Show Less
Open access

Wissen, Medium und Geschlecht

Frauenzimmer-Studien zu Lexikographie, Lehrdichtung und Zeitschrift

Series:

Nikola Roßbach

Das Buch will dem Zusammenhang von Wissen, Medium und Geschlecht genauer auf die Spur kommen. Die Autorin unternimmt eine neue Betrachtung der Wissensmedien des 18. Jahrhunderts – Lexika, Lehrbücher, Zeitschriften – unter geschlechterhistorischen Gesichtspunkten. Im Einzelnen geht es um:
• das weibliche «Versehen» im lexikographischen Diskurs (von Hübner bis Krünitz)
• textinterne Leserinnenkonzepte in der Frauenzimmer-Lexikographie (Corvinus)
• weibliche Gelehrsamkeit und Kulturtransfer (Fontenelle)
• Geschlechter-Räume in der Lehrdichtung (Zäunemann)
• mediale Präsenz und Produktion weiblicher Autorschaft im Medium der Gelehrtenzeitschrift (Zäunemann und die Hamburgischen Berichte)
• Bildungskonzepte und Mediokrität in spätaufklärerischen Frauenzeitschriften (La Roches Pomona, Frauenzimmerbibliothek).
Show Summary Details
Open access

II. Weibliche Versehen. Zur (Dis-)Kontinuität medizinischen Wissens in Lexika und Enzyklopädien

II Weibliche Versehen. Zur (Dis-)Kontinuität medizinischen Wissens in Lexika und Enzyklopädien

1. Was wäre wenn. Experiment in Literatur und Medizin

Was wäre eigentlich, wenn das wirklich stimmen würde mit dem weiblichen Versehen? Wenn also der schon in der Antike geläufige, aber im 18. Jahrhundert zunehmend umstrittene Gedanke wahr wäre, dass die Einbildung der schwangeren Frau physische Prägekraft auf den Fötus ausüben kann?

Wenn nun ihre Einbildungskraft, von einer heftigen Leidenschaft in Bewegung gesetzt, in der That das Vermögen haben sollte, der Frucht Flecke zu machen: man bedenke einmahl, was würde sodann aus der Welt werden? Die meisten Menschenkinder würden mit den Farben der Schmetterlinge, und so bunt zur Welt kommen, als die Paradiesvögel. (Krünitz 1805, Bd. 99, S. 375 f.)

Es ist ein Mediziner, der im Jahr 1773 die Paradiesvogel-Vision entwirft – und diese Vision wird noch 1805 in Johann Georg Krünitz’ monumentaler Oekonomischer Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- u. Landwirthschaft (1773–1858) unter dem Lemma ‚Mutter-Mahl‘ aufgegriffen (Krünitz, Bd. 99, S. 371–379). Derartige Konditionalstrukturen sind eigentlich typisch für literarische Entwürfe. Fiktionale Literatur ist genuin dadurch charakterisiert, dass sie Möglichkeitswelten entwirft: wahrscheinliche und unwahrscheinliche, realistische und surrealistische. Literatur stellt ein Probehandeln dar, ein experimentelles Tun, das ganz verschieden (zum Beispiel mit affirmierender, konterkarierender, progressiver, reaktionärer Stoßrichtung) auf ‚Wirklichkeit‘ refererieren kann.

Die Literatur/Wissen-Forschung betont, dass gerade jene Experimentalität etwas Literatur und Naturwissenschaft Verbindendes darstellt (Pethes 2007, 2013; Borgards 2013; Vasset 2013). Für das Wissen vom weiblichen Versehen trifft das unbedingt zu. Hier ist neben einer breiten medizinischen Fallgeschichtentradition ein historisches Experimentalhandeln signifikant, das sprachlich dokumentiert und diskutiert wird. Auch der oben zitierte ‚Visionär‘, der praktische Arzt Friedrich August Weiz (1739–1815), der 1773 in der von ihm verfassten „medicinisch-physikalischen Monathsschrift“, dem Chursächsischen Landphysikus (1772–1774), seine Beobachtungen und Überzeugungen publiziert, berichtet von Experimenten, die er persönlich zum weiblichen Versehen durchgeführt hat: Der aus Hamburg stammende, in Sachsen wirkende Mediziner hat mit schwangeren Bekannten experimen ← 15 | 16 → tiert, die er mit toten Mäusen und heißen Pfeifenköpfen erschreckt hat – der Befund war immer negativ.

Die wissenschaftliche Praxis des Experiments bedient der Allgemeinmediziner mithin ebenso wie die narrative: Den Konditionalis des ‚Was wäre wenn‘ setzt Weiz polemisch ein, um die Absurdität eines seiner Überzeugung nach überholten medizinischen Wissens vor Augen zu führen und dessen Ablösung einzufordern. Zugleich allerdings ruft diese Kritik die Präsenz des Wissens wieder mit auf den Plan: Dass der Mediziner jene Vision entwirft – wenn auch natürlich ironisch –, dokumentiert nicht nur seine Skepsis gegenüber dem fraglichen Phänomen. Es zeigt trotz alledem, dass jenes immer noch aktuell genug war, um es der Auseinandersetzung und Widerlegung für nötig zu erachten.

2. Diskurse weiblichen Versehens

Die Idee, dass affektiv besetzte äußere Eindrücke von Schwangeren die Physis des Ungeborenen bestimmen, ist schon in der Antike in Literatur und Philosophie nachweisbar (dazu Nestawal 2010, S. 52 ff.; zur Medizingeschichte der Frau und zum Versehen Fischer-Homberger 1984; Zürcher 2004; Dohm/Helduser [i. Dr.] u. a.). Im medizinischen Diskurs des 18. Jahrhunderts wurde das Versehen besonders intensiv diskutiert, zunehmend in Frage gestellt und bestritten: Das Zeitalter der Aufklärung kann als Epoche eines epistemischen Umbruchs in der weit zurückreichenden Geschichte des Wissens vom Versehen bezeichnet werden.

Dabei handelt es sich um ein alles andere als marginales Diskursphänomen der Medizingeschichte. Die Debatten über das weibliche Versehen kreisten um die Entstehung des Menschen ebenso wie um die Leib-Seele-Problematik, um Vererbung und die Macht der Einbildungskraft – Debatten, an dem medizinische Akademiker, Praktiker und Laien gleichermaßen partizipieren: „Was auf den ersten Blick wie ein Nebenthema der Debatten über Einbildungskraft erscheint, entpuppt sich bei genauerer Kenntnis der Quellenlage als eines der zentralen Probleme, das Ärzte und Philosophen im 18. Jahrhundert zu lösen suchten.“ (Dürbeck 1998, S. 156)

Die Initialzündung der Debatten gelang Jacob Blondel als erstem Kritiker des Versehens-Konzepts mit seiner 1727 anonym erschienenen Schrift The Strength of Imagination of Pregnant Women Examin’d: and the Opinion that Marks and Deformities in Children Arise from thence, Demonstrated to be a Vulgar Error. 1756 erschien in Straßburg die deutsche Übersetzung „Über die Einbildung der schwangeren Weiber in ihre Leibesfrucht oder: The strength of the imagination of pregnant women examined, and the opinion, that marks and deformities are from them, demonstrated to be a vulgar error. London 1727“, und zwar in dem Band Drey merkwürdige ← 16 | 17 → physikalische Abhandlungen. Von der Einbildungskraft der schwangeren Weiber, und derselben Wirkung auf ihre Leibesfrucht. Davon die zwey ersten aus dem Englischen, die dritte aber aus dem Französischen übersetzt worden. Der Arzt Daniel Turner nahm die Gegenposition ein. In der sich anschließenden internationalen Debatte wurden die kritischen Stimmen im Verlauf des Jahrhunderts immer lauter und zahlreicher. Dennoch war das Versehens-Konzept äußerst langlebig, und zwar nicht nur in poetischer, häufig ironisch-kritischer Form, sondern durchaus im Sinne eines für wahr gehaltenen medizinischen Wissens. Wenngleich Zürcher erklärt, „ungefähr hundert Jahre“ nach Blondel sei das Konzept des weiblichen Versehens aus wissenschaftlicher Sicht „endgültig als falsch verworfen“ (Zürcher 2004, S. 219, Fn. 16) worden, gibt es immer wieder Gegenbeispiele, Belege hartnäckig beibehaltener Vorstellungen, und zwar „bis ins 18. Jh. nicht nur in der breiten Bevölkerung, sondern auch in der medizinischen Fallbeschreibung“ – Nestawal (2010, S. 54) zeigt dies etwa an einer Fallbeschreibung aus einem medizinischen Journal von 1839.

3.Popularisierung und Präsenz von Wissen

Der von etlichen Protagonisten geführte medizinische Diskurs des 18. Jahrhunderts basiert auf unterschiedlichen Formen und Formationen: Fallgeschichten, Arztkorrespondenzen, Behandlungs- und Operationsberichten, medizinischen Dichtungen (dazu aktuell Vasset 2013). Zu jenen sprachlichen Formationen, in denen der medizinische Diskurs niedergelegt und verhandelt wird, gehört auch das enzyklopädische Schreiben des 18. Jahrhunderts (Schneider 2013).

