Show Less
Restricted access

Kinder können fliegen

Leben mit Kindern – Im Gespräch mit Janusz Korczak

Gunda Schneider

Die Autorin befasst sich mit dem polnischen Arzt, Pädagogen und Kinderbuchautor Janusz Korczak. In seinen Schriften beschrieb er ein Lebensverständnis, das die Freude am Leben und besonders die Freude am Leben mit Kindern weckt und Eltern und Erzieher zur Achtung vor jedem Kind als Mensch inspiriert. Mit seiner Pädagogik der Achtung bietet er keine pädagogischen Rezepte und keine Lösung für Erziehungsprobleme. Erziehen heißt vielmehr: Leben mit Kindern. Gunda Schneider-Flume hat das tägliche Leben mit ihren drei Kindern im Gespräch mit Korczaks Gedanken reflektiert: Es geht dabei nicht um Ideale, die verwirklicht, oder Vorbilder, die erreicht werden müssen, sondern um die Person der Kinder, die so anerkannt werden, dass sie sich selbst entfalten, dass sie fliegen können.
Show Summary Details
Restricted access

V. Vom Schimpfen und von der Verantwortung

Extract



1. Ein kindlicher Gebetswunsch

Meine dreieinhalbjährige Tochter pflegte im Bett oft, die zuvor gemeinsam gesungenen Abendlieder noch einmal zu singen. Eines Abends hörte ich sie wie schon vorher manchmal „Weißt du, wie viel Sternlein stehen?“ singen. In der zweiten Strophe aber hieß es: „Gott der Herr macht, dass niemand mehr schimpft.“ Ich wurde aufmerksam und nachdenklich. Das war ein Gebetswunsch aus tiefstem Herzen. Wie muss sie das Schimpfen der Mutter vor allem mit dem großen Bruder erlebt haben! Offensichtlich brach es über sie herein wie eine Naturgewalt, und sie hatte Angst davor. Was konnte sie dagegen machen? In ihrer Not rief sie eine andere Autorität an, zwar nicht ausdrücklich gegen die eigene Mutter, aber diese steht unausgesprochen hinter dem „niemand“. Das in dem Gebet enthaltene Gottesverständnis ist theologisch fragwürdig und zu kritisieren – der Gott, der alles macht und alles kann – ,wichtig aber ist, dass es ein Gegenüber gibt in der Bedrängnis und eine Autorität über die elterliche hinaus, zu der man so vertrauensvoll singen kann. Das ist auch im Sinne biblischer Theologie wahr. Daraus erwächst die hoffnungsvolle Erwartung, dass sich alles bessert: „dass niemand mehr schimpft“.

Und die Mutter, die durch das kindliche Gebetslied in die Schranken gewiesen ist? Sollen wieder die Nerven die erklärende Entschuldigung liefern? Meine kleine selbstbewusste Tochter half mir zur Klärung der Frage nach dem Schimpfen: „Ich finde es gar nicht schön, wenn du schimpfst...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.