bei vorhandenem Nichtwissen – signalisieren und Humor zur Beziehungsgestaltung nutzen.
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6 Zur Rolle der Fachidentität in interdisziplinären Diskussionen

6  Zur Rolle der Fachidentität in interdisziplinären Diskussionen

Im Kontext der untersuchten interdisziplinären Tagungen treten Thematisierungen der Fachidentität bzw. des disziplinären Hintergrunds häufig auf. Da kein Vergleichskorpus vorliegt, kann nicht entschieden werden, ob dieses Phänomen eine Besonderheit interdisziplinärer Diskussionen darstellt, oder ob es auch in mono-disziplinären Kontexten vorkommt84. Im vorliegenden Korpus zeigt sich zumindest, dass sowohl eigene als auch fremde Fachidentität(en) und disziplinäre Hintergründe in Diskussionen relevant gemacht werden. Im Kontext einer Untersuchung des Selbstdarstellungsverhaltens von Wissenschaftlern erscheint eine Analyse der Thematisierung von Identität im Sinne des „Selbst“ in den Diskussionen als notwendig. Daher lauten die zentralen Fragestellungen des Kapitels: 1) Welche Funktionen hat das Thematisieren der eigenen disziplinären Zugehörigkeit in der Kommunikation? 2) Wann und wie wird Fachidentität kommuniziert? Dazu wird in einem ersten Abschnitt das Thema Fachidentität knapp theoretisch bearbeitet (Kap. 6.1), bevor in einem nächsten Abschnitt die Ergebnisse der Analyse von Fachidentitätskommunikation in den Diskussionen präsentiert werden (Kap. 6.2).

6.1  Methodische Anreicherung

Identität und Identitätskonzepte sind in der Psychologie und Soziologie vielfach untersucht worden. Vor allem Soziologen und Sozialpsychologen haben Definitionen und Konzepte von Identität vorgelegt, die zum Teil heterogen sind und je ← 283 | 284 → nach gesellschaftlichen Umständen und Strömungen variieren85. In der vorliegenden Arbeit lege ich die sprachwissenschaftliche Definition von Kresic (die einen konstruktivistischen Ansatz verfolgt) zugrunde:

Identität wird verstanden als plurales, multiples Gebilde, das sich ausdifferenziert in verschiedene, kontextspezifisch konstruierte (Teil-)Identitäten. Wesentliches Kennzeichen postmoderner Identität sind zum einen ihre Dynamik und Flexibilität und zum anderen ihre (kommunikative) Konstruiertheit. Identitäten sind patchworkartig zusammengesetzte, zu einem wesentlichen Teil medial-sprachlich und dialogisch-kommunikativ erzeugte Konstrukte, die aus dem grundsätzlichen Sein-In-der-Sprache eines jeden Individuums ihre Kohärenz schöpfen. Die verschiedenen Teil-Identitäten werden konstituiert durch die verschiedenen Einzelsprachen, Sprachvarietäten, -stile und -register, die der Einzelne beherrscht. (Kresic 2006: 224)

Identität ist demnach immer sprachlich konstruiert, mehrschichtig, multipel und dynamisch (vgl. auch ebd.: 251). Die Selbstkonstruktion vollzieht sich in der Gesellschaft und daher immer in Bezug auf andere. Dabei wird zwischen einer personalen und einer sozialen Identität unterschieden:

Das Individuum konstruiert sich, indem es einerseits wie niemand anders/einzigartig und idiosynkratisch spricht (= personale Identität) und indem es andererseits wie jeweils bedeutsame andere, d. h. sozial akzeptabel und verständlich kommuniziert (= soziale Identität). Zwischen diesen beiden Polen gilt es eine Balance zu finden. (ebd.: 156f.)

Was „sozial akzeptabel“ (ebd.) ist, wird durch gesellschaftliche (auch sprachliche) Normen bestimmt. Identitätskonstruktion bedeutet in diesem Sinne auch, die in einer Sprachgemeinschaft geltenden Normen zu übernehmen und entsprechend dieser Normen zu kommunizieren (vgl. ebd.: 225, 252).

Kresics Identitätsdefinition kann sehr gut für die Untersuchung von Fachidentität herangezogen werden: Fachidentität wird bereits während des Studiums in einer Gemeinschaft als Teilidentität ausgebildet und entwickelt. Dabei spielen die in der scientific community geltenden Normen und Werte sowie die Fachsprache eine entscheidende Rolle, wie auch Janich betont:

Man wird Experte in einem Fach dadurch, dass man die fachspezifischen Gegenstände und Sachverhalte mit fachspezifischem Erkenntnisziel und geleitet durch fachspezifische Methoden erforscht – und dies geschieht ganz wesentlich mit Hilfe von Sprache. (Janich 2012b: 94) ← 284 | 285 →

Sprache ist demnach nicht nur Medium, sondern ganz wesentlich Erkenntnisinstrument. Zudem dient sie der Bildung der „soziale[n] Identität“ (Kresic 2006: 156), also der Gruppenidentität:

Sprache kann dabei – über gruppenspezifisch geteilte Interessen hinaus – nach innen der gegenseitigen (Wieder-)Erkennung und als Zeichen von Zugehörigkeit dienen, nach außen der Gruppenkonsolidierung und der Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen oder Individuen. Damit wird sie zu einem Teil der Gruppenidentität. (Janich 2012a: 11; auch Janich 2012b: 95)

Im Zuge der Ausbildung einer individuellen Fachidentität wird also auch eine Gruppenidentität konstituiert (vgl. Kreitz 2000). Fachwissen, Methodenkompetenz und andere fachspezifische Kenntnisse sind wichtige Elemente der disziplinären Ausbildung, die sowohl Fähigkeiten und Fertigkeiten als auch fachkulturspezifische Sozialisation umfassen. Fachidentität und deren Ausdruck ist nach Hyland (2012) ganz wesentlich an die Sozialisation innerhalb der scientific community geknüpft:

To project an identity as an academic means buying into the practices of a discipline and handling its discourses with sufficient competence to participate as a group member. How individuals exchange information build alliances, dispute ideas and work together varies according to the group they belong to. (Hyland 2012: 15)

Zentral für die Fragestellung der vorliegenden Arbeit ist die Annahme, dass (Fach-)Identität in der Kommunikation verbal sichtbar ist. Die bisherigen Untersuchungen von Gotti (2012), Hyland (2002, 2012) und Resinger (2008) weisen Spuren der Identität86 in geschriebenen Fachtexten nach. Das folgende Zitat von Hyland belegt die enge Verbindung zwischen Identität und Kommunizieren – sei es schriftlich oder mündlich –, weswegen davon ausgegangen werden kann, dass Spuren von Identität auch in mündlicher Kommunikation zu finden sind:

Academic writing, and speaking, is […] an act of identity. The two are linked because writing is not just about conveying ‘content’ but about the representation of ‘self’: how we portray ourselves to others in our disciplines. (Hyland 2012: 17)

Am Beispiel des Schreibens zeigt Hyland, dass

writing inscribes particular versions of ourselves at the same time as we present our version of reality, using available discourses to both position ourselves to others and talk about the world. (ebd.) ← 285 | 286 →

Für die Bearbeitung der Frage nach Fachidentitäts-Thematisierungen in interdisziplinären Diskussionen muss zwischen der Identität der Disziplin (= Gruppenidentität) und der Identität einer Person, die dieser Disziplin angehört und sich mit dieser identifiziert (individuelle Fachidentität), unterschieden werden. Als Gründe für die im Korpus häufig auftretende Fachidentitäts-Thematisierung werden auf Basis der Daten die folgenden Aspekte interdisziplinärer Kommunikation vermutet:

Erstens treffen in interdisziplinären Diskussionen Wissenschaftler aufeinander, die unterschiedlichen Disziplinen angehören und verschiedene Denkstile, Normen und Werte, Methoden und Vorgehensweisen sowie unterschiedliche Kommunikationsstile mitbringen. Diese Personen müssen einen common ground herstellen, ihre eigenen Ansprüche teilweise zurückstellen und dennoch ihre Disziplin in der Diskussion vertreten (vgl. Bromme 2000: 116, 129).

Zweitens beruhen Fachidentität und das Selbstverständnis einer Disziplin auf einem Selbstbild, das in interdisziplinärer Zusammenarbeit nicht notwendigerweise dem Fremdbild entspricht. Das Selbstbild einer Disziplin oder einer Einzelperson wird also unter Umständen herausgefordert. Die so ausgelöste Auseinandersetzung mit der eigenen Fachkultur, mit Arbeitsweisen und Methoden erfordert eine intensive Reflexion der eigenen Fachidentität und der im Fach geltenden Werte, Verfahren und Ähnliches.

Drittens wird durch interdisziplinäre Zusammenarbeit die eigene Fachidentität nicht nur aufgerufen, sondern auch strapaziert. Es kommt nicht nur zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Fremddisziplinen und einer Reflexion der eigenen Fachidentität, sondern auch zu Abgrenzungs-, Übernahme- und Modifikationsprozessen innerhalb der eigenen Disziplin: Beispielsweise werden fremde Verfahrensweisen übernommen oder durch das Kennenlernen neuer Forschungsinhalte wird der eigene Horizont erweitert, was fachliche Normen, Methoden, Sprache etc. infragestellen oder bestärken kann. Individuelle oder disziplinäre Ziele müssen unter Umständen neu formuliert werden. Es wird davon ausgegangen, dass sich die Fachidentität durch interdisziplinäre Erfahrungen ändert; es gilt zu eruieren, inwiefern und wie viel.

Viertens ist Fachidentität eng mit Kompetenz und Expertenschaft verbunden: Wissenschaftler beanspruchen auf ihrem Forschungsgebiet spezielles Fachwissen sowie Methodenkenntnis für sich, verhalten sich im Normalfall der Fachkultur entsprechend und treten auf Konferenzen damit (bewusst oder unbewusst) als Repräsentanten ihrer Disziplin auf. Fachidentität beruht auf der Selbstwahrnehmung und dem Selbstbild, kompetenter Wissenschaftler in der eigenen Disziplin zu sein. Bei der Aushandlung und Legitimation von Wahrheits-, Kompetenz- und ← 286 | 287 → Zuständigkeitsansprüchen spielt daher der Verweis auf den eigenen disziplinären Hintergrund eine wichtige Rolle.

Fünftens erfordern interdisziplinäre Diskussionen umsichtige Kommunikation, das Bewusstsein um die Verschiedenheit der Fachkulturen und die unterschiedlichen Durchsetzungsinteressen. Grund hierfür ist, dass Interdisziplinarität die Kommunikation von Wissen erschwert: Nach Vollmer (2010: 61) müsse man (1) Wissen vereinfachen, was aber zu Verfälschungen führe; zudem (2) fördere Interdisziplinarität Verständnisschwierigkeiten (Problem der Nachvollziehbarkeit) und damit Missverständnisse, und (3) spielten Imagesicherungsbedürfnisse sowie individuelle Geltungsansprüche eine wichtige Rolle. Umsichtige Kommunikation schließt in interdisziplinären Kontexten ein, dass Wissensinhalte perspektiviert werden, um eine disziplinäre Zuordnung und korrekte Interpretation des Gesagten zu ermöglichen.

Das Aufeinandertreffen verschiedener Disziplinen und damit unterschiedlicher Fachidentitäten stellt also besondere Anforderungen an die Kommunikation. Interdisziplinäre Forschung ist durch folgende Aufgaben gekennzeichnet (vgl. ausführlich Kap. 3.3):

  Kommunikation der jeweiligen Wissensbestände und Forschungsfragen;

  Integration und Synthese von Methoden;

  Integration und Synthese von Fachsprachen/Terminologien;

  Aushandlung von Wissenschaftlichkeitskriterien;

  Gesamtsicht der Disziplinen auf ein Problem;

  Aushandlung von Experten- und Laienstatus;

  Prozesse der Verortung in der eigenen Disziplin sowie im interdisziplinären Kontext.

Daher sind folgende sprachliche Mittel erwartbar:

(a)  Repräsentativa zur

        Vorstellung von Forschungsinhalten, Methoden,

        Selbstvorstellung und individuellen fachlichen Verortung,

        Klärung und Definition von Terminologie,

        Sicherung des Kompetenzanspruchs;

(b)  Sprechhandlungen, die der Aushandlung von

        Synthesemöglichkeiten,

        zukünftiger Terminologieverwendung und

        zukünftigen Wissenschaftlichkeitskriterien dienen;

(c)  Fragen,

        die die Methoden (z. B. zu Funktion, Vorteil) und

        Terminologie (z. B. zu Bedeutung, Verwendungsweise) betreffen; ← 287 | 288 →

(d)  sprachliche Mittel

        der Abgrenzung (zu anderen Disziplinen) und

        der Perspektivierung.

Die genannten Aspekte interdisziplinärer Kommunikation und der Fachidentitäts-Thematisierung sowie die daher erwartbaren sprachlichen Mittel sind nachfolgend tabellarisch zusammengefasst (Tab. 30).

Tabelle 30:  Methodische Anreicherung: Interdisziplinaritäts- und fachidentitätsbezogene Kategorien – Zusammenstellung der Kategorien zu Interdisziplinarität.

