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Selbstdarstellung in der Wissenschaft

Eine linguistische Untersuchung zum Diskussionsverhalten von Wissenschaftlern in interdisziplinären Kontexten

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Lisa Rhein

Selbstdarstellung, Image- und Beziehungsarbeit spielen in der Wissenschaft eine zentrale Rolle. Dieses Buch untersucht aus vornehmlich gesprächsanalytischer Perspektive, wie Images und Beziehungen der Akteure interaktiv konstituiert und ausgehandelt werden. Im Fokus stehen dabei Fachdiskussionen von Wissenschaftlern auf interdisziplinären Konferenzen. Grundlage ist ein von Soziologie und Psychologie befruchtetes linguistisches Methodeninventar. Die Autorin zeigt, wie Wissenschaftler in Diskussionen Images aufbauen, angreifen und verteidigen, wobei die Fachidentität der Akteure von zentraler Bedeutung ist. Sie erklärt ebenso, wie Wissenschaftler Kompetenz – auch bei vorhandenem Nichtwissen – signalisieren und Humor zur Beziehungsgestaltung nutzen.
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7.3.2 Der (strategische) Umgang mit Nichtwissen – Heraus­forderungen für die Imagearbeit von Wissenschaftlern

7.3.2  Der (strategische) Umgang mit Nichtwissen – Herausforderungen für die Imagearbeit von Wissenschaftlern

Wenn die Kommunikation von Wissen zur Reputation und Autorität von Wissenschaftlern positiv beiträgt, weil dadurch Kompetenz und Fachwissen signalisiert werden, stellt sich die Frage, welche Wirkung die Kommunikation von Nichtwissen auf das Image der Wissenschaftler hat. Die Analyse der Sequenzen ergibt, dass die Kommunikation von Nichtwissen vorwiegend drei verschiedene Funktionen erfüllt: Sie dient dem Ausdruck von Höflichkeit (Kap. 7.3.2.1), signalisiert, dass Nichtwissen ein normaler Bestandteil von Wissenschaft ist (Kap. 7.3.2.2) und ist Anlass für kritische Diskussionen (Kap. 7.3.2.3). Diese Funktionen werden im Folgenden anhand von Beispielsequenzen erläutert. Die in Kapitel 7.3.1.1 vorgestellten Strategien zum wissenschaftlichen Umgang mit Nichtwissen von Stocking/Holstein (1993), Smithson et al. (2008a/b) und Wehling (2012) konnten bis auf die Strategie des Verbannens ebenso belegt werden. Da sie aber zum Großteil primär wissenschaftspraktische Strategien sind (d. h. die Images der Beteiligten nicht berücksichtigen), werden sie in den folgenden Abschnitten nicht in eigenen Kapiteln aufgegriffen, sondern je nach Vorkommen thematisiert.

7.3.2.1  Nichtwissens- und Unsicherheitsmarkierungen als Ausdruck von Höflichkeit

Smithson (2008a/b; auch Smithson et al. 2008a: 312) hat, wie bereits oben angedeutet, darauf hingewiesen, dass Unsicherheitsmarkierungen und Ausdrücke von Nichtwissen der Höflichkeit dienen können. Vagheiten und Unsicherheitsmarkierungen in der eigenen Rede ermöglichen dem Interaktionspartner Widerspruch, eröffnen größeren Reaktionsfreiraum und dienen der Konfliktvermeidung. Dies konnte auch in den vorliegenden Daten beobachtet werden.

In der ersten Sequenz wird deutlich, dass die gewählten Formulierungen seitens des Kommunikationspartners Widerspruch zum Gesagten erlauben:

146MaPmich ich würde gerne noch sagen wieso ich NEIN gesagt habe
147 ich mein es GIBT einfach das modell des antidesitterRAUMS
148 das wahrscheinlich ein ganz gutes modell ist für unsern RAUM
149PhilPmAja

Sequenz 112:   Diskutant MaPm und Diskutant PhilPmA in der Plenumsdiskussion; TK 3_10: 146-149. ← 373 | 374 →

Dass MaPm den Antidesitterraum einfach wahrscheinlich als ganz gutes modell erachtet, signalisiert, dass er auch andere Ansichten zulässt. Tatsächlich stimmt ihm PhilPmA sogar zu (ja), bevor MaPm seine Meinung weiter ausführt. Die Möglichkeit des Widerspruchs ist also durch das Adverb wahrscheinlich, das in der Bedeutung ‚mit ziemlicher Sicherheit‘ (Duden) gebraucht wird, und die Abtönungspartikel einfach gegeben.

In der nächsten Sequenz äußert PharmPm in der Fokusdiskussion seine Unsicherheit darüber, ob er der Adressat einer Äußerung ist und daher auf die Frage antworten soll:

130PharmPmvermute dass sich mit die frage nach gott eher an MICH richtet (.)

Sequenz 113:   PharmPm als Fokusdiskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten BioAnthPm; TK 2_6: 130.

Die Unsicherheit wird hier durch das Verb vermuten ausgedrückt. Die Vermutung, Adressat der Frage nach Gott zu sein, wird durch das Adverb eher gestützt. Die kleine Pause vor der inhaltlichen Antwort lässt dem fragenden BioAnthPm die Möglichkeit zur Richtigstellung offen, falls dieser seine Frage an den anderen Fokusdiskutanten gerichtet hatte.

Unsicherheitsmarkierungen können dadurch, dass sie Höflichkeit signalisieren, auch die Beziehung zwischen Diskussionspartnern und die Gesprächsatmosphäre insgesamt positiv gestalten:

004PhyPmAfrau [Nachname] hat gesagt der zweite diskutant solle MÖGlichst weit [weg <<lachend> von>>] (-)
005eTheoPmA      [((lacht)) ]
006PhyPmAihnen sein (.) äh vom FACH her vielleicht ist trifft das zu
007 aber ich glaub nicht dass wir uns von unserer EINstellungen (--) sonstigen ä überzeugungen her
008 SO (.) weit voneinander weg sind (-) ähm

Sequenz 114:   eTheoPmA und PhyPmA in der Fokusdiskussion; TK 3_1: 004-008.

Die Gesprächseröffnung ist freundlich, was durch das Lachen von eTheoPmA und die Intonation von PhyPmA deutlich wird. PhyPmA geht darauf ein, dass ihre jeweiligen Disziplinen vielleicht sehr unterschiedlich sind, dass er aber die Einstellungen und Überzeugungen als nicht sehr verschieden einschätzt (aber ich glaub nicht). PhyPmA signalisiert dadurch soziale Nähe über Disziplingrenzen hinweg und gewährleistet so eine positive Gesprächseröffnung.

Auch die Unsicherheitsäußerung im nächsten Beispiel wirkt beziehungsgestaltend. PhilNaWiPm äußert seine Vermutung, dass sich PhilPmA der referierten Position anschließen wird: ← 374 | 375 →

058PhilNaWiPmdas SIND gibt es die (-) grundlagentheoretiker die da darauf beSTEHen
059 dass die matheMAtischen ausdrücke WAHR sein wahr zu sein haben (-)
060 ALle DIE (.) und ich würde es auch verMUten würde auch verMUten
061 dass sie diese diese position an sich Anschließen (--)
062 äh müssen annehmen dass es IRgendeine art von !WECH!selwirkung gibt

Sequenz 115:   PhilNaWiPm in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten PhilPmA; TK 2_4: 058-062.

Die Formulierung würde es auch verMUten drückt die Subjektivität der Einschätzung aus, wodurch PhilPmA problemlos die Möglichkeit zum Widerspruch hat. Sollte PhilPmA tatsächlich widersprechen, ist die Gesichtsbedrohung für PhilNaWiPm weniger stark, als wenn er seine Äußerung als Behauptung anstatt als Vermutung formuliert hätte (vgl. Smithson 2008a: 16).

Ausdrücke von Unsicherheit und Nichtwissen sind in den Sequenzen dieses Abschnitts zwar auch als solche anzusehen – in dem Sinne, dass sie Unsicherheit in Bezug auf einen Sachverhalt ausdrücken –, aber sie gewährleisten vor allem eine höfliche Kommunikation (vgl. Smithson 2008b; Smithson et al. 2008a). Dem Interaktionspartner werden Möglichkeiten zum Nachhaken und Eingreifen sowie Reaktionsfreiraum gegeben. Zudem hat ein Beispiel gezeigt, dass Ausdrücke von Nichtwissen/Unsicherheit der Gesprächsorganisation (der Versicherung über das Rederecht) dienen können.

7.3.2.2  Nichtwissen als Konstituente von Wissenschaft

Nichtwissen ist ein grundlegender Bestandteil und Antrieb von Wissenschaft und Forschung (vgl. Kap. 7.3.1). In den Daten zeigt sich, dass Nichtwissen in Bezug auf Forschung explizit aufgedeckt, vorgebracht und thematisiert wird. Nichtwissen bzw. Unsicherheit referieren dabei auf (a) fehlende Theorien, Modelle und Beschreibungsmöglichkeiten, oder (b) auf die Fehlbarkeit von wissenschaftlichen Erkenntnissen bzw. Wissen. Zudem kann damit (c) die Annahme oder Hoffnung ausgedrückt werden, dass Nichtwissen durch Forschungsfortschritt überwunden werden kann. Hier kommen drei Strategien im Umgang mit Nichtwissen zum Tragen, die Smithson et al. (2008a/b) herausgestellt haben: Nichtwissen kann akzeptiert/toleriert, reduziert oder kontrolliert/zunutze gemacht/ausgebeutet werden, was sich in den Daten ebenso zeigt. ← 375 | 376 →

a) Fehlende Theorien, Modelle, Beschreibungsmöglichkeiten

Das kommunizierte Nichtwissen dieser Kategorie zeichnet sich dadurch aus, dass von der Natur gegebene Sachverhalte von Wissenschaftlern (noch) nicht vollständig erklärt und beschrieben werden können. Oft schließt dies eine zeitliche Perspektive ein, d. h. es wird davon ausgegangen, dass durch weitere Forschung Nichtwissen zukünftig in Wissen überführt werden kann.

In der Naturwissenschaft bspw. folgen auf Entdeckungen genaue Analysen der unbekannten Stoffe, Sachverhalte etc. mit dem Ziel, Nichtwissen in Wissen umzuwandeln:

128BioPmAne andere sache kürzlich kam ne genomsequenzierung von trichomonas vaginalis
129 des is ein krankheitserreger n eurkaryont n EINzeller (---) einzelliger organismus
130 in nature kam die arbeit der hat (1.5) vierundfünfzigtausend gene (1.5)
131 DAvon sind die meisten unbekannt (1.5)

Sequenz 116:   BioPmA und BioAnthPm in der Fokusdiskussion; TK 2_1: 128-131.

Das Nichtwissen bleibt durch die Formulierung sind […] unbekannt trägerlos und wird als Faktum präsentiert. Zwar wird es nicht explizit als Noch-nicht-Wissen charakterisiert, aber die Tatsache, dass die Genomsequenzierung des Krankheitserregers erst kürzlich gemacht wurde, verweist auf das frühe Stadium der Forschung und lässt damit die potenzielle Überführung des Nichtwissens in Wissen als Perspektive zu, zumal durch die Gesamtaussage auf erste Forschungen zu diesem Thema verwiesen wird.

Während die erste Sequenz zeigt, dass bestimmte Gene noch nicht klassifiziert werden können, geht es in der zweiten und dritten Sequenz darum, dass das Wissen um Funktionsweisen bzw. um deren Modellierung fehlt:

258PhyPsyDrmdas ist ne REIN phänomenologische beSCHREIbung (-) die ha ist KEIne erklärung
259 ich hab ja ihnen gesagt wir WISsen (-) EIgentlich im prin!ZIP NICHT! wie sowas funktioniert

Sequenz 117:   PhyPsyDrm in der Fokusdiskussion mit PhilPmA; TK 3_6: 258-259.

Das Nichtwissen wird durch die Verwendung des Personalpronomens wir, das inklusiv verwendet wird, an die eigene Forschergruppe bzw. an die Psychosomatiker gebunden und bezieht sich auf das Fehlen einer möglichen Beschreibung von Spukphänomenen. Die Formulierung im prin!ZIP! signalisiert, dass Wissen grundlegend und ganz grundsätzlich fehlt. In der nächsten Sequenz, die dem gleichen Diskussionsabschnitt entnommen ist, wird das Nichtwissen um Erklärungen und Modelle von psychosomatischen Vorgängen explizit den Psy ← 376 | 377 → chosomatikern in ihrer Gesamtheit zugeschrieben (nämlich die psychosomatiker wissen ALLE nicht):

280PhyPsyDrm!WENN! es uns eines tages geLINGT (--) äh theoretischpsychosomatische reaktionen IM KÖRper zu beschreiben
281 nämlich die psychosomatiker wissen ALLE nicht wie es funktio!NIERT! (.)
282 DANN haben wir MÖGlicherweise gleichzeitig auch ein gutes modell für den spuk (-)
283 ABER das ist ein ä ZUkunftsmusik
284 ICH bin der meinung dass es irgendwann ge!LING!en wird (--)
285 äh da spricht EIniges daFÜR

Sequenz 118:   PhyPsyDrm in der Fokusdiskussion mit PhilPmA; TK 3_6: 280-285.

Dieses theoretische Erfassen und Erklären von psychosomatischen Phänomen gilt nach der begründeten Einschätzung von PhyPsyDrm als Voraussetzung dafür, einen Zugang zum Verständnis von Spukphänomenen zu ermöglichen: ICH bin der meinung […] da spricht EIniges DaFÜR. Diese Möglichkeit wird in die Zukunft verlagert, was in der Metapher ZUkunftsmusik zum Ausdruck kommt, da aufgrund des bisherigen Kenntnisstands keine Modellierungen möglich sind.

Nichtwissen kann auch auf das Fehlen von Theorien und Konzepten zur Erklärung eines Naturphänomens verweisen. AsphyPhilPm wird von PhilPmB dafür kritisiert, die Inhalte seines Vortrags zu glattpoliert, aggressiv und ohne Nennung möglicher Einschränkungen hinsichtlich der Erkenntnisse (darauf verweist die Wendung leichen im KELler) vorgetragen zu haben. Hierdurch verstößt AsphyPhilPm gegen die Forderung, Einschränkungen der Gültigkeit des Gesagten sowie Wissenslücken deutlich zu machen (vgl. Stocking/Holstein 1993: 192). AsphyPhilPm reagiert auf die Kritik, indem er zum einen argumentiert, dass diese Ungereimtheiten und Einschränkungen seiner Erwartung nach eher in der Diskussion nach seinem Vortrag besprochen werden sollten. Zum anderen verweist er in seiner Begründung auf fehlendes Verständnis und fehlende Konzepte der dunklen Energie, die er deswegen in seinem Vortrag nicht dargestellt habe:

173AsphyPhilPmzuerst mal platt (.) also aggresSIV ähm (.) ich es kann sein
174 dass ich (--) we weil ich die geschichte sehr GERne erzähle (---) ähm (---)
175 da vielleicht ein bisschen übers ziel hiNAUSgeschossen bin und (2.0)
176 ich damit gerechnet habe dass wir in der diskussion über diese leichen im KELler reden (.)
177 weil (.) über die leichen im keller zu reden ist konzeptio!NELL! (-)
178 weil wir überhaupt noch kein ver!STÄND!nis
179 also dunkle materie hätt ich da noch mit EINbringen können ← 377 | 378 →
180 das wär kein problem gewesen (--) aber konzeptionell haben wir für die dunkle energie nichts anzubieten (.)
181 was ich erzählen könnte und INnerhalb dieser geschichte EINbauen kann (-)

Sequenz 119:   AsphyPhilPm als Vortragender in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten PhilPmB; TK 3_8: 173-181.

Das Nichtwissen ist an den Träger wir gebunden, also an die Gesamtheit der Astrophysiker. Zudem wird es als Noch-nicht-Wissen charakterisiert und verweist damit auf weiteren Forschungsbedarf: überhaupt noch kein ver!STÄND!nis (das Adverb überhaupt wirkt verstärkend).

Die fehlende Einbettung bzw. das Fassen eines Phänomens in eine Theorie wird auch im nächsten Abschnitt thematisiert. UmwGeschDrm knüpft in der Diskussion an einen weiteren strittigen Punkt an und paraphrasiert die von SozPm geäußerte Beschreibung:

023UmwGeschDrmLETZTlich sind naTURgefahren auch soZIAle gefahren
024 dann würd ich sagen (--) !JEIN! (--)
025 weil der unterschied ist eben sozialiSIERT oder genuin soziAL (---) ähm
026 ich weiß nicht wie man das am besten theoretisch fasst ä
027 vielleicht kann man das ne (--) heteropoiesis nennen
028 die in ne autopoiete poietische prozesse überSETZT wird

Sequenz 120:   UmwGeschDrm als Vortragender in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten SozPm; TK 1_3: 023-028.

Der Beschreibung von Naturgefahren als soziale Gefahren widerspricht UmwGeschDrm partiell (dann würd ich sagen (--) !JEIN!) und begründet nachfolgend seinen Widerspruch. Daraufhin gesteht er ein, selbst keine ideale theoretische Konzeptualisierung vorlegen zu können, versucht es aber (ausgedrückt im Adverb vielleicht) mit dem Begriff heteropoiesis. Die Unsicherheit bezieht sich hier auf die theoretische Fassung eines Sachverhalts, wobei die Unsicherheit nicht bewertet wird.

Im nächsten Abschnitt handelt es sich auch um Noch-nicht-Wissen (was vom Vortragenden intonatorisch sehr betont wird), das sich diesmal aber auf theoretische Vereinbarkeit bezieht:

059AsphyPhilPmdie allgemeine relativitätstheorie ist ja LEIder gottes
060 wäre ja !SCHÖN! wenn es so wäre (-) ist ja leider NOCH !NICHT! mit der quantenmechanik vereinbar (--)
061 wir k wir haben KEIne theorie die quantengravitation macht

Sequenz 121:   AsphyPhilPm als Vortragender in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten PhilPmB; TK 3_8: 059-061. ← 378 | 379 →

Diese Unvereinbarkeit der Theorien (Allgemeine Relativitätstheorie und Quantenmechanik) wird von AsphyPhilPm bedauert (LEIder gottes, leider) und damit als zu überwindender Zustand charakterisiert. Die Lösung sei eine theorie die quantengravitation macht, die es bisher aber nicht gebe. Damit bleibt das Nichtwissen bestehen.

Auch in der nächsten Sequenz wird das Nichtwissen um weitere Naturgesetze bedauert (leider) und das Wissen, um weitere Gesetze, als gut bewertet (es wäre schön):

088AsphyPhilPm[es] wäre
089 SCHÖN wir WISsens ja leider nicht
090 wir KENnen ja leider nicht alle gesetze=

      […]
115 dass wir NUR mit DEN naturgesetzlichkeiten arbeiten
116 die wir KENnen weil wir sagen (.) DAS ist das MINImum (.)
117 es mag noch WEItere naturgesetze geben (--) von denen wir nichts WISsen
118 aber die dürfen DEnen die wir kennen !NICHT! widersprechen (.)

Sequenz 122:   AsphyPhilPm als Vortragender in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten PhilPmB; TK 3_8: 088-090, 115-118.

Träger des Nichtwissens sind die Astrophysiker, worauf das wohl inklusiv gemeinte wir hinweist. Das Modalverb mögen in es mag noch WEItere naturgesetze geben (--) von denen wir nichts WISsen ist Ausdruck einer Vermutung und damit Ausdruck von Unsicherheit; die gesamte Konstruktion weist auf die Form des bekannten Nichtwissens hin. Dadurch, dass eine naturwissenschaftliche Einschränkung des Vorhandenseins weiterer Naturgesetze angeführt wird, aber die dürfen DEnen die wir kennen !NICHT! widersprechen, wird Kompetenz signalisiert.

Die nachfolgende Sequenz zeigt, dass nicht nur Konzepte und Modelle, sondern auch Beschreibungs- und Erklärungsansätze gänzlich fehlen können. PhyPsyDrm zufolge befindet er sich sozusagen in einer Extremsituation des Nichtwissens, in der er lediglich bestimmte Phänomene feststellen, aber nicht erklären könne: WEIL (.) man hier gar nichts SAgen kann. Diese Tatsache wird durch die Wiederholung mit verstärkendem Adverb überhaupt betont: man kann über!HAUPT! nichts sagen man kann nur feststellen. Das eingestandene Nichtwissen ist an das Indefinitpronomen man gebunden, das uneindeutig ist:

151PhyPsyDrmes gibt aber immer wieder erfahrungen DIE ä sozusagen SICH SO regelwidrig verhalten ä
152 dass sie einfach überhaupt nicht äh !SEIN! könnten und trotzdem (.) treten sie auf
153 das ist gewisserm mei mein spezialgebiet des werd ich morgen sagen ← 379 | 380 →
154 !SO! (.) nun IST es natürlich ne MISSliche situation
155 WEIL (.) man hier gar nichts SAgen kann
156 man kann auch nicht sagen dass das !WUN!der sind (--)
157 man kann über!HAUPT! nichts sagen man kann nur feststellen (--)
158 das sind (.) SINguläre ereignisse die normalerweise nicht in den bereich der wissenschaft hi!NEIN!genommen werden
159 weil es damit nur sehr sporadische erfahrungen gibt

Sequenz 123:   PhyPsyDrm als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden eTheoPmA; TK 3_2: 151-159.

PhyPsyDrm beschreibt diesen Nullzustand von Wissen, das Nicht-wissen-Können, als ne MISSliche situation und signalisiert damit eine negative Bewertung des Nichtwissens. Der vorherige, nicht abgedruckte Verweis auf den britischen Philosophen C. D. Broad signalisiert demgegenüber Kenntnis der Forschungslandschaft, dadurch Kompetenz und Fachwissen.

Nicht zuletzt kann Nichtwissen, wie in der nächsten Sequenz, lediglich festgestellt werden:

227PhyPsyDrmalso äh die das ist ja ne FORschungsgruppe
228 die sich jetzt da gebildet hat (-) äh
229 da HAT man zum beispiel dieses modell ANgewendet (.)
230 auf ähm äh ä ein WAHRnehmungsphysiologisches phänomen
231 was AUCH immer noch ein rätsel DARstellt
232 warum be bekannte NEGA (.) cube also dieser äh dieser [NEGAwürfel]
233PhilPmA[negawürfel]
234PhyPsyDrmden man mal von unten oder von oben sieht
235 der klappt ii zu ner ZEIT von ungefähr drei sekunden um beim normalen menschen (-)
236 und äh äm da HAT man dann dieses modell angewendet und rausgefunden (-)
237 man KANN diese drei sekunden (-) GANZ gut mit diesem modell erklären

Sequenz 124:   PhyPsyDrm in der Fokusdiskussion mit PhilPmA; TK 3_6: 227-237.

Das Phänomen des umklappenden Würfels kann von der Gemeinschaft der Wissenschaftler nicht erklärt werden. Es handelt sich um ein allgemein bekanntes, nicht erklärbares Phänomen (bekannte NEGA (.) cube), worauf die Trägerlosigkeit des Nichtwissens in der Formulierung was AUCH immer noch ein rätsel DARstellt verweist. Die Feststellung von Nichtwissen ist in diesem Zusammenhang unproblematisch für das face von PhyPsyDrm, da ihm Nichtwissen nicht persönlich zugeschrieben werden kann, sondern für alle gilt.

Zusammenfassend kann man sagen, dass das eingestandene oder festgestellte Nichtwissen dieser Kategorie Forschungsbemühungen und eine kritische Aus ← 380 | 381 → einandersetzung mit den Sachverhalten oder Gegenständen voraussetzt. Wird vor diesem Hintergrund Nichtwissen von Wissenschaftlern identifiziert, wirkt sich dieses nicht negativ auf die Kompetenz der Wissenschaftler aus. Das Hinweisen auf fehlende Konzepte, Modelle oder Beschreibungsmöglichkeiten – von Stocking/Holstein 1993: 192 als caveats bezeichnet – zeigt an, dass man sich an die Regeln guter wissenschaftlicher Arbeit hält, indem man Dinge nicht unbelegt behauptet und Wissenslücken nicht verschweigt. Damit kann das Eingeständnis von Nichtwissen positiv zum Image als guter und glaubwürdiger Wissenschaftler beitragen.

b) Grundsätzliche Fehlbarkeit von wissenschaftlichen Erkenntnissen (Wissen)

Die Grundidee des wissenschaftlichen Arbeitens ist es, wissenschaftliches Wissen nur so lange als gesichert anzusehen, bis es widerlegt werden kann. Dieser Grundsatz wird von Wissenschaftlern auch in den untersuchten Diskussionen relevant gemacht. In der nächsten Sequenz weist PhilNaWiPm seinen Diskussionspartner PhilPmA auf die Tatsache hin, dass als sicher geltendes Wissen potenziell falsch sein und Fehler enthalten kann, demnach nicht unbedingt wahr sein muss:

104PhilNaWiPmder FEHler wird vorausgesetzt !IN HIN!blick auf eine (-) ANrechnung die man für korrekt hält
105 aber auch !DIE! auch da äh ((räuspert sich)) auch !DIE! ist eine SETzung auch die kann FALSCH sein (1.5)
106 es gibt keine ((räuspert sich)) keine in dem sinne keine korrekten be!WEI!se
107 auch der der beweis von von äh andrew wiles !KANN NOCH! fehler enthalten (.)
108 es ist NICHT SO dass man DA in besitz einer absoluten WAHR ist

Sequenz 125:   PhilNaWiPm in der Fokusdiskussion mit PhilPmA; TK 2_4: 104-108.

Die Verwendung des Modalverbs können signalisiert die Möglichkeit der Fehlerhaftigkeit. Der Begriff SETzung, also das ‚Aufstellen von Normen‘ (Duden), impliziert, dass das Wissen nicht empirischen Ursprungs, also nicht vollständig abgesichert ist. Das aufgerufene Wissen ist demnach vorläufig und potenziell fehlerhaft. Etwas beweisen zu können bedeutet hingegen, Gründe und Argumente für die Wahrheit eines Sachverhalts anführen zu können, also einen hohen Grad an Sicherheit in Bezug auf das Wissen zu haben (vgl. Tab. 38). Die Schlussfolgerung aber, dass es im Sinne der prinzipiellen Falsifizierbarkeit von Wissen keine korrekten Beweise gebe, mündet darin, dass sogar das, was für bewiesen und wahr gehalten wird, noch nicht absolut ist: es ist NICHT SO dass man DA in besitz einer absoluten WAHR ist. ← 381 | 382 →

Auf ähnliche Weise entkräftet ChemPmA eine Argumentation von PharmPm in der Fokusdiskussion, indem er das, was PharmPm für bewiesen, gesichert und damit als gewusstes Wissen hält, infrage stellt:

267ChemPmAund was trevors (-) und abel gesagt haben des ist ein postu!LAT! ihrerseits
268 das aber noch nicht beWIEsen ist (-) JA

Sequenz 126:   ChemPmA in der Fokusdiskussion mit PharmPm; TK 2_5: 267-268.

PharmPm wird dafür kritisiert, die Aussagen von Trevors und Abel als gesichert zu betrachten und die potenzielle Fehlerhaftigkeit zu ignorieren. Durch die Charakterisierung derselben als postu!LAT! (vgl. Tab. 38) und den Hinweis auf fehlende Beweise, wird PharmPm die Diskussionsgrundlage entzogen. Das, was PharmPm für gesichert hält, wird von ChemPmA ins Gegenteil verkehrt; damit liegt eine Form der echoic speech, der Echo-Rede vor (vgl. Stocking/Holstein 1993), bei der das Gesagte vom Kommunikationspartner aufgenommen und als falsch oder überholt abgewertet wird.

Insgesamt ist das Nichtwissen dieser Kategorie potenziell gesichtsbedrohend, da das, was als gesichertes oder ungesichertes Wissen gilt, erst interaktiv ausgehandelt und nicht wie im ersten Fall als konsensual gesetzt wird. Die Akteure haben unter Umständen konfligierende Ansichten, was dazu führt, dass Argumentationen, die auf vermeintlich sicherem Wissen beruhen, durch die Deklaration dieses vermeintlich sicheren Wissens als unsicheres Wissen oder Irrtum ausgehebelt werden. So kann ein Wissenschaftler von einem anderen über sein Nichtwissen belehrt werden, wodurch dem Belehrten Kompetenz abgesprochen und dem Belehrenden Kompetenz zugeschrieben wird.

c) Überwindung des Nichtwissens durch Forschung

Im Umgang mit Nichtwissen kommt häufig die Annahme bzw. die Hoffnung zum Ausdruck, dass Nichtwissen prinzipiell durch Forschungsfortschritt überwunden werden kann. In diesem Zusammenhang sind Nichtwissens-Äußerungen stark an eine bestimmte zeitliche Perspektive gebunden. Die folgenden Sequenzen belegen, dass Nichtwissen in der Gegenwart besteht, Wissen demgegenüber in die Zukunft projiziert wird:

179BioPmAWIE lang werden die peptide (.) die sie dann kriegen
180ChemPmAja ((räuspert sich)) des kann ich ihnen (-) WAHRscheinlich in (.) einem jahr BESSer beantworten (.)
181 zurzeit reichen unsere (.) bescheidenen analytischen (-) nachweismöglichkeiten (.) äh
182 zu äh ein paar (-) heptapep hexa und heptapeptiden ← 382 | 383 →
183 weil wir keine referenzsubstanzen HAben für die HÖheren ((räuspert sich))
184 durch die (.) neu jetzt ä in entwicklung stehen
185 was mein mitarbeiter macht (.) äh kombinaTION chromatografische und massenspektrometrische verfahren
186 äh hoffen wir (.) eben auch wir haben jetzt schon höhere molekülMASSen gesehen
187 aber wir wissen noch nicht was es ist

Sequenz 127:  BioPmA als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden ChemPmA; TK 2_6: 179-187.

Die Frage von BioPmA ist eine reine Interessensfrage (eine kurze Erläuterung seines Erkenntnisinteresses geht seiner Frage voraus), auf die ChemPmA sehr offen antwortet und sein heutiges Nichtwissen zugibt: wir wissen noch nicht was es ist. Das Nichtwissen wird als Noch-nicht-Wissen charakterisiert, das zeitlich eingebettet wird: zurzeit wird etwas noch nicht gewusst, die Frage kann aber WAHRscheinlich in (.) einem jahr BESSer beantworte[t] werden. ChemPmA begründet zudem den Umstand, dass man die Länge der Peptide (bisher) nicht genau bestimmen kann, indem er auf die bescheidenen analytischen (-) nachweismöglichkeiten und fehlenden referenzsubstanzen verweist. ChemPmAs Wissen und Kompetenz auf dem Fachgebiet zeigen sich damit in der konkreten Lokalisierung und Begründung von Nichtwissen.

