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Die «Ilias» und Argos

Ein Beitrag zur homerischen Frage

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Oliver Wehr

Oliver Wehr stellt in seinem Buch die These auf, dass die Ilias in der Gestalt, wie wir sie kennen, für einen Vortrag im Umfeld von Argos konzipiert ist. Beweise findet er im Epos selbst. In der Ilias tritt Diomedes wie ein Doppelgänger des Achilleus auf. Kaum hat dieser sich im Zorn zurückgezogen, springt Diomedes als Ersatz ein. Die prominente Rolle, die der Held aus Argos damit übernimmt, war in der epischen Tradition nicht für ihn vorgesehen. Sie konterkariert zudem die Mēnis-Handlung, indem der Rückzug des Achilleus lange ohne Folgen bleibt. Die Aristie des Diomedes erweist sich als das Kernstück einer umfangreichen Überarbeitung der Ilias, die offenbar dem Ziel dient, den Helden der Argiver aufzuwerten.
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Einleitung

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Die Ilias wird für gewöhnlich als panhellenisches Epos charakterisiert. Tatsächlich hat es auf den ersten Blick den Anschein, als werde darin weder ein bestimmter Ort noch eine bestimmte lokale Sagentradition bevorzugt. Wer dennoch nach dem Ursprung dieser Dichtung fragt, wendet den Blick meist nach Kleinasien. Die vorliegende Arbeit unternimmt dagegen den Versuch zu zeigen, dass sich in der Ilias trotz des panhellenischen Anspruchs, den sie zweifellos erhebt, eine ausgeprägte pro-argivische Tendenz bemerkbar macht. Es wird die These aufgestellt, dass die Ilias für einen Vortrag in Olympia bestimmt war, das im fraglichen Zeitraum unter argivischer Kontrolle stand. Dort hatte es der Dichter einerseits mit einem wahrhaft panhellenischen Publikum zu tun. Andererseits musste er zugleich die örtlichen Machtverhältnisse berücksichtigen.

Den Ausgangspunkt der Überlegungen bildet der bemerkenswerte Auftritt des Diomedes in der Ilias. Er dominiert das Kampfgeschehen, solange Achilleus sich im Zorn zurückhält. Mehr noch: Diomedes wird geradezu wie ein zweiter Achilleus dargestellt. Dabei legt der Doppelgänger jedoch einen derart fulminanten Auftritt hin, dass er sogar das Vorbild in den Schatten stellt. Nach der Aristie des Diomedes in Buch 5 wird Helenos bekennen (6.96–101), dass sich die Troianer nicht einmal vor Achilleus so sehr gefürchtet hätten, wie sie sich nun vor Diomedes fürchten. Dass die Griechen ohne ihren größten Helden kämpfen, macht sich so lange nicht bemerkbar, wie Diomedes für Achilleus eintritt. Die Aristie des Diomedes unterbricht also die Entfaltung der eigentlichen...

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