Interdisziplinäre Forschung ist gekennzeichnet durchdaher erwartbare linguistische Mittel und Strategien
jeweilige Wissensbestände und Forschungsfragen müssen kommuniziert werden (vgl. Janich/Zakharova 2014)Repräsentativa zur Vorstellung von Forschungsinhalten; Mittel der Perspektivierung
Methodentransfer: Methoden unterschiedlicher Disziplinen werden integriert und synthetisiertRepräsentativa zur Vorstellung von Methoden; Fragen, die die Methoden betreffen (z. B. zu Funktion, Vorteil); Sprechhandlungen, die der Aushandlung von Synthesemöglichkeiten dienen
offen, welchen Vorteil eine interdisziplinäre Verortung bringt; Karriere ist zur Zeit eher innerhalb einer Disziplin möglich, da Wissenschaft noch immer disziplinär geprägt istRepräsentativa zur individuellen fachlichen Verortung; sprachliche Mittel der Abgrenzung (zu anderen Disziplinen)
Fachsprachen/Terminologien unterschiedlicher Disziplinen werden integriert und synthetisiertRepräsentativa zur Klärung und Definition von Terminologie; Fragen, die die Terminologie betreffen (z. B. zu Bedeutung, Verwendungsweise); Sprechhandlungen, die der Aushandlung von zukünftiger Terminologieverwendung dienen
Wissenschaftlichkeitskriterien sind heterogen, stehen zur Diskussion und müssen ausgehandelt werdenSprechhandlungen, die der Aushandlung zukünftiger Wissenschaftlichkeitskriterien dienen
Gesamtsicht der Disziplinen auf ein ProblemRepräsentativa zur Vorstellung von Forschungsinhalten; Mittel der Perspektivierung
unklare Experten- und Laienstatus: Man ist Experte in der eigenen Disziplin, aber immer gleichzeitig Laie in den anderen vertretenen DisziplinenRepräsentativa zur Vorstellung von Forschungsinhalten, ebenso zur Sicherung des Kompetenzanspruchs ← 288 | 289 →
Fachidentität und Verortung in der eigenen Disziplin sowie im interdisziplinären KontextRepräsentativa zur Selbstvorstellung und zur individuellen fachlichen Verortung; sprachliche Mittel der Abgrenzung (zu anderen Disziplinen, Schulen, Forschungsrichtungen)

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6.2  Thematisierung von Fachidentität in den Diskussionen

Aus der Analyse ergibt sich, dass das Benennen des disziplinären Hintergrunds bestimmte Funktionen in der Diskussion erfüllt, die ganz unterschiedlicher Art sein können. Angaben zur Fachidentität

1)  erläutern, aus welcher Perspektive ein Beitrag geäußert wird (Kap. 6.2.1),

2)  thematisieren disziplinäre Perspektiven, die Gegenüberstellung von Perspektiven sowie Interdisziplinarität (Kap. 6.2.2),

3)  zeigen Identifikation und Reflexion der Fachkultur und Arbeitsweise des Fachs (Kap. 6.2.3),

4)  signalisieren ggf. Distanzierung von der eigenen Disziplin (Kap. 6.2.4) oder

5)  dienen der Einleitung oder Verteidigung von Kritik (Kap. 6.2.5).

Auf die einzelnen Funktionen wird im Folgenden detailliert eingegangen. Inwiefern die Darstellung der Fachidentität der Verortung innerhalb der eigenen Disziplin sowie der Positionierung im Tagungskontext dient, wird im Fazit diskutiert.

6.2.1  Nennung der Fachidentität zur Perspektivierung des Beitrags

Angaben zur Fachidentität dienen dazu, den Beitrag eines Diskutanten disziplinär zuzuordnen. Im Korpus finden solche Perspektivierungen auf zwei Weisen statt, wobei die Funktion jeweils dieselbe ist: (a) in Form einer (mehr oder weniger ausführlichen) Selbstvorstellung zu Beginn eines Diskussionsbeitrags und/oder (b) in Form kurzer Identitätsnennungen oder Verweise inmitten eines Beitrags zur Erinnerung an bzw. zur Verdeutlichung der Perspektive.

a)  Selbstvorstellungen zu Beginn des Diskussionsbeitrags

Oftmals werden Diskussionsbeiträge mit einer kurzen Selbstvorstellung eingeleitet, vor allem dann, wenn es sich um einen ersten sprachlichen face-to-face-Kontakt handelt. Es werden sowohl der eigene Name, teilweise auch Disziplin und Universität genannt. Die Art, Dauer und Ausführlichkeit der Selbstvorstellung ← 289 | 290 → hängt offenbar vom eigenen Bedürfnis ab, sich auf der Tagung dem Vortragenden und dem Publikum gegenüber bekannt zu machen. Beispiele zeigen, dass solche einleitenden Selbstvorstellungen dazu dienen, sich im Tagungskontext zu positionieren, in der eigenen Disziplin zu verorten und die eigene Fachidentität herauszustellen.

Die folgende Sequenz verdeutlicht, dass sich für LingPwA die Notwendigkeit der Selbstvorstellung aus der Einordnung in den Tagungskontext ergibt: Ihre Einschätzung (wahrscheinlich), auf der Veranstaltung exotisch zu sein, also einer Disziplin anzugehören, die in einem solchen Kontext eher untypisch ist, begründet die Selbstvorstellung mit dem Namen, der Disziplinnennung (als explizite Selbstaussage) und der Stadt. Darauf folgen die Charakterisierung des Beitrags als Frage und das Nennen des inhaltlichen Anschlusses:

001LingPwA((räuspert sich)) ich hab_ich hab ((räuspert sich)) also ich bin sprachwissenschaftlerin
002 und äh soweit ich hier wahrscheinlich ä zu den exOten gehöre (.)
003 äm [Nachname] aus [Stadt]
004 und ich hatte ne frage zu ihrer letzten folie
005 grade mit diesen regeln (.) die sie gerade genannt haben=

Sequenz 49:   Diskutantin LingPwA in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden SozPm; TK 1_1: 001-005.

Die obige Sequenz enthält eine sehr knappe Form der Selbstvorstellung, die direkt in einen inhaltlichen Beitrag (Frage) übergeht. Das nächste Beispiel zeigt, dass solche Selbstvorstellungen sehr detailliert ausfallen und mit biografischen Daten angereichert werden können. Hinzuzufügen ist allerdings, dass dieser Beitrag eine Fokusdiskussion einleitet; eine ausführlichere Selbstvorstellung ist demnach gewünscht, da nur so die unterschiedlichen Perspektiven der Diskutanten deutlich und die Einordnung der Aussagen durch das Publikum möglich werden:

001PhyPmAzunächst zu meiner person ich bin PHYsiker (1.5) äh
002 und zwar von der (.) eher theoREtischen art also theoretisch matheMAtischer physiker
003 und nicht äh (.) von der experimenTIErenden art (1.5) ähm

[…]
014 und zunächst möcht ich aus der sicht des PHYsikers
015 also ich soll vielleicht noch ergänzen ich bin (.) physiker
016 und bin hier seit (1.5) mittlerweile DREIunddreißig jahren in [Stadt]
017 habe also an der universität [Stadt] (-) äh unterRICHtet und geFORSCHT (-) ← 290 | 291 →
018 und ich möcht jetzt aus (1.5) aus meinem erfahrungsbeREICH
019 mein beruflichen erfahrungsbereich zunächst über die (1.5)
020 ä emPIrischen (.) gewissheiten sprechen mit denen wir uns [ja ]
021eTheoPmA     [mhm]
022PhyPmAberuflich in erster linie beFASsen (--)

Sequenz 50:   PhyPmA in der Fokusdiskussion mit eTheoPmA; TK 3_1: 001-003, 014-022.

Zu Anfang des obigen Auszugs trifft PhyPmA sehr präzise Selbstaussagen im Hinblick auf die eigene disziplinäre Zugehörigkeit. Er verortet sich innerhalb seiner eigenen Disziplin in der eher theoretisch ausgerichteten Physik und grenzt sich damit von der experimenTIErenden Physik ab. Die Diskussion wird mit einem Theologen geführt, d. h. die fachlichen Unterschiede sind sehr groß; eine spezifische und ausführliche Eingrenzung des disziplinären Hintergrunds erscheint für die Diskussion an sich kaum relevant. Da der Diskutant aber viel Zeit darauf verwendet, seine Fachidentität klarzustellen, kann man folgern, dass es für ihn persönlich und im Tagungskontext sehr relevant ist, wie er seine Fachidentität vor dem Publikum definiert. Hinzu kommt, dass die disziplinäre Verortung mit biografischen Angaben zum Karriereweg unterfüttert wird. Er verweist auf langjährige berufliche Erfahrung in Forschung und Lehre, was als Nachweis der Kompetenz und Expertenschaft auf seinem Gebiet verstanden werden kann. PhyPmA macht deutlich, dass die von ihm getroffenen Aussagen aus der Perspektive der Physik gemacht werden (aus der sicht des PHYsikers). Diese Perspektivierung wird wieder aufgenommen, wenn er erklärt, dass er über das Thema (die empirischen Gewissheiten) aus seinem beruflichen erfahrungsbereich heraus berichtet; hierbei wird allerdings der erfahrungsbereich mit dem Attribut beruflichen ergänzt, wohl um deutlich zu machen, dass es nicht um persönliche, sondern um wissenschaftlich-professionelle Erfahrungen geht. Sodann spricht er auch nicht mehr von sich selbst als Individuum, sondern wechselt in die 1. Person Plural wir und uns. Es findet eine Identifikation mit dem Fach statt, in die er alle theoretisch forschenden Physiker einschließt.

Im interdisziplinären Kontext kann es relevant sein, sich von den anderen teilnehmenden Disziplinen abzugrenzen. So geschieht es im nachfolgenden Beispiel, wenn sich ein Mediävist selbst vorstellt und dabei sich und sein Fach mittels expliziter Selbstaussagen charakterisiert: ← 291 | 292 →

006MedDrmJA (.) also (--) mein name ist [Vorname Nachname]
007 ich hab mich ja schon VORgestellt ich bin (-) mediäVIST (--)
008 VIEL zu meinem fach möcht ich auch HEUte nicht SAgen
009 es ist nur so (--) dass ich eben (.) !KEIN! naTURwissenschaftler bin
010 ich beschäftige mich mit einer WIRKlichkeit (.) die verGANGen ist (-) äh (.) mit dem MITtelalter (-)

Sequenz 51:   MedDrm in der Fokusdiskussion mit InfoMaDrm; TK 3_9: 006-010.

Hier wird betont, dass man keiner naturwissenschaftlichen Disziplin angehört, sondern einer, die dem naturwissenschaftlichen Arbeiten entgegengesetzt ist. MedDrm erklärt in einem späteren Abschnitt, dass sich die naturwissenschaftlichen Möglichkeiten der Empirie und Mathematisierung in der Mediävistik als unbrauchbar erwiesen haben, da man sich mit der Vergangenheit und nicht mit der Gegenwart (und Zukunft) wie naturwissenschaftliche Disziplinen beschäftige. Daher stelle man andere Methoden zur Erforschung der Wirklichkeit bereit. Der Sprecher verortet sich somit im Tagungskontext und stellt sich und seine Arbeit in Kontrast zu den naturwissenschaftlichen Disziplinen.

b)  Präzisierung und Explizierung der Perspektive/Fachidentität inmitten eines Beitrags

Präzisierungen der Fachidentität werden auch inmitten von Beiträgen vorgenommen, und zwar offenbar dann, wenn subjektiv die Notwendigkeit im Diskussionszusammenhang dafür besteht bzw. sich aus der Diskussion ergibt. Das Nennen des disziplinären Hintergrunds dient dann dazu, im Beitrag die Perspektive des Sprechers zu verdeutlichen, ohne eine Selbstvorstellung vorzunehmen. Hierbei verortet sich der Akteur innerhalb seiner eigenen Disziplin, indem er sich als Anhänger einer bestimmten Schule, Fachrichtung etc. identifiziert. Dadurch wird einerseits die Fachidentität sprecherseitig präzisiert, andererseits aber auch hörerseitig die Interpretation des Gesagten beeinflusst, sodass die Äußerungsinhalte besser in den Kontext eingeordnet werden können.

Eine Form, die Perspektivierung der Äußerung vorzunehmen, besteht in der Formel ALS + ANGEHÖRIGER EINER DISZIPLIN, also beispielsweise als theologe (eTheoPmA, TK 3_1: 180; kTheoPm, TK 2_2: 124). Folgende Beispiele zeigen die Wirkung der Formel in den Diskussionen (die entsprechenden Formeln sind in den Transkripten unterstrichen). Im ersten Beispiel als theologe stimmt eTheoPmA seinem Diskussionspartner eingeschränkt zu, wobei er die Zustimmung aus der Perspektive des Theologen vornimmt: ← 292 | 293 →

180eTheoPmADA kann ich so insofern mitgehen (-) a ahm als ich zumindest als theologe auch die theo!RIE! hätte
181 dass auch unsere vernunft (.) ä immer als ge!FALL!ene vernunft begriffen werden muss ahm

Sequenz 52:   eTheoPmA in der Fokusdiskussion mit PhyPmA; TK 3_1: 180-181.

