Show Less
Restricted access

Empraktische Vernunft

Volker Caysa

Im Anschluss an Martin Heidegger, Ernst Bloch, Karl Bühler und Pirmin Stekeler thematisiert der Band eine neue Philosophie der Praxis, die die Heideggersch-Blochsche Existenzialanalyse der Stimmungen mit einer empraktischen Handlungs- und Wissenstheorie verknüpft. Das Empraktische steht gegen die Zivilisationskrankheit der Hyperreflexivität. Wir leiden nicht an einem Übermaß von Selbstbewusstsein, sondern am Übermaß von Reflexivität. Die maßlose Rationalisierung aller Lebensbereiche löst nicht unsere Lebensprobleme, sondern schafft erst neue. Das Empraktische ist das vortheoretische Zurechtkommen in der Welt und ist gekennzeichnet durch eine begriffslose Präzision, durch die wir erfolgreich leben. Eine Philosophie des Empraktischen versucht, eine Theorie zu entwerfen für etwas, was auch ohne Theorie funktioniert.
Show Summary Details
Restricted access

18. Empraktische Erinnerung macht Geschichte

Extract



Die Leibhaftigkeit der Erinnerung ist historisch gesehen schon von anderen Autoren thematisiert worden, wird aber im modernen Gedächtnisbegriff allzu oft vergessen, was eine intellektualistische Verkürzung des Erinnerungsbegriffes in der Moderne zur Folge hat. Das Gedächtnis ist daher für uns Moderne, egal ob es nun in rhetorischer, historischer oder psychologischer Form auftritt, ein konstruktiv-gnoseologischer Begriff und wird grundsätzlich performativ begriffen.

Ganz in diesem Sinne spricht Aleida Assmann von Gedächtnis „als Kollektivbegriff für angesammelte Erinnerungen, als Fundus und Rahmen für einzelne memoriale Akte und Einträge.“1 Der Erinnerungsbegriff wird dadurch aber gnoseologisch verkürzt und seine grundlegende leibontologische Dimension bestenfalls als Phänomen in der Existenz des Individuums am Rande erwähnt.2 Oder aber die leibzentrierte Erinnerung wird als mystische Erfahrung, als das „Andere der Erinnerung“, „als die passive, rezeptive, mystische, man könnte auch sagen: die ‚weibliche‘ Gegenseite zur ‚männlichen‘ Kraft der Imagination“, die unkontrollierbar, unvermutet, unberechenbar auftritt, gebrandmarkt und konzeptionell marginalisiert.3 Die Leiblichkeit der Erinnerung wird dadurch in der Tendenz auf Geschlechtlichkeit reduziert.

Der Körper wird durch diese gnoseologische und bewusstseinsphilosophische Verkürzung des Erinnerungsbegriffs bestenfalls in seiner Speicherungs- und Präsentationsfunktion durch Wunden und Narben für das kulturelle Gedächtnis erfassbar. Aber die Physis als Träger der Erinnerung, die der Grund der Vermittlung von Erinnerung und Gedächtnis, von Körper und Geist, von Oralität und Literalität in unserem historischen Dasein ist, wird dadurch nur sehr oberflächlich...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.