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Nach Wien!

Sehnsucht, Distanzierung, Suche"- </I>Literarische Darstellungen Wiens aus komparatistischer Perspektive

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Norbert Bachleitner and Christine Ivanovic

«Nach Wien!» – der Titel des vorliegenden Bandes gibt das Echo der Großstadtsehnsucht von Čechovs Drei Schwestern mit einem Augenzwinkern wieder und hat dabei zugleich den Ernst der Lage derjenigen im Blick, für die Wien im symbolischen Sinn die Bewahrung ihrer kulturellen Identität und im pragmatischen Sinn das Überleben bedeutete. Die Beiträge fokussieren auf Darstellungen der Stadt aus der Distanz, auf meist erst im Nachhinein festgehaltene Wahrnehmungen, Erfahrungen, Einschätzungen vorübergehender BewohnerInnen oder BesucherInnen Wiens. Sie haben einen Teil ihres Lebens hier verbracht, bevor sie die Stadt verließen, oder sie sind Durchreisende gewesen, die sich nur für einige Zeit hier aufgehalten haben: Fremde eher als Einheimische, StudentInnen oder AutorInnen, Bildungsreisende und PauschaltouristInnen, MigrantInnen und Arbeitssuchende, nicht zuletzt Displaced Persons und HeimkehrerInnen aus der Emigration.
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Als die Donau in die Themse münden wollte

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← 142 | 143 →Rüdiger Görner

Einer Familienlegende zufolge hatten die Graftons im Juni des Jahres 1836, angeblich am Sankt Georgstag, Franz Grillparzer, der damals zu Studienzwecken in London weilte, zum Tee nach Hause in die Brook Street eingeladen. Bis in die letzten Tage des Ersten Weltkrieges, als die Graftons in ein geräumigeres Haus in der Hallam Street übersiedelten, soll es ein Schriftstück von Grillparzers Hand gegeben haben, ein längeres Dankesschreiben, das er den Graftons habe zukommen lassen, bevor er nach Wien zurückkehrte.

Seltsam, Hilary Grafton erinnerte sich beim probeweisen Packen ihrer Koffer an diese Legende; sie wollte den Jahreswechsel in Wien bei ihrer langjährigen Brieffreundin verbringen; schon immer schien es ihr ratsam, geraume Zeit vor Antritt einer Reise die Gepäckfrage zu klären. Niemand in ihrer Familie war seit 1918 in die deutschsprachigen Teile des europäischen Festlands gereist, nicht nach Oldenburg oder Teplitz, auch nicht nach Baden bei Zürich, obwohl man überall dorthin familiäre Verbindungen hatte; regeren Verkehr dagegen pflegte man mit den Verwandten in Poona, Perth und Philadelphia. Hieß man Grafton, war man verzweigt.

Wenn es denn sein muss, dann freilich lieber Wien als jetzt Berlin, hatte Sir Roderick Grafton, Hilarys Vater, den Entschluss seiner Tochter kommentiert. Warum nicht Perth? wollte Ottoline Grafton, die Mutter, wissen. Tante Maud würde sich bestimmt freuen. Zu heiß um diese Jahreszeit, warf Herbert, Hilarys Zwillingsbruder, mit welterfahrenem Ton in der Stimme ein. Es war also entschieden...

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