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Das kulturelle Gedächtnis Europas im Wandel

Literatur über Shoa und Gulag

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Edited By Karol Sauerland and Yvonne Pörzgen

Die Autorinnen und Autoren der Beiträge gehen davon aus, dass eine Erinnerung an die Greuel des zwanzigsten Jahrhunderts, die sowohl den Gulag als auch die Shoa umfasst, zu den Grundvoraussetzungen politischer und gesellschaftlicher Annäherung in Europa gehört. Die Texte leisten eine Zusammenschau des Schreibens über Lagererfahrung in unterschiedlichen Kulturräumen und loten das Spannungsfeld zwischen der literarischen Darstellung der Entmenschlichung und der rhetorischen Distanz der Erzähler gegenüber dem Geschehenen aus. Sie lenken darüber hinaus ihre Aufmerksamkeit auf die Art, wie das millionenfache Leid künstlerisch verarbeitet wird. Wenngleich Adornos Verdikt, nach Auschwitz verbiete sich jede Kunst über Auschwitz, immer weniger Anhänger findet, so bleibt doch die Frage, wie Literatur diesem Leid gerecht werden kann.
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Rainer Grübel: Memoria vs. Narratio: Probleme des Verhältnisses von historischem Gedächtnis und fiktionaler Erzählung über Shoa sowie Gulag in Vasilij Grossmans Leben und Schicksal (Žizn’ i sud’ba) sowie Alles fließt (Vse tečet)

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Rainer Grübel

Memoria vs. Narratio:

Probleme des Verhältnisses von historischem Gedächtnis und fiktionaler Erzählung über Shoa sowie Gulag in Vasilij Grossmans Leben und Schicksal (Žizn’ i sud’ba) sowie Alles fließt (Vse tečet)

Всякий, кто отвернется, кто закроет глаза и проидет мимо, оскорбляет память погибших.1

Jeder, der sich abwendet, die Augen verschließt und vorbeigeht, beleidigt das Andenken der Toten.

1. Narratio und memoria in Historie und Literatur über Shoa und Gulag

Der griechische Historiker Thukydides stellte seiner Erzählung vom Peloponnesischen Krieg eine Reflexion voran, die sich noch stets eignet, das Nachdenken über die Relation von Memoria und Narratio im Horizont des Spannungsverhältnisses historischer und literarischer Erzählung anzustoßen:

Was aber tatsächlich geschah in dem Kriege, erlaubte ich mir nicht nach Auskünften des ersten besten aufzuschreiben, auch nicht „nach meinem Dafürhalten“, sondern ich bin Selbsterlebtem und Nachrichten von andern mit aller erreichbaren Genauigkeit bis ins einzelne nachgegangen. Mühsam war diese Forschung, weil die Zeugen der einzelnen Ereignisse nicht dasselbe über dasselbe aussagten, sondern je nach Gunst oder Gedächtnis. Zum Zuhören wird vielleicht diese undichterische Darstellung minder ergötzlich scheinen; wer aber das Gewesene klar erkennen will und damit auch das Künftige, das wieder einmal, nach der menschlichen Natur, gleich oder ähnlich sein wird, der mag es so für nützlich halten, und das soll mir genug sein: zum dauernden Besitz, nicht als Prunkstück fürs einmalige H...

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