Was geschieht mit dem medizinischen Wissen über das weibliche Versehen in allgemeinenzyklopädischen und lexikographischen Werken? Werden fachwissenschaftliche Modelle umfassend-ausführlich oder in komprimierter, womöglich vereinfachender Form wiedergegeben; werden sie objektiv oder wertend dargestellt? Spiegelt sich die Veränderung des Wissens vom Versehen auch im enzyklopädischen Schreiben, beispielsweise in einem Wandel von affirmativer zu kritischer Darstellung? Was bedeuten diese Befunde für Popularisierung und Popularität des Wissens über das Versehen?

Allgemeinenzyklopädien und -lexika – um diese geht es hier – wollen Wissen speichern, weitergeben, nicht im Gelehrtenzirkel belassen. Schneider benennt als „eigentliche Herausforderung“ des enzyklopädischen Schreibens, „Wissen aus den verschiedenen Expertensprachen herauszulösen“, die „Aufbereitung des Wissens in Form von allgemeinverständlichen Texten“ zu leisten und damit die „unspezifische und zugleich generelle Neugier“ der Leser_innen des 18. Jahrhunderts zu befriedigen: „Die Nutzer enzy ← 17 | 18 → klopädischer Werke suchen kein Wissen zur professionellen Fortbildung, sondern Definitionen, Informationen, Hintergrundwissen im Allgemeinen“ (Schneider 2013, S. 8).

Bei jener popularisierenden Wissensaufbereitung steht die kritische Reflexion des präsentierten Wissens nicht im Zentrum. Eine sehr wichtige Ausnahme stellt die französische Encyclopédie d’Alemberts und Diderots dar, die getragen ist vom skeptizistischen Willen zur Begründung neuen Wissens. Eine solche kritische Programmatik sucht man bekanntlich bei deutschsprachigen Werken wie etwa Johann Heinrich Zedlers Grossem vollständigem Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste (1731–1754) vergeblich. Wohl aber findet man im allgemeinenzyklopädischen Schreiben immer wieder wertende Randbemerkungen, subtile Distanzierungen vom dargestellten Inhalt. Selten wird Wissen ‚einfach so‘ weitergegeben.

Enzyklopädien und Lexika verstehen sich also prinzipiell nicht als Beiträge zur Generierung neuen Wissens; sie sind häufig eher konservierend, rückbezogen auf ältere Autoritäten: „Besonders in der Frühzeit der Moderne gehören zum enzyklopädischen Aufgabenfeld wesentlich die Weiterführung und Transformation antiken Wissens“ (Schneider 2013, S. 33). Allerdings, auch wenn sie nicht neues Wissen schaffen wollen, tragen jene Enzyklopädien und Lexika, wie die populärwissenschaftliche Literatur des 18. Jahrhunderts generell, durch Klarheit, Deutlichkeit und Allgemeinverständlichkeit durchaus zu Präsenz, Dominanz, Gültigkeit oder auch Nicht-Gültigkeit (Abwahl) von Wissen bei – und sind damit doch an Wissensbildungsprozessen beteiligt bzw. in sie verstrickt. Wissen und Wissenspopularisierung sind vernetzt; für die kulturspezifische Geltung von Wissen ist dessen sprachliche, publikatorische Popularisierung entscheidend. In diesem Sinne hat auch die Forschung der letzten Jahre das populäre Wissen aufgewertet: als Konstituens frühneuzeitlicher epistemischer Formationen, in denen Wissenschaft und Wissenschaftspopularisierung in komplexer Weise vernetzt und rückgekoppelt sind (Utzt 2004, S. 37; Gipper 2002, S. 126; Roßbach [4] 2009). Dabei wurden Linearität und Hierarchie von Popularisierungsprozessen – die Vorstellung, Fachleute vermittelten an Laien ein spezifisches Wissen in modifizierter, vereinfachter Form, – zunehmend hinterfragt (Dainat 2005, Ruchatz 2005). Auch wenn das „Projekt der Popularisierung von Wissen und Formen“ sich „bis ins späte 20. Jahrhundert aus asymmetrischen Konstellationen“ (Pompe 2005, S. 14) speist, sind Wissenschaft, ihre Popularisierung und die Öffentlichkeit als „Akteure einer wechselseitigen Kommunikation“ (Kretschmann 2003, S. 9) zu verstehen. ← 18 | 19 →

4.Korpus

Kurz, bündig und noch über jeden Zweifel erhaben postuliert Johann Jacob Woyt im Jahr 1701 – also ein gutes Vierteljahrhundert vor der Blondel-Turner-Debatte, der ersten großen Krise in der Wissenskontinuität zum Versehen: „Monstrum, eine Wunder- oder Miß-Geburt/ kom~t meisten her von der falschen impression oder Einbildung der Mutter/ welche dem zarten Leib gantz widrige Gestalten und Bildnissen eindrucket […].“ (Woyt 1701, S. 240 [lies: 340]) Das Ungeborene erscheint im Deutschen vollständig-medicinischen Lexicon in welchem alle anatomische, chirurgische, chymische, pharmaceutische Kunstwörter; item der Thiere, Mineralien, Metallen, Pflanzen, Säffte, Harz, welche zur Arzneykunst gebrauchet werden, Wachsthum Herkommen, Eigenschaft und Güte deutlich erkläret werden (1701) als tabula rasa, der falsche Phantasien etwas Widriges aufdrücken können. Die Normabweichung des neugeborenen Körpers führt Woyt auf die weibliche Imaginationskraft zurück, durch welche die Frau Einfluss auf den Vorgang der Fortpflanzung nehme.

Woyt hat das in seinem Kompendium gespeicherte medizinische Wissen gemäß Titel Denen Apotheckern, Wund-Aertzten, Laboranten, Materialisten, Wasser-Brennern und andern Liebhabern dieser Kunst zu sonderlichen Nutzen zusammen getragen. Die Auflistung zeigt, wie eng Wissenschaft und Liebhaberei, Experten- und Laientum beim Zielpublikum sogar eines Fachlexikons zusammengingen. In einem anderen zeitgenössischen medizinischen Fachlexikon wird das weibliche Versehen übrigens ausgespart: Christoph von Hellwigs Vollkommenes Teutsch- und lateinisches physicalisch- und medicinisches Lexicon (1713) legt seinen Schwerpunkt auf Pflanzen- und Arzneimittelkunde.

Im Folgenden geht es nun nicht um fachspezifische Wissenskompendien wie das zitierte von Woyt, sondern um Allgemeinenzyklopädien und -lexika. Um zu erforschen, wie sich das Konzept des weiblichen Versehens im lexikographischen und enzyklopädischen Diskurs des 18. Jahrhunderts ausprägte, werden einige der wirkungsgeschichtlich wichtigsten und einschlägigsten Enzyklopädien und Lexika des 18. Jahrhunderts, einige bis ins 19. Jahrhundert erscheinend, zugrunde gelegt. Besonders relevant – auch hinsichtlich der thematischen Ergiebigkeit – sind dabei Werke mit natur-, sozialkundlicher und ökonomischer Orientierung. Dabei können sich hinter ähnlichen Titeln sehr verschiedene Formate verbergen; nicht alle wissensliterarischen Kompendien, die in der Überschrift entsprechende Schwerpunkte ankündigen, verhandeln das Phänomen der weiblichen Einbildungskraft und ihren Einfluss auf Zeugung und Fortpflanzung; manche konzentrieren sich ganz auf haus- und landwirtschaftliche oder technisch-handwerkliche Gebiete. So hat zum Beispiel Adrian Beiers Allgemeines Handlungs- Kunst- ← 19 | 20 → Berg- und Handwercks-Lexicon (1722) zwar einen ähnlich lautenden Titel wie das zehn Jahre zuvor erschienene Hübner’sche Curieuse Natur-Kunst-Gewerk und Handlungs-Lexicon; Beier blendet jedoch naturphilosophische und medizinisch-physiologische Phänomene aus und fokussiert Industrie und Handwerk.

Ein weiteres Augenmerk ist zu richten auf allgemeine Wissenskompendien mit geschlechterspezifischer Adressatenorientierung: Wie verhandeln die so genannten Frauenzimmerlexika gerade jene deutlich gegenderte Thematik? Was sollen Frauen über weibliches Versehen wissen – nach Ansicht männlicher Lexikographen?

Folgende Lexika und Enzyklopädien werden analyisert, hier chronologisch nach Ersterscheinungsjahr des ersten Bandes aufgelistet:

Johann Hübner: Curieuses Natur-Kunst-Gewerk und Handlungs-Lexicon. Leipzig 1712. Neuauflagen: 1714, 1717, 1722, 1727, 1731, 1736, 1739, 1741, 1746, 1755, 1762, 1776, 1792.

Gottlieb Siegmund Corvinus: Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-Lexicon. Leipzig 1715. Neuauflagen: 1739, 1773.

Georg Heinrich Zincke: Allgemeines Oeconomisches Lexicon. Leipzig 1731. Neuauflagen (z. T. stark vermehrt): 1744, 1753, 1764, 1780, 1800.

Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste. Halle [u. a.] 1731–1754.

Johann Georg Krünitz: Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- u. Landwirthschaft. Berlin 1773–1858.

Johann Gottlieb Seidenburg: Berlinisches Oekonomisch Technologisch-Naturhistorisches Frauenzimmer-Lexicon. Berlin 1800–1803.

Die Namen Hübner, Zedler und Krünitz werden im Folgenden als Label für die anonym bleibenden Beiträger der jeweiligen Lexika und Enzyklopädien verwendet. Zincke, Corvinus und Seidenburg gelten tatsächlich als alleinige Verfasser der unter ihrem Namen erschienenen Werke – wobei die Textproduktion kompilatorische und adaptive Verfahren des Lexikographen bzw. Enzyklopädisten selbstredend einschließt. ← 20 | 21 →

Abb. 1:Hübner 1712, Titelseite. © Bayerische Staatsbibliothek, Sign. 972058 Eph.pol. 40.

← 21 | 22 →

4.1Aufschreiben, Umschreiben. Der Versehens-Diskurs bei Johann Hübner: Curieuses Natur-Kunst-Gewerk und Handlungs-Lexicon (1712)

Das erste und wichtigste in der Reihe der themenrelevanten Lexika ist zweifellos der ‚zweite Hübner‘. Das Curieuse Natur-Kunst-Gewerk und Handlungs-Lexicon gehört ebenso wie der ‚erste Hübner‘, das Reale Staats- und Zeitungs-Lexicon (1704), zu den verbreitetsten Lexika des achtzehnten Jahrhunderts. Der Lehrer Johann Hübner (1668–1731) schrieb zu beiden das Vorwort, weshalb sie sozusagen nach ihm benannt wurden. Zusammengestellt wurden sie indessen von anderen Gelehrten: die erste Auflage des Realen Staats- und Zeitungs-Lexicons von Balthasar Sinold von Schütz (1657–1742), das Curieuse Natur-Kunst-Gewerk und Handlungs-Lexicon vermutlich von Paul Jacob Marperger (1656–1730). Beide Lexika sind als ergänzende, informierende Begleitlektüre zu den neu entstehenden Massenprintmedien gedacht:

Mit dem Aufkommen von Zeitschriften und Zeitungen hat sich ein Lesermarkt für gedruckte Informationen auch außerhalb der wissenschaftlichen Zirkel etabliert; es entsteht ein Bedarf für die Übersetzung fachlicher Erkenntnisse und allgemeinverständliche Kenntnisse. Das enzyklopädische Schreiben wird ein Umschreiben von Primärtexten für die Verwendung in alphabetischen Nachschlagewerken. (Schneider 2013, S. 19)

Nur der zweite Hübner ist für den Themenkomplex des weiblichen Versehens relevant. Im Zeitungs-Lexicon sucht man nämlich vergeblich nach entsprechenden Diskursivierungen, etwa nach Lemmata zu Missgeburten und Monstren, Mutter- und Feuermalen, Mondkälbern und Zwergen. Der zweite Hübner seinerseits, ebenfalls ein Zeitungslexikon, will, wie es schon im barock-ausführlichen Titel heißt, gerade das erklären, was in jenem bißhero vielmahls gesuchet worden. Man findet termini technici aus Philosophie, Physic, Medicin, Botanic, Chymie, Anatomie, Chirurgie und Apotecker-Kunst und etlichen anderen Gebieten – und eben auch einen Diskurs über das weibliche Versehen.

Der Erstdruck des einbändigen Curieusen Natur-Kunst-Gewerk und Handlungs-Lexicons von 1712 thematisiert das weibliche Versehen zunächst, ohne dass ein eigenes Lemma so überschrieben wäre. Man findet das Phänomen nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, im Artikel ‚Mißgeburt‘, der bemerkenswerterweise die Ursachengeschichte zugunsten der Phänomenologie diverser menschlicher Missgeburten ignoriert (Hübner 1712, Sp. 827 f.). Ergiebiger sind Artikel zu Krankheiten (‚Gonorrea‘, ‚Tripper‘) sowie vor allem die Ausführungen zu Muttermalen:

Mutter-Mähler, sind diejenigen Zeichen, welche einem annoch im Mutterleibe verborgenen Kinde durch ihrer Mutter Einbildung, Furcht und Schrecken, auch ← 22 | 23 → so gar die Gestalt und Abbildung desjenigen Dinges, worüber die Mutter erschrocken, oder dessen, was sie sich eingebildet, mit lebendigen Farben an dem Leibe ausgedrucket und abgebildet werden. (Hübner 1712, Sp. 858)

Der medizinische state of the art des Wissens zu Einbildungskraft und körperlicher Prägung des Ungeborenen um 1700 wird aufgeschrieben; er wird anscheinend bruchlos eingespeist in die Lexikographie. Hübners Darstellung ist knapp, kommt ohne die später im enzyklopädisch-lexikographischen Diskurs durchaus gängigen Fallgeschichten aus, aber auch ohne therapeutische Zusatzinformationen etwa zu Vorsorgemaßnahmen und Gegenmitteln. Es findet keine wertende Neusemantisierung des dargestellten Wissens statt, beispielsweise im Sinne von Sexualisierung, Pathologisierung oder Verschuldung: In späteren wissensliterarischen Diskursivierungen des Versehens wird dies, wie noch zu sehen ist, der Fall sein. Hier jedoch, im Erstdruck des Curieusen Natur-Kunst-Gewerk und Handlungs-Lexicons, kommen pejorative Komponenten des Versehen-Komplexes noch nicht vor. Die werdende Mutter erscheint bei Hübner schlicht als Verursacherin der körperlichen Zeichnung durch ihr Affiziertwerden von äußeren Eindrücken.

In den zahlreichen Neuauflagen des zweiten Hübner (1714, 1717, 1722, 1727, 1731, 1736, 1755, 1762, 1776, 1792) finden immer wieder Überarbeitungen und Anpassungen des dargestellten Wissens an den neusten Kenntnisstand statt. Das bezeugt ein Blick in die 1792 erschienene Ausgabe: „[Mutter] – – maal, Naevus maternas, nennt man kleine Geschwülste oder Zeichen, die auf der Haut fest sitzen, und die ein Kind mit auf die Welt bringt. Viele schreiben die Entstehung derselben der Einbildungskraft der Mutter während der Schwangerschaft zu, woran andere zweifeln.“ (Hübner 1792, Sp. 1547) Es zeigt sich: Der Zweifel ist im lexikographischen Diskurs angekommen, zumindest in Form einer Erwähnung der Kontroverse. Die ‚Anderen‘, die Zweifler, sind die ‚Neuern‘, wie dann der (im Vergleich mit 1712 neu hinzugekommene) Artikel ‚Feuermaale‘ im gleichen Band spezifiziert. Sicherlich sind mit jenen Neueren Jacob Blondel und die sich ihm anschließenden, immer zahlreicheren Skeptiker gemeint: „Die Neuern ziehen diese vorgegebene Wirkung der Einbildungskraft meistens in Zweifel.“ (Hübner 1792, Sp. 829) Hübner mag sich allerdings nicht ganz auf die Seite jener Neueren schlagen, sondern lässt sich ein Hintertürchen offen. Er hält es mit den Kompromisslern, die zumindest von einer zeitlich begrenzten Wirkung der mütterlichen Imaginationskraft ausgehen. Zur Mißgeburt heißt es nämlich entsprechend: „Ueber die Art ihrer Entstehung wird noch gestritten. Sollte die Einbildungskraft dabey würken, so fände dieß doch nicht länger als bis zum Ende des dritten Monats statt.“ (Hübner 1792, Sp. 1497)

Ausdiskutiert wird die Unentschiedenheit zwischen den beiden Parteien, Befürwortern und Gegnern der Versehens-These, nicht. Dass man im Übrigen für eine solche Debatte sehr wohl ein lexikographisches bzw. enzyklopädi ← 23 | 24 → sches Werk als Plattform nutzen könnte, belegt ausgiebig Krünitz’ Oekonomische Encyklopädie (242 Bde. 1773–1858), auf die noch zurückzukommen ist. Bemerkenswert erscheint an jener zitierten letzten Hübner-Ausgabe des achtzehnten Jahrhunderts, dass in thematisch potenziell relevanten Artikeln wie ‚Hasen-Scharte‘ oder ‚Zwerge‘, die im Erstdruck von 1712 noch nicht vorkommen, das weibliche Versehen gar nicht mehr als mögliche Ursache erwähnt wird (Hübner 1792, Sp. 1073, 2490).

Es findet also im Laufe des Jahrhunderts im und durch den enzyklopädisch-lexikographischen Diskurs des Natur-Kunst-Gewerk und Handlungs-Lexicons ein Über-, ein Um- und Andersschreiben des medizinischen Wissens über das weibliche Versehen statt. Allmählich, schleichend und unauffällig, nicht energisch, nicht generell, findet eine Distanzierung statt: Einerseits durch sprachliche Abgrenzung davon bzw. sprachliche Präsenz alternativer, neuerer, skeptischer Ansichten. Andererseits durch Absenz, durch Verschwinden des Konzepts aus der Darstellung potenziell damit erklärbarer Phänomene. Das Umschreiben verläuft nicht programmatisch, sondern erratisch, an einigen Stellen des Makrotextes Lexikons.

Es lohnt ein Seitenblick auf den allgemeinen philosophisch-ästhetischen Diskurs über die Einbildungskraft, wie er im Hübner wiedergegeben wird, und zwar ein synoptischer Seitenblick auf die beiden Auflagen 1712 und 1792:

Phantasia, phantasma, die Einbildung, Einbildungs-Krafft, ist eines von den 3. innerlichen Sinnen, da man sich dem Gemüthe etwas dergestalt einpräget, daß es solches zu seiner Zeit mit einer sonderbahren Ausdrückung wieder hervor bringet, oder da das Gemüth aus der Connexion der zuvor gefaßten Ideen wieder neue erdichtet.

(Hübner 1712, Sp. 964)
Phantasia, phantasma, Einbildung, ist eine Wirkung der Imagination oder Einbildungskraft; bisweilen wird es auch für die Imagination selbst genommen, welche nach der Lehre der Scholastiker einen von den 3 innerlichen Sinnen ausmacht. Sie besteht in einer Kraft der Seele, die Ideen der äußerlichen in die Sinne fallenden Sachen anzunehmen, und entweder zusammenzusetzen, oder von einander abzusondern. s. philos. Lex. Art Einbildung.
(Hübner 1792, Sp. 1736)

Nicht nur erscheint in der späteren Phantasia-Definition der wissenschaftliche Gestus forcierter, markiert durch Autoritäten- und Literaturverweise. Auch die inhaltliche Aussage ist modifiziert. Die Vorstellung, dass Phantasie etwas hervorbringt, also jene Idee des aktiv Schaffenden und Realisierenden der Einbildungskraft, greift die spätere Hübner-Auflage nicht mehr auf. Der Phantasie wird am Jahrhundertende ganz offensichtlich weniger Macht über die Realität zugestanden. ← 24 | 25 →

Abb. 2:Corvinus 1715, Titelseite. © Bayerische Staatsbibliothek, Sign. 2143672 Enc. 81. © BSB Signatur: 2143672 Enc. 81

← 25 | 26 →

4.2Lemmatisierung. Der Versehens-Diskurs bei Gottlieb Siegmund Corvinus: Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-Lexicon (1715, 1739, 1773)

In der Aufklärung bildet sich ein allgemeinenzyklopädisches bzw. -lexikographisches Genre heraus, welches eine geschlechterspezifische Adressatenorientierung besitzt: Speziell für Frauen verfasste Wissenskompendien, die so genannten Frauenzimmerlexika, erscheinen auf dem Buchmarkt. Gerade aufgrund des gegenderten Themas ‚weibliches Versehen‘ kann es interessant sein zu erfragen, welcher Versehens-Diskurs speziell einem weiblichen Publikum vermittelt wird – vom männlichen Lexikographen. Wird in den Frauenzimmerlexika in einer bestimmten, abweichenden Weise über das weibliche Versehen informiert; wird das Phänomen wissenschaftlich erklärt oder verschwiegen, geleugnet oder bestätigt; wird beraten, empfohlen, moralisiert; werden Therapiemöglichkeiten und Gegenmittel angezeigt?

Das Korpus der im 18. Jahrhundert erschienenen Frauenzimmerlexika ist überschaubar. Es reduziert sich im Grunde genommen auf ein einziges, in dreifacher Auflage erschienenes Werk: das Nutzbare, galante und curiöse Frauenzimmer-Lexicon (1715, 1739, 1773), verfasst von einem Leipziger Gelehrten und galanten Gelegenheitsdichter aus dem Gottsched-Zirkel, Gottlieb Siegmund Corvinus (1677–1747), genannt Amaranthes ( III.3). Corvinus’ Frauenzimmer-Lexicon will den „Inbegriff alles desjenigen, was zum weibl. Geschlechte gehöret“ (Corvinus 1715, Vorrede, unpag. [S. 6]), versammeln – sichtbar wird dabei zugleich, was nicht zum weiblichen Geschelcht gehört bzw. gehören soll. So fehlen Artikel zu naturwissenschaftlich-mathematischem und staatspolitisch-historischem Wissen, ebenso zur Sexualität. Dass es sich dabei um eine bewusste Entscheidung handelt, erweist ein Vergleich mit den beiden Hübner-Lexika. Sie stammen ebenfalls aus dem Hause Gleditsch und Corvinus hat sie nachweislich zumindest partiell zu Rate gezogen und dabei geschlechtsspezifisch gefiltert (Roßbach [3] 2009).

Anders als sein wichtiges Vorbild Hübner widmet das Frauenzimmer-Lexicon dem Begriff ‚Versehen‘ einen eigenständigen Artikel, und zwar bereits in der ersten Auflage von 1715. Es dürfte eines der ersten, wenn nicht sogar das erste Lexikon des 18. Jahrhunderts mit diesem Lemma sein. Jenes „sich Versehen an etwas“, so erläutert es der Artikel,

Heisset bey denen schwangern Weibern, wann sie sich bey Anschauung ein und anderen Dinges einen solchen starcken Concept und Einbildung machen, daß hernach solche Phantasie durch ihre Krafft und Impression bey Bildung und Formirung der Geburth, von solchen vor Augen habenden Object der sich formirenden Frucht etwas mit anklebet und zueignet; z. Ex. Hasen-Scharten, Feuer-Mähler, u. d. g. (Corvinus 1715, Sp. 2071).

Das weibliche Versehen erscheint als unbezweifeltes Faktum, im Indikativ Präsens statuiert. Analog ist im Artikel ‚Muttermähler, oder, Geburthsmähler‘ zu ← 26 | 27 → lesen, diese würden „einem annoch im Mutterleibe verborgenen Kinde durch der Mutter Einbildung, Phantasie, Furcht und Schrecken, auch so gar die Gestalt und Abbildung desjenigen Dinges, worüber die Mutter erschrocken, oder dessen, was sie sich eingebildet mit lebendigen Farben an dem Leibe ausgedrucket und abgebildet“ (Corvinus 1715, Sp. 1307 f.). Es erstaunt eigentlich nicht, bei Corvinus 1715 – immerhin zwölf Jahre vor Blondels Streitschaft Strengths of Imagination of Pregnant Women, welche die Debatte erst entfachte, – eine noch unkritisch-affirmative Wieder-Holung des Versehens-Diskurses zu finden. Wohl aber lässt aufmerken, dass auch die stark umgearbeitete und überarbeitete Auflage seines Frauenzimmer-Lexicons von 1773 (Sp. 3711) eben jenen Artikel zum „sich Versehen an etwas“ mit geringfügigen sprachlichen Abweichungen, aber der gleichen Aussage noch einmal aufnimmt.

Die 1773er-Auflage wurde nach Corvinus’ Tod durch ein Herausgeberkollektiv publiziert. Es sind andere Stellen in dieser letzten Version des Frauenzimmer-Lexicons, die von einer gewissen, wenn auch keinesfalls revolutionären Bewegung des Versehens-Diskurses zeugen: Zum einen werden andere Wissensmedien herangezogen – so Zinckes Allgemeines Oeconomisches Lexicon, auf das der Artikel ‚Mißgeburt oder Wundergeburt‘ ausdrücklich referiert: „Es rührt, wie viele glauben, meistentheils von einer falschen Einbildungskraft der Mutter her, die dem zarten Leibe dadurch ganz widrige Gestalten eindrückt, s. Zinkens. ökonomisches Lex.“ (Corvinus 1773, Sp. 2178) Zum anderen findet jetzt die medizinische Debatte einen (allerdings nicht mehr als) flüchtigen Widerhall, und zwar im Artikel zu Muttermalen. In der Erstauflage bestätigte dieser wie zitiert das Versehens-Konzept noch unkritisch. 1773 nun wird der wissenschaftlichen Auseinandersetzung ein gewisser Tribut gezollt, ohne das Phänomen des weiblichen Versehens indessen abzustreiten: „Manche wollen zwar läugnen, daß dergleichen Mäler von der Phantasie der Mutter herrührten; aber sie nehmen uns bloß diese Meynung, und geben uns nichts dagegen zum Grund ihrer Entstehung an.“ (Corvinus 1773, Sp. 2246)

Während hier noch ein beinahe trotziger Widerstand gegen die Versehens-Skeptiker spürbar ist, zeigt das Frauenzimmer-Lexicon an wiederum anderer Stelle eine zunehmende Offenheit kritischen Positionen gegenüber. Und zwar in den Ausführungen zu kleinwüchsigen Menschen, die 1715 lauteten: „Zwerge, Pygmæi, […] ihre allzu kleine Statur rühret vielleicht von einem Mißwachs, oder durch einige Schäden, wodurch ihr Wachsthum verhindert worden, oder auch durch eine wunderliche Einbildung und Phantasie ihrer schwangern Mutter her“ (Corvinus 1715, Sp. 2171; vgl. ebenso, mit leichter redaktioneller Überarbeitung 1739, Sp. 1762 f.). In der Ausgabe von 1773 heißt es etwas vorsichtiger und differenzierter: „Ihre allzukleine Statur rührt aber vermuthlich großen Theils von einem erlittenen Schaden her, wodurch ihr Wachsthum verhindert worden, und den sie entweder in der ersten Kindheit, oder schon im Mutterleibe durch wunderliche Phantasien ihrer schwangern Mutter erlitten haben.“ (Corvinus 1773, Sp. 3983) ← 27 | 28 →

Generell zeitigt eine Durchsicht der themenrelevanten Lemmata zum weiblichen Versehen im Frauenzimmer-Lexicon, analysiert vor der Folie nicht geschlechterspezifischer Enzyklopädien und Lexika, wenig aufregende Ergebnisse. Weder ist im Vergleich eine entschiedenere Auslassung des Themas noch etwa eine deutlichere Moralisierung zu konstatieren, weder eine besondere Ausführlichkeit oder Verknappung bei der Wiedergabe der medizinischen Debatte.

Ein exkursartiger Ausblick auf die Entwicklung des Genres Frauenzimmerlexikon sei erlaubt: Corvinus’ Frauenzimmer-Lexikon bleibt im achtzehnten Jahrhundert absolut konkurrenzlos. Erst viel später folgten weitere an Frauen adressierte Lexika. An der Schwelle zum 19. Jahrhundert erscheint ein Kompendium mit dem vielversprechenden Titel Berlinisches Oekonomisch-Technologisch-Naturhistorisches Frauenzimmer-Lexicon (1800–1803) von Johann Gottlieb Seidenburg (1746–?), welches sich jedoch als reines Haushaltsbuch entpuppt. Statt Hasenscharten findet man Hasenbraten; nicht zum Muttermal, sondern zu Mutterhering, Mutternelken und Mutterzimmt existieren Lemmata. Anstelle von Zwergen werden Zwergzuckererbsen erläutert.

Ganz allgemein handelt es sich bei den frauenspezifischen Lexika des 19. Jahrhunderts entweder um Haushaltsratgeber im Sinne des Seidenburg’schen Kompendiums – oder um für ‚schöne Seelen‘ geschriebene Erziehungsbücher à la Johann Gottfried Herder: Dieser imaginierte eine „Enzyklopädie der Frauenzimmerwissenschaften“, die „von der ganzen Gelehrsamkeit, Weltweisheit und schönen Litteratur, von der Geschichte und den schönen Wissenschaften ihnen [d. i. den Frauen] nur so viel vorhält, als nötig ist, sie zur Schönheit des Geistes zu bilden“ (Herder 1985, S. 401 f.). Das beste Beispiel für eine Realisierung der Herder’schen Idee ist wohl Carl Herloßsohns Damen-Conversations-Lexikon (1834–1838), welches in erster Linie als Verhaltensratgeber für tugendhafte Frauen fungieren will ( III.4.3). Nach Themen wie Missgeburt oder Versehen sucht man hier vergeblich.

Hingegen verdient das Neueste Damen-Conversations-Lexikon (1856), versehen mit dem Untertitel Ein Inbegriff des Gesammtwissens für die Frauenwelt, wieder etwas mehr seinen Namen, da es vielfältige Wissensbereiche abdeckt. Allerdings sind biologisch-physiologische-medizinische Aspekte auch hier ausgespart – ebenso wie in zwei weiteren Frauenzimmerlexika, dem Goldenen Buch für praktische Hausfrauen, Töchter, Verlobte u.s.w. Grosses illustriertes Frauen-Lexikon sowie dem Illustrierten Konversations-Lexikon der Frau, beide 1900 erschienen. Immerhin: Während im Goldenen Buch für praktische Hausfrauen Abtreiben nur etwas mit Kuchenbacken zu tun hat, findet man im Illustrierten Konversations-Lexikon der Frau in sachlich-informativer Form einen langen Artikel dazu mit strafrechtlichen Informationen und Literaturhinweisen. Das weibliche Versehen gehört zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr zum allgemein akzeptierten medizinisch-biologischen Wissensstand, abgesehen von einzelnen markanten Ausnahmen wie dem Arzt John William Ballantyne (dazu Salim Al-Gailani [i.Dr.]) hat es keine Fürsprecher mehr. Es kommt daher in den genannten lexikographischen und enzyklopädischen Werken für Frauen nicht vor. ← 28 | 29 →

Abb. 3:Zincke 1731, Bd. 1, Titelseite. © Kochbuchsammler’s bucket, photobucket.com.

← 29 | 30 →

4.3Bestätigen, Behandeln, Begründen, Benutzen. Der Versehens-Diskurs bei Georg Heinrich Zincke: Allgemeines Oeconomisches Lexicon (2 Bde. 1731)

Hübners Curieuses Natur-Kunst-Gewerk und Handlungs-Lexicon führt ab 1731 der Kameralwissenschaftler Georg Heinrich Zincke (1692–1769) weiter. Er betreut und besorgt seit diesem Zeitpunkt die Neuauflagen. Zincke bringt außerdem im gleichen Jahr selbst ein Allgemeines Oeconomisches Lexikon auf den Markt. Analogien zwischen beiden Werken sind daher durchaus erwartbar – und auch tatsächlich vorhanden. Vor allem der Einfluss des Zincke’schen Lexikons auf die späteren Hübner-Auflagen ist eindeutig nachweisbar. Dennoch unterscheiden beide sich, wie zu sehen sein wird, ganz erheblich hinsichtlich der Idee vom weiblichen Versehen.

Zinckes zweibändiges Allgemeines Oeconomisches Lexikon, welches laut barockem Langtitel Begriffe aus Landwirthschafft und Haushaltung, aber auch aus der Natur (Kräuter, Pflantzen und Bäume, Thiere, Metalle, Steine) erläutert und einen Land- und Haus-Wirthschafts-Calender als Zugabe bietet, ist nicht ganz so kanonisch geworden wie die Hübners, jedoch ebenfalls ein erfolgreiches Produkt aus dem Leipziger Verlagshaus Gleditsch. Fünf Neuauflagen von 1744, 1753, 1764, 1780 und 1800 sind nachweisbar.

In der Zweitauflage von 1744 erscheint erstmals der Begriff ‚Versehen‘ als eigenständiges Lemma. Damit nimmt Zinckes Werk als zweites der hier betrachteten enzyklopädischen und lexikographischen Werke nach Corvinus’ Frauenzimmer-Lexicon das Versehen als Lemma auf (Zedlers Universal-Lexicon wird zwei Jahre später, im Band von 1746, das dritte sein). Der vollständige Zincke-Artikel von 1744 lautet:

Versehen, braucht man von schwangeren Weibern, die sich durch plötzliches oder starckes Anschauen einer Sache eine starcke Einbildung machen, welche in dem Triebe des Wachsthums zur Frucht und ihrer Bildung hintreibet, und sonderlich bey der Schwängerung oder doch im Anfange der Formirung und Bildung einer Frucht, derselben etwas unähnliches mit der Mutter, und hingegen etwas ähnliches mit dem imprimirten Dinge anhänget. Daher entstehen Hasen-Scharten, Feuer-Mähler und andere Dinge, wovon schon hin und wieder gehandelt worden und die Mittel dagegen angezeiget sind. […] Art. Misgeburt, Mutter-Mahle. (Zincke 1744, Bd. 2, Sp. 2996)

Zincke statuiert das weibliche Versehen als Tatsache, ohne Bekundung etwaiger Zweifel. Wie schon Hübner verzichtet er dabei auf fallgeschichtliche Belege, wie sie den Versehens-Diskurs seit der Antike stark prägen. Das Genre Lexikon setzt auch Zincke primär als Medium ein, welches reduktionistisch-zusammenfassend Information speichert und vermittelt. Allerdings mit einer zusätzlichen Semantisierung des Themenkomplexes: ← 30 | 31 → In einem weiteren Zincke-Artikel wird das Versehen erwähnt und zugleich das entsprechende Wissen in seiner Gültigkeit bestätigt, und zwar nicht bei der ‚Hasen-Scharte‘ (Zincke 1744, Bd. 2, Sp. 1076; das Lemma ist in der Erstausgabe 1731 noch nicht vorhanden), wohl aber beim ‚Feuer-Mahl‘ (Zincke 1731, Bd. 1, Sp. 655). Dort ist die Mahnung zu lesen, das Berühren des eigenen Körpers durch die Mutter, das in Kombination mit dem Affekt des Erschreckens zur körperlichen Zeichnung des Ungeborenen führen soll, zu vermeiden. Zincke informiert also nicht nur, sondern appelliert auch: Die Schwangere habe „in dergleichen Falle sich jedesmahl wohl in acht zu nehmen“. Interessanterweise hält Zincke Feuermale noch für heilbar und nennt als probates Gegenmittel in braunem Bier eingekochte „Wurtzel von Pfersig-Bäumen“ (Zincke 1731, Bd. 1, Sp. 655). Das lexikographisch-enzyklopädische Schreiben wechselt hier vom deskriptiven zum therapeutisch-behandelnden Gestus: eine Strategie, die Schneider ausgiebig an Zedlers Universal-Lexicon nachweist, welches er als „insgesamt aus einem Geist der Therapie und der schonenden Vermittlung des Wissens geschrieben“ (Schneider 2013, S. 183) charakterisiert. Hübners Curieuses Natur-Kunst-Gewerk und Handlungs-Lexicon in der Fassung von 1792 wird hingegen am Jahrhundertende die Unheilbarkeit von Feuermalen befinden und dabei auf jedwede therapeutische Indikation verzichten: „Solche Maale, wofern sie nicht in den ersten Tagen nach der Geburt vertrieben werden, sind unheilbar.“ (Hübner 1792, Sp. 829)

Zinckes Allgemeines Oeconomisches Lexikon enthält einen Artikel zur Missgeburt, der recht umfangreich auf das weibliche Versehen eingeht. Dessen Ursachen, so heißt es im Erstdruck von 1731 unter ‚Mißgeburt‘, seien entweder innerliche – „da etwa die Materie nicht in gehöriger Masse vorhanden gewesen“ – oder äußerliche, „zu der insonderheit die Einbildungs-Krafft und ihr Vermögen gerechnet“ würde (Zincke 1731, Bd. 2, Sp. 1617). Bemerkenswerterweise erläutert er diesen als ‚ausgemacht‘ bezeichneten Zusammenhang erst in der Zweitauflage von 1744 ausführlicher und erklärt nun: „Sonderlich aber sind die hefftige Gierigkeit nach einem Objecte, solches zu geniessen, oder mit sich zu vereinigen, und der Schrecken vor äusserlichen Objecten in dem empfangenden und schwangern Weiblein am allergeschicktesten dazu, Monstra oder Misgeburten zu verursachen.“ (Zincke 1744, Bd. 2, Sp. 1898 f.) Mit der ‚hefftigen Gierigkeit‘ der Frau deutet sich hier erstmals im lexikographisch-enzyklopädischen Versehens-Diskurs der Aspekt der Verschuldung an. Die werdende Mutter verursacht nicht nur durch Affizierung – Begehren und Schrecken – die Missbildung des Ungeborenen, sondern sie verschuldet sie auch: durch maßlose Begierde nach Vereinigung, die eindeutig sexuell konnotiert ist. Auch hier schließen sich therapeutische Überlegungen an, die diesmal nicht behandelnd, sondern ← 31 | 32 → vorbeugend einzusetzen sind: Zu große Affekte und Einbildungen während der Schwangerschaft sollen vermieden werden.

Und noch ein weiterer Aspekt taucht mit Zincke erstmals im lexikographischen Versehens-Diskurs auf, und zwar der Aspekt des biopolitischen Experiments. Dass man die weibliche Imaginationskraft planvoll benutzen könnte, ist eine Idee, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts vor allem im Zusammenhang eugenisch-rassischer Tendenzen an Interesse gewinnt (Dohm/Helduser [i. Dr.]). Zincke seinerseits denkt noch nicht an Menschenzüchtung durch Manipulation weiblicher Phantasie. Seine Ideen im erweiterten Artikel ‚Mißgeburt‘ von 1744 beziehen sich vor allem auf die Viehzucht: „Ja weil hier zugleich der Grund der Aehnlichkeit in Farbe, Gestalt ec. bey denen Thieren gezeiget worden, so kan man daraus bey der Vieh-Zucht die herrlichsten Vortheile, allerhand schöne Arten, z.E. in Stutereyen, im Hüner-Vieh, in Schaafen, im Rind-Vieh zu bekommen, lernen und anbringen“ (Zincke 1744, Bd. 2, Sp. 1899).

In den späteren Ausgaben von Zinckes Allgemeinem Oeconomischem Lexicon aus den Jahren 1753 und 1764 bleiben die für den Themenkomplex des weiblichen Versehens einschlägigen Artikel unverändert im Vergleich zu 1744. Auf diese Weise wird das Wissen über den Zusammenhang von Missgeburt und weiblichem Versehen präsent gehalten, bestätigt, gleichsam eingefroren – und entspricht immer weniger der je aktuellen medizinischen Diskussion. Tatsächlich erscheint Hübners ursprünglich älteres, aber stets überarbeitetes und aktualisiertes Curieuses Natur-Kunst-Gewerk und Handlungs-Lexicon in der zweiten Jahrhunderthälfte zeitgemäßer, was das vermittelte Wissen und seine zunehmende Infragestellung betrifft.

Bei Zincke hingegen findet keine auch nur sporadisch kritische Distanzierung von der tradierten Überzeugung des Einflusses mütterlicher Imaginationskraft auf die Physis des Ungeborenen statt. Im Gegenteil. Der lexikographische Diskurs vom Versehen gewinnt hier an Komplexität, wird um zusätzliche Aspekte bereichert, die zeitgenössische Medizin und Philosophie diskutieren: und zwar die moralisierende Ursachenforschung zum Versehen (die Schuldfrage), die praktisch-medizinische Behandlung und die biopolitische Nutzung. ← 32 | 33 →

Abb. 4:Zedler 1732, Bd. 1, Titelseite. © Münchener Digitalisierungszentrum.

← 33 | 34 →

4.4Medizinische Neugier und Prävention. Der Versehens-Diskurs bei Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste (68 Bde. 1731–1754)

1731 erschien Zinckes Allgemeines Oeconomisches Lexicon zum ersten Mal. Nur ein Jahr später kam der erste Band des voluminösesten enzyklopädischen Werks des achtzehnten Jahrhunderts auf den Markt: In relativ kurzer Zeit, von 1731 bis 1754, erschien Zedlers Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste in 64 plus 4 Bänden, rund 284 000 Artikel und über 276 000 Verweisungen enthaltend (Schneider 2013, S. 75). Unübersehbar sind gerade hinsichtlich des Themenkomplexes Versehen die lexikographischen Filiationen von Zinckes Ökonomielexikon und der berühmtesten deutschsprachigen Enzyklopädie überhaupt. So übernimmt Zedler zwar nicht Zinckes Artikel, wohl aber sinngemäß und ähnlich lautend den letzten Satz – und nun, im Zedler, stimmt auch der finale Lemmata-Querverweis, der bei Zincke noch ins Leere lief:

Versehen, (sich an etwas) heisset bey den schwangern Weibern, wenn sie sich bey Anschauung eines und des andern Dinges einen solchen starcken Begriff und Einbildung machen, daß hernach solche Phantasie durch ihre Krafft und Eindrückung bey Bildung und Formirung der Geburt, von solchem vor Augen habenden Gegenstande, der sich bildenden Frucht etwas mit anklebet und zueignet; z. E. Haasenscharten, Feuermähler u. d. g. wovon schon hin und wieder gehandelt, und die Mittel dargegen angezeiget werden. Siehe übrigens Mißgeburt, im XXI Bande, p. 486 u. ff. und Mutter-Mahl, im XXII Bande, p 1648. (Zedler 1746, Bd. 47, Sp. 1785)

Den vollständigen Zincke-Artikel zum Versehen mit lediglich geringen Formulierungsänderungen und Kürzungen am Ende übernimmt dagegen übrigens Johann Theodor Jablonski noch in der 1767er-Auflage seines 1721 erstmalig erschienenen Allgemeinen Lexicons der Künste und Wissenschaften (Jablonski 1767, Bd. 2, S. 1646). Die intertextuellen Bezüge der enzyklopädischen und lexikographischen Werke des 18. Jahrhunderts auch nur exemplarisch aufzuzeigen und so das in ihnen formierte Wissen und seine Entstehungswege und Filiationen zu rekonstruieren, ist weiterhin ein Forschungsdesiderat.

Bekanntlich präsentiert sich Zedlers Universal-Lexicon, das zuweilen der Encyclopédie D’Alemberts und Diderots als deutschsprachiges Pendant an die Seite gestellt wird, im Gegensatz zu jenem französischen Jahrhundertwerk nicht als Produkt intellektueller Freigeister und kritisch-skeptischer Aufklärer (dazu die Forschung aktuell resümierend Schneider 2013, S. 96 f., 146 u. ö.). Eher handelt es sich um ein von einem rührigen und engagierten Verleger initiiertes Kompendium vielfältigster Beiträge, Informationen, Meinungen und Wissensschichten. Die Quellen der wissenschaftlichen Artikel sind Fachtexte, ← 34 | 35 → aber auch enzyklopädisch-lexikographische Sachtexte; Zinckes Lexikon ist nur eines von zahlreichen im Zedler ausgeschriebenen Werken: Dazu gibt Schneider 2013 (S. 81) eine imposante Übersicht, die auch die beiden Hübner und Corvinus’ Frauenzimmer-Lexicon auflistet.

Was die Prägekraft mütterlicher Imagination auf das ungeborene Kind angeht, so referiert Zedler ausgiebig unter verschiedenen Lemmata darauf. Überwiegend geschieht dies in einem affirmativen Modus. Die ‚Hasen-Scharte‘ (Zedler 1735, Bd. 12, Sp. 710) führt Zedler ebenso auf weibliches Versehen zurück wie Feuer- und Muttermale – kein Zweifel ist spürbar in jenen Bänden des Universal-Lexicons aus den Jahren 1734, 1735 und 1739. Und das ändert sich auch im letzten regulären Zedler-Band „Zum-ZZ“ nicht: Zwerge, so heißt es dort, würden entweder durch „Vergifftung oder andern Schäden“ am Wachstum gehindert oder seien durch die „wunderliche Einbildung ihrer schwangeren Mütter als schwache Geburten zur Welt gebohren worden“ (Zedler 1750, Bd. 64, Sp. 1118).

Am ausführlichsten und auch mit differenziertester Argumentation gehen die Zedler-Artikel zu Mißgeburt und Muttermal auf die „Würckung der Einbildungs-Krafft“ ein. Die Autorität, auf die sich der Verfasser des acht Spalten langen ‚Mißgeburt‘-Artikels beruft, ist – die „gemeineste[ ] Meynung“ (Zedler 1739, Bd. 21, Sp. 486). Die Referenz auf Gemeinplätze, auf ein wissendes „man“, beschreibt Schneider als allgemein charakteristisch für Zedler, der „auch bei wissenschaftlichen Artikeln eine Haltung der Beobachtung ein[nehme], der Berichterstattung und der Beschränkung auf das, was man weiß, eher als eine ambitionierte Gestaltung der Artikelinhalte im Sinne der ‚richtigen Wissenschaft‘“ (Schneider 2013, S. 181). Was Zedlers im vorliegenden Fall, also hinsichtlich der Ursachen von Missgeburten, als ‚gemeineste Meynung‘ bezeichnet, ist allerdings ein fast wörtliches Zitat aus Woyts zu Anfang zitiertem medizinischen Lexikon! Woyt stellt die Ursachenfrage ganz an den Anfang des 18 Zeilen umfassenden Artikels: „Monstrum, eine Wunder- oder Miß-Geburt/ kom~t meisten her von der falschen impression oder Einbildung der Mutter/ welche dem zarten Leib gantz widrige Gestalten und Bildnissen eindrucket/ gleich wie ein Siegel dem Wachß […].“ (Woyt 1701, S. 240 [lies: 340]) Der Zedler-Artikel zur Mißgeburt rückt den folgenden Satz zur Ursachenforschung mitten in seinen Artikel ein – einen Satz, der gerade durch das sinnentstellende misreading („Spiegel“) eindeutig auf Woyt referiert: „Und entstehet solches nach der gemeinesten Meynung mehrentheils von der falschen Einbildung der Mutter, welche dem zarten Leibe gantz widrige Gestalten und Bildnisse, gleichwie ein Spiegel dem Wachs, eindrückte“ (Zedler 1739, Bd. 21, Sp. 487).

Zedler tut hier natürlich nichts Ungewöhnliches. Die Nichtnennung von Quellen ist ein übliches Verfahren enzyklopädischen Schreibens im 18. Jahrhundert, welches noch keine wissenschaftliche Belegstruktur fordert und ← 35 | 36 → Bezugstexte nur sporadisch angibt. Dass hier nun jedoch immerhin eine Referenz genannt wird, nämlich die allgemeine Meinung, anstelle der eigentlichen Textquelle, lässt sich so deuten, dass das Universal-Lexicon durch die Behauptung von Allgemeingültigkeit eines Wissenskonzeptes aktiv und bewusst in Wissensbildungsprozesse eingreift: Wenn wie hier superlativisch („gemeineste“) behauptet wird, dass alle ein Denkmodell als Wissen akzeptieren, hat dies größere Diskursmacht, als es der Hinweis auf ein einzelnes, zumal fast 40 Jahre altes Fachlexikon gehabt hätte.

Ein etwas genauerer Blick soll eben jenem Zedler-Artikel zur Missgeburt gelten. Er beginnt mit phänomenologischen Ordnungsversuchen: Missgeburt weicht ab „von der Ordnung und Gestalt“ auf vier Weisen: durch mangelnde oder zusätzliche Glieder, durch Anordnung oder Gestalt der Glieder. Sodann erläutert er kurz menschliche und tierische Beispiele und geht auf den Fall siamesischer Zwillinge, den Streitpunkt der Taufwürdigkeit stark missgebildeter Neugeborener und damit auf den Funktionsort von Missgeburten in der göttlichen Schöpfung ein. Sind sie gewollt oder Irrtümer der Natur? Im Anschluss an die errores naturae-These kommt der Verfasser schließlich auf die Ursachen von Missgeburten zu sprechen: Diese entstünden, so heißt es, „entweder auf Veranlassung einer innerlichen Ursache, wenn etwas nicht die Materie in gehöriger Masse vorhanden gewesen, oder aber einer äusserlichen Ursache gefehlet, zu der insonderheit die Krafft und Würckung der Einbildungs-Krafft gehöret“ (Zedler 1739, Bd. 21, Sp. 486 f.). Nachdem noch einmal ausgiebig von der ‚zweileibigen Missgeburt‘ gehandelt wird – siamesische Zwillinge erscheinen hier als interessantestes Missbildungsphänomen –, steht die Ursachenforschung im Fokus, und damit das weibliche Versehen:

Der Zustand der Mutter hat währender Schwangerschafft in die natürlichen Neigungen des Kindes einen grossen Einfluß, und solches hat man schon vor uralten Zeiten erkannt. Die alten Sineser haben schon darauf gesehen, wenn sie Vorsorge getragen für die Kinder in Mutter-Leibe, daß sie von guter Art gebohren worden. (Zedler 1739, Bd. 21, Sp. 488)

Darauf folgt allerdings eine Einschränkung der Gültigkeit des Erklärungsmusters ‚Versehen‘. Das ist beachtlich, da es dem rein affirmativen Bestätigungsmodus des Zedler’schen Versehens-Diskurses eigentlich zuwiderläuft. Als Beleg dienen wiederum die siamesischen Zwillinge, denn: „Allein aus dieser Mißgeburt erkennet man, daß die natürlichen Neigungen nicht einig und allein von dem Zustande der Mutter währender Schwangerschafft herrühren können.“ (Zedler 1739, Bd. 21, Sp. 488)

Die anschließende Argumentation knüpft an die zeitübliche Vorstellung von der Nabelschnur als Kommunikationsleitung an: „Im Zuge der Überlegungen, wie sich psychische Vorgänge während der Embryogenese manifestierten, diskutierte man die Nabelschnur als möglichen ‚Kanal‘“ (Nestaval ← 36 | 37 → 2010, S. 52 f.). Eine Vorstellung, die der Traditionalist Carl Christian Krause 1750, elf Jahre nach dem Zedler-Artikel, noch einmal prominent vertrat. Seine Antwort auf die Preisfrage der Petersburger Akademie der Wissenschaften zur Macht des weiblichen Versehens, die eine Nervenverbindung zwischen Mutter und Kind über die Nabelschnur hypostasierte, wurde im Jahr 1750 preisgekrönt – darüber informiert unter anderem ausführlich die 1892 von einem Berliner Arzt verfasste ‚historisch-kritische Studie‘ Vom Versehen der Schwangeren (Preuss 1892, S. 29).

Die Nabelschnurtheorie greift auch Zedler auf, verwendet sie allerdings, anders als später Krause, dazu, zumindest die alleinige Erklärungsmacht der Lehre vom weiblichen Versehen zu hinterfragen. Denn, so die Argumentation Zedlers, wenn sich über jenen Kanal die „natürlichen Neigungen“ der Mutter auf das Ungeborene übertrügen, müssten siamesische Zwillinge doch beide die gleichen Neigungen haben. Dies sei aber bei dem konkret geschilderten Fall streitender, sich gar hassender Zwillinge gar nicht so, weshalb nun, als ein anderer Grund natürlicher Neigungen, die „Saamen-Thierlein“ (Zedler 1739, Bd. 21, Sp. 489) ins Spiel gebracht werden. Jene ansatzweise skeptizistische Argumentation geht davon aus, dass das Versehens-Konzept die vollkommene Identität mütterlicher und kindlicher Neigungen statuiert: Ein Gedanke, der auf Nicolas Malebranches De la recherche de la vérité. Où l’on traite de la Nature de l’Esprit de l’homme, et de l’usage qu’il en doit faire pour éviter l’erreur dans les Sciences (1674/75) zurückgeht. Malebranche konzipiert die Mutter-Kind-Beziehung während der Schwangerschaft als sehr eng, Impressionen und Gefühle beider als identisch.

Diese Vorstellung greift der Verfasser des Zedler-Artikels hier auf und zeigt, indem er sie skeptisch wendet bzw. an einem konkreten Fall erprobt, eine wissenschaftlich ambitionierte, wach mitdenkende Auseinandersetzung mit dem fraglichen Imaginationskonzept im heterogenen medizinischen Debattenfeld der Zeit. Unübersehbar ist die medizinische Neugier des Artikelschreibers: Verschiedentlich bedauert er, dass in früheren Zeiten keine wissenschaftliche Untersuchung bzw. Sektion stattgefunden habe, die „erbauliche Gedancken“ (Zedler 1739, Bd. 21, Sp. 489) hätte ergeben können. Derartige Äußerungen können darauf hinweisen, dass es sich um einen einschlägig erfahrenen und gebildeten Verfasser handelt. Laut Schneider (2013, S. 182) stammen vermutlich die meisten medizinischen Zedler-Artikel von dem Leipziger Stadtarzt Heinrich Winckler – womöglich ja auch der zur Mißgeburt. Der letzte Teil des Artikels behandelt rechtliche Fragen, insbesondere die Abgrenzung von Mensch und Tier betreffend, und liefert einige Literaturhinweise.

Im gleichen Jahr 1739 wird im Zedler-Folgeband Nr. 22 der Versehens-Diskurs weiter entfaltet und um drei wichtige neue Komponenten erweitert: Schuldthematik, Kasuistik, Therapie. Unter dem Lemma ‚Mutter-Mahl‘ indi ← 37 | 38 → ziert bereits der erste, definitorische Satz das weibliche Versehen als zentrale Ursache: „Ein gemeiniglich brauner Fleck, oder ein Gewächse, als eine Birne, Pflaume, Erdbeere ec. so denen kleinen Kindern im Mutter Leibe, wenn die Mütter etwas erschreckliches empfinden, oder ein allzu hefftiges Gelüsten nach ein und andern Dingen haben, abgebildet und mit auf die Welt gebracht wird.“ (Zedler 1739, Bd. 22, Sp. 1648) Als zitierte Autorität für dieses Konzept figuriert „derer meisten Aertzte und Naturkündiger Meinung“, nach welcher

die beständige Einbildung und Wiederhohlung dessen, was der Mutter begegnet, oder worauf die Schwangere ihre Gedanken fest gerichtet, da denn die Lebens-Geister mit solchen falschen Begriffen der Mutter gleichsam angefüllet, in Bildung der Frucht, solche Begriff der annoch zarten Frucht die Einbildungskraft der Schwangeren dem Kind ihre Begriffe gleich einen Wachs eindrücken sollen (Zedler 1739, Bd. 22, Sp. 1648).

Das weibliche Versehen erscheint als schuldhaftes Fehlverhalten insofern, als nicht nur passives Erschrecktwerden, sondern auch unangemessene Begierden – „allzu hefftiges Gelüsten“ (Zedler 1739, Bd. 22, Sp. 1648) – die Ursache sein können. Zinckes Allgemeines Oeconomisches Lexicon war wie gesagt das erste der hier betrachteten Werke, welches das Argument sexuell konnotierten Verschuldens in den enzyklopädisch-lexikographischen Diskurs eingebracht hatte.

Zedler fügt dann drei bekannte Fallgeschichten aus der tradierten Versehens-Kasuistik des 17. und 18. Jahrhunderts mit Literaturbelegen an, die, anekdotisch wiedergegeben und unbezweifelt, die These vom weiblichen Versehen bekräftigen sollen. Man liest die Geschichte der von einer Maulbeere getroffenen Schwangeren, deren Neugeborenes an eben der Stelle am Hals von einem maulbeerförmigen Mal gezeichnet ist; von der Frau, die sich beim Nähen des Namens ihres Mannes erschrickt, hinter das Ohr fährt und ein Kind gebiert, welches „seines Vaters Nahmen hinter denen Ohren abgebildet“ hat; schließlich von einer Heilerin, die schlangenähnliche Male am Körper trägt und mit ihrem Speichel Vergiftungen heilen kann (Zedler 1739, Bd. 22, Sp. 1648 f.).

Die Fälle werden, wie in medizinischer und literarischer Kasuistik üblich, als Kurznarrative präsentiert, wie das Beispiel der Maulbeergeschichte zeigen kann: Man findet eine Exposition von Personen und Setting („Eine hohe Weibes-Person hatte auf ihrem Halse […]“); typische Erzähl-Adverbien wie „einsmahl“, „einesmahls“, „einmahl“; plastische Schilderungen (das Mal „hatte nicht allein die Farbe, sondern auch die Grösse [einer Maulbeere], gieng auch über das Fleisch heraus, als wenn sie ausgehauen wäre.“) sowie einen angedeuteten, wenn auch komprimierten Handlungsverlauf und Spannungsaufbau („Man eilete, den Maulbeer-Saft mit Fleiß abzuwischen, wie es denn auch gleich geschehen, und die Frau dazumall im geringsten nichts ← 38 | 39 → spürete; aber das Kind, so bald es gebohren, brachte, wie gedacht, eine Figur der Maulbeere auf seinem Halse […]“). Zedlers Universal-Lexicon übernimmt also aus der Versehens-Kasuistik nicht nur die Inhalte, sondern auch die erzählerische Form – und hebt damit gewissermaßen den narrativen Diskursmodus im lexikographisch-enzyklopädischen Schreiben auf. In der häufig zitierten Maulbeergeschichte wird nicht zuletzt auch das Thema sexueller Schuld narrativ verhandelt, wenn auch indirekt: Das Objekt der Begierde ist in der Fallgeschichte ein Stück Obst – was im christlichen Kulturkreis grundsätzlich nicht als harmlos aufgefasst werden kann, sondern zwangsläufig den Deutungskontext von verbotener Begierde und weiblicher Sünde, von Eva, dem Apfel und den fatalen Folgen aufruft.

Besonders bemerkenswert erscheint, dass fast die Hälfte des ‚Mutter-Mahl‘-Artikels, nämlich beinahe die komplette zweite Spalte, der Therapie gilt – der „Cur“ (Zedler 1739, Bd. 22, Sp. 1649). Schneider (2013, S. 79), der 16 883 Zedler-Artikel zum Wissensbereich Medizin angibt, hebt genau diesen Anwendungsbezug des Universal-Lexicons am Beispiel medizinischer Artikel hervor: „Das Sachwissen der Schulmedizin wird in den Grundlagen vermittelt, mehr aber noch die therapeutischen Möglichkeiten von Badern und Chirurgen so erläutert, dass man die direkte Umsetzung gelegentlich auch Laien zutraut, wenigstens das Verständnis dafür.“ (Schneider 2013, S. 41)

Der Verfasser unterscheidet Präventivmaßnahmen und Behandlung; letztere soll vor allem mit verschiedenen menschlichen und tierischen Flüssigkeiten – Blut, Speichel, Exkremente – gelingen. Interessanter noch erscheinen die präventiv zu beachtenden therapeutischen Hinweise. Sie lassen Rückschlüsse auf die intendierten Adressaten zu:

Und solche Bewahrungs-Cur ist, oder geschiehet, wenn eine schwangere Frau erschrecket worden, oder ihr etwas auf den Leib gefallen, durch Verrichtung solcher Dinge, daß man sie nicht achtet, noch denenselben nachdencket, und sie etwas anders beredet und vorgebe, man habe ein höchst bewährte Arcanum wider solche Fälle, dann kan man ihnen geben vom Antim. diaphor. simpl. Unje. marin. 22. 3j. Nitri depur. gr. IV, M, sonderlich wenn sie erschrecket werden. Ist ihr etwas auf den Leib gefallen; so kan man solches zum Schein abwaschen oder ein Pflaster auflegen. (Zedler 1739, Bd. 22, Sp. 1649)

Die Kurempfehlungen zeugen von einem angestrebten geschlechterspezifischen Wissensvorsprung, mit dem ein Vorenthalten von Kenntnissen einhergeht. Adressiert werden Männer, die aktiv (be-)handeln sollen: Um die Schwangere, die sich womöglich versehen hat, zu beruhigen und das Ungeborene zu schützen, soll der Therapeut so tun, als versorge er die Patientin medizinisch. Empfohlen wird hier eine Strategie, die Schneider als typisch für das Universal-Lexicon, auch im Kontrast zur französischen Encyclopédie, ausmacht – und zwar die „Insistenz darauf, dass dem Patienten auch dort Recht gegeben werden solle, wo medizinisch keine Indikation vorliegt, wohl ← 39 | 40 → aber Vertrauen in die Therapie gewonnen werden könne“, sogar im Sinne einer bewussten Nutzung von Vorurteilen der Patienten. Es gehe im Zedler weniger um „medizinische Erkenntnis“ als um „das für die Heilung nützliche Wissen“, wodurch – dies ist Schneiders noch an einer breiteren Quellenbasis zu verifizierende These – „Laieninteressen“ das „Expertenwissen“ modifizierten (Schneider 2013, S. 185).

Im vorliegenden Fