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Das kulturelle Gedächtnis Europas im Wandel

Literatur über Shoa und Gulag

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Karol Sauerland and Yvonne Pörzgen

Die Autorinnen und Autoren der Beiträge gehen davon aus, dass eine Erinnerung an die Greuel des zwanzigsten Jahrhunderts, die sowohl den Gulag als auch die Shoa umfasst, zu den Grundvoraussetzungen politischer und gesellschaftlicher Annäherung in Europa gehört. Die Texte leisten eine Zusammenschau des Schreibens über Lagererfahrung in unterschiedlichen Kulturräumen und loten das Spannungsfeld zwischen der literarischen Darstellung der Entmenschlichung und der rhetorischen Distanz der Erzähler gegenüber dem Geschehenen aus. Sie lenken darüber hinaus ihre Aufmerksamkeit auf die Art, wie das millionenfache Leid künstlerisch verarbeitet wird. Wenngleich Adornos Verdikt, nach Auschwitz verbiete sich jede Kunst über Auschwitz, immer weniger Anhänger findet, so bleibt doch die Frage, wie Literatur diesem Leid gerecht werden kann.
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Antonia Grunenberg: „Lebende Leichname…“ Hannah Arendt über das Lager als Zentrum der totalitären Macht

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Antonia Grunenberg

„Lebende Leichname…“

Hannah Arendt über das Lager als Zentrum der totalitären Macht

In der Fachliteratur, in Dichtung und Belletristik werden die Konzentrationslager beziehungsweise der Gulag seit langem als diejenigen Orte bezeichnet, an denen der systematische Prozess der Entmenschlichung kulminierte. Ich werde im Folgenden Hannah Arendts Analyse der totalen Herrschaft, deren Konnotationen und hermeneutische Voraussetzungen unter zwei Blickwinkeln vorstellen: Zum einen ist hervorzuheben, dass Arendt Anfang der fünfziger Jahre, zu einer Zeit, in der die totale Herrschaft in der Sowjetunion noch fest verankert schien und ein Großteil der sogenannten „Lagerliteratur“ noch nicht erschienen war, mit großem Weitblick jene spezifische Art der Vernichtung des Menschen bei lebendigem Leibe in den Blick nahm, die Jahre später bei Autoren wie Varlam Šalamov, Vasilij Grossman, Aleksandr Solženicyn, Primo Levi, Jorge Semprún, um nur einige zu nennen, im Mittelpunkt stand. Zum anderen hat Arendt schon frühzeitig auf die Vorgeschichte dieser Dehumanisierung aufmerksam gemacht, indem sie sich den rechtsförmigen Praktiken der Ausgrenzung und Entrechtlichung gegenüber Minderheiten und Flüchtlingen zugewendet und die geschichtlichen Vorbedingungen und Voraussetzungen der totalen Herrschaft mit einbezogen hat.

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