In einem anderen Beispiel ergibt sich für BioAnthPm mitten in der Fokusdiskussion offenbar die Notwendigkeit, auf seine Fachidentität hinzuweisen und diese zu konkretisieren:

010BioAnthPmwo ich einfach nur als (-) äh sagen (-) ORdentlicher
011 allerdings nicht naturaLIStischer (.) äm bioLOge sagen würde
012 das schrEckt mich NICHT

Sequenz 53:   BioAnthPm in der Fokusdiskussion mit BioPmA; TK 2_1: 010-012.

Die Präzisierung von BioAnthPm, ordentlicher, aber kein naturalistischer Biologe zu sein, dient einerseits der Perspektivenverdeutlichung, andererseits der Abgrenzung von Subdisziplinen, Schulen etc. Der Kontext dieser Sequenz zeigt, dass diese Abgrenzung deswegen hoch relevant ist, weil viele der anderen Wissenschaftler sich bereits zum Naturalismus bekannt haben. Um zu markieren, dass hier kein Konsens besteht, distanziert sich BioAnthPm explizit von der naturalistischen Sicht. Fraglich bleibt allerdings der Stellenwert des Attributs ORdentlicher; die Vermutung liegt aber nahe, dass es sich um eine Selbstzuschreibung handelt, die einen wissenschaftlichen Wert aufgreift: Den Wert der Ordnung oder auch Sorgfalt schreibt sich BioAnthPm selbst zu.

Ähnlich perspektivierend wie die bisher besprochene Formel ALS + ANGEHÖRIGER EINER DISZIPLIN wirkt die Formel DISZIPLIN + {ISCH}. bspw. in theoLOgisch gesprochen (eTheoPmA, TK 3_2: 414). Diese wird im folgenden Transkriptausschnitt verwendet:

414eTheoPmAund jetzt theoLOgisch gesprochen (.) äh wäre das das reich gottes (.) äh

Sequenz 54:   Vortragender eTheoPmA in der Plenumsdiskussion mit Diskutantin LingPwB; TK 3_2: 414.

Das Gliederungssignal und jetzt leitet in der obigen Sequenz einen neuen Abschnitt ein, der aus explizit theologischer Perspektive geäußert wird (theoLOgisch gesprochen). Hierdurch wird das vorherig Geäußerte von den Aussagen danach abgekoppelt und damit die persönliche von der fachlichen Perspektive unterschieden. Somit kann das Gesagte vom Hörer besser den verschiedenen Identitäten oder Perspektiven zugeordnet und stimmig interpretiert werden. ← 293 | 294 →

Die folgende kurze Sequenz ist ein Beispiel dafür, wie Zustimmung aus disziplinärer Perspektive erfolgen kann. Die präzise Nennung der Disziplin dient hier als Nachweis der Kompetenz und des Fachwissens und rechtfertigt damit den Beitrag:

122BioPmAalso ich bin molekularbiologe oder molekularer MIKRObiologe
123 und ich kann ihnen nur ZUstimmen

Sequenz 55:   BioPmA in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten IngPm und BioAnthPm; TK 2_2: 122-123.

Die Zustimmung erscheint als notwendig und alternativlos, was durch das Modalverb kann in Verbindung mit dem Gradpartikel nur signalisiert wird. Die explizite Unterstützung des vorangegangenen Sprechers demonstriert Konsens und soziale bzw. fachliche Nähe.

Die Perspektivierung des eigenen Beitrags spielt demnach eine wichtige Rolle bei der Positionierung im Tagungskontext und der Verortung in der eigenen Disziplin. Die Intensität der Selbstvorstellung und Selbstbeschreibung inmitten eines Beitrags hängt dabei vermutlich von individuellen, kontextspezifischen Bedürfnissen und Selbstdarstellungszielen ab.

6.2.2  Nennung der Fachidentität zur Kontrastierung von Disziplinen/Perspektiven

Im Material finden sich einige Sequenzen, in denen die Unterschiedlichkeit von disziplinären Perspektiven thematisiert wird. Hier werden nicht nur interdisziplinär angelegte Forschungsfragen in disziplinäre übertragen, sondern auch verschiedene Perspektiven einander gegenübergestellt. Die Möglichkeiten sind hier sehr vielfältig, wie aus dem Material hervorgeht: a) disziplinäre Perspektive auf ein interdisziplinäres Thema, b) Kontrastierung von theoretischer und praktischer Forschung, c) Kontrastierung von wissenschaftlicher und privater Identität, d) Signalisierung interdisziplinärer Identitäten. Diese werden im Folgenden erläutert und mit Beispielen belegt.

a)  Disziplinäre Perspektive auf ein interdisziplinäres Thema

Das folgende Beispiel zeigt, inwiefern die aktuelle Diskussionsfrage bzw. das strittige Problem in der eigenen Disziplin eine Rolle spielen könnte. Diskussionsthema im Beispiel ist die Frage nach der Komplexität von Lebewesen und was genau diese Komplexität ausmacht und definiert: ← 294 | 295 →

055IngPmähm (1.5) karl popper hat mal gesagt
056 leben ist auch ein (---) ja da dadurch charakterisiert
057 dass es ein bestimmtes WISsen hat und zwar wissen von naturgesetzen (---)
058 und i ich bin also ein eh ingenieur und ich (--) beschäftige mich mit prozessleitsystemen
059 und ich hab mal einfach mal überlegt (---) ä wie würde es denn sein
060 wenn ich den auftrag hätte eine spinne zu bauen (---)
061 und zwar nicht nur eine spinne zu bauen
062 sondern ein de en es (--) zu bauen oder eine de en a (-)
063 wo jetzt die geSAMte information drin steckt die eine SPINne braucht

Sequenz 56:   IngPm als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden BioAnthPm; TK 2_2: 055-063.

Das Forschungsproblem wird in der obigen Sequenz in eine disziplinär zu bearbeitende Aufgabe „übersetzt“, sodass die Komplexität von Information zu einem Konstruktionsproblem wird, das disziplinär bearbeitet werden kann. Dazu stellt sich der Diskutant kurz vor und nennt sowohl die eigene Disziplin als auch seinen Forschungsbereich. Durch das Übertragen des Problems in eine Konstruktionsaufgabe wird am Beispiel der Spinne das Thema konkretisiert und illustriert. Damit demonstriert IngPm zugleich seine Flexibilität, Kreativität und Spontaneität im Umgang mit interdisziplinär gestellten Forschungsfragen.

In den nächsten Beispielen wird deutlich, inwiefern Wissenschaftler auf Themen, die in einer Disziplin eine Rolle spielen, eingehen und aus ihrer disziplinären Sicht heraus kommentieren. Die folgende Sequenz zeigt, dass der Diskutant nur auf diejenigen inhaltlichen Elemente aus dem Vortrag referiert, die aus seiner disziplinären Sicht relevant sind:

008PhyPmBsie haben das an beispielen deutlich gemacht (-) und sie haben
009 und DAS ist für mich als physiker sehr interessant
010 die !RE!gelhaftigkeit MYStischer erfahrungen beschrieben
011 anhand der äh der erscheinungen der ENGel
012 wobei mir jetzt !IM!mer noch nicht klar ist
013 wie das mit dem abraham und seinen beiden engeln war und mit dem lamm und so weiter (-) ahm (--)
014 aber DAS ist ein deTAIL (.) ahm (--)
015 für MICH als experimenTALphysiker erscheint der christliche glauben als releVANT
016 da er äh regelhaftigkeit hat (.) auch eine gewisse prädiktion hat (.) und auch reale auswirkungen hat (.)

Sequenz 57:   PhyPmB in der Fokusdiskussion mit eTheoPmB; TK 3_3: 008-016. ← 295 | 296 →

Das Interesse an der Regelhaftigkeit und Prädiktion mystischer Erfahrungen ist aus der disziplinären Zugehörigkeit heraus begründet: und DAS ist für mich als physiker sehr interessant, für MICH als experimenTALphysiker erscheint der christliche glauben als releVANT. Die Fachidentität wird präzisiert, wodurch PhyPmB sich auch innerhalb der eigenen Disziplin verortet und seine Aussagen perspektiviert. Gleichzeitig positioniert er sich im Tagungskontext, da er sich als Experimentalphysiker bezeichnet und sich damit von den theoretischen Physikern, die auch auf der Tagung anwesend sind, abgrenzt.

b)  Kontrastierung von theoretischer und praktischer Forschung

In den untersuchten Diskussionen wird häufig der Unterschied zwischen empirisch und theoretisch arbeitenden Wissenschaftlern thematisiert, und zwar unabhängig von der Disziplin. Die beiden Perspektiven werden dabei in der Regel kontrastiert, wie das folgende Beispiel zeigt:

089ChemPmANEIN höchstens könnt sagen öh
090 jeder chemiker ist DANKbar (.)
091 wenn er von einem wissenschaftstheoretiker (.) vernünftige (.) äh hinweise bekommt
092 wie er seine experimente besser planen kann
093Modwunderbar ist ja vielleicht auch EIN grund weshalb wir zusammen sind

Sequenz 58:   Vortragender ChemPmA in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten PhilPmA und dem Moderator; TK 2_6: 089-093.

In der oben stehenden Sequenz werden die Bereiche Experimentelle Chemie und Wissenschaftstheorie (Letzteres in der Person eines Philosophen) einander gegenübergestellt. Es kann nicht eindeutig geklärt werden, ob es sich um eine ironische Äußerung handelt, was aber nicht auszuschließen ist. Auffällig ist, dass ChemPmA nicht für sich selbst, sondern für alle Chemiker in entpersonalisierter und verallgemeinerter Form spricht (jeder chemiker). DANKbar und vernünftige sind beide positiv konnotiert und bewerten daher die Aussage des Wissenschaftstheoretikers als positiv. Hier geht es allerdings auch um Kompetenz und Kompetenzansprüche, da man sich auch fragen könnte, inwiefern ein Theoretiker einen Empiriker bei seinen Experimenten vernünftig unterstützen könnte. Diese Betrachtungsweise würde allerdings eher auf Ironie hinweisen.

Eindeutig sarkastisch ist eine andere Äußerung von PhilPmA zu verstehen, wenn er vom wunderschöne[n] beispiel spricht:

156MaPmund wenn sie jetzt nicht eine seltsame definition von isotroPIE entwickelt haben (-)
157 dann muss der (-) antidesitterraum
158PhilPmA[ja ja ja      ] ← 296 | 297 →
159MaPmA[oder des desitterraum] ZUgelassen sein (-) und desWEgen muss dann (-) ah
160 kann dieser schluss nicht richtig SEIN
161PhilPmAein wunderschönes beispiel für die NICHTmathematiker
162 woher die modelltheoretiker ihre gewissheiten nehmen
163 (2.0) mehr sag ich jetzt nicht das können wir [jetzt]
164MaPm[hehe ]
165PhilPmAHIER nicht ausdiskutieren
166LingPwBja
167PhilPmA[ich ich beSTREIte de die]
168Publikum[((lacht))       ]
169PhilPmAf die stichhaltigkeit ihres modelltheoretischen zugangs
170 (-) zu dem was ICH sagen wollte (--) gut

Sequenz 59:   PhilPmA als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit einem anderen Diskutanten MaPm; TK 3_10: 156-170.

Auch hier werden Fachidentitäten als relevant angesehen und eine bestimmte Disziplin wird ‚vorgeführt‘. Der Beitrag adressiert explizit die Nicht-Mathematiker und enthält eine sehr zugespitzte Kritik an Modelltheoretikern. Abschließend fasst PhilPmA seine Kritik prägnant zusammen, worauf der kritisierte Diskutant MaPm nicht mehr eingeht.

Sarkastische Äußerungen sind nach Gruber unmittelbar beziehungsrelevant, da sie gegen eine Person gerichtet sind (vgl. Gruber 1996: 245; Schwitalla 2001: 1379). Sarkasmus löst damit soziale Distanz zwischen MaPm und PhilPmA aus, was durch den abrupten Abbruch der Diskussion noch verstärkt wird.

c)  Kontrastierung von wissenschaftlicher und privater Identität

Neben der Differenzierung von empirisch und theoretisch arbeitenden Wissenschaftlern können auch persönliche und wissenschaftliche Identitäten einer Person kontrastiert werden:

160PhyPmA=und ich wenn ich wenn ich als religiöser mensch physik betreibe
161 dann dann sind mal die beiden aspekte beide DA
162 und (.) ich MÖCHte es nicht bei einem widerspruch beLASsen=

Sequenz 60:   PhyPmA in der Fokusdiskussion mit eTheoPmA; TK 3_1: 160-162.