Die nächsten drei Sequenzen entstammen demselben Diskussionsabschnitt, in dem sich ChemPmA und PharmPm mit der Frage auseinandersetzen, ob das Leben auf der Erde rein chemisch-natürlich entstanden ist oder aber durch Gottes Wille initiiert wurde. Während ChemPmA dafür argumentiert, dass allein die vorhandenen organischen Substanzen dazu geführt haben, dass sich Leben gebildet hat, hält PharmPm die bisherigen Experimente als keinen ausreichenden Nachweis für die Theorie und plädiert demgegenüber für das Wirken von Gott. Die Sequenz beginnt mit der Kritik von ChemPmA an dieser, seiner Meinung nach vorschnellen, Annahme einer übergeordnete[n] macht oder kr noch unbekannte[n] KRAFT:

137ChemPmAwovor ich nur WARnen möchte ist (--) äh (--)
138 zu FRÜH (-) eine übergeordnete macht oder kr noch unbekannte KRAFT (-)
139 ne also es könnt nämlich auch sein
140 dass mer in der naTURwissenschaft (-) noch nicht alle kräfte erKANNT haben (.)
141 wir kennen mal grad VIER zurzeit net
142 vielleicht gibts da noch !MEHR!
143 ABER (--) auf die werden wir (.) eben !NICHT! drauf kommen

Sequenz 128:  ChemPmA in der Fokusdiskussion mit PharmPm; TK 2_5: 137-143. ← 383 | 384 →

ChemPmA argumentiert gegen die Annahme eines göttlichen Wirkens, indem er auf potenzielles Nichtwissen in der Wissenschaft verweist: es könnt nämlich auch sein dass mer in der naTURwissenschaft (-) noch nicht alle kräfte erKANNT haben. Dieses potenzielle Nichtwissen ist temporär, es wird als Noch-nicht-Wissen deklariert. Als Träger des Nichtwissens erscheinen hier die Naturwissenschaftler, zu denen sich ChemPmA zählt (deutlich wird dies durch die Verwendung des inklusiven wir: mer in der naTURwissenschaft; wir kennen mal grad VIER zurzeit). ChemPmA schließt also nicht aus, dass noch mehr Kräfte in der Natur am Werk sind, die noch nicht erkannt wurden. Interessanterweise wechselt die Kategorisierung des Nichtwissens vom Noch-nicht-Wissen zum Niemals-wissen-Können. Dieser Zwiespalt in der Kategorisierung führt ihn dann zu einer kritischen Frage an PharmPm.

PharmPm entgegnet später auf den Beitrag von ChemPmA aus pharmazeutischer Perspektive (betont durch den Ausschluss von christlichem Glauben: das hat jetzt mit GLAUben oder gott überhaupt nichts zu tun; vgl. zur Differenzierung zwischen wissenschaftlicher Fachidentität und persönlicher Identität Kap 6.2.2, Abschnitt c)):

079PharmPmalso ich ich kann mir das (.) CHEmisch REIN CHEmisch (--)
080 das hat jetzt mit (.) GLAUben oder gott überhaupt nichts zu TUN (--)
081 nicht VORstellen dass DIEse dinge (-) von alleine (-)
082 sei es (--) blitzschnell oder langsam zuSAMmenkommen (---)
083 das scheint so viel an der chemie zu widersprechen
084 die wir wissen (--) natürlich weiß ich nicht
085 was die chemie noch heRAUSfinden wird (--)
086 aber auf dem WISsensstand der chemie die wir JETZT haben (---)
087 kommen mir diese experimente (3.0) ähm (.) NICHT zielführend vor (2.0)

Sequenz 129:  PharmPm in der Fokusdiskussion mit ChemPmA; TK 2_5: 079-087.

PharmPm äußert seine Zweifel an der Möglichkeit einer chemischen Reaktion, die zu Leben geführt haben kann, und begründet seine Zweifel. Die Formulierung kommen mir vor drückt die Subjektivität seiner Ansicht aus. Auch hier ist Nichtwissen in einen zeitlichen Rahmen eingebettet: der jetzige Wissensstand und das zukünftige Wissen: natürlich weiß ich nicht was die chemie noch heRAUSfinden wird. Träger des Noch-nicht-Wissens ist PharmPm, gleichzeitig aber auch die Disziplin Chemie, die (noch) nicht alles weiß. Kurze Zeit später wird diese Unsicherheit gegenüber dem zukünftigen, potenziellen Wissen wieder aufgegriffen und die heutige Perspektive (im moment) mit einer zukünftigen (es kann sein dass sich das verändert) kontrastiert: ← 384 | 385 →

175PharmPmes kann sein dass sich das verändert durch die forschung
176 dass man ZEIGT ah ja die dinge (2.5) passieren DOCH
177 wenn wenn mans einfach nur zusammen!KIPPT! (--)
178 aber das SEH ich im moment nicht (.) im gegenTEIL (--)
179 je geNAUer man diese sachen analysiert (--)
180 desto mehr wird da eine INdeterminiertheit (--) äh erkennbar

Sequenz 130:  PharmPm in der Fokusdiskussion mit ChemPmA; TK 2_5: 175-180.

PharmPm bekräftigt hier seine Ablehnung der Ansicht von ChemPmA, der die Entstehung des Lebens aus den Reaktionen verschiedener Substanzen als bewiesen ansieht. Die Ablehnung kommt in der negativen Bewertung in einfach nur zusammen!KIPPT! und seiner Begründung (je geNAUer man diese sachen analysiert (--) desto mehr wird da eine INdeterminiertheit (--) äh erkennbar) zum Ausdruck.

Nichtwissen wird demnach in dieser Kategorie als prinzipiell überwindbar charakterisiert. In den Sequenzen liegt die Überführung von Nichtwissen in Wissen in der Zukunft, das Nichtwissen existiert dagegen heute. Wissenschaftler können durch die Benennung und Lokalisierung (auch durch Pläne zur Überwindung von Nichtwissen) Kompetenz demonstrieren, was sich positiv auf ihr Image als kompetente Forscher auswirkt.

Insgesamt erscheint Nichtwissen in den Sequenzen des Abschnitts Nichtwissen als Konstituente von Wissenschaft als Noch-nicht-Wissen, also als überwindbarer, temporärer Zustand, der in der Wissenschaft als grundlegend und normal angesehen wird. Die Kategorisierung als Noch-nicht-Wissen weist darauf hin, dass die Strategie des Nichtwissen-Reduzierens (vgl. Smithson et al. 2008b: 321f.) oder zumindest die des Akzeptierens und Tolerierens (vgl. ebd.) zum Tragen kommen. Zur Nichtwissens-Reduktion wird Forschung betrieben, die zum Teil über Drittmittel finanziert wird. Zur Drittmittel-Einwerbung werden Forschungsanträge gestellt, in denen Nichtwissens-Bereiche benannt und lokalisiert werden müssen. Dies kann als Strategie des Kontrollierens/Ausbeutens/Zunutzemachens von Nichtwissen gewertet werden (vgl. ebd.; Stocking/Holstein 1993).

Das Thematisieren von Nichtwissen wirkt in dieser Kategorie nicht gesichtsbedrohend, sondern als notwendig und als Bestandteil von gründlicher und sorgfältiger Forschung. Durch die Lokalisierung, Darstellung, Begründung und Analyse von Nichtwissen signalisieren Wissenschaftler die Anerkennung wissenschaftlicher Werte und dadurch Kompetenz, Professionalität und Glaubwürdigkeit. ← 385 | 386 →

7.3.2.3  Nichtwissen als Diskussionsanlass / zur wissenschaftlichen Infragestellung

Nicht zuletzt ist Nichtwissen der Ausgangspunkt von Diskussionen, von Kritik, Zweifel und Infragestellung von Erkenntnissen. Nichtwissen wird interaktiv ausgehandelt und ist damit Ansatzpunkt für Kompetenz- und Geltungsstreits. Im kritischen Diskurs werden Nichtwissen und Unsicherheit zum Teil den Diskussionspartnern oder der anderen Disziplin zugeschrieben (vgl. die Strategie der gegenseitigen Zuschreibung bei Stocking/Holstein 1993 und Wehling 2004), was dem Absprechen von Kompetenz und Fachwissen gleichkommen kann. Damit sind solche Zuschreibungen teilweise sehr gesichtsbedrohend. Im Folgenden werden daher Zuschreibungsprozesse von Nichtwissen betrachtet und unter Gesichtspunkten der Selbstdarstellung in den Blick genommen. Auch hier wird auf die von Stocking/Holstein (1993), Smithson et al. (2008a/b), Wehling (2012) identifizierten Strategien im Umgang mit Nichtwissen Bezug genommen. Die folgenden Strategien konnten identifiziert werden: a) Selbstzuschreibung von Nichtwissen und Unsicherheit, b) Selbstzuschreibung von Nichtwissen zwecks Kritik am Gegenüber, c) Fremdzuschreibung von Nichtwissen und Unsicherheit, d) offene Fragen als Fremd- und Selbstzuschreibung, e) trägerlose Feststellung von Nichtwissen zwecks gegenseitiger Kritik. Diese werden nachfolgend erläutert und mit Beispielen belegt.

a) Selbstzuschreibung von Nichtwissen und Unsicherheit

Die expliziteste Form der Selbstzuschreibung stammt von PhyPsyDrm in der Plenumsdiskussion zu seinem eigenen Vortrag, in dem er von Spukphänomenen berichtet hat. Der allgemeine Tenor der Diskussion ist, die Forschung von PhyPsyDrm als Wissenschaft nicht ernst zu nehmen und die parapsychologische Erklärung des Spuks abzulehnen, da alle Phänomene naturwissenschaftlich vollständig erklärbar seien. In der Diskussion wird PhyPsyDrm von AsphyPhilPm vorgeworfen, nicht alle Möglichkeiten bei seinen Nachforschungen bedacht zu haben. Nachdem PhyPsyDrm alle Argumente vorgebracht hat, die solche Phänomene erklären können, bekennt er sich zu seinem Nichtwissen und wehrt sich damit gegen den Vorwurf, etwas übersehen zu haben:

226PhyPsyDrmSO !JETZT! gibts natürlich alles !MÖG!liche (.)
227 nur der punkt ist DER ich WEISS es nicht (.)
228 und ich hab mich wirklich jetzt vierzig jahre bemüht herauszufinden was da dahintersteckt (.)
229 und ich bin zum schluss gekommen (-) wir !WIS!sens einfach NICHT
230 das ist meine EHRliche antwort (.) !JETZT! hab ich (-) JA äh ← 386 | 387 →
231 DARF man SOwas nicht sagen (---) dass man was nicht WEISS
232AsphyPhilPm[doch doch]
233PhyPsyDrm[so     ] WENN man was nicht WEISS (-) ist es doch legitim (.)
234 der herr [Nachname (PhilPmA)] hats grade angemahnt (.)
235 !IR!gendwie (.) aus der trickkiste der wissenschaft
236 wo wir ja ne menge WISSEN (-) was RAUSzuholen und zu probieren ob mans damit SCHAFFen kann (.)

Sequenz 131:  PhyPsyDrm als Vortragender in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten AsphyPhilPm; TK 3_7: 226-236.

PhyPsyDrm verweist auf vierzig Jahre Forschung, die seine Bemühungen und Expertenschaft auf dem Gebiet nachweisen soll. Auf dieser langjährigen Arbeit basiert seine Schlussfolgerung wir !WIS!sens einfach NICHT, wobei dieses Nichtwissen nicht eindeutig an einen bestimmten Träger gebunden ist. Dieses Geständnis wirkt zunächst als Kapitulation vor dem Nichtwissen (vgl. Smithson et al. 2008b). Das Pronomen wir ist höchstwahrscheinlich inklusiv gemeint, aber der disziplinäre Bezug ist unklar; es liegt jedoch nahe, dass er sich auf Psychologen und Physiker bezieht. Persönliches Nichtwissen wird damit auf sämtliche Forscher auf dem Gebiet ausgedehnt, wodurch sich PhyPsyDrm entlastet. Daraufhin beginnt die Metakommunikation über die Kommunikation von Nichtwissen: DARF man SOwas nicht sagen (---) dass man was nicht WEISS. Nach der bekräftigenden Zustimmung (doch doch) des Diskutanten AsphyPhilPm führt PhyPsyDrm weiter aus, dass es ein legitimer Vorgang sei, bei nicht überwindbarem Nichtwissen auf bereits Gewusstes zurückzugreifen und zu versuchen, damit das Nichtwissen als normalem Bestandteil der Wissenschaft zu überwinden.

Auch in der nächsten Sequenz gibt der Vortragende Nichtwissen zu. Dieses Eingeständnis von Nichtwissen wirkt sich aber nicht negativ auf das Image des Vortragenden aus, da es sich um eine in diesem Zusammenhang als unwichtig erachtete terminologische Unterscheidung handelt. PhilDrhaw hat zuvor nach dem Unterschied zwischen Dreck, Schmutz und Müll gefragt, worauf SozPDmA kurz eingeht:

109SozPDmAdreck schmutz (-) WEISS ich nicht obs da fachliche unterscheidungen gibt äh
110 oder schmuddel (-) das sind begriffe die mir grade so von der zunge runter gehen_wahrschEInlich
111 gibts da unterscheidungen nur die sind mir nicht bekannt (---)

Sequenz 132:  SozPDmA als Vortragender in der Plenumsdiskussion mit Diskutantin PhilDrhaw; TK 1_4: 109-111.

Die Tatsache, dass die Begriffe unreflektiert verwendet werden, wird von SozPDmA explizit thematisiert: grade so von der zunge runter gehen. SozPDmA vermutet termi ← 387 | 388 → nologische Unterschiede, sagt aber auch, dass er diese nicht kennt. Implizit drückt er aus, dass diese Unterscheidungen für ihn auch nicht von Interesse oder in diesem Kontext wichtig sind, da er sofort im Anschluss das Thema wechselt.

b) Selbstzuschreibung von Nichtwissen zwecks Kritik am Gegenüber

Durch die Selbstzuschreibung von Nichtwissen und Unsicherheit können Diskutanten Zweifel an dem vom Diskussionspartner oder Vortragenden Gesagten äußern. Den folgenden Sequenzen ist gemein, dass sie stark subjektiv formuliert sind. Im ersten Beispiel sind es Zweifel, die eine Widerspruchssequenz einleiten:

075GeschPmBalso es folgt nem rationalitäts äh paradigma
076 UND es wird auch institutionalisiert ja
077GeschPmCäh wobei ((räuspert sich)) also ich weiß nicht
078 wie TRAGfähig solche unterscheidungen für die moderne sind_vor allem
079 wenn man in soziologischen theorien immer wieder (--)
080 äh mit bezug auf die VORmoderne als beispiel die externaliSIErung (---) liest äm
081 das ist nicht zu ENDE gedacht weil die externaliSIErung über theoLOgische schema[ta in      ]
082GeschPmB       [ja das ist richtig]
083GeschPmCeuropäischen christlichen kontexten eigentlich eine !IN!ternalisierung in die geSELLschaft ist […]
099 insofern (--) ähm (---) WEISS ich nicht ob das tragfähige äh instruMENte sind

Sequenz 133:  GeschPmB und GeschPmC (beide als Diskutanten) in der Plenumsdiskussion; TK 1_5: 075-099.

GeschPmC hakt in dem Moment ein, in dem er einen Kritikpunkt bei GeschPmB entdeckt. Durch äh wobei signalisiert er eine Einschränkung, die er nachfolgend erläutert und im späteren Verlauf begründet. Der Zweifel bzw. die Kritik betrifft den wissenschaftlichen Wert der Tragfähigkeit von Konzepten und Unterscheidungen. Seine Selbstzuschreibung von Nichtwissen in ich weiß nicht ist Teil des Widerspruchs und wird bekräftigend in der Schlussfolgerung am Ende wiederholt.

Auch die nächsten drei Sequenzen enthalten die Formel ich weiß nicht; in allen drei werden Zweifel und Widerspruch am Diskussionspartner signalisiert: ich WEISS nich was es sonst noch geben soll (PhilNaWiPm; TK 2_3: 039), ich ich weiß nicht WO äh man sie lokalisieren soll wenn !NICHT! im gehirn (PhilNaWiPm; TK 2_3: 066), und ich weiß überhaupt nicht wies von von einem heptapept peptid oder meinetwegen auch von nem zwanzigerpeptid (2.0) richtung (.) sowas wie !STOFF!wechsel gehn soll (PharmPm; TK 2_5: 026-028). Alle drei Versionen signalisieren Zweifel, Skepsis und Dissens, die durch das Adverb überhaupt noch ← 388 | 389 → verstärkt und betont werden. Das Modalverb soll drückt in diesem Kontext Unsicherheit, Zweifel und Ratlosigkeit aus.

In der folgenden Sequenz sind Selbst- und Fremdzuschreibungen von Nichtwissen und Unsicherheit miteinander verwoben. Das Nichtwissen ist zwar im Ursprung von der Natur gegeben – es geht um die Entstehung des Lebens vor vielen Millionen Jahren –, aber auch das, was als bewiesen betrachtet wird, wird wieder Gegenstand der Diskussion und damit unsicher:

231PharmPm=neenee [also für ] diese ERSten sekunden und so weiter (-)
232ChemPmA       [ja (.) ja]
233PharmPmhab ich schon den verdacht dass da (--) jede menge (--) GLAUben
234 in in hinsicht (.) auf das was man reinsteckt in die rechnung DA ist (--)
235 da ist ne MENge annahmen ähnlich wie diese geochemischen szenarien (.)
236 dass man sagt damals war (.) brauchte man natürlich (--) vulkane und so (---)
237 who knows (--) was da genau !WAR! (-) an substanzen (-)
238 [in welchen mengen]
239ChemPmA[die sedimente   ] die (--) gesteine
240PharmPmnee ich glaub nicht dass das chemisch eindeutig genug ist (2.0)
241 um ähm dann in in millimol und so weiter reaktionen einstellen zu können (3.0)

Sequenz 134:  PharmPm in der Fokusdiskussion mit ChemPmA; TK 2_5: 231-241.

PharmPm widerspricht ChemPmA, der gesagt hatte, dass ein „freier Wille“ (Gott) zur Entstehung des Lebens nicht notwendig sei. Er begründet den Widerspruch mit seinem Unsicherheit ausdrückenden verdacht (vgl. Tab. 38), dass im Versuch der Rekonstruktion der Entstehung des Lebens der Glauben eine Rolle gespielt hat. Die Begriffe GLAUben, annahmen, szenarien (vgl. Tab. 38) signalisieren im Zusammenhang ebenso Unsicherheit und verleihen dem gesamten kritisierten Ansatz damit einen negativen Anstrich. Ein weiterer Zweifel an der Schlüssigkeit des Ansatzes folgt in Z. 237 mit dem englischen who knows; das Nichtwissen erscheint hier als trägerlos, möglicherweise weil niemand die Frage beantworten kann, welche substanzen (-) in welchen mengen sich zur fraglichen Zeit auf der Erde befanden. Der Antwort von ChemPmA widerspricht PharmPm sofort durch erneutes Vorbringen von Zweifeln: nee ich glaub nicht.

In der nächsten Sequenz meldet PharmPm Zweifel an der Korrektheit des methodischen Vorgehens von ChemPmA an:

001PharmPmmir kommts DOCH so vor als wenn (2.0)
002 sie und ihre mitarbeiter ziemlich intelli <<lachend> GENT an die sache RANgehen>> ← 389 | 390 →
003 sie LASSen ja zum beipiel viel WEG (1.5)
004 ich würde verMUten dass wenn sie bei (SItz)experimenten
005 auch AMIne reintun und NITRIle (1.5) und so weiter (---)
006 alles MÖGliche entsteht em und karBONsäuren
007 aber KEIne (--) auch nur KURZketten at keine pepTIde vielleicht (-) son paar KURze (-)

Sequenz 135:  PharmPm in der Fokusdiskussion mit ChemPmA; TK 2_5: 001-007.

Gerade im ersten Teil der Äußerung klingt leichte Ironie durch, da es ein Grundsatz der Wissenschaft ist, nichts wegzulassen und alles genau zu untersuchen. Seine vorsichtig im Konjunktiv formulierte Äußerung stellt daher die gesamte Forschung von ChemPmA infrage. Insofern sind die von PharmPm vorgebrachten Zweifel für ChemPmA gesichtsbedrohend, da ihm ein falscher Forschungsansatz vorgeworfen wird (vgl. hierzu Kap. 5.3).

Die folgende Sequenz zeigt exemplarisch, wie individuelle Selbstzuschreibungen von Nicht-wissen in der gleichen Äußerung von allgemeinen Zuschreibungen abgelöst werden können:

009BioAnthPmäh das wäre sozusagen so ein ignoRAmusargument äh
010 wo ich einfach nur als (-) äh sagen (-) ORdentlicher
011 allerdings nicht naturaLIStischer (.) äm bioLOge sagen würde
012 das schrEckt mich NICHT
013 da müssen wir verMUTlich unsere merkmalsbeschreibungen abändern
014 und müssen mal gucken ob wir DAmit weiterkommen

Sequenz 136:  BioAnthPm in der Fokusdiskussion mit BioPmA; TK 2_1: 009-014.

BioAnthPm sagt aus seiner individuellen fachlichen Perspektive heraus (ich […] als […] ORdentlicher allerdings nicht naturaLIStischer (.) äm bioLOge; zur Fachidentitäts-Thematisierung siehe Kap. 6.2.1 Sequenz 53), dass er vor Modifikationen von methodischen Ansätzen und Beschreibungen nicht zurückschreckt. Im selben Satz wechselt er aber von ich zu wir, was auf einen Wechsel von seiner individuellen zu einer disziplinären Perspektive hindeutet: da müssen wir verMUTlich unsere merkmalsbeschreibungen abändern und müssen mal gucken ob wir DAmit weiterkommen (Herv. L. R.). Das Nichtwissen wird damit der eigenen Forschergruppe zugeordnet. Der Ausgang der Änderung ist ungewiss, das Ergebnis offen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Unsicherheitsmarkierungen in Form selbstbezogener Zweifel dem vorsichtigeren, zurückhaltenderen Äußern von negativer Kritik dienen können. Dadurch wird allerdings nur oberflächlich die Bedrohung für das Image des Interaktionspartners abgeschwächt. Gegen die ne ← 390 | 391 → gative Kritik muss sich der Angesprochene trotzdem fachkundig verteidigen, um sein Image als kompetenter Wissenschaftler aufrechtzuerhalten.

c) Fremdzuschreibung von Nichtwissen und Unsicherheit

In den Daten finden sich einige Sequenzen, in denen Nichtwissen einer anderen Person oder Disziplin zugeschrieben wird. Fremdzuschreibungen von Nichtwissen sind in hohem Maße imageschädigend und face-bedrohend für denjenigen, dem Nichtwissen/Unsicherheit unterstellt oder attestiert wird, da dessen Kompetenz und Fachwissen herabgesetzt werden. Besonders in zwei Fällen ist es auffällig, wie schwierig der Umgang mit Nichtwissens-Vorwürfen in der Wissenschaft ist.

In der folgenden Sequenz wird der Vortragende PhyPsyDrm vom theoretischen Physiker PhyPmC dafür kritisiert, nicht alle Parameter in seinen Experimenten angegeben und Wechselwirkungen ausgeschlossen zu haben. Die Tatsache, dass ein theoretischer Physiker an einem empirischen Befund bzw. experimentellen Setting Kritik übt, veranlasst den Vortragenden PhyPsyDrm dazu, ihn auf seine fehlenden Fachkenntnisse in Bezug auf Experimente und empirische Analysen hinzuweisen:

194PhyPsyDrmalso ich i ich merk dass sie natürlich kein experimenTALphysiker sind (.) sonst WÜSSten SIE
195 dass in jedem eg äh physiklabor (-) IMmer wieder effekte auftreten (.)
196 DIE eigentlich nicht durch die theorie beschrieben werden

Sequenz 137:  PhyPsyDrm als Vortragender in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten PhyPmC; TK 3_7: 194-196.

PhyPsyDrm entkräftet den Vorwurf von PhyPmC, indem er auf dessen fehlendes Methodenwissen verweist. So kann PhyPsyDrm seine eigene Position verteidigen und PhyPmC Nichtwissen auf dem Gebiet der empirischen Physik zuschreiben. Dessen Ausweis als Physiker wird damit zur Beantwortung der vorliegenden Frage als nicht ausreichend zurückgewiesen. Eine solche Nicht-Anerkennung der Kompetenz ist für PhyPmC sehr imagebedrohend.

Die nächste Sequenz enthält ebenso schwer zu handhabende Nichtwissens-Zuschreibungen:

112PhilPmASAGT er nee und !KENNTS! [nicht herr [Name (MaPm)]] […]
123 KENNTS gar nicht (-) sie wissen gar nicht wovon ich SPRECHE (2.0)
124 sie ver sie haben BLOSS (-) ein paar WÖRter gehört (--)
125 nämlich isotropie haben sie gehört und euklidizität (-)
126 und DAS (.) !KENNEN! sie gar nicht anders (-) DENN (.) ALS (.) formaLIST (-)
127 sie wissen !NICHT! wovon ich REde (-) ← 391 | 392 →
128 und INsofern ist ihre BINNengewissheit hier !UN!verbindlich (---)
129 tut mir LEID dass ich so hart sein muss […]
132 EIN satz noch zu herrn [Nachname (MaPm)] (-)
133 ich BITte sie
134 also ich wollte vorher nicht so aggressiv sein (-)
135 aber ich BITte sie !FREUND!lich und als EIN um wahrheit bemühter philosoph zur kenntnis zu nehmen (-)
136 dass !ICH! genau !WEISS! (-) warum sie NEIN sagen
137 weil ich das KENNE
138 dass sie aber !NICHT! wissen wovon ICH rede
139 und DIESE asymmetrie SOLLten wir (-) unter den zielsetzungen dieses (.) kolloquiums [Titel der Veranstaltung] (.) einfach (-) zur kenntnis nehmen
140 und nach !MÖG!lichkeit das ist ja nur begrenzt möglich ja

Sequenz 138:  PhilPmA als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten MaPm; TK 3_10: 112, 123-129, 132-140.

PhilPmA reagiert hier auf ein Widerspruchs-Nein aus dem Publikum. Der Adressat wird dafür kritisiert, dass er etwas abgelehnt hat, ohne zu wissen, wovon gesprochen wird: KENNTS gar nicht (-) sie wissen gar nicht wovon ich SPRECHE. Diese nicht begründete Nichtwissens-Unterstellung wirkt durch die Betonungen sowie die dreimalige Wiederholung (Z. 112, 123, 126 und 138f.) streng und zurechtweisend. Wissen wird MaPm ausschließlich disziplinär im Zusammenhang mit dem Formalismus zugesprochen. Gleichzeitig spricht sich PhilPmA selbst die Kompetenz zu, darüber zu urteilen, was MaPm weiß und kennt. Er kommt zu der Schlussfolgerung, dass das Wissen von MaPm aufgrund dessen (unterstellter) Unkenntnis an dieser Stelle !UN!verbindlich, also falsch ist. Es folgt eine Entschuldigung für die Härte der Zurückwiesung des Einspruchs von MaPm, was in einer späteren Sequenz nach einer anderen Unterbrechung wieder aufgenommen wird. PhilPmA begründet dort seine Strenge implizit mit seiner Verpflichtung zur Wahrheit (als EIN um wahrheit bemühter philosoph). Auch hier wird wieder der eigene Wissens- und Wahrheitsanspruch mit der Fremdzuweisung von Nichtwissen kontrastiert, was nach der Meinung von PhilPmA nicht auflösbar sei, sondern bestehen bleiben müsse: und DIESE asymmetrie SOLLten wir […] zur kenntnis nehmen. Die Fremdzuschreibung von Nichtwissen wird also aufrechterhalten und betont, woraufhin MaPm erst nach Einschreiten der Moderatorin die Möglichkeit zur Verteidigung seiner Ansicht bekommt (vgl. Sequenz 112 in Kap. 7.3.2.1):

146MaPmich ich würde gerne noch sagen wieso ich NEIN gesagt habe
147 ich mein es GIBT einfach das modell des antidesitterRAUMS ← 392 | 393 →
148 das wahrscheinlich ein ganz gutes modell ist für unsern RAUM
149PhilPmAja
150MaPmund von dem ICH jetzt (2.0) gewissheit HAbe dass der EHER unsere welt beschreibt als der
151PhilPmA[ja     ]
152MaPm[ebene] RAUM (--) u:nd äh der IST isotrop (--)

Sequenz 139:  MaPm und PhilPmA (beide als Diskutanten) in der Plenumsdiskussion; TK 3_10: 146-152.

Die Nichtwissens-Zuschreibung wird durch die Darstellung seiner eigenen Ansicht implizit zurückgewiesen (vgl. die Strategie des Abstreitens; Smithson et al. 2008b). Auf die Art, wie er kritisiert wurde, und die Tatsache, dass ihm Nichtwissen und damit Inkompetenz unterstellt wird, geht er nicht ein, sondern erläutert aus seiner disziplinären Perspektive seinen Ansatz.

Eine weitere Form der Nichtwissens-Zuschreibung findet sich in einer Meta-Reflexion der Vorträge. Die nächste Sequenz stammt aus der Diskussion zu einem Vortrag, den PhilPmB nach seiner inhaltlichen Kritik in formeller Hinsicht rügt. Sie ist einer Diskussion entnommen, in der die Tagung reflektiert wird. Darin ging es um die Frage, wann und warum ein Vortrag für gut und erfreulich befunden wird. PhilPmB äußert sich hierzu und kritisiert vor allem zwei Vorträge, in denen die Darstellung von Unsicherheiten nicht geleistet wurde:

159PhilPmBalso mich es WUNdert mich dass sie so ne GLATte (-) poLIERte harte bisschen aggresSIve geschichte erzählen
160 und !HINTER!her (.) nebenbei mal anmerken wir haben da so leichen im keller (.)
161 und DAS und DAS und DAS und das WISsen wir nicht (.)

Sequenz 140:  PhilPmB als Diskutant in der Plenumsdiskussion mit dem Vortragenden AsphyPhilPm; TK 3_8: 159-161.

PhilPmB kritisiert AsphyPhilPm, weil dieser in seinem Vortrag nicht auf Schwierigkeiten und Unsicherheiten verwiesen, sondern seine Inhalte als bewiesene Fakten präsentiert habe. Die Formulierung es WUNdert mich ist dabei eine relative Abschwächung, wenn man die hart geäußerten Vorwürfe dagegenhält. Die Metapher GLATte (-) poLIERte signalisiert das unzulässige Entfernen von Einschränkungen und Widersprüchen in der Forschung; die Wendung leichen im keller steht für das nicht dargestellte Nichtwissen. Beide signalisieren in diesem Kontext negative Bewertungen und verweisen auf die wissenschaftliche Forderung, Einschränkungen (caveats) deutlich zu machen (vgl. Stocking/Holstein ← 393 | 394 → 1993: 192). PhilPmB kommt auf diesen Kritikpunkt im zweiten Kommentar in der Abschlussdiskussion zurück:

175PhilPmBich habe hier beSONders ZWEI vorträge gehört bei denen das exemPLArisch war (-)
176 die SCHIEnen unter der (-) ANweisung zu stehen (--)
177 erZEUge im auditorium eine FREUdige verblüffung (2.0)
178 denn wenn du das erzeugt hast dann wird das auditorium
179 dir ALLE DENKlücken alle lücken und brüche in deinem (.) gedankengang NACHsehen (.)
180 die werden GAR nicht verf die werden sie gar nicht !DEN!ken
181 dass die da irgend auf irgendwas ACHten müssten (-)
182 und da (-) das GLAUB ich wenn sie sagen ja der vortrag ist erfreulich

[…]
185 MICH macht das hab ich gestern abend schonmal eingestanden
186 MICH macht das ähm ä MISStrauisch und VORsichtig
187 wenn ich merke OUH das geht ja !TOLL! ab (.)
188 das ist ja erFREUlich dieser vortrag ist !WUN!derbar
189 mich macht das MISStrauisch (-) ja da das ist vielLEICHT persönlich
190 aber vielleicht hat es ein allgemeines element
191 !ACH!ten sie darauf ob die WIEweit die freude berechtigt ist

Sequenz 141:  PhilPmB als Diskutant in der Diskussion (Metareflexion) der Vorträge und Diskussionen; TK 3_10: 175-182, 185-191.

Die Metaphern lücken und brüche verweisen auf das Nichtwissen, das unberechtigterweise in den Vorträgen keine Beachtung findet. Das Darstellen von Unsicherheiten, Ungereimtheiten, Einschränkungen, Widersprüchen und Nichtwissen wird also von PhilPmB eingefordert und als wichtiger Aspekt von wissenschaftlichem Arbeiten aufgefasst. Der Vorwurf an die Vortragenden, solches nicht getan zu haben, ist demnach schwerwiegend, da dies im Umkehrschluss unterstellt, dass sie unwissenschaftlich gearbeitet und wichtige Informationen bewusst unterschlagen haben. Die Gefahr für die Images der gerügten Vortragenden als gute Wissenschaftler ist also groß, ihr jeweiliges face gefährdet.

d) Offene Fragen als Fremd- und Selbstzuschreibung

Auffällig häufig sind Formulierungen mit das ist die Frage oder die Frage ist. Sie dienen zum Teil dazu, das vom Diskussionspartner Gesagte zu kritisieren und zu hinterfragen, oder sie zeigen offene, unbeantwortete Fragen in der Diskussion an. Im ersten Fall ist die Formulierung potenziell gesichtsbedrohend, da sie einen ← 394 | 395 → Angriff auf das Wissen und die Meinung eines Diskussionspartners markieren. Im zweiten Fall zeigt die Formulierung die Frage ist/ist die Frage an, an welcher Stelle ein Wissenschaftler inhaltlich anknüpfen möchte, um seine eigenen Ausführungen anzuschließen.

Im folgenden Beispiel hakt SozPDmA ein, als er einen strittigen Punkt im Beitrag seines Vorredners erkennt, und stellt die Klassifizierung des Umgangs mit wissenschaftlichem Nichtwissen in der Moderne als rhetorische strateGIE infrage:

057SozPDmAdas ist die FRAge ist es eine rhetorische strateGIE ((unverst., 4sek))
058 weil MOdernisierung heißt ja tatsächlich
059 anders als in der in der idealtypischen vorstellung
060 dass man ja alles entscheidungen ((unverst., 3sek)) äh entscheidungen ZU äh schreiben kann

Sequenz 142:  SozPDmA als Diskutant in der Abschlussdiskussion als Reaktion auf GeschPmC; TK 1_5: 057-060.

Damit charakterisiert er das Strittige als offene, noch zu beantwortende Frage und nicht als Faktum (also als sicher zu bewertendes Wissen). Durch seine anschließende Begründung wird dieser Einwand bekräftigt, als sicher geglaubtes Wissen in unsicheres Wissen umgewandelt und als neues Problem aufgeworfen.

In der nächsten Sequenz wird ein Kompetenzanspruch signalisiert, wenn SozPDmB eine offene Frage aufgreift, um seine Lösung des Problems anzubieten (vgl. zum Aspekt der Kompetenzdarstellung Kap. 7.2):

001SozPDmBja (.) ich würde gerne das thema des experimentaLISmus aufgreifen
002 weil diese frage hat im raum gestanden (--)
003 inwieweit es oder obs sich wirklich als MOdus ähm FEStigt also
004 EIne gute möglichkeit das zu beobachten ist ((unverst., 1sek)) die der institutionalisierung

Sequenz 143:  SozPDmB als Diskutant in der Plenumsdiskussion, selbstinitiiertes Thema; TK 1_5: 001-004.

Das selbstinitiierte Aufgreifen des experimentaLISmus wird damit begründet, dass eine Frage noch nicht geklärt wurde: weil diese frage hat im raum gestanden. Die Wendung, dass eine Frage im Raum steht, verweist auf Nichtwissen/Unsicherheit (vgl. Tab. 43 in Kap. 7.3.2.4). Daran schließt SozPDmA seinen Versuch der Klärung an, wodurch Nichtwissen in Wissen überführt wird. ← 395 | 396 →

Die beiden folgenden Sequenzen zeigen, dass Nichtwissens-Fremdzuschreibungen durch den Verweis auf offene Fragen nicht als Angriff gemeint sein müssen, was aber in der Regel von den Adressaten so gewertet wird. In beiden Fällen signalisieren die Akteure, dass sie mit der Frage niemanden angreifen möchten, sondern sich selbst mit den Fragen auseinandersetzen, diese aber nicht lösen können. Damit gestehen sie Wissenslücken ein und machen diese kenntlich (vgl. zu dieser Strategie Stocking/Holstein 1993: 192):

114BioPmAABer die FRAge ist WAS ist EIgentlich biologische komplexität (--)
115 also das ist jetzt keine kritische frage
116 sondern des is ne sache mit der ich selber (.) !KÄMP!fe seit langem (---)
117 w wie kann ich komplexität überhaupt beschreiben

Sequenz 144:  BioPmA in der Fokusdiskussion mit BioAnthPm; TK 2_1: 114-117.

Die Frage wird explizit als unkritische Frage charakterisiert, um einen Imageangriff auszuschließen. Die Metapher mit der ich selber (.) !KÄMP!fe (vgl. Tab. 43 in Kap. 7.3.2.4) in Kombination mit der Temporalangabe seit langem verweist auf fehlgeschlagene Lösungsversuche und die Tatsache, dass man sich mit dem Thema über einen längeren Zeitraum wissenschaftlich auseinandergesetzt hat. Am Ende wird die Frage, wie Komplexität beschrieben werden kann, zudem an die eigene Person gerichtet (wie kann ich).

In einem weiteren Beispiel nimmt SozPDmA auf eine unbeantwortete Frage Bezug und gesteht, diese nicht beantworten zu können:

025SozPDmAund die FRAge die sie vorher gestellt haben ist das ne andere kul!TU:R!
026 das ist sozusagen die frage die ich mir AUCH stelle ne
027 !WEISS! ich nicht (-) das ist sozusagen die die die GRETchenfra frage in einer gewissen art und WEIse ja

Sequenz 145:  SozPDmA als Vortragender in der Plenumsdiskussion mit der Diskutantin LingPwA; TK 1_4: 025-027.

SozPDm greift hier eine Frage von LingPwA wieder auf und gesteht Nichtwissen offen ein. Die Charakterisierung der Frage als GRETchenfrage verweist auf eine ‚unangenehme, oft peinliche und zugleich für eine bestimmte Entscheidung wesentliche Frage [die in einer schwierigen Situation gestellt wird]‘ (Duden). Das eigene Nichtwissen wird hier aber nicht, wie von Gretchenfrage suggeriert, als peinlich empfunden, sondern als zentrales, allgemein zu diskutierendes Problem präsentiert. ← 396 | 397 →

e) Trägerlose Feststellung von Nichtwissen zwecks gegenseitiger Kritik

Nichtwissen bleibt, wie oben bereits festgestellt, in einigen Fällen trägerlos. Doch auch ohne Zuschreibungen zu bestimmten Trägern kann Nichtwissen der gegenseitigen negativen Kritik dienen, wie die folgende Sequenz belegt.

In der Beispielsequenz bezweifelt PhilPmC das Vorgehen von PhyPsyDrm, der zuvor erläutert hatte, dass die von ihm thematisierten Phänomene durch reine Physik nicht erklärbar seien und dass er diese daher mithilfe eines neuen Modells zu erklären versuche:

080PhilPmCalso es GIBT (.) so UNgeheuer viele MÖGlichkeiten
081 WIE etwas durch ganz äh beKANNte naTURgesetze erklärt werden kann (--)
082 dass es sehr UNwahrscheinlich ist dass man so (.) ruckZUCK (.)
083 bei solchen sachen die andern leuten auch rätselhaft sind (.)
084 auf eine erklärung (.) kommt die es dann vielleicht doch !GE!ben könnte

Sequenz 146:  PhilPmC in der Plenumsdiskussion mit PhyPsyDrm; TK 3_7: 080-084.

PhilPmC bezweifelt nun, dass physikalische Erklärungen so einfach ausgeschlossen werden können, da diese so zahlreich seien, dass es sehr UNwahrscheinlich ist dass man so (.) ruckZUCK eine Erklärung finde. Im Adverb ruckZUCK steckt eine negative Bewertung, die den Gehalt der wissenschaftlichen Arbeit von PhyPsyDrm abwertet (bzw. nicht anerkennt). Der Zusatz bei solchen sachen die andern leuten auch rätselhaft sind ist in diesem Zusammenhang besonders interessant; Nichtwissen wird durch diese Formulierung an eine undefinierte Allgemeinheit gebunden. Damit dient das allgemein bestehende Nichtwissen der Kritik an einem Einzelnen und unterstützt damit PhilPmBs Interessen, was der von Stocking/Holstein (1993) beschriebenen Strategie entspricht.

Die angeführten Sequenzen zum Abschnitt Nichtwissen als Diskussionsanlass / zur wissenschaftlichen Infragestellung zeigen insgesamt, dass das, was als Wissen oder Nichtwissen zu gelten hat, interaktiv über Zuschreibungsprozesse ausgehandelt wird. In der folgenden Tabelle (Tab. 38) sind die von den Diskutanten verwendeten Begriffe der Ergebnissicherung mit ihren Bedeutungen aufgelistet (in alphabetischer Reihenfolge). Die Bedeutungserklärungen der Begriffe in der dritten Spalte zeigen, wie Wissen/Nichtwissen kategorisiert wird, zeigen also den Sicherheitsgrad des Wissens an: ← 397 | 398 →

Tabelle 38:  Übersicht über Begriffe der Ergebnissicherung.

LexemBeispielsequenzBedeutung
AnnahmeDASS (.) unter annahme einer bestimmten staTIStik die wahrscheinlichkeit dass die aussage falsch ist KLEIner als SOundsoviel ist (ChemPmB, TK 3_2: 074-075)

  ‚Vermutung, Ansicht‘; Duden

  ‚Vermutung‘; DWDS108

Beweisauch der der beweis von von äh andrew wiles !KANN NOCH! fehler enthalten (.) es ist NICHT SO dass man DA in besitz einer absoluten WAHR ist (PhilNaWiPm, TK 2_4: 107-108)

  ‚Nachweis dafür, dass etwas zu Recht behauptet, angenommen wird; Gesamtheit von bestätigenden Umständen, Sachverhalten, Schlussfolgerungen‘; Duden

  ‚Nachweis dafür, dass etw. so ist, wie behauptet oder vermutet wurde‘; DWDS

Forschunges kann sein dass sich das verändert durch die forschung dass man ZEIGT ah ja die dinge (2.5) passieren DOCH wenn wenn mans einfach nur zusammen!KIPPT! (PharmPm, TK 2_5: 175-177)

  ‚das Forschen, das Arbeiten an wissenschaftlichen Erkenntnissen; Untersuchung eines wissenschaftlichen Problems‘; Duden

  ‚gründliche, systematische, wissenschaftliche Untersuchung‘; DWDS

FrageEInerseits ist das ein GANZ wichtiger schnittpunkt (-) bei der FRAge (---) WIE wirkt unsere weltanschauung (-) auf DAS was wir erforschen wollen (BioPmA, TK 2_2: 175-176)

  ‚Problem; zu erörterndes Thema, zu klärende Sache, Angelegenheit‘; Duden

  ‚Angelegenheit, die eine Erörterung, Klärung, Entscheidung verlangt; Problem; Sonderbed.: Zweifel‘; DWDS ← 398 | 399 →

Hypothesedas ist ne hypoTHEse (-) das ist ne aber es es gibt ist doch nicht !AUS!geschlossen dass es so ist (AsphyPhilPm, TK 3_8: 076-077)

  ‚von Widersprüchen freie, aber zunächst unbewiesene Aussage, Annahme (von Gesetzlichkeiten oder Tatsachen) als Hilfsmittel für wissenschaftliche Erkenntnisse‘; Duden

  ‚noch unbewiesene, als Hilfsmittel für eine Erkenntnis benutzte Annahme, Vermutung‘; DWDS

Postulatund was trevors (-) und abel gesagt haben des ist ein postu!LAT! ihrerseits das aber noch nicht beWIEsen ist (ChemPmA, TK 2_5: 267-268)

  ‚als Ausgangspunkt, als notwendige, unentbehrliche Voraussetzung einer Theorie, eines Gedankenganges dienende Annahme, These, die nicht bewiesen oder nicht beweisbar ist‘; Duden

  ‚(Philosophie) weitreichende logische, methodische oder erkenntnistheoretische Annahme, These, die nicht (oder noch nicht) streng bewiesen werden kann‘; DWDS

Problemja nur das problem ist ja nicht dass er nicht nur sagt (-) äh WELle und TEILchen (-) sondern das problem am komplementaritätsbegriff ist dass (eTheoPmA, TK 3_1: 148-149)

  ‚schwierige [ungelöste] Aufgabe, schwer zu beantwortende Frage, komplizierte Fragestellung‘; Duden

  ‚schwer zu beantwortende Frage, schwierige, noch ungelöste Aufgabe‘; DWDS

Setzungauch !DIE! ist eine SETzung auch die kann FALSCH sein (PhilNaWiPm, TK 2_4: 105)

  ‚das Setzen, Aufstellen von Normen o. Ä.‘; Duden

Szenario/Szenariendass wenn man das szenario kom!PLETT! (.) für SICH (.) LAUfen lässt (--) alles MÖGliche passiert (PharmPm, TK 2_5: 020)

  ‚(in der öffentlichen und industriellen Planung) hypothetische Aufeinanderfolge von Ereignissen, die zur Beachtung kausaler Zusammenhänge konstruiert wird; Beschreibung, Entwurf, Modell der Abfolge von möglichen Ereignissen oder der hypothetischen Durchführung einer Sache‘; Duden ← 399 | 400 →

Verdachtalso für diese ERSten sekunden und so weiter (-) hab ich schon den verdacht dass (PharmPm, TK 2_5: 231-233)

  ‚argwöhnische Vermutung einer bei jemandem liegenden Schuld, einer jemanden betreffenden schuldhaften Tat oder Absicht‘; Duden

  ‚Vermutung eines schuldhaften Verhaltens, Argwohn‘; DWDS

Zweifelhätt ich meine zweifel ob das sinn macht ä von einer ablösung von der natur (-) zu sprechen (UmwGeschDrm, TK 1_3: 034)

  ‚Bedenken, schwankende Ungewissheit, ob jemandem, jemandes Äußerung zu glauben ist, ob ein Vorgehen, eine Handlung richtig und gut ist, ob etwas gelingen kann o. Ä.‘; Duden

  ‚Ungewissheit, Unsicherheit, ob jmd., etw. glaubwürdig, ob eine Meinung berechtigt ist, ob sich etw. wie angegeben verhält, inneres Schwanken‘; DWDS

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Je nachdem, welcher Begriff aus Tabelle 38 gebraucht wird, um Wissen oder Nichtwissen zu bezeichnen, wird eine positive oder negative Bewertung deutlich. Zudem können die Begriffe der Ergebnissicherung gegenseitige Kritik, Kompetenz oder das Ziel der Überführung von unsicherem in sicheres Wissen anzeigen.

Initiiert Nichtwissen Selbst- oder Fremdzuschreibungen, wirkt es in unterschiedlichen Graden imageschädigend, kann aber auch imageaufwertend im Sinne der Signalisierung von Kompetenz durch Lokalisierung von Nichtwissen eingesetzt werden. Insgesamt zeigt sich, dass Selbstzuschreibungen weit häufiger sind als explizite Fremdzuschreibungen von Nichtwissen und Unsicherheit. Selbstzuschreibungen sind dabei zumeist folgen- und reaktionslos (außer im Fall PhyPsyDrm, der die Reaktion allerdings selbst provoziert); Fremdzuschreibungen können sich sogar auf das Publikum beziehen und auch dort Reaktionen hervorrufen.

7.3.2.4  Zusammenfassung: Tendenzen des Umgangs mit Nichtwissen in wissenschaftlichen Diskussionen

In den Diskussionen werden Nichtwissen und unsicheres Wissen auf unterschiedliche Weise konzeptualisiert. Um zusammenfassend aufzuzeigen, in welcher Form Nichtwissen in den untersuchten Sequenzen angesprochen wird und welche Aus ← 400 | 401 → prägungen Nichtwissen hat, werden die Nichtwissens-Belegstellen nach den oben aufgezeigten analytischen Unterscheidungsmöglichkeiten zusammengefasst, also nach (a) den Formen des Nichtwissens, (b) der Trägerschaft, (c) der Intentionalität (und Bewusstheit), (d) der epistemischen Ausrichtung, (e) der Temporalität, (f) dem referentiellen Bezug von Nichtwissen, (g) der epistemischen Qualität sowie (h) der Bewertung des Nichtwissens. Anschließend wird auf sprachliche Formen, die Nichtwissen ausdrücken, eingegangen. Den Abschluss bilden eine Übersicht über die identifizierten Funktionen des Nichtwissens sowie eine Diskussion der Funktionen.

Über die (a) Formen des (Nicht-)Wissens lässt sich nur schwer eine Aussage treffen. Das, was vor allem auf Konferenzen präsentiert wird, kann als gewusstes Wissen betrachtet werden. Werden in den Diskussionen Fragen, Probleme, Zweifel aufgeworfen oder wird auf fehlendes Wissen verwiesen, lässt sich dies als gewusstes Nichtwissen einordnen. In den Daten tritt ein Fall auf, in dem das vorgebrachte Wissen von anderen Diskussionspartnern implizit als ungewusstes Wissen charakterisiert wird, nämlich in der Diskussion um Spukphänomene. Hier werden die Äußerungen des Wissenschaftlers von den anderen nicht als wissenschaftlich fundiert anerkannt. Über ungewusstes Nichtwissen lässt sich nun von vornherein überhaupt nichts sagen, da nicht gewusst wird, dass etwas nicht gewusst wird. Daher kann es von den Wissenschaftlern auch nicht thematisiert, sondern nur seine Möglichkeit theoretisch reflektiert werden.

Im Hinblick auf die (b) Trägerschaft von Nichtwissen zeigt sich, dass der überwiegende Teil der Nichtwissensäußerungen an klar identifizierte Träger gebunden ist. Diese sind die Vortragenden und Diskutanten selbst, die eigene Forschergruppe, die eigene Disziplin oder alle Wissenschaftler in ihrer Gesamtheit. In einigen Fällen finden sich auch Fremdzuschreibungen von Nichtwissen, die allerdings bis auf eine Ausnahme einzelne Personen betreffen. Nichtwissen bleibt zum Teil auch trägerlos, und zwar dann, wenn Unsicherheiten als von außen gegeben – deswegen aber noch lange nicht als unüberwindbar – betrachtet werden.

Vortragende und Diskutanten identifizieren sich selbst als Träger des Nichtwissens. Häufig wird hierfür die Formel ich weiß nicht als einfachste Negation des Wissens verwendet, die aber durch verstärkende Negationswörter (z. B. überhaupt) intensiviert werden kann. In einem Fall kann die Trägerschaft des Nichtwissens der eigenen Forschergruppe zugeschrieben werden; ein Diskutant bezieht das Nichtwissen auf sein Team, das sich als „Hobbygruppe“ gebildet habe, da das Thema nicht in seinem Spezialgebiet zu verorten sei. Sehr oft gilt dagegen die ganze Disziplin als Träger von Nichtwissen und Unsicherheit, was durch das inklusiv verwendete wir angezeigt wird. Die Akteure schreiben sich demnach ← 401 | 402 → Nichtwissen nicht individuell zu, sondern binden es an die eigene Disziplin. Auch andere Personen oder Personengruppen können als Träger von Nichtwissen identifiziert werden. Solche Fremdzuschreibungen können explizit an eine Person gerichtet sein. Die Zuschreibung von Nichtwissen hat dann Vorwurfscharakter und ist aufgrund der in den Äußerungen enthaltenen Kritik stark gesichtsbedrohend. In einem anderen Fall ist eine fremde Disziplin adressiert, in dem Nichtwissen pauschal allen Vertretern des Fachs zugeschrieben wird. In vielen Fällen bleibt Nichtwissen trägerlos, wenn es als gesamtwissenschaftliches Problem kategorisiert wird. Das Nichtwissen erscheint dadurch als etwas von außen Gegebenes, als etwas, das niemand erklären oder bestimmen kann – weswegen auch niemand Verantwortung dafür trägt oder Imagegefährdungen ausgesetzt ist. Im Gegensatz dazu stehen die Beispiele, in denen alle Wissenschaftler als Träger von Nichtwissen eingesetzt werden (angezeigt durch das Indefinitpronomen man sowie das nicht näher spezifizierte wir). In diesen Fällen ist es allerdings schwierig, den Träger von Nichtwissen eindeutig zu identifizieren, weil wir immer auch auf die eigene Forschergruppe/Disziplin verweisen kann (für die Zuordnungen war hier jeweils der Kontext entscheidend). In der untenstehenden Tabelle (Tab. 39) sind die unterschiedlichen Träger aufgelistet und mit Beispielen belegt.

Tabelle 39:  Übersicht über die im Korpus identifizierten Träger von Nichtwissen.

TrägerBeispielsequenzen
Selbst als Person

  natürlich weiß ich nicht was die chemie noch heRAUSfinden wird (PharmPm, TK 2_5: 084-085)

  ich glaub nicht (PharmPm, TK 2_5: 240)

  die sind mir nicht bekannt (SozPDmA, TK 1_4: 111)

  ich bin etwas UNsicher ob (PhilPmB, TK 3_10: 001)

Selbst als Gruppe

  zurzeit reichen unsere (.) bescheidenen analytischen (-) nachweismöglichkeiten; hoffen wir; aber wir wissen noch nicht was es ist (ChemPmA, TK 2_6: 181, 186, 187)

Eigene Disziplin

  da müssen wir [Biologen, L. R.] verMUTlich unsere merkmalsbeschreibungen abändern (BioAnthPm, TK 2_1: 013)

  es könnt nämlich auch sein dass mer in der naTURwissenschaft (-) noch nicht alle kräfte erKANNT haben (ChemPmA, TK 2_5: 139-140)

  wir (Astrophysiker, L. R.) WISsens ja leider nicht wir KENnen ja leider nicht alle gesetze (AsphyPhilPm, TK 3_8: 089-090)

  weil wir (Astrophysiker, L. R.) überhaupt noch kein ver!STÄND!nis […] konzeptionell haben wir für die dunkle energie nichts anzubieten (AsphyPhilPm, TK 3_8: 178, 180). ← 402 | 403 →

Fremd (Person oder Gruppe)

  sie wissen gar nicht wovon ich SPRECHE […] sie wissen !NICHT! wovon ich REde (PhilPmA, TK 3_10: 124, 127)

  ich merk dass sie natürlich kein experimenTALphysiker sind (.) sonst WÜSSten SIE (PhyPsyDrm, TK 3_7: 194)

  nämlich die psychosomatiker wissen ALLE nicht wie es funktio!NIERT! (PhyPsyDrm, TK 3_6: 281)

Trägerlos

  DAvon sind die meisten unbekannt (BioPmA, TK 2_1: 131)

  das zweigradziel ist natürlich selbst außerordentlich ungewiss (UmwGeschDrm, TK 1_3: 050)

  diese frage hat im raum gestanden (SozPDmB, TK 1_5: 002)

  who knows (--) was da genau !WAR! (PharmPm, TK 2_5: 237)

  ALso es ist eben eine FRAge (PhilPmA, TK 3_6: 035)

  was AUCH immernoch ein rätsel DARstellt (PhyPsyDrm, TK 3_6: 231)

  die hoffnung wäre ja (InfoMaDrm, TK 3_9: 139)

Wissenschaftler als Kollektiv

  WEIL (.) man hier gar nichts SAgen kann […] man kann über!HAUPT! nichts sagen man kann nur feststellen (--) (PhyPsyDrm, TK 3_2: 155, 157)

  es mag noch WEItere naturgesetze geben (--) von denen wir nichts WISsen (AsphyPhilPm, TK 3_8: 117)

  wir WISsen (-) EIgentlich im prin!ZIP NICHT! wie sowas funktioniert (PhyPsyDrm, TK 3_2: 259)

  ich bin zum schluss gekommen (-) wir !WIS!sens einfach NICHT (PhyPsyDrm, TK 3_7: 229)

(c) Temporalität, zeitliche Perspektive: Das, was als Noch-nicht-Wissen in der Kategorie der Intentionalität deklariert wird, wird als temporäres, überwindbares Nichtwissen angesehen: aber wir wissen noch nicht was das ist (ChemPm, TK 2_6: 187). Nichtwissen, das als Niemals-wissen-Können hinsichtlich der Intentionalität eingestuft werden kann, wird als dauerhaft und als nicht ohne Weiteres überwindbar konzeptualisiert, beispielsweise in der Formulierung frommer wunsch (UmwGeschDrm, TK 1_3: 053). Hinzu kommen das zeitlich überwundene Nichtwissen (dass der WISsensstand der chemie HEUte wenn wir also so (-) das durchschnitts äh (.) wissen (-) was an unseren universitäten gelehrt wird NEHmen ja (-) […] und da muss ich sagen was unsere kollegen zum teil lehren (.) hat die theorie schon LÄNGST widerLEGT, ChemPmA, TK 2_5: 115-117, 119-121) und aktuelles, noch falsifizierbares Wissen (!KANN NOCH! fehler enthalten; PhilNaWiPm, TK 2_4: 107). Letzteres entspricht dem Prinzip der wissenschaftlichen Arbeit, alles Wissen nur so lange als gesichert anzusehen, bis es falsifiziert wird. ← 403 | 404 →

(d) Intentionalität: Nicht-wissen-Wollen wird von den Wissenschaftlern in den vorliegenden Daten nur einmal thematisiert. Nicht-wissen-Können wird nie explizit als solches gekennzeichnet, klingt aber in bestimmten Formulierungen durch: wir !WIS!sens einfach NICHT (PhyPsyDrm, TK 3_7: 229), frommer wunsch (UmwGeschDrm, TK 1_3: 053)109. In den überwiegenden Fällen wird Nichtwissen als Noch-nicht-(genug)-Wissen charakterisiert, was den prinzipiellen Forschungsauftrag als Selbstverständnis der Wissenschaft widerspiegelt. Den Wissenschaftlern ist offenbar die prinzipielle Falsifizierbarkeit der Ergebnisse bewusst, denn es wird in den Diskussionen thematisiert: auch der der beweis von von äh andrew wiles !KANN NOCH! fehler enthalten (PhilNaWiPm, TK 2_4: 107); und was trevors (-) und abel gesagt haben des ist ein postu!LAT! ihrerseits das aber noch nicht beWIEsen ist (ChemPmA, TK 2_5: 267-268) (vgl. Tab. 40).

Tabelle 40:  Übersicht über die verschiedenen Grade der Intentionalität von Nichtwissen.

IntentionalitätBeispielsequenzen
Nicht-wissen-Wollen

  ich kann aber zeigen (-) das wird gar nicht zur KENNTnis genommen (PhilPmA, TK 3_10: 106)

Nicht-wissen-Können

  wir !WIS!sens einfach NICHT (PhyPsyDrm, TK 3_7: 229)

  frommer wunsch (UmwGeschDrm, TK 1_3: 053)

Noch-nicht-(genug)-Wissen

  wir wissen noch nicht was es ist (ChemPmA, TK 2_6: 187)

  weil wir überhaupt noch kein ver!STÄND!nis (AsphyPhilPm, TK 3_8: 178)

  natürlich weiß ich nicht was die chemie noch heRAUSfinden wird (PharmPm, TK 2_5: 084-085)

  noch nicht alle kräfte erKANNT haben (ChemPmA, TK 2_5: 140)

  was AUCH immer noch ein rätsel DARstellt (PhyPsyDrm, TK 3_6: 231)

Im Hinblick auf Intentionalität und Temporalität kann gesagt werden, dass beide Kategorien eng zusammengehören. Wenn mit dem Ziel geforscht wird, Nichtwissen in Wissen zu überführen, stellt vermutlich kein Wissenschaftler infrage, dass dies einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Nichtwissen wird daher als Noch-nicht-Wissen kategorisiert, was die Intention des Wissen-Wollens, also das Ziel der Nichtwissens-Reduktion (vgl. Smithson et al. 2008a/b) impliziert. Nicht-wissen-Wollen und Nicht-/Niemals-wissen-Können werden bis auf eine Ausnah ← 404 | 405 → me nicht thematisiert. Die Vermutung liegt nahe, dass dies dem Grundgedanken der Wissenschaft, vor allem der Forschung, widerspricht. Kern der Wissenschaft ist es ja, Unbekanntes zu erklären, Nichtwissen in Wissen umzuwandeln. Dem entspricht auch der Befund, dass Nichtwissen in den überwiegenden Fällen als Noch-nicht-Wissen kategorisiert wird.

(e) Die epistemische Ausrichtung des Nichtwissens sowie (f) der referentielle Bezug von Nichtwissen konnten von mir nicht analysiert werden, da beides in den Diskussionen nicht expliziert wird und zur Beurteilung beider Kategorien jeweils disziplinäres Fachwissen nötig wäre. Ohne weiterführende Interviews mit den Tagungsteilnehmern sind die beiden Kategorien nicht evaluierbar. Es stellt sich aber generell die Frage, ob Teilnehmer interdisziplinärer Konferenzen in fachfremden Beiträgen (v. a. ohne explizite Fragen danach) überhaupt feststellen und entscheiden können, ob das Nichtwissen subjektiv oder objektiv ist und ob welcher Art das fehlende propositionale oder instrumentelle Nichtwissen genau ist.

(g) In Bezug auf die epistemische Qualität von Nichtwissen kann gesagt werden, dass im Korpus zahlreiche Lexeme zu finden sind, die Unsicherheits-/Sicherheitsgrade versprachlichen (siehe Tab. 41). Dies deckt sich mit den Befunden von Stocking-Holstein (1993), Janich et al. (2010), Janich/Simmerling (2013) und Rhein et al. (2013), die bereits ein umfangreiches Repertoire zur Versprachlichung von Unsicherheit und Nichtwissen nachweisen konnten. Eine Vielzahl lexikalischer Mittel zeigt trägerseitig die epistemische Qualität von Wissen an. Die identifizierten Formulierungen sind in Tabelle 41 (in alphabetischer Reihenfolge) inklusive ihrer Wortbedeutungen zusammengefasst; die Aufnahme der Formulierungen in die Tabelle ist jeweils über die im Kontext aktualisierte Bedeutung begründet.

Tabelle 41:  Übersicht über Formulierungen, die Nichtwissen und Unsicherheit graduieren, und ihre Bedeutungsbeschreibungen.

LexemBeispielsequenzWortbedeutung
glauben / nicht glaubenNEIN (.) das glaub ich geht !NICHT! und zwar aus verschiedenen gründen (eTheoPmA, TK 3_1: 122)

  ‚für möglich und wahrscheinlich halten, annehmen; meinen; für wahr, richtig, glaubwürdig halten; gefühlsmäßig von der Richtigkeit einer Sache oder einer Aussage überzeugt sein‘; Duden

  ‚etw. vermuten, annehmen, der Meinung sein; Dinge, die objektiv nicht bewiesen sind, aufgrund innerer Überzeugung für wahr halten‘; DWDS ← 405 | 406 →

möglicherweiseoder würden sie sagen es liegt möglicherweise auch schlicht daran dass sie eigentlich in einem anderen kontext gefragt ham (LingPwA, TK 1_4: 009-010)

  ‚vielleicht, unter Umständen‘; Duden/DWDS

Rätselein WAHRnehmungs-physiologisches phänomen was AUCH immernoch ein rätsel DARstellt (PhyPsyDrm, TK 3_6: 230-231)

  ‚Sache oder Person, die jemandem unbegreiflich ist, hinter deren Geheimnis er [vergeblich] zu kommen sucht‘; Duden

  ‚Geheimnis, Problem, hinter das jmd. zu kommen sucht‘; DWDS

rätselhaftbei solchen sachen die andern leuten auch rätselhaft sind (PhilPmC, TK 3_7: 083)

  ‚nicht durchschaubar, in Dunkel gehüllt, voller Rätsel‘; Duden

  ‚unerklärlich, unverständlich; geheimnisvoll; dunkel, unergründlich‘; DWDS

unbekanntn EINzeller (---) einzelliger organismus […] der hat (1.5) vierundfünfzigtausend gene (1.5) DAvon sind die meisten unbekannt (BioPmA, TK 2_1: 129-131)

  ‚jemandem nicht, niemandem bekannt; von jemandem nicht, von niemandem gekannt‘; Duden

  ‚dem eigenen, individuellen Erfahrungsbereich nicht angehörend, dem persönlichen Wissen verborgen‘; DWDS

ungewissdas zweigradziel ist natürlich selbst außer-ordentlich ungewiss (UmwGeschDrm, TK 1_3: 050)

  ‚fraglich, nicht feststehend; offen; unentschieden, noch keine Klarheit gewonnen habend‘; Duden

  ‚fraglich, wie etw. wirklich ist, ob etw. Bestimmtes eintreten wird oder ob etw. so geschehen wird, wie es erwartet wird; unklar in Bezug auf das Kommende, nicht feststehend, ungesichert‘; DWDS

unsicherda haben sie sich (.) GLAUB ich so geäußert dass das ne voRAUSsetzung ist sie seien UNsicher ob (PhilPmB, TK 3_8: 004-006)

  ‚das Risiko eines Misserfolges in sich bergend, keine [ausreichenden] Garantien bietend; nicht verlässlich; zweifelhaft; (etwas Bestimmtes) nicht genau wissend; nicht feststehend; ungewiss‘; Duden

  ‚unzuverlässig, nicht verlässlich; ungewiss; über etw. im Zweifel sein, etw. bezweifeln‘; DWDS ← 406 | 407 →

unwahrscheinliches ist sehr !UN!wahrscheinlich dass !IR!gendeine kraft die !MAK!roskopische (-) effekte haben kann uns DAbei entgangen wäre (PhyPmC, TK 3_7: 141-142)

  ‚aller Wahrscheinlichkeit nach nicht anzunehmen, kaum möglich; kaum der Wirklichkeit entsprechend; unglaubhaft‘; Duden

  ‚aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu erwarten, kaum anzunehmen‘; DWDS

Verdachthab ich schon den verdacht (PharmPm, TK 2_5: 233)

  ‚argwöhnische Vermutung einer bei jemandem liegenden Schuld, einer jemanden betreffenden schuldhaften Tat oder Absicht‘; Duden

  ‚Vermutung eines schuldhaften Verhaltens, Argwohn‘; DWDS

vermutenich würde es auch verMUten (PhilNaWiPm, TK 2_4: 60)

  ‚aufgrund bestimmter Anzeichen der Meinung sein; glauben, dass sich etwas in bestimmter Weise verhält‘; Duden

  ‚glauben, meinen, annehmen, dass sich etw. oder jmd. in bestimmter Weise verhalte‘; DWDS

vermutlichda müssen wir verMUTlich unsere merkmalsbeschreibungen abändern (BioAnthPm, TK 2_1: 013)

  Adj. ‚einer Vermutung entsprechend‘; Adv. ‚wie zu vermuten ist‘; Duden

  ‚vielleicht, wahrscheinlich‘; DWDS

vielleichtsie ham mich vielleicht falsch verstanden (IngPm, TK 2_2: 099)

  ‚relativiert die Gewissheit einer Aussage, gibt an, dass etwas ungewiss ist; möglicherweise, unter Umständen‘; Duden

  ‚drückt eine unsichere Vermutung aus; gibt an, dass die Wahrscheinlichkeit des Ausgesagten zweifelhaft ist; möglicherweise, unter Umständen‘; DWDS

wahrscheinlichdes kann ich ihnen (-) WAHRscheinlich in (.) einem jahr BESSer beantworten (ChemPmA, TK 2_6: 180)

  ‚mit ziemlicher Sicherheit‘; Adj.: ‚ziemlich gewiss; mit ziemlicher Sicherheit in Betracht kommend‘; Duden

  ‚vermutlich‘; DWDS ← 407 | 408 →

Zweifelhätt ich meine zweifel (UmwGeschDrm, TK 1_3: 034)

  ‚Bedenken, schwankende Ungewissheit, ob jemandem, jemandes Äußerung zu glauben ist, ob ein Vorgehen, eine Handlung richtig und gut ist, ob etwas gelingen kann o. Ä.‘; Duden

  ‚Ungewissheit, Unsicherheit, ob jmd., etw. glaubwürdig, ob eine Meinung berechtigt ist, ob sich etw. wie angegeben verhält, inneres Schwanken‘; DWDS

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Eine Hierarchisierung der Begriffe hinsichtlich ihres Grades der Gesichertheit ist aufgrund der starken subjektiven und individuellen Interpretation der Lexeme nicht möglich und wird in dieser Arbeit auch nicht angestrebt110. Um den Grad der Unsicherheit zu markieren, stehen aber in jedem Fall alltagssprachliche Mittel zur Verfügung, wie beispielsweise Verstärkungen (ich weiß überhaupt nicht) oder die Betonung von Nichtwissenselementen durch Intonation (da müssen wir verMUTlich).

Verschiedene Grade von Sicherheit und Unsicherheit sowie Wissen und Nichtwissen werden in einer Sequenz besonders auffällig kontrastiert, wie man an der folgenden Beispielsequenz erkennen kann:

050UmwGeschDrmdas zweigradziel ist natürlich selbst außerordentlich ungewiss
051 weil wir vermutlich nicht die internationalen prozesse in gang setzen werden
052 nach dem scheitern von ko kopenhagen kaprun wird auch scheitern (-)
053 äm um das zweigradziel noch zu erreichen also das ist n frommer wunsch

Sequenz 147:  UmwGeschDrm als Vortragender in der Plenumsdiskussion mit dem Diskutanten SozPm; TK 1_3: 050-053.

Das zweigradziel wird als außerordentlich ungewiss eingestuft, das Adjektiv außerordentlich wirkt hierbei intensivierend. Durch das vorhergehende natürlich wird die Unsicherheit zudem als selbstverständlich und außer Frage stehend deklariert. Begründet wird diese Ungewissheit damit, dass wir vermutlich nicht die ← 408 | 409 → internationalen prozesse in gang setzen werden. Das Adjektiv vermutlich verweist auf die subjektive Unsicherheit, die Verwendung des Futur (in gang setzen werden) signalisiert eine Zukunftsperspektive. Diese erste subjektive Einschätzung wird kontrastiert mir einer sicheren Prognose: kaprun wird auch scheitern. Das Erreichen des Zweigradziels wird letztlich als frommer wunsch (s. o.) beurteilt, also als Niemals-wissen-Können kategorisiert. Durch die Markierung verschiedener Grade der Unsicherheit beansprucht der Sprecher Bewertungskompetenz, was eine zentrale Kompetenz des wissenschaftlichen Arbeitens darstellt.

(h) Bewertung des Nichtwissens: Wenn Nichtwissen und Unsicherheit explizit von den Diskussionsteilnehmern bewertet werden, dann negativ. Häufiger allerdings bleiben sie unbewertet (vgl. Tab. 41). Ausdrücke, die in ihrem jeweiligen Kontext auf eine negative Bewertung hinweisen, sind in Tabelle 42 aufgelistet:

Tabelle 42:  Lexeme, die eine negative Bewertung des Nichtwissens signalisieren.

LexemBeispielsequenzWortbedeutung
Illusionhalte das für ne ganz große illuSION (UmwGeschDrm, TK 1_3: 035)‚beschönigende, dem Wunschdenken entsprechende Selbsttäuschung über einen in Wirklichkeit weniger positiven Sachverhalt; falsche Deutung von tatsächlichen Sinneswahrnehmungen‘; Duden
leider/leider Gottesdie allgemeine relativitätstheorie ist ja LEIder gottes wäre ja !SCHÖN! wenn es so wäre (-) ist ja leider NOCH !NICHT! mit der quantenmechanik vereinbar (--) (AsphyPhilPm, TK 3_8: 059-060)‚bedauerlicherweise, zu meinem, deinem usw. Bedauern‘; Duden
misslich(e Situation)nun IST es natürlich ne MISSliche situation WEIL (.) man hier gar nichts SAgen kann (PhyPsyDrm, TK 3_2: 154-155)‚Ärger, Unannehmlichkeiten bereitend, unangenehm, unerfreulich‘; Duden

Metaphern spielen in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle. Sie zeigen, wie Nichtwissen und Unsicherheit in der Gesellschaft bewertet werden (vgl. Smithson 2008a: 17). In der nachfolgenden Tabelle (Tab. 43) sind die im Korpus enthaltenen Metaphern, die Nichtwissen/Unsicherheit ausdrücken bzw. in engem Zusammenhang mit Nichtwissen stehen, aufgelistet: ← 409 | 410 →

Tabelle 43:  Übersicht über die im Korpus enthaltenen Metaphern sowie ihre in Wörterbüchern festgelegten Bedeutungen.

MetapherBeispielsequenzBedeutung
Bruchdann wird das auditorium dir ALLE DENKlücken alle lücken und brüche in deinem (.) gedankengang NACHsehen (PhilPmB, TK 3_10: 178-179)‚Unterbrechung, Einschnitt, nicht stringente Abfolge‘; Duden
Denklücke, Lückedann wird das auditorium dir ALLE DENKlücken alle lücken und brüche in deinem (.) gedankengang NACHsehen (PhilPmB, TK 3_10: 178-179)‚Zwischenraum, (durch ein fehlendes Stück entstandener) größerer Spalt‘; DWDS
Frage im Raum stehenweil diese frage hat im raum gestanden (SozPDmB, TK 1_5: 002)‚als Problem o. Ä. aufgeworfen sein und nach einer Lösung verlangen‘; Duden
kämpfendes is ne sache mit der ich selber (.) !KÄMP!fe seit langem (BioPmA, TK 2_1: 116)‚sich mit jmdm., etw. hart auseinandersetzen; unter Einsatz aller Kräfte versuchen, einer Sache Einhalt zu gebieten oder etw. zu verwirklichen‘; DWDS
ZukunftsmusikDANN haben wir MÖGlicherweise gleichzeitig auch ein gutes modell für den spuk (-) ABER das ist ein ä ZUkunftsmusik (PhyPsyDrm, TK 3_6: 282-283)‚umgangssprachlich etw., das erst in ferner Zukunft realisierbar ist‘; DWDS

Es wird deutlich, dass auch durch die genannten Metaphern Nichtwissen negativ bewertet wird: Die Überführung von Nichtwissen in Wissen ist ein Kampf, der einem alles abverlangt; Zukunftsmusik verweist auf weitere Forschungsarbeit; Fragen stehen im Raum und verlangen nach Lösungen; Denklücken, Lücken und Brüche im Gedankengang verweisen auf logische Fehler und fehlendes Wissen. Dies könnte ein weiter Beleg dafür sein, dass in der Wissenschaft Nichtwissen immer noch als negativer Zustand wahrgenommen wird, der dem Selbstverständnis eines Wissenschaftlers als wissender Experte widerspricht (und ja tatsächlich zu einem Gesichtsverlust führen kann). Nichtwissen wird damit als prinzipiell zu überwindender Zustand konstruiert, was an die Intentionalität und Temporalität von Nichtwissen gekoppelt ist. Die durchweg negative Bewertung von Nichtwissen deckt sich mit Warnkes Befund: Warnke hat in Dornseiffs „Der deutsche ← 410 | 411 → Wortschatz nach Sachgruppen“ (2004) den Begriff Unwissenheit (einen Eintrag zu Nichtwissen gab es nicht) nachgeschlagen und die Quasi-Synonyme ausgewertet. Das Ergebnis war, „dass die meisten dieser Ausdrücke zur abwertenden Bezeichnung von Personen gebräuchlich sind. Die prototypische Verwendung des sprachlichen Feldes der Unwissenheit ist also pejorativ“ (Warnke 2012: 53). Die Frage ist aber, inwiefern die negative Bewertung des Nichtwissens zu weiteren Forschungshandlungen auffordert, also ob es als Auftrag angesehen wird, die Leichen im Keller zu beseitigen, die missliche Situation aufzulösen, die Illusion in Realität umzuwandeln und ob das im Adverb leider ausgedrückte Bedauern als Anlass genommen wird, Forschung aufzunehmen. Denn dann bekäme das Noch-nicht-Wissen eine positive Wirkung, da es den Anreiz für Forschung, kritischen Diskurs und Innovation schafft.

Viele der sprachlichen Ausdrücke von Nichtwissen und Unsicherheit wurden im Zusammenhang mit den Differenzierungsmöglichkeiten von Nichtwissen bereits thematisiert. In der folgenden Tabelle (Tab. 44) werden auf der Basis von Janich et al. (2010), Janich/Simmerling (2013) und Rhein et al. (2013) weitere Markierungen von Unsicherheit erfasst.

Tabelle 44:  Kontextspezifische Marker von Nichtwissen und ihre Funktionen.

Grammatische MittelBeispielsequenzenFunktion
Modalitätsmitteles mag noch WEItere naturgesetze geben (--) von denen wir nichts WISsen (AsphyPhilPm, TK 3_8: 117); nun IST es natürlich ne MISSliche situation WEIL (.) man hier gar nichts SAgen kann (PhyPsyDrm, TK 3_2: 154-155)signalisieren Unsicherheit; im Fall des Modalverbs können eine ‚logische Möglichkeit‘ (DWDS), im Fall des Modalverbs mögen eine ‚Vermutung‘ bzw., dass eine Möglichkeit besteht (DWDS).
Mittel zum Ausdruck von Temporalitätund müssen mal gucken ob wir DAmit weiterkommen (BioAnthPm, TK 2_1: 014); natürlich weiß ich nicht was die chemie noch heRAUSfinden wird (PharmPm, TK 2_5: 084-085); des kann ich ihnen (-) WAHRscheinlich in (.) einem jahr BESSer beantworten (ChemPmA, TK 2_6: 180)verweisen auf Abzuwartendes (mal gucken ob; BioAnthPm, TK 2_1: 014), Zukünftiges (in (.) einem jahr, ChemPmA, TK 2_6: 180; Zukunftsmusik, PhyPsyDrm, TK 3_6: 283), Dauer (selber (.) !KÄMP!fe seit langem, BioPmA, TK 2_1: 116), Erwartungen und Vertrauen in die Zukunft (die hoffnung wäre ja dass, InfoMaDrm, TK 3_9: 139) ← 411 | 412 →
Formen der Negationich weiß nicht wie man das am besten theoretisch fasst (UmwGeschDrm; TK 1_3: 026); DAvon sind die meisten unbekannt (BioPmA, TK 2_1: 129-131)markieren Wissenslücken und andere Formen von Nichtwissen
Lexikalische MittelBeispielsequenzenFunktion
Isotopieebene ‚unbekannt, offen, unsicher‘DAvon sind die meisten unbekannt (BioPmA, TK 2_1: 129-131); das zweigradziel ist natürlich selbst außer-ordentlich ungewiss (UmwGeschDrm, TK 1_3: 050); und zu probieren ob mans damit SCHAFFen kann (PhyPsyDrm, TK 3_7: 236)verweist auf offene Forschungsfragen und Unsicherheiten bzgl. Modellen, Konzepten, Erklärungsansätzen und Ausgang von Experimenten
Wortfeld ‚sagen, meinen, glauben‘vermute dass sich mit die frage nach gott eher an MICH richtet (PharmPm, TK 2_6: 130); ich MEIne aber dass es verschiedene formen von rationalität gibt (kTheoMaPm, TK 2_4: 138)zeigt den Grad der Unsicherheit des Gesagten an
Wortfeld ‚Wissen, Forschung‘ist der HEUtige WISSENSstand der chemie (-) für viele der wissensstand vor zwanzig jahren oder so (ChemPmA, TK 2_5: 127); da ist ne MENge annahmen ähnlich wie diese szenarien (PharmPm, TK 2_5: 235)zeigt den Grad der Gesichertheit des Gesagten an und verweist auf Forschungsdesiderate
Rhetorische MittelBeispielsequenzenFunktion
Appellative Sprachhand-lungsmusterda müssen wir verMUTlich unsere merkmalsbeschreibungen abändern und müssen mal gucken ob wir DAmit weiterkommen (BioAnthPm; TK 2_1: 013-014)können Forschungsdesiderate kennzeichnen und nötige Handlungen formulieren
Metaphernsiehe Tabelle 43zeigen Konzeptualisierungen und Bewertungen des Nichtwissens an ← 412 | 413 →

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Nichtwissensthematisierungen erfüllen im wissenschaftlichen Diskurs unterschiedliche Funktionen und haben jeweils unterschiedliche Auswirkungen auf das face der Teilnehmenden. Solche face-relevanten Strategien im Umgang mit Nichtwissen müssen von wissenschaftlich-strategischen Entscheidungen abgegrenzt werden. Letztere wurden von Smithson et al. (2008a/b), Stocking/Holstein (1993) und Wehling (2012) bereits genannt und in den vorigen Abschnitten mit Beispielsequenzen belegt.

In der folgenden Tabelle sind die in diesem Kapitel beschriebenen Strategien im Umgang mit Nichtwissen, getrennt nach face-relevanten Funktionen und wissenschaftlichen Strategien, zusammengefasst (Tab. 45). Auch während der Kommunikation von Nichtwissen wird das Ziel der Imagesicherung als kompetenter Experte verfolgt.

Tabelle 45:  Übersicht über die identifizierten Strategien im Umgang mit Nichtwissen und Unsicherheit.

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← 413 | 414 →

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7.4  Fazit: Kompetenz, Expertenschaft und/trotz Nichtwissen

Umfassendes disziplinäres Wissen ist die Voraussetzung dafür, sich in der eigenen scientific community als kompetenter Wissenschaftler und Experte auf einem Forschungsgebiet präsentieren zu können. Kompetenz und Expertenwissen verleihen dem Wissenschaftler zusammen mit der Signalisierung von Glaubwürdigkeit ein positives Image (vgl. Mummendey 1995: 1995: 147; Whitehead/Smith 1986). Kompetenz umfasst nach Antos (1995: 120) die vier Domänen „Sachkompetenz“, „Theoretische Kompetenz“, „Innovationskompetenz“ und „Wissenssoziologische Position“. Bis auf die wissenssoziologische Position konnten alle Domänen auch im Korpus identifiziert werden. Ergänzend wurde eine weitere Domäne, die Diskussions-/Kommunikationskompetenz, angesetzt, um die Fähigkeiten der Wissenschaftler im Umgang mit der Kommunikationssituation erfassen zu können.

Gerade in interdisziplinären Kontexten – aber keineswegs nur hier – sind Wissenschaftler mit ihrem Nichtwissen konfrontiert, da sie in den Fremdfächern Laien und sich in der Regel ihres Weniger- oder Nichtwissens bewusst sind. Wissensasymmetrien bestehen von vornherein und sind den Diskussionspartnern bekannt. Dennoch führt Nichtwissen nicht notwendigerweise zum Eindruck von Inkompetenz: Wissen fehlt oftmals nur in einer Domäne (z. B. Fachwissen), kann ← 415 | 416 → aber durch Wissen aus anderen Domänen (z. B. Methode), Professionalität und Souveränität im Umgang mit Unsicherheit und Nichtwissen ausgeglichen werden. Zudem sichern gegenseitiger Respekt, Anerkennung der fremden wissenschaftlichen Arbeit und der Kompetenz der Diskussionspartner sowie das gegenseitige Bestätigen der wissenschaftlichen Werte eine professionelle Diskussion über disziplinäre Grenzen hinweg. Aufgrund der Wissensasymmetrien ist Vertrauen ein notwendiger Bestandteil der (inter)disziplinären Kommunikation; die Befolgung wissenschaftlicher Werte liefert die Grundlage für Glaubwürdigkeit und wirkt vertrauensbildend.

Es hat sich gezeigt, dass Nichtwissensthematisierungen in der Wissenschaft wichtig und im Rahmen der guten, sorgfältigen wissenschaftlichen Arbeit notwendig sind. In den untersuchten Diskussionen wurde deutlich, dass Nichtwissen ebenso wie Wissen interaktiv ausgehandelt wird und Einfluss auf das Image der Wissenschaftler haben kann, vor allem in Zusammenhang mit Selbst- und Fremdwahrnehmung im Hinblick auf Expertenschaft, Kompetenz und Professionalität. Die Aushandlung von Wissen und Nichtwissen in Diskussionen führt unter Umständen zu gegenseitigen Nichtwissens-Zuschreibungen, Kompetenzgerangel, negativer Kritik und Gegenkritik. Wehling formuliert hierzu:

Augenscheinlich ist die Kommunikation von Nichtwissen schon in (mehr oder weniger) alltäglichen Zusammenhängen ein vielschichtiges und potenziell durchaus konfliktträchtiges Geschehen. In noch höherem Maße trifft dies für wissenschaftliche Diskussionen und Kontroversen zu, nicht zuletzt deshalb, weil hier die Wahrnehmung und Beschreibung des Nicht-Gewussten wesentlich stärker umstritten ist, als dies in Alltagskommunikationen in der Regel der Fall ist. (Wehling 2012: 75)

Nichtwissen ist aber nur dann potenziell gesichtsbedrohend, wenn es strategisch in der Diskussion genutzt wird, wenn es also der Aufdeckung von Wissenslücken, unzureichender Information oder der Kritik dient. Unproblematisch für das face der Wissenschaftler ist es dagegen, Nichtwissen einzugestehen, wenn es begründet, lokalisiert und damit als selbstverständlicher Aspekt jeder Wissenschaft wahrgenommen werden kann. Nichtwissen wird dann entweder individuell eingestanden oder an die eigene Forschergruppe oder Disziplin gebunden. Dadurch werden Einzelpersonen entlastet und weniger angreifbar, da ihnen Nichtwissen nicht persönlich zugeschrieben werden kann.

Nichtwissens- und Unsicherheitsäußerungen setzen aber nicht notwendigerweise, wie von Campbell (1985: 449) behauptet, die Glaubwürdigkeit oder das Ansehen von Wissenschaftlern herab. Im Gegenteil kann sich der professionelle Umgang mit Nichtwissen und Unsicherheit positiv auf das Image eines Wissenschaftlers auswirken. ← 416 | 417 →


89     Murphy hat die Ähnlichkeit der Ziele in Bezug auf Kompetenzdarstellung zur Präsentation von Intelligenz herausgestellt: „The desire to appear intelligent is not surprising because individuals generally consider intelligence to be a socially desirable trait“ (Murphy 2007: 326).

90     Zu Glaubwürdigkeit in der Impression-Management-Theorie vgl. Mummendey 1995: 152.

91     Vgl. dazu die Strategien und Formen der Inszenierung von Expertenschaft in Antos 1995: 121.

92     Für eine ausführliche Darstellung und Diskussion der unterschiedlichen Facetten der Darstellung von Expertenschaft siehe Konzett 2012.

93     Dieser Ansicht kann nicht uneingeschränkt zugestimmt werden, da diese Selbstzuschreibung von Kompetenz vermutlich qualifikations- und karrierestatusabhängig ist. Nicht immer haben Vortragende mit dem Halten von Vorträgen die Intention, sich kompetenter als andere zu präsentieren (und oft ist dies auch nicht möglich, z. B., wenn ein Doktorand vor Professoren spricht).

94     Konzett (2012: 139) hat zwar die Erinnerungsfunktion der Paraphrasen angedeutet, ist aber nicht weiter auf die gesprächsstrukturierende Funktion von Paraphrasen eingegangen.

95     Es ist schwierig, eine deutsche Übersetzung der Formulierung „informed guesses“ anzugeben, da es hier zwei Möglichkeiten gibt: In seiner Textumgebung müsste man die Formulierung „informierte Fragen“ wählen, wörtlich übersetzt bedeutet sie aber „begründete Annahmen“. Beide Varianten sind sinnvoll, daher verwende ich den offeneren englischen Begriff.

96     Wie eingangs erwähnt, ordnet Konzett die Strategie, auf wissenschaftliche Werte zu verweisen, dem Ziel der Präsentation als „guter wissenschaftlicher Forscher“ (Konzett 2012: 243) zu. Nach meiner Systematisierung wird diese Strategie als Technik der Kompetenzdarstellung kategorisiert.

97     Zu den anderen in der self-promotion enthaltenen Strategien/Techniken s. Mummendey 1995: 142 und die dort genannte weiterführende Literatur.

98     Zur interaktiven Aushandlung von wissenschaftlichem Wissen vgl. Pinch 1981: 131, 146.

99     Dies folgt der Logik der im Impression Management beschriebenen Strategie der Abwertung einer Person, die eine Selbstaufwertung bewirkt, auch blasting genannt (vgl. Mummendey 1995: 171; Cialdini/Richardson 1980).

100   Zu einzelnen Strategien der Umwandlung von Nichtwissen/Unsicherheit in sicheres Wissen in der Medizin siehe Star 1985: 407-427, zu Herausforderungen in der Neutrinoforschung siehe Pinch 1981.

101   Die Liste erhebt nach Smithson Anspruch auf Vollständigkeit, Mischtypen sind möglich.

102   Siehe z. B. Janich et al. 2012, Groß 2007, Böschen/Wehling 2004, Wehling 2004, Janich et al. 2010, Janich/Simmerling 2013 und Rhein et al. 2013.

103   Zu weiteren Nichtwissenstypen wie ignorance und extended knowledge, die für unsere Betrachtung nicht hilfreich sind, siehe Groß 2007: 749.

104   Siehe dazu auch Groß 2007: 750 unter dem Stichwort „nescience“ und Smithson 2008a: 16, Smithson 2008b: 210 unter dem Stichwort „meta-ignorance“.

105   Dies gilt allerdings nicht in sehr stark normierten und formalisierten Kontexten, in denen schwerwiegende Entscheidungen von der Formulierung abhängen, wie z. B. in der Rechtsprechung.

106   Beck-Bornholdt/Dubben machen am Beispiel von Medizinern für das Englische deutlich, dass derselbe Begriff auf ganz unterschiedliche Weise hinsichtlich seines Grades der Gesichertheit interpretiert werden kann. Der Studie liegt der folgende Ablauf zugrunde: 65 Konferenzteilnehmern wurden 20 Sätze vorgelegt, die sie hinsichtlich des Grades der Gesichertheit hierarchisieren sollten. Die Proposition der Sätze war immer „Therapie A ist effektiver als Therapie B“, die aber auf unterschiedliche Weise formuliert wurde. Das Ergebnis war unter anderem, dass zwar an der Spitze sowie am Ende der Skala stets vier Formulierungen auftauchten, die aber dennoch variabel auf die Plätze 1-4 bzw. 17-20 verteilt waren, und dass es auf den anderen Plätzen der Skala eine sehr große Varianz der Zuordnungen gab. Die Teilnehmer bewerteten die Formulierungen „beyond any doubt“, „is more effective than“, „it has been proven“, „the present results prove“ tendenziell als sicher. Als weitgehend unsicher wurden die Formulierungen „others have suggested that… could be“, „not inconceivable“, „can be speculated that“, „has become popular to assume“ bewertet. Zudem bewerteten Muttersprachler die Formulierungen anders hinsichtlich der Gesichertheit und Ungesichertheit als Nicht-Muttersprachler (vgl. Beck-Bornholdt/Dubben 2009: 188-195). Thalmann (2005) kommt hinsichtlich der Ambiguität von Ausdrücken zu einem ähnlichen Ergebnis.

107   Vgl. Stocking-Holstein 1993; Janich et al. 2010; Janich/Simmerling 2013; Rhein et al. 2013.

108   Die Angabe DWDS bezieht sich auf Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache; http://www.dwds.de/; alle Belege zuletzt abgerufen am 14.01.2015.

109   frommer wunsch: ‚ein Wunsch nach etwas durchaus Wünschenswertem, aber keinesfalls Erreichbarem‘; Duden.

110   An dieser Stelle sei erneut auf die Arbeit von Beck-Bornholdt/Dubben (2009) und Thalmann (2005) verwiesen, die die große Varianz der Hierarchisierung von Lexemen hinsichtlich ihres Grades der Gesichertheit aufgezeigt haben.