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«Les queues de siècle se ressemblent»: Paradoxe Rhetorik als Subversionsstrategie in französischen Romanen des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts

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Anne Effmert

Die Literaturkritik hat immer wieder Vertreter des französischen Gegenwartsromans unter den Schlagworten Fin de Siècle und Dekadenz verortet. Die Autorin macht sich die systematische Aufarbeitung dieser meist oberflächlich gebliebenen Annäherung zur Aufgabe. Anhand einer kontrastiven diskursanalytischen Lektüre ausgewählter Romane von Michel Houellebecq, Maurice G. Dantec, J.-K. Huysmans und Octave Mirbeau zeigt sie, dass die Autoren in ihren Texten nicht nur vergleichbare Motive reproduzieren, sondern darüber hinaus eine charakteristische Subversionsstrategie verfolgen. Diese kann als paradoxe Rhetorik beschrieben werden und hat allen Romanen eine vergleichbar kontroverse Rezeption eingebracht.
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1. Einleitung: Grenzen und Möglichkeiten eines Vergleichs

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„[…] les queues de siècle se ressemblent“ – das dem Titel dieser Arbeit vorangestellte Zitat stammt aus Joris-Karl Huysmans’ Roman Là-Bas (1891), in dem sich der Protagonist Durtal erstaunt über das Wiederaufleben mystizistischer und okkultistischer Bewegungen am Ende des positivistisch geprägten 19. Jahrhunderts zeigt. Sein Freund des Hermies stellt daraufhin fest: „Mais il en a toujours été ainsi; les queues de siècle se ressemblent. Toutes vacillent et sont troubles. Alors que le matérialisme sévit, la magie se lève. Ce phénomène reparaît, tous les cent ans.“1 Hier wird also von einem zyklischen Geschichtsbild2 ausgegangen, das auf sich regelmäßig ablösenden Phasen des Aufschwungs und des Niedergangs basiert und auf der Annahme, dass jedes Ende eines Jahrhunderts fatalistisch von Instabilität und Verunsicherung geprägt sein müsse.

Die französische Gesellschaft entwickelt bekanntermaßen im späten 19. Jahrhundert die Vorstellung einer tief greifenden sozialen Krise, die unter dem Begriff Fin de Siècle firmiert, einem Terminus, der das chronologische Ende des Jahrhunderts mit dem Niedergang einer Zivilisation assoziiert. Der gesellschaftliche Verfall scheint in der traumatischen Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) zu wurzeln.3 Dazu kommt die chronische politische Instabilität der Dritten Republik, die immer wieder von schweren innenpolitischen Krisen belastet wird, wie der Boulanger-Krise (1886–1889), dem Panamaskandal (1892–1894) oder der Dreyfusaffäre (1894–1906). Aber auch andere Faktoren bestätigen in der Wahrnehmung der Zeitgenossen den Eindruck einer zivilisatorischen Erschöpfung: „[…] éclatement...

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