In diesem Beispiel werden die beiden in der Wissenschaft relevanten Identitäten einer Person, die wissenschaftliche und die persönlich-weltanschauliche, thematisiert. Nach PhyPmA gibt es zwei Möglichkeiten: Die beiden Identitäten stehen in einem Widerspruch zueinander oder nicht, wobei er dafür plädiert, einen vorhandenen Widerspruch aufzulösen. Er sagt, dass er seinen Glauben mit den Ansprüchen an das wissenschaftliche Arbeiten kombinieren und damit zwei Per ← 297 | 298 → spektiven vereinen könne. Die private Identität, zu der auch die Glaubensidentität gehört, wird auf dieser Tagung von verschiedenen Teilnehmern relativ häufig angesprochen. Dies ergibt sich aus dem Tagungsthema, das aus wissenschaftlicher und religiöser Perspektive bearbeitet wird. Daher ist es in der Diskussion nötig, die Verortung der Argumente (persönlich-weltanschaulich oder wissenschaftlich) jeweils deutlich zu machen.

d)  Signalisierung interdisziplinärer Identitäten

Das Vereinen von verschiedenen Perspektiven wird gerade in interdisziplinären Kontexten als Vorteil gesehen. Interdisziplinarität ergibt sich durch das Forschungsinteresse, und um interdisziplinär arbeiten zu können, bedarf es der Zusammenarbeit von Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen (vgl. Kap. 3.3). Zudem kann aber auch der universitäre Lebenslauf einer Person von Interdisziplinarität geprägt sein, wenn Personen unterschiedliche Fächer in Kombination studiert haben oder in zwei Disziplinen ausgewiesen sind. Die folgende Sequenz zeigt, inwiefern die interdisziplinäre Ausrichtung einer Person als Vorteil wahrgenommen und bewertet wird:

076PhyPsyDrmmein BEIspiel mit diesem: ä bild (--) da muss ich ja m ich KANN das nicht verstehen
077 wenn ich nicht weiß dass es gestaltwahrnehmung gibt
078 und ich kanns nicht verstehen wenn ich nicht weiß dass es rayleighstreuung gibt SO (.)
079 in DEM fall hab ich das schö den SCHÖnen vorteil
080 dass ich sozusagen BEIde (.) FACHgebiete EINfach verorten kann
081 und sagen DAS ist jetzt der physis physikalische anteil und das hier ist der psychologische anteil

Sequenz 61:   PhyPsyDrm in der Fokusdiskussion mit PhilPmA; TK 3_6: 076-081.

Es wird deutlich, dass die Fachgebiete Physik und Psychologie miteinander kombiniert werden, um ein Forschungsproblem zu lösen: Gestaltwahrnehmung und Rayleighstreuung sind Forschungsgebiete – im ersten Fall der Psychologie, im zweiten der Physik –, die nach PhyPsyDrm nur in Kombination das fragliche Phänomen erklärbar machen. Das Forschungsproblem benötigt also interdisziplinäre Bearbeitung. PhyPsyDrm ist ein zweifach promovierter Wissenschaftler, der in beiden relevanten Fächern ausgebildet ist. Er sieht Interdisziplinarität und seine eigene interdisziplinäre Kompetenz, die ihn mit spezialisiertem Wissen ausstattet, als Vorteil: in DEM fall hab ich das schö den SCHÖnen vorteil dass ich sozusagen BEIde (.) FACHgebiete EINfach verorten kann. Insofern dient die Hervorhebung der eigenen Interdisziplinarität (und damit der interdisziplinären Identität) der positiven Selbstdarstellung, da die Kompetenz in zwei Forschungsgebieten nachgewiesen werden kann. ← 298 | 299 →

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass unterschiedliche fachliche Perspektiven thematisiert werden, um persönliche und wissenschaftliche Identität kenntlich zu machen (und gegebenenfalls voneinander abzugrenzen) und um Kompetenz zu signalisieren. Kompetenz auf einem Gebiet wird beansprucht und durch den Verweis auf den disziplinären Hintergrund bewiesen. Dies dient der Legitimation der eigenen Arbeit und Zuständigkeit.

6.2.3  Fachidentitätsthematisierung zur Identifikation mit und Reflexion der Fachkultur/Arbeitsweise

Wenn die Disziplin von einem Wissenschaftler genannt wird, zeigt sich oftmals eine starke Identifikation mit dem eigenen Fach, dessen Fachkultur, Werten, Kollegen oder Aspekten des wissenschaftlichen Arbeitens. Diese Identifikation drückt sich in der Verwendung der Pronomen wir und uns aus.

Die folgenden Beispiele zeigen, dass die eigene wissenschaftliche Arbeit zum Teil explizit thematisiert und charakterisiert wird, wobei es nicht um die spezifische Disziplin gehen muss, sondern auch Wissenschaftszweige angesprochen werden können (also Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften etc. im Allgemeinen). Thematisiert werden die folgenden Aspekte: a) Forschungsethos, b) wissenschaftliche Rahmenbedingungen, hier die finanzielle Ausstattung oder Karrieremöglichkeiten, c) wissenschaftliche Unsicherheiten und wissenschaftliches Nichtwissen, d) wissenschaftliche/fachliche Prämissen und daraus entstehende forschungspraktische Konsequenzen, e) Arbeitstechniken/Methoden und Erkenntniswerte, f) Einfluss der Weltanschauung auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse, g) zugrunde gelegte Wertesysteme und h) Informationen über die Fachkultur. Auf diese Aspekte wird nun ausführlich eingegangen.

a)  Forschungsethos

In diesem Beispiel wird aus naturwissenschaftlicher Perspektive (als naturwissenschaftler) der Wert des ständigen Hinterfragens angesprochen und als für die Naturwissenschaften geltend erklärt:

167BioPmAalso DEM würd ich zustimmen (--) äh (---)
168 als naturwissenschaftler hab ich ABneigung gegen den gedanken
169 man müsse irgendwann einmal aufhören zu forschen und zu hinterfragen (1.5)
170 abgesehen von ethischen grenzen (--) aber das ist ne andere baustelle

Sequenz 62:   BioPmA als Vortragender in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten kTheoPm und dem zweiten Vortragenden BioAnthPm; TK 2_2: 167-170. ← 299 | 300 →

b)  Wissenschaftliche Rahmenbedingungen, hier die finanzielle Ausstattung oder Karrieremöglichkeiten

In der nachfolgenden Sequenz wird deutlich, dass sich BioPmA mit den Naturwissenschaften identifiziert (wir, uns; wobei sich die Frage stellt, ob hier alle Naturwissenschaftler, die eigenen Kollegen, alle Anwesenden oder Wissenschaftler aller Forschungszweige gemeint sind). Aus naturwissenschaftlicher Sicht wird eine Antwort auf die Frage, wann Forschung gestoppt wird, gegeben:

178BioPmAund dann vielleicht kann man das auch als naturwissenschaftler ganz pragmatisch sagen
179 wir hören auf zu forschen wenn uns keiner mehr geld gibt
180 [und wenn wir keine] (-) HOCHrangigen publikatiO:nen mehr
181Publikum[((lacht))         ]
182BioPmAin referierten journalen unterbringen
183 aber das ist ein ganz einfaches selbstregulativ der wissenschaft
184Publikum((lacht, 3sek))

Sequenz 63:   BioPmA als Vortragender in der Plenumsdiskussion mit Unbekannt und dem zweiten Vortragenden BioAnthPm; TK 2_2: 178-184.

Das Publikum reagiert auf die Äußerung mit einem zustimmenden Lachen, das Gemeinschaft und Solidarität signalisiert: Man kennt diese Probleme und ist selbst von ihnen betroffen. BioPmA stellt die Zugehörigkeit zur Biologie gegenüber dem übergeordneten Wissenschaftszweig Naturwissenschaften in den Hintergrund und schafft so eine Möglichkeit der größeren Gemeinschaftsbildung.

Von den wissenschaftlichen Rahmenbedingungen und/oder der finanziellen Ausstattung hängt es ab, wie intensiv eine bestimmte Forschungsarbeit betrieben werden kann, was im folgenden Abschnitt thematisiert wird:

100ChemPmAwir können net ALLes untersuchen das ist also zu aufwendig (-)
101 meine da muss ich ma sagen betracht
102 des is bei mir nur eine !HOBBY!gruppe die sie dort sehen (-) ne biotische experimentgruppe (-)
103 ä:h weil des net mein HAUPTgebiet is (-)

Sequenz 64:   ChemPmA in der Fokusdiskussion mit PharmPm; TK 2_5: 100-103.

ChemPmA verweist auf die Einschränkungen seiner Forschungsarbeit und charakterisiert diese damit. Die Forschung wird aus großem Interesse heraus, aber nebenbei betrieben, worauf die Bewertung der Forschergruppe als Hobbygruppe und die Tatsache, dass die Experimente nicht in seinem primären Fachgebiet angesiedelt sind, hinweisen. Die Forschung findet in der Gruppe demnach pointiert und gezielt statt (wir können net ALLes untersuchen das ist also zu aufwendig), um ← 300 | 301 → zu fundierten Ergebnissen zu kommen, da eine groß angelegte Untersuchung in einem solchen Kontext nicht machbar (zu aufwendig) wäre.

c)  Wissenschaftliche Unsicherheiten und wissenschaftliches Nichtwissen87

ChemPmA warnt die Diskussionsteilnehmer kurz vor der unten zitierten Sequenz davor, eine übergeordnete Macht (Gott) anzunehmen, um bestimmte Phänomene zu erklären. Stattdessen solle man als Naturwissenschaftler (mer in der naTURwissenschaft, wir) zuerst die Möglichkeiten der naturwissenschaftlichen Forschung ausschöpfen und davon ausgehen, dass dort noch Nichtwissen vorliegen kann:

139ChemPmAne also es könnt nämlich auch sein
140 dass mer in der naTURwissenschaft (-) noch nicht alle kräfte erKANNT haben (.)
141 wir kennen mal grad VIER zurzeit net
142 vielleicht gibts da noch !MEHR!
143 ABER (--) auf die werden wir (.) eben !NICHT! drauf kommen

Sequenz 65:   ChemPmA in der Fokusdiskussion mit PharmPm; TK 2_5: 139-143.

Potenzielles Nichtwissen (als Noch-Nicht-Wissen) wird allen naturwissenschaftlichen Disziplinen zugeschrieben.

Ein weiteres Beispiel verweist auf fehlende Konzepte zur Erklärung der dunklen Energie:

179AsphyPhilPmalso dunkle materie hätt ich da noch mit EINbringen können
180 das wär kein problem gewesen (--) aber konzeptionell haben wir für die dunkle energie nichts anzubieten (.)
181 was ich erzählen könnte und INnerhalb dieser geschichte EINbauen kann (-)
182 also die dunkle enerGIE ist eine (-) ähm erfahrung der astronomen (---)
183 die uns n also die uns astronomen noch lange beschäftigt

Sequenz 66:   AsphyPhilPm als Vortragender in der Plenumsdiskussion mit PhilPmB; TK 3_8: 179-183.

Der Sprecher weist in der obigen Sequenz darauf hin, dass die fehlenden Konzepte und damit Nichtwissen nicht ihm persönlich und seiner fehlenden Kompetenz, sondern der gesamten Disziplin zugeschrieben werden müssen: haben wir […] nichts anzubieten, uns astronomen noch lange beschäftigt. Forschung in Bezug ← 301 | 302 → auf dunkle Energie ist also nötig, um Erklärungsansätze zu schaffen – Nichtwissen wird damit als Noch-nicht-Wissen charakterisiert und der Gesamtheit der Astronomen zugeschrieben.

d)  Wissenschaftliche/fachliche Prämissen und daraus entstehende forschungspraktische Konsequenzen

Das Problem, das im Kontext der unten zitierten Sequenz angesprochen wird, besteht im vorangegangenen Tautologievorwurf seitens PhilPmB. Der Vorwurf besagt, dass man mit der Anwendung von bestehenden Naturgesetzen nur das erkennen könne, was mit Hilfe der Naturgesetze wahrnehmbar sei; was außerhalb unserer bekannten Naturgesetze liege, entziehe sich demnach unserer Wahrnehmung. An der wissenschaftlichen Arbeit von AsphyPhilPm werden also von PhilPmB problematische Aspekte identifiziert. Im abgedruckten Abschnitt verteidigt sich AsphyPhilPm aus disziplinärer Perspektive und macht die Prämissen, die seiner Forschungsarbeit zugrundeliegen, kenntlich:

137AsphyPhilPmDAS was wir in den naTURwissenschaften !TUN! (-) setzt voraus
138 dass die naturgesetze mit DEnen wir arbeiten ÜBERall im universum gültig sind (.)

Sequenz 67:   AsphyPhilPm als Vortragender in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten PhilPmB; TK 3_8: 137-138.

Nach Ansicht von AsphyPhilPm gelten diese Prämissen für alle naturwissenschaftlichen Disziplinen (wir in den naTURwissenschaften).

e)  Arbeitstechniken/Methoden und Erkenntniswerte

In der folgenden Sequenz erklärt PhyPmC, dass die Forschungsarbeit der Physiker nicht nur kostspielig sei (verbraten unENDlich viel GELD), sondern dass diese auf sorgfältigen, genauen und detaillierten Messungen beruhe, die man kaum infrage stellen könne:

134PhyPmCwir verbringen wirklich unser LEben damit
135 und verbraten unENDlich viel GELD (.)
136 auf der suche nach neuen effekten (-)

[…]
140 wir messen teilweise auf !ZWÖLF NACH!kommastellen ja auf der suche nach IRgendeiner abweichung (--)
141 und es ist sehr !UN!wahrscheinlich dass !IR!gendeine kraft die !MAK!roskopische (-) effekte haben kann
142 uns DAbei entgangen wäre

Sequenz 68:   Diskutant PhyPmC in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden PhyPsyDrm; TK 3_7: 134-142. ← 302 | 303 →

Ein zweites Beispiel zeigt die Grenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis und Beweisbarkeit:

026PhyPmDich denke (.) wir naTURwissenschaftler können im !GRUN!de (.)
027 sie sind selber von dem (.) juristischen gesetzesbegriff ABgegangen
028 wir können im grunde nur regelmäßigkeiten feststellen (--)
029 DIE werden dann zwar als ALLsätze formuliert
030 aber (.) in klammer induktionsproblem
031 die allsätze können wir nicht be!WEI!sen

Sequenz 69:   PhyPmD als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden eTheoPmA; TK 3_2: 026-031.

Aus Experimenten gewonnene Ergebnisse sind demnach als Erkenntnisse und Gesetzmäßigkeiten formulierbar, enthalten aber immer noch eine unbestimmte Komponente, insofern als sie nicht endgültig beweisbar und deswegen widerlegbar sind. Die Naturwissenschaft könne daher lediglich Regelmäßigkeiten feststellen.

f)  Einfluss der Weltanschauung auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse

PhyPmD thematisiert in der unten stehenden Sequenz anhand eines Beispiels (Einstein) die Tatsache, dass naturwissenschaftliche Forschung immer in gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet ist. So bestimmten Zeitgeist und Weltanschauung die Art, wie Menschen (und zwar vor allem Naturwissenschaftler) Wissenschaft betreiben und Ergebnisse interpretieren:

016PhyPmDalso i ich denke das ist ein SEHR wichtiger zusammenhang
017 der uns naturwissenschaftler WEnig bewusst ist (.)
018 und ich denke der umgekehrt auch in der öffentlichkeit hilft
019 und zeigt WIE STARK naturwissenschaft eigentlich auch in geisteswissenschaftlichen zusammenhängen
020 und strömungen (.) und und ZEITgeist und all dem MIT verANkert ist (-)

Sequenz 70:   PhyPmD als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden eTheoPmA; TK 3_2: 016-020.

Die persönliche Einstellung bestimme demnach den Erkenntnisgewinn. Dieser Zusammenhang sei den Naturwissenschaftlern nur selten bewusst, könne aber Wissenschaft und Öffentlichkeit helfen, Ergebnisse einzuordnen und zu interpretieren. ← 303 | 304 →

In der unten stehenden Sequenz signalisiert ChemPmA in seinem Beitrag nachdrücklich (wiederholt und mit sehr sorgfältig gesetzter Betonung), dass für die Naturwissenschaften die Werte Falsifizierbarkeit und Beweisbarkeit von Theorien und Modellen gelten. Der Sprecher betont seinen Standpunkt und begründet diesen mit dem geltenden Wert. An anderer Stelle gibt er zudem an, dass die Thesen der Naturwissenschaften möglichst einfach und leicht falsifizierbar sein sollten, um möglichst viel erkenntnis zu gewinnen (TK 2_6: 054).

276ChemPmAich hab aber (-) NOCHeinmal ich möchts betonen
277 ich habe gesagt (.) ich schließe !NICHT! (-)
278Modja
279ChemPmA!AUS! DASS es (.) höhere wesen ob die jetzt gott oder sonstwas
280 oder ENgel oder TEUfel oder was IMmer is (.) dass es des gibt
281 des kann man (-) naturwissenschaftlich nicht falsifizieren
282 und deswegen darf ichs auch nicht ausschließen

Sequenz 71:   ChemPmA in der Fokusdiskussion mit PharmPm; TK 2_5: 276-282.

Dadurch, dass er den Wert der Falsifizierbarkeit hochhält, signalisiert er, dass er sich mit seinem Fach (oder zumindest mit dem Forschungszweig) identifiziert; seine Fachidentität prägt sein Handeln.

g)  Zugrunde gelegte Wertesysteme88

In den Beispielen zeigt sich bei der Thematisierung der wissenschaftlichen Arbeit auch das jeweils zugrunde gelegte Wertesystem, wie ständiges Hinterfragen (Bsp. in (a)), korrekte Forschungsmethoden (Bsp. in (d)), Sorgfalt (erstes Bsp. in (e)) oder das Anführen von Beweisen (zweites Bsp. in (e)). In den folgenden Beispielen werden weitere Werte angesprochen, die im Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen Arbeiten zu beachten sind. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Werte von den Wissenschaftlern thematisiert werden, um die epistemischen Tugenden des eigenen Fachs zu betonen sowie die daraus resultierende Selbstverpflichtung zur Einhaltung der Tugenden und Werte hervorzuheben. Dadurch wird das eigene Image als guter Forscher und glaubwürdiger Wissenschaftler gestärkt (vgl. die IM-Technik „Glaubwürdigkeit demonstrieren“; Mummendey 1995).

  Angabe aller Metadaten: Wichtig ist hier die Einbettung der Forderung nach Angabe aller Daten, nämlich die Tatsache, dass sich der Vortragende in der ← 304 | 305 → Diskussion als Senckenberger, also der Schule Senckenbergs folgender Wissenschaftler charakterisiert:

035BioAnthPm!FEST!halten würde ich Jeden!FALLS! und auch hier wieder als senckenberger (--) ähm (-)
036 was IMmer wir uns AUSdenken (1.5) DIE EINzelnen zwischenschritte (.) !MÜS!sen beNANNT werden
037 und müssen ANgegeben werden und wo !LÜCK!en auftreten (---)
038 die nicht geschlossen werden können
039 müssen wir in der tat an der modelLIErung arbeiten

Sequenz 72:   BioAnthPm in der Fokusdiskussion mit BioPmA; TK 2_1: 035-039.

Durch die Forderung, Zwischenschritte zu benennen und Lücken als Anlass zum Weiterforschen zu nehmen, positioniert er sich innerhalb seines eigenen Fachs als zu einer bestimmten Schule zugehörig. Damit ordnet er seine Erkenntnisse gleichzeitig forschungstheoretisch ein und macht seine Perspektive bzw. Einstellung deutlich. Die Forderung, alle Schritte sorgfältig anzugeben, ist also an die Perspektive von BioAnthPm gebunden. Die Bezugswerte sind Benennen und Angeben aller Zwischenschritte bei der Modellierung, Schließen aller Lücken und Überarbeitung des Modells, falls diese Lückenschließung nicht gelingt.

  Interpretation von Daten auf der Basis von nachgewiesenen Befunden: In dieser Beispielsequenz wird deutlich gemacht, wie in der Astrophysik aus Beobachtungen Schlüsse gezogen werden:

109AsphyPhilPmwir sch arbeiten mit der scharfen klinge (.)
110 dass !NUR DAS! (--) was wir tatSÄCHlich !HIER! im labor kennen (--) DAS instrument ist
111 mit DEM wir im im uniVERsum (-) ähm (--) beobachtungen interpretieren

Sequenz 73:   AsphyPhilPm als Vortragender in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten PhilPmB; TK 3_8: 109-111.

Die „scharfe Klinge“ steht metaphorisch für die Unterscheidung zwischen Interpretationen auf Basis von Nachweisbarem (kennen) und Deutungen, die ohne Rückgriff auf bisherige Erkenntnisse durchgeführt werden. Der Bezugswert ist hier, dass Nachweisbares als Instrumente und als Grundlage für die Interpretation neuer Phänomene eingesetzt werden sollten.

  Rationalität: PhyPsyDrm erläutert in der folgenden Sequenz sein Vorgehen bei der wissenschaftlichen Betrachtung und Modellierung eines nur schwer erklärbaren Phänomens. Dabei kombiniert er physikalische und psychologische Ansätze und charakterisiert diese Interdisziplinarität als Notwendigkeit, um eine Lösung zu finden. Er betont zweimal, dass er einen rationalen Beschrei ← 305 | 306 → bungsansatz wählt; zudem verweist er auf die Tatsache, dass sowohl das neue Modell als auch die verwendeten Begrifflichkeiten bereits in der Wissenschaft bekannt und anerkannt sind:

205PhyPsyDrm[also ]
206 da stimm ich VOLL und ganz mit ihnen überein
207 das war auch mein versuch was ich DARstellen wollte
208 ich hab gesagt ich hab MACH jetzt (.) weil die physik alLEIne es nicht tut
209 und die psychologie alleine tuts !AUCH! nicht (.)
210 ich WILL aber in dem rationalen bereich bleiben
211 deswegen (.) probier ichs jetzt mit einem systemischen modell
212 und das hab ich ihnen kurz äh zusammengefasst erKLÄRT
213 und hab auch !DIE!ses modell ist !VOLL!kommen rational (-)
214 es benutzt NUR begriffe die ä wir im prinzip äh in der wissenschaft kennen (-) äh
215 und das ist mein !AN!spruch (-)

Sequenz 74:   Vortragender PhyPsyDrm in der Fokusdiskussion mit PhilPmA; TK 3_6: 205-215.

    Mit den Ansprüchen und vorgetragenen Werten wehrt PhyPsyDrm Vorwürfe der Unwissenschaftlichkeit ab und betont damit seinen Anspruch, solide und glaubwürdige Forschung zu betreiben (in vorherigen Sequenzen wird ihm implizit Wissenschaftlichkeit abgesprochen; diese Vorwurfs- und Verteidigungssequenzen wurden bereits in Kap. 5.3.2.2 dargestellt).

h)  Informationen über die Fachkultur

Das Thematisieren des eigenen disziplinären Hintergrunds enthält in manchen Fällen auch Auskünfte über die jeweilige Fachkultur. Diese können Konventionen, Fachgeschichte oder Forschungsperspektiven betreffen und selbstreflexiv sein:

  Verweis auf fachinterne Konventionen: Als Reaktion auf eine Vortragskritik von BioAnthPm stimmt BioPmA der Kritik zu und verweist im Zuge dessen auf den fachkulturellen Konsens in Bezug auf die Terminologie- und Metaphernverwendung:

052BioPmAja vielen dank herr [Nachname] ä (-) ich stimme ihnen ZU
053 natürlich ä REden wir von so einem moTOR als OB er eine maschine WÄre
054 ä ich hab (.) den begriff verWENdet (.) einfach weil den meine kollegen alle verwenden

Sequenz 75:   BioPmA in der Fokusdiskussion mit BioAnthPm; TK 2_1: 052-054. ← 306 | 307 →

Durch die Zustimmung zum Kritikpunkt wird signalisiert, dass die Kritik berechtigt ist; implizit wird in der Begründung die fehlende Reflexion der Begriffsverwendung eingestanden: einfach weil den meine kollegen alle verwenden.

  Selbstreflexion der Arbeitsweise: Im folgenden Beitrag charakterisiert PhilPmA die Arbeit und Kompetenz der Philosophen und reflektiert diese kritisch:

image

Sequenz 76:   Moderator PhilPmA in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden PhilPmB; TK 3_5: 042-055.

Philosophen werden als Definitionskünstler und -experten beschrieben, beides Begriffe, die positiv konnotiert sind und Philosophen positiv bewerten. Gleichzeitig warnt PhilPmA metaphorisch mit ein warnschild aufstellen vor den Folgen, die aus der philosophischen Forschung erwachsen, nämlich die Selbsterfüllung von Definitionen, die langweilig wäre. Die Bewertung als langweilig ist negativ und verweist oberflächlich auf fehlende Spannung bzw. mangelndes Interesse, tatsächlich aber auf die Gefahr von Zirkelschlüssen. Auch die von PhilPmB vorgestellte Handlungstheorie wird von PhilPmA kritisch gesehen (ich sehe zwei risiken).

  Selbstverständnis der Disziplin: In der folgenden Sequenz wird von der Uneinigkeit im Fach im Hinblick auf Selbstverständnis und Forschungsprogramm der Disziplin berichtet:

090MedDrm            5[ja nee es ist]5 nämlich SO (-) ähm (.) dass (--)
091 geisteswissenschaften (.) sind VIEle (-) ähm (--)
092 der ausdruck GEISteswissenschaft ist auch NICHT in ALlen so besonders ANgesagt äh (.)
093 MEIN fach zum beispiel äh nennt sich viel lieber eine kulTURwissenschaft ← 307 | 308 →
094 als eine GEISteswissenschaft (.) mh (-)
095 so dass DA eben ganz äh unterschiedliche VORstellungen sind was man da so macht
096 und ff ff wir habens dann so mit fächern zu tun
097 mit der psychologie die eben eher äh in die (.) naTURwissenschaften äh sich hinEINorientiert
098 aber WIR (-) ja (.) WIR möchten m (2.0) KULturwissenschaften sein
099 und (.) äh als SOLche machen wir uns dann manchmal (-) ganz ganz KLEIN (--)
100 also (-) ICH bin jetzt AUCH von einer geistigen strömung betroffen
101 die man so als POSTmoderne bezeichnet
102 und MEIN fach äh ff hat es also da da werden keine ALLaussagen getroffen
103 also ALLE mittelalterlichen (-) bücher GIBTS (.) nicht ah
104 d könnte man sagen es sind HANDschriften aber das ist LANGweilig
105 also (-) damit beschäftigt man sich nicht
106 desWEgen (.) äh der WISsenschaftsAUSdruck äh is is ist uns auch UNsympathisch
107 weil man so eine verWISSenschaftlichte gesellschaft hat
108 wo jedes kochrezept in der brigitte BESSer ankommt
109 wenn man auf drei amerikanische forscher verweist (.)
110 die SAgen das wurde (-) ja (.) getestet und ist in ordnung (-)

[…]
122 jetzt ist es aber SO dass (.) äh !WIR! (---) AUCH Alles HAben wollen EIgentlich
123 und äh uns nicht in unseren grenzen aufhalten
124 weil (.) äh der MATHEmatisierung mh (--) setzen wir dann entgegen die erZÄHlung (-)
125 das ist das womit man sich als literaTURwissenschaftler beschäftigt
126 und sagen (.) nicht ä ALles äh lässt sich matheMAtisch beschreiben sondern (.) alles ist irgendwie erZÄHlung
127 da WERden wir jetzt äh indem wir uns KLEINgemacht haben plötzlich ganz GROß (.)
128 aber äm auch (.) DA ist es so dass wir nicht wirklich einen diaLOG äm anstreben
129 sondern ich (-) GLAUbe dass es SO ist dass wir den EInen imperialismus mit dem Gegenimperialismus (-) äh beantworten wollen (---)

Sequenz 77:   MedDrm in der Fokusdiskussion mit InfoMaDrm; TK 3_9: 090-110, 122-129.

In der gesamten Sequenz erscheint MedDrm durch seine Verwendung von wir, uns, mein fach als Teil des Kollektivs, gibt sich dabei aber – vor allem am Schluss – selbstironisch. Dies lässt darauf schließen, dass er sich mit der Disziplin und den darin vertretenen Positionen identifiziert. Allerdings wird diese Verwendung von ← 308 | 309 → wir an einer Stelle aufgebrochen: also (-) ICH bin jetzt AUCH von einer geistigen strömung betroffen. Dies kann so gelesen werden, dass MedDrm deswegen von der Postmoderne betroffen ist, weil er Teil des mediävistisch forschenden Kollektivs ist und sich deswegen der geistigen Strömung, die auf das Fach einwirkt, nicht entziehen kann. Das Selbstverständnis der Disziplin bleibt uneindeutig und das Bild einer sich im Wandel befindlichen Disziplin wird skizziert. Ebenso wird das Wissenschaftsverständnis thematisiert: Der Mediävist ordnet sich und seine Disziplin zunächst als Geistes- bzw. Kulturwissenschaft den Naturwissenschaften unter. Diese Hierarchisierung zurückzunehmen und einen konstruktiven Dialog zu führen, sieht er als problematisch an (einem Imperialismus wird mit einem Gegenimperialismus begegnet, Z. 129).

Identifikation mit dem eigenen Fach zu signalisieren und die Fachkultur zu reflektieren, erfüllt verschiedene Funktionen. Erstens werden durch Rückgriffe auf die disziplinäre Herkunft individuelle Kompetenzansprüche signalisiert. Zweitens wird das Selbstverständnis der Disziplin, die epistemischen Tugenden, mit denen ein Wissenschaftler sich selbst identifiziert, angesprochen. Dies dient damit als Qualitätsnachweis für einen Wissenschaftler. Drittens ist das Eingeständnis von Nichtwissen als disziplinäres (nicht individuelles) Nichtwissen möglich, was gegen potenzielle Kritik immunisiert. Viertens können disziplinäre Probleme (humorvoll) vor einem interdisziplinären Publikum angesprochen werden, was Gruppensolidarität und Gemeinschaftsbildung unter Umständen über disziplinäre Grenzen hinweg schafft.

6.2.4  Thematisierung der Fachidentität zur Distanzierung von der eigenen Disziplin

In den bisher untersuchten Sequenzen signalisieren die Diskussionsteilnehmer mit der Nennung ihrer disziplinären Zugehörigkeit gleichzeitig eine Identifikation mit ihrem Fach. Die nun folgenden Sequenzen sind anders gelagert, da sich in ihnen Wissenschaftler von der eigenen Disziplin, einzelnen Aspekten, Kollegen oder Schulen des Fachs distanzieren. Dies wird zum Teil zur Rechtfertigung des eigenen Vorgehens und zur Positionierung genutzt. Zudem dient die Distanzierung von der eigenen scientific community der Fremdabwertung und gleichzeitigen Selbstaufwertung (mit Verweis auf die eigene Weiterentwicklung), signalisiert ein gewisses Maß an Selbstkritik und Reflexionsvermögen und dient unter Umständen der Profilierung im Tagungskontext.

Die unten stehende Sequenz enthält zusätzlich zur Demonstration von Distanzierung viele Elemente der positiven und negativen Kritik dem eigenen und fremden Fach gegenüber. An dieser Stelle ist die Thematisierung der Fachidenti ← 309 | 310 → tät von Interesse und wird im Folgenden untersucht, ohne jedoch den Kontrast zwischen positiver und negativer Kritik außer Acht zu lassen:

129SozPDmA[die FRAge ist einfach]
130Publikum[((lacht))      ]
131SozPDmA(3) ich arbeite ja in nem kontext
132 da sind ACHTundneunzig prozent naturwissenschaften
133 wenn ich sehe was für schÖne saubere gefahren querstrich risikoanalysen die ham (.) SUper
134 da kommen da son paar soziologen an mit ihrem attribuTIONsbegriff von risiko ne
135 wo da alles oder NICHTS drinsteckt da denk ich mir ist mir PEINlich ja
136 also von daher (---) ich will mit dem RIsikokram der soziologie nichts zu TUN ham
137 und DAS ist mein ANgebot kann man es nicht über verschIEdene schattierungen des NICHTwissens (.)
138 INSbesondere weil ICH natürlich glaube damit kann man BESser SAUberer rekonstruieren was passiert ist (1.5) […]
148 und DAS ist ein ANderes nichtwissen als keine ahnung haben
149 das das UNgewusste nichtwissen wie es die kollegen [Nachname; anwesend][Nachname] und co genannt haben
150 das ist ja öh ö (-) sachen die die sozioLOgisch für mich UNinteressant sind ne
151 ich muss es ja regisTRIERN können muss ja beobachten können ne
152 in der retrospektive sind wir IMmer schlauer
153 da weiß man was man damals alles nicht gewusst hat
154 aber sozioLOgisch ist es erstmal wichtig zu sehen (---)
155 man dröselt auf WIE die leute sich sozusagen ihre ordnung ihre welt konstruiern

Sequenz 78:   SozPDmA als Vortragender in der Plenumsdiskussion mit den Diskutanten PhilDrhaw, SozPm sowie dem Moderator GeschPmB; TK 1_4: 129-155.

SozPDmA nennt seine disziplinäre Herkunft in einem abwertenden Ton und in umgangssprachlicher Wortwahl: da kommen da son paar soziologen an. Er äußert diesbezüglich das Gefühl der Peinlichkeit (ist mir PEINlich), was als Angriff auf die eigene Zunft gewertet werden kann. Dies führt ihn zu der Konsequenz, sich von einem Themenbereich der Soziologie (Risiko) zu distanzieren, was er auch explizit durch die Wortwahl Risikokram tut. Der umgangssprachliche Ausdruck Kram ist negativ konnotiert und bewertet damit das ganze Forschungsfeld als negativ. Ebenso wird Ablehnung durch explizite Aussagen (ich will mit dem RIsikokram der soziologie nichts zu TUN ham) signalisiert. Zudem distanziert sich SozPDmA im weiteren Verlauf von zwei Kollegen, von denen einer im Publikum anwesend ist. Er charakterisiert das Konzept um das UNgewusste nichtwissen als soziologisch UNinteressant, da es nicht registrierbar und nicht beobachtbar sei. ← 310 | 311 → Registrierbarkeit und Beobachtbarkeit stellen zentrale Werte in der Wissenschaft dar, die SozPDmA in dem Moment stützt und sich selbst zuschreibt (ich muss es ja regisTRIERN können muss ja beobachten können; Herv. L. R.). Gleichzeitig legt er den beiden anderen Soziologen die Werte als nicht eingehalten zur Last. Ebenso demonstriert SozPDmA Kenntnis der Forschungslandschaft und eine reflektierte, intensive Beschäftigung mit den Inhalten, die in seinem Fach relevant sind, sowie Kenntnis konträrer Positionen. Dies signalisiert zugleich Fachkompetenz und Professionalität sowie ein gewisses Maß an Selbstkritik. Damit positioniert er sich im eigenen Fach im Kontrast zur kritisierten Risikoforschung und im Tagungskontext als kompetenter Gesprächspartner, der wissenschaftliche Werte achtet und hochhält.

Während die eben besprochene Sequenz Kritik an Aspekten oder Kollegen des eigenen Fachs zeigt, richtet sich die Distanzierung im folgenden Beispiel gegen die übergeordnete Disziplin:

111BioAnthPmund DA würd ich doch (.) einen stab brechen wollen nicht nur molekular und elektrodynamisch (.)
112 als morphologe blutet mir das <<lachend> HERZ>> äh
113 wenn ich ä sehe was aus der biologie geworden ist
114 dass äh man sozusagen AUS u AUßerhalb der molekular äh
115 herr [Nachname] wird MORgen (.) äh vermutlich äh das defizit an wesentlichen punkten bereinigen (.)
116 ähm dass ganze beREIche (-) äh der besch sch beschreibungsmöglichkeit strukturierungsmöglichkeit äh
117 von biOtischer organisation entFALlen sind äh weil sie nicht mehr betrieben werden

Sequenz 79:   BioAnthPm als Fokusdiskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten IngPm und dem Fokusdiskutanten BioPmA; TK 2_2: 111-117.

Auffällig ist zunächst, dass sich der Diskutant bisher als Biologe präsentiert, nun aber seine Fachidentität präzisiert: Er sieht sich selbst als morphologe. Damit verortet er sich innerhalb seiner eigenen Disziplin in einem spezifischen Fachgebiet, wodurch es ihm möglich ist, sich kritisch gegenüber der Disziplin im Allgemeinen zu äußern. In der Metapher blutet mir das HERZ stecken die negative Bewertung und das Bedauern im Hinblick auf die Vernachlässigung der Beschreibungsmöglichkeiten biotischer Organisation. Somit distanziert sich BioAnthPm von der Entwicklung in der Biologie, auf die genannten Beschreibungsmöglichkeiten zu verzichten, und spricht gleichzeitig seinem eigenen Vorgehen (der Beachtung dieser Beschreibungsmöglichkeiten) Sinn und Relevanz zu. Dieses Verhalten kann als positive Selbstdarstellung durch Abwertung der übergeordneten Disziplin gewertet werden. ← 311 | 312 →

Im folgenden Abschnitt wird die Tatsache thematisiert, dass (Er-)Kenntnisse in den Naturwissenschaften sehr schnell veralten können und Wissenschaftler diese Entwicklung auch in der Lehre beachten müssen:

113ChemPmAund wenn sie sagen (-) der WISsensstand der chemie heute (.)
114 also ich MUSS: äh zu meinem LEIDwesen immer wieder feststellen (--)
115 dass der WISsensstand der chemie HEUte
116 wenn wir also so (-) das durchschnitts äh (.) wissen (-)
117 was an unseren universitäten gelehrt wird NEHmen ja (-)
118 sie haben sie haben den coulson mit molekülorbitaltheorie angesprochen ja (-)
119 und da muss ich sagen
120 was unsere kollegen zum teil lehren (.)
121 hat die theorie schon LÄNGST widerLEGT (-)
122 und es sind also zum teil (--) kuriOSE (.) modellvorstellungen
123 die sich da immernoch breit machen
124 u::nd (.) mein (-) anzunehmen dass es äh (-) a (-) an einem pyridinstickstoff (.)
125 ein (---) PE elektron geben KÖNNte (.)
126 ist abSURD von der (.) theorie her (.) und INsofern muss man sagen (.)
127 ist der HEUtige WISSENSstand der chemie (-) für viele der wissensstand vor zwanzig jahren oder so (--)
128 also (.) da MÜSS mern bisschen ja ma hm
129 ich sage aber die chemie entwickelt sich (.) in diesem jahrhundert SO (-) wie sich die chemie (---)
130 äh wie sich die phySIK im letzten jahrhundert entwickelt hat (.)
131 theorie (-) wird ein äquivälenter ((unverst., 1sek)) dem experiment vorauseilender bestandteil

Sequenz 80:   ChemPmA in der Fokusdiskussion mit PharmPm; TK 2_5: 113-131.

Im obigen Abschnitt positioniert sich ChemPmA auf eine bestimmte Weise zu seiner Disziplin. Der Wissensstand wird als veraltet dargestellt (LÄNGST widerLEGT, wissensstand vor zwanzig jahren oder so) und bestimmte Annahmen als kuriOSE und abSURD beschrieben – beides betonte Adjektive, die in diesem Kontext negative Bewertungen tragen. Dieses veraltete Wissen verbreitet sich und setzt sich in der Disziplin fest: ChemPmAs umgangssprachliche Wortwahl breit machen signalisiert wieder eine negative Bewertung. Dieser Zustand wird vom Sprecher bedauert (zu meinem LEIDwesen) und damit als negativ beurteilt. Hierdurch findet eine Abwertung der Disziplin statt, wodurch der Sprecher implizit aufgewertet wird. Mittels dieser negativen Bewertungen distanziert sich ChemPmA von der eigenen Disziplin, den als kritisch bewerteten Inhalten und deren Lehre. Gleichzeitig signalisiert er eine Identifikation mit dem Fach, indem ← 312 | 313 → er von unseren universitäten spricht. Dennoch geraten auch diejenigen Kollegen in Kritik, die an den veralteten Kenntnissen festhalten und diese noch so lehren: unsere kollegen, ist der HEUtige WISSENSstand der chemie (-) für viele der wissensstand vor zwanzig jahren oder so (Herv. L. R.). Der vornehmlich negativ kritisierende Beitrag schließt wohlwollend mit dem Hinweis auf positive Entwicklungen und Fortschritt der Disziplin; hier zeigt sich eine Identifikation mit der Disziplin trotz aller angesprochenen Probleme.

Eine ähnliche Distanzierung zu Auffassungen der eigenen Kollegen findet sich in der nächsten Sequenz:

247PharmPmnaturgesetze sind ja UNsere beschreibungen von etwas
248 was immer wieder SO passiert aber naturgesetze nach MEIner auffassung (.)
249 haben nicht die KRAFT etwas zu !BIL!den (--)
250 sondern sie bestimmen den RAHmen innerhalb dessen sich materie bewegen kann (--)
251 aber sie sind nicht !KREA!tiv (.) und !DA! ist eben (.) wo ich denke
252 vorsicht vorsicht VORsicht dass wir der natur nicht !ZU! viel zutrauen
253 ich SEH das als in !MEI!nem fach (.) was TRAUen manche menschen so einem bisschen medikament zu (-)
254 das !HAT! dieses stück materie !NICHT! (-)

Sequenz 81:   PharmPm in der Fokusdiskussion mit ChemPmA; TK 2_5: 247-254.

Der Diskutant distanziert sich hier nicht nur von Auffassungen, die im eigenen Fach gelten, sondern auch von Kollegen. Damit widerspricht er offen den Meinungen anderer anwesender Personen, die wiederum ihm im darauffolgenden Beitrag widersprechen. Das eigene Fachgebiet wird nicht mehr genannt, da es durch den vorausgehenden Vortrag des PharmPm bekannt ist; daher kann er von !MEI!nem fach sprechen, ohne dieses näher zu bestimmen. Zu Beginn des Beitrags werden die Naturgesetze definiert, und zwar aus der Perspektive eines Kollektivs, was durch UNsere signalisiert wird. Fraglich ist, ob dieses Possessivpronomen inklusiv oder exklusiv gemeint ist, da PharmPm diese Definition mit seiner eigenen Auffassung kontrastiert und sich damit der gängigen Definition nicht anschließt (dies spricht für einen exklusiven Gebrauch von unsere). Ebenso problematisch ist der Gebrauch von wir (in Z. 252); hier wäre der Gebrauch eher inklusiv zu deuten, da der Sprecher die Warnung (vorsicht vorsicht VORsicht) auch auf sein eigenes Verhalten bezieht. Die Begründung für die Warnung folgt darauf. Die Wirkung eines Medikaments werde nach PharmPm von manche[n] menschen überschätzt (zutrauen), wobei die Formulierung manche menschen sehr unspezifisch ist, sich vermutlich auf die Kollegen bezieht und eher abwertend wirkt. Damit positioniert sich PharmPm im Kontrast zu den Kollegen, die der ← 313 | 314 → natur […] !ZU! viel zutrauen (genauso wie Medikamenten). Gleichzeitig stellt er sich im Konferenzkontext als Vertreter einer Auffassung von Naturgesetzen dar, die die Bildungskraft und Kreativität der Natur ausschließt.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Distanzierung von der eigenen scientific community oder einzelnen Aspekten des Fachs Kenntnis der Forschungslandschaft, Reflexionsvermögen und damit Kompetenz signalisiert; zudem dient sie der Positionierung im eigenen Fach. Die mit der Distanzierung einhergehende Fremdabwertung bewirkt eine Selbstaufwertung.

6.2.5  Verweise auf die Fachidentität zur Einleitung oder Verteidigung von Kritik (im weitesten Sinne)

Der Verweis auf die eigene Fachidentität bzw. den disziplinären Hintergrund kann auch dazu dienen, negative oder positive Kritik einzuleiten. Die Angabe der Disziplin begründet oder rechtfertigt dann oft den Beitrag und die darin enthaltene Kritik, indem sie als Nachweis von Kompetenz und Expertenwissen fungiert. Ein Beispiel hierfür ist eine Sequenz, in der der Moderator den Vortragenden bei seiner Antwort auf einen Diskussionsbeitrag unterbricht, um ihn auf die Kompetenz der Diskutantin hinzuweisen und die als überflüssig erachteten Erklärungen abzubrechen:

image

Sequenz 82:   ChemPmA als Vortragender, PhilPmA als Moderator und AstroMaPw als Diskutantin in der Plenumsdiskussion; TK 3_11: 018-029.

Das Fachwissen von AstroMaPw wird ihr vom Moderator PhilPmA zugeschrieben. Es ist auffällig, dass AstroMaPw nicht selbst die Erläuterungen von ChemPmA durch Verweis auf ihre Kompetenz abbricht, sondern auch dann noch inhaltlich weiterspricht, als der Moderator eingreift. Sie ignoriert die Interaktion zwischen ChemPmA und PhilPmA völlig und fokussiert stattdessen das Thema. ← 314 | 315 →

Bei den beiden folgenden Sequenzen handelt es sich um negative Kritiken an den Ausführungen eines zweifach promovierten Physikers und Psychologen, der sich mit Spukphänomenen beschäftigt und Betroffene berät. Im Vortrag berichtet dieser von Vorkommnissen, die seiner Meinung nach nur interdisziplinär erforschbar sind. Er beschreibt solche Spukphänomene (beispielsweise, dass eine Vase auf einem Tisch ohne Einfluss umkippt, dass ein Bild ohne Anlass von der Wand fällt) als extrakorporale psychosomatische Phänomene in Anlehnung an die bereits untersuchten psychosomatischen Effekte innerhalb eines Körpers. Vor allem Physiker sehen dieses Modell der extrakorporalen psychosomatischen Effekte kritisch und äußern ihre Skepsis in der Diskussion. Dieser Diskussion sind die folgenden zwei Sequenzen entnommen:

114PhyPmCja also ich bin HAUPTberuflicher quanten!FELD!theoretiker
115 und ich hab natürlich AUCH GRO:Sse probLE:me
116 m mit ihrer verwendung des begriffs verschränkung (-)
117 um nicht zu sagen ich halt das für völlig (-) äh !UN!zusammenhängend mit dem wie !WIR! das verwenden (-)
118 ich kann vielleicht mal ein PAAR WORte vielleicht einfach sagen HIER für das publikum
119 weil die WEnigsten WISsen werden worum es überhaupt GEHT (--)

Sequenz 83:   Diskutant PhyPmC in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden PhyPsyDrm; TK 3_7: 114-119.

Hier wird die Angabe des disziplinären Hintergrunds als Nachweis von Fachwissen auf dem Gebiet der verschränkung genutzt. Dies dient als Legitimation für die negative Kritik und die nachfolgenden längeren Erläuterungen. Obwohl der Vortragende mehrfach darauf verwiesen hatte, dass der Begriff der Verschränkung nicht quantenmechanisch gebraucht wird, meldet sich der Quantenfeldtheoretiker PhyPmC zu Wort und kritisiert den Wortgebrauch durch die negative Bewertung in GRO:Sse probLE:me, ich halt das für völlig (-) äh !UN!zusammenhängend mit dem wie !WIR! das verwenden. Die Fachidentität wird präzise benannt, wodurch sich der Sprecher innerhalb der eigenen Disziplin verortet. Gleichzeitig schreibt er sich dadurch Fachwissen zu und erklärt dem Publikum die begrifflichen Schwierigkeiten aus seiner Perspektive. Hier findet ein Adressatenwechsel statt, da sich der abgedruckte Abschnitt an den Vortragenden richtet, die nachfolgende Aufklärung über die Terminologie aber das gesamte Publikum adressiert: ich kann vielleicht mal ein PAAR WORte vielleicht einfach sagen HIER für das publikum. Dem Publikum wird überwiegend Laienstatus zugeschrieben (diese Zuschreibung beruht auf Annahmen und Einschätzungen, s. Zitat unten), wobei sich der Sprecher aber bewusst ist, dass andere Physiker anwesend sind: weil die WEnigsten ← 315 | 316 → WISsen werden worum es überhaupt GEHT. Das Nennen der Disziplin dient somit der Einleitung von Kritik, der Rechtfertigung von Kritik durch den Nachweis von Expertenschaft und der Darstellung des Sachverhalts.

Der Vortragende verteidigt sich gegen die Kritik von PhyPmC später mit genau demselben Argument, nämlich mit dem Verweis auf Fachkenntnisse, allerdings auf fehlende. Mit dem Hinweis auf die Fachidentität des anderen wird diesem fehlende Kompetenz und Nichtwissen auf dem Gebiet unterstellt:

186PhyPmC     [NEIN NEIN      ] eben NICHT (.)
187 also was sie SAgen (.) das !MÜSS!ten sie quantifizieren (.)
188 JEdes äh in JEdem physikalischen experiment sind AUCH MENschen die da irgendwas MESsen (-)
189 !SIE! MÜSSten ZEIgen dass das !KEI!nen einfluss hat (-) auf !IR!gendein anderes experiment
190 wo ich !IR!gendetwas auf zwölf NACHkommastellen messe (-)
191 das müssen !SIE! beweisen ja (.) das sie können nicht sagen
192 ja die äh WIR müssen so ä si wenn sie IRgendne theorie haben ja (.)
193 dann muss die ja in !JE!dem fall anwendbar sein
194PhyPsyDrmalso ich i ich merk dass sie natürlich kein experimenTALphysiker sind (.) sonst WÜSSten SIE
195 dass in jedem eg äh physiklabor (-) IMmer wieder effekte auftreten (.)
196 DIE eigentlich nicht durch die theorie beschrieben werden [berühmtester fall ist]
197PhyPmC      [nee nee nee (.) nee ]
198PhyPsyDrmwolfgang pauly

Sequenz 84:   PhyPsyDrm als Vortragender in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten PhyPmC; TK 3_7: 186-198.

PhyPsyDrm entkräftet im obigen Abschnitt den Vorwurf von PhyPmC, nicht genügend Beweise zu bringen, indem er auf dessen fehlende Fachkenntnisse verweist: dass sie natürlich kein experimenTALphysiker sind (.) sonst WÜSSten SIE. Damit wird die eigene Position verteidigt. Das vorgebrachte Wissen in Form von Angaben zum disziplinären Hintergrund von PhyPmC (ja also ich bin HAUPTberuflicher quanten!FELD!theoretiker in der vorherigen Sequenz) wird zur Klärung des Problems bzw. der Forschungsfrage somit nicht anerkannt. Auffällig ist auch hier die thematisierte Differenz zwischen theoretischer und experimentell-empirischer Forschung, was demnach wieder für die Wissenschaftler in Bezug auf den Kompetenz- und Wahrheitsanspruch relevant zu sein scheint.

Die folgende Sequenz steht in einem anderen Kontext. Thema der Diskussion ist die Frage nach der Komplexität des menschlichen Körpers gemessen ← 316 | 317 → an der DNA (ca. 30.000 Gene) im Vergleich zu anderen Organismen. Der Äußerung von BioAnthPm geht ein Beitrag von BioPmA voraus, in dem BioPmA auf die größere Genzahl von einem einfachen Organismus verweist (45.000 Gene) und die Frage aufwirft, wer denn nun komplexer sei. An dieser Stelle hakt BioAnthPm ein und stellt seine Perspektive klar, aus der die negative Kritik erfolgt und begründet ist:

139BioAnthPmj:JA also NUR äh um das klarzustellen
140 das was ich berichtet hab war das kaufmannsche (.) äh modell
141 mit dem er AUFgetreten ist eh im rahmen von eh eh origin of order (--)
142 ah sozusagen um die mächtigkeit dieser äh network äh konzepte zu erläutern
143 worums mir daran nur GING
144 ich an der an der (.) emPIrischen !WAHR!heit der these liegt mir !GAR! nichts ja
145BioPmA[hm ]
146BioAnthPm[ich] trete hier nur als äh als wissenschaftstheoretiker auf
147 worum es mir GEHT ist zu sagen (.)
148 dass der ausdruck komplex nicht !EIN!stellig verwendet werden darf
149 sondern nor!MIERT! werden muss

Sequenz 85:   BioAnthPm in der Fokusdiskussion mit BioPmA; TK 2_1: 139-149.

Die Gültigkeit des Gesagten wird also durch das Festlegen auf eine bestimmte Perspektive eingeschränkt: ich trete hier nur als äh als wissenschaftstheoretiker auf. Dadurch und durch den Hinweis darauf, dass er an der empirischen Wahrheit nicht interessiert ist (sondern eben Theoretiker ist), immunisiert sich BioAnthPm gegen die Kritik. Daraufhin präzisiert er seine Auffassung und Forderung, dass der ausdruck komplex nicht !EIN!stellig verwendet werden darf sondern nor!MIERT! werden muss. Er kritisiert also die Art der Begriffsverwendung, der zugrunde gelegte Bezugswert ist Normierung des Begriffsinhalts.

Das Herausstellen der Fachidentität bei der Einleitung von Kritik oder der Verteidigung gegen diese dient in den Beispielen zum einen als Nachweis von Kompetenz und Expertenwissen. Expertenstatus schreiben sich Wissenschaftler demnach selbst zu. Zum anderen kann unterstelltes fehlendes Wissen als Kritikgrundlage genutzt werden und ebenso eine wirksame Kritik-Abwehrstrategie sein. ← 317 | 318 →

6.3  Fazit: Fachidentitäts-Thematisierungen in interdisziplinären Diskussionen

Insgesamt kann man sagen, dass die fachliche Zugehörigkeit als eigenständiger und wichtiger Identitätsaspekt wahrgenommen und auf Konferenzen präsentiert wird. Falls es in der Diskussion relevant und nötig ist, wird die Fachidentität mit der persönlichen (im Kontext zweier der drei Tagungen im Korpus auch religiösen) Identität kontrastiert, immer aber mit den fremden, ebenfalls anwesenden Disziplinen.

Das Anführen des eigenen disziplinären Hintergrunds erfüllt offenbar verschiedene Funktionen in Bezug auf Selbstdarstellung: Erstens dient es der Verortung innerhalb der eigenen Disziplin, indem sich der Sprecher als einer bestimmten Schule, Forschungsrichtung, Meinung etc. zugehörig präsentiert und damit Zuständigkeit für sich beansprucht. Damit grenzt sich die Person notwendigerweise von anderen Disziplinen, Schulen oder Forschungsrichtungen ab. Je detaillierter die Beschreibung ausfällt, desto präziser ist die Verortung und desto relevanter ist sie für den Sprecher – aufgrund des Publikums, persönlicher Empfindungen und/oder individueller Ziele. Hinzu kommt zweitens, dass, je nach Auswahl der Angaben zum Fach, die Selbstcharakterisierung (beispielsweise in Form geltender Werte) zum Ausdruck gebracht wird; es handelt sich in diesem Fall um ideelle Fachidentität. Dadurch signalisiert das Thematisieren der Fachidentität eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Identifikation mit dem Fach, dessen Arbeitsweisen und Standards, der Fachkultur und Kollegen. Drittens dient das Nennen der fachlichen Herkunft (inklusive der Abgrenzung) dialogisch-kontextuell der Positionierung auf der Tagung und der Einordnung in den Tagungskontext. In der Diskussion dient dann der Verweis auf die Disziplin als Nachweis von Fachwissen und Kompetenz auf dem Gebiet – und damit als Berechtigung, einen Beitrag zum Forschungsthema zu leisten. Viertens kann mit der Nennung des eigenen disziplinären Hintergrunds eine Distanzierung von der scientific community oder Aspekten des Fachs einhergehen. Fremdabwertung dient dabei der Selbstaufwertung, Positionierung im Tagungskontext, Verortung in der eigenen Disziplin und unter Umständen der Profilierung. Gleichzeitig zeugt diese Distanzierung von Reflexionsvermögen und Selbstkritik und damit von Kompetenz. Distanzierung kann demnach, reflektiert kommuniziert, zur positiven Selbstdarstellung eines Wissenschaftlers beitragen. ← 318 | 319 →

Eine Übersicht über die identifizierten Funktionen der Fachidentitäts-Thematisierung gibt Tabelle 31:

Tabelle 31:  Funktionen der Thematisierung der eigenen disziplinären Zugehörigkeit in Bezug auf Selbstdarstellung.

Funktion in Bezug auf SelbstdarstellungErläuterung

1)  Inhaltlich: Verortung innerhalb der eigenen Disziplin

  Verortung innerhalb der eigenen Disziplin, Schule, Fachrichtung etc.

  Perspektivenverdeutlichung: erlaubt dem Publikum die Einordnung der Aussagen

2)  Ideell: Selbstcharakterisierung Identifikation mit Fachkultur und Arbeitsweise signalisieren; Thematisierung von

  a)  Forschungsethos;

  b)  wissenschaftlichen Rahmenbedingungen;

  c)  wissenschaftlichen Unsicherheiten und Nichtwissen;

  d)  wissenschaftlichen/fachlichen Prämissen und forschungspraktischen Konsequenzen;

  e)  Arbeitstechniken/Methoden und Erkenntniswerten;

  f)  Einfluss der Weltanschauung auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse;

  g)  zugrunde gelegten Wertesysteme;

  h)  Informationen über Fachkultur.

  Informationen über das Fach vermitteln

  Charakterisierung der wissenschaftlichen Arbeit

  Informationen über eigene Einstellungen vermitteln

3)  Dialogisch-kontextuell: Positionierung im Tagungskontext

  Verortung innerhalb der eigenen Disziplin, Schule, Fachrichtung etc.

  Perspektivenverdeutlichung: erlaubt dem Publikum die Einordnung der Aussagen

  Abgrenzung von anderen (teilnehmenden) Disziplinen ← 319 | 320 →

4)  Distanzierung von der eigenen scientific community

  Distanzierung von und Kritik an der eigenen Disziplin, einzelnen Aspekten, Kollegen, Schulen etc. des Fachs

  Verortung in der eigenen Disziplin

  Signalisieren von Kompetenz durch Nachweis von reflektierter Beschäftigung mit den Inhalten und konträren Positionen des Fachs

  signalisiert Fähigkeit zur Selbstkritik

  Selbstaufwertung durch Fremdabwertung

image

Für das Publikum sind Verweise auf die Disziplin insofern relevant, als sie die Diskussionsbeiträge und darin getroffenen Aussagen fachwissenschaftlich einbetten, also perspektivieren. Dadurch wird die Interpretation, Evaluation, Klassifizierung und korrekte Integration des Gesagten erleichtert.

Das Nennen der fachlichen Zugehörigkeit erfüllt außerdem rhetorische Funktionen: Erstens dient das Referieren auf die eigene fachliche Herkunft bei der Bearbeitung eines Forschungsproblems dazu, einerseits die inhaltlichen Erläuterungen oder Problematisierungen einzuleiten, andererseits Kritik aus disziplinärer Perspektive vorzubringen. Metakommunikativ wird zweitens das Problem des Perspektivwechsels bzw. Verlassens der eigenen Perspektive thematisiert. Aus diesem Problem bzw. dieser Schwierigkeit heraus ergibt sich drittens die Notwendigkeit der Interdisziplinarität, da sie eine Perspektivenvielfalt für die Bearbeitung eines Problems ermöglicht. Zudem wird viertens die Interdisziplinarität einer Person (beispielsweise die Kombination von Psychologie und Physik) bewertet, im vorliegenden Korpus als Vorteil gesehen, da eine Person zwei Perspektiven vereinigt. Nur durch Perspektivenkombination ist es möglich, beispielsweise terminologische Unterschiede zu erkennen. Dies zeigt sich z. B. am Streit um den Begriff der Verschränkung, bei dem sich Physiker und Psychologen zu Wort melden und aus jeweils ihrer Perspektive darauf hinweisen, dass der Begriff falsch verwendet wird. In Tabelle 32 sind die rhetorischen Funktionen des Rückgriffs auf die disziplinäre Herkunft zusammengefasst: ← 320 | 321 →

Tabelle 32:  Rhetorische Funktionen der Thematisierung der eigenen disziplinären Zugehörigkeit.

Rhetorische FunktionenErläuterung

1)  Einleitung

a)  von inhaltlichen Erläuterungen oder Problematisierungen

b)  von Kritik aus disziplinärer Perspektive

  Nennen der Fachidentität als Nachweis von Kompetenz und Expertenschaft, Rechtfertigung für das Äußern von negativer Kritik

  Nennen der Fachidentität zur Abwehr von Kritik

2)Markierung von Perspektivenwechseln

a)  Perspektivierung des Beitrags

Selbstvorstellung zu Beginn des Diskussionsbeitrags

Präzisierung der Perspektive/Fachidentität inmitten des Beitrags

b)  Thematisierung von disziplinären Perspektiven und Interdisziplinarität

c)  Gegenüberstellung von Forschungsperspektiven/Disziplinen

Perspektiven:

Disziplinäre Betrachtung eines interdisziplinären Themas

Unterscheidung/Kontrastierung von spezifischen Richtungen einer Disziplin

Wissenschaftliche vs. private Identität

Interdisziplinäre Identitäten

sich selbst bekannt machen

Positionierung im Tagungskontext

Verortung innerhalb der eigenen Disziplin, Schule, Fachrichtung etc.

Perspektivenverdeutlichung: erlaubt dem Publikum die Einordnung der Aussagen

Abgrenzung von anderen (teilnehmenden) Disziplinen

Unterscheidung der fachlichen und persönlichen Perspektive

Nachweis von Kompetenz und Fachwissen

Herausstellen des Selbstverständnisses

Disziplinäre Perspektive auf interdisziplinäre Forschungsfragen

Herausarbeitung und Gegenüberstellung verschiedener Perspektiven

3)Begründung der Notwendigkeit von Interdisziplinarität

Legitimierung des interdisziplinären Forschungsansatzes

Abwehr von möglicher Kritik

4)Bewertung von Interdisziplinarität

Interdisziplinarität einer Person wird als Vorteil und positiv gewertet, da Perspektivwechsel möglich sind

image

An die Disziplinen und das wissenschaftliche Arbeiten sind wissenschaftliche Werte eng gekoppelt. Diese gelten allgemein in der Wissenschaft, werden aber auch disziplinspezifisch thematisiert: ständiges Hinterfragen, korrekte Metho ← 321 | 322 → den, Sorgfalt, Beweisbarkeit/Falsifizierbarkeit, Angabe aller Metadaten, logisches Schließen (keine freie Interpretation) und Rationalität. Das Anführen wissenschaftlicher Werte in der Diskussion in Kombination mit der disziplinären Verortung hat unterschiedliche Funktionen; diese wurden bereits im Zusammenhang mit positiver und negativer Kritik (Kap. 5) diskutiert. An dieser Stelle sei lediglich darauf hingewiesen, dass in den Disziplinen die Werte unterschiedlich stark gewichtet sind und deswegen, falls ein Regelverstoß erkannt wird, in der Diskussion angeführt werden.

Bei der Bearbeitung von Fachidentität wird deutlich, dass insbesondere der Unterschied zwischen theoretisch und experimentell-empirisch arbeitenden Wissenschaftlern häufig aufgegriffen wird. Es stellt sich die Frage, warum dieser Unterschied, ähnlich wie der Unterschied zwischen Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften so stark gemacht und herausgehoben wird. Eine mögliche Deutung wäre, dass die beiden unterschiedlichen Forschungsansätze sehr unterschiedlichen Wertesystemen folgen und/oder dass sie aufgrund unterschiedlicher Wahrheitsansprüche traditionell zur Lagerbildung neigen (vgl. Stichweh 2013). ← 322 | 323 →


84    Ein Blick auf Diskussionen um das Thema Fachidentität im Kontext von Interdisziplinarität bestärkt den Eindruck, dass die Thematisierung und Reflexion der eigenen Fachidentität (sowohl als Einzelperson als auch als Disziplin) durch die zunehmende Forderung nach interdisziplinärer Forschung in Deutschland an Bedeutung gewinnt. Die Titel der folgenden Konferenzen verschiedener Disziplinen belegen, dass eine Beschäftigung mit der eigenen Identität und der Verortung des Fachs notwendig geworden ist: z. B. Informatik 2003: „Das Spiel mit den Identitäten. Identität zwischen Fach, Kontext, Person und Umwelt“; Archäologie 2005: „Fachidentität versus Interdisziplinarität. Versuch einer Standortbestimmung der Archäologien“; Religion 2011: Panel „Religionswissenschaftliche Fachidentität zwischen disziplinärer Ausdifferenzierung, interdisziplinärer Verbundforschung und programmatischer Nicht-Disziplinarität“ (zu den Einzelbelegen siehe Literaturverzeichnis).

85    Beispielsweise werden in der Einführung in die Soziologie von Abels (2009: 322-391) Arbeiten der folgenden Soziologen vorgestellt: Georg Simmel, George Herbert Mead, David Riesman, Erving Goffman, Talcott Parsons, Erik H. Erikson, Peter L. Berger/Brigitte Berger/Hansfried Kellner, Zymunt Bauman.

86    Gottis Sammelband (2012) zeigt, dass diese Spuren nicht nur Rückschlüsse auf Fach- und Institutionenidentität, sondern auch auf die persönliche und soziale Identität des Schreibers zulassen.

87    Vgl. hierzu ausführlich Kap. 7.3.

88    Vgl. hierzu im Detail Kap. 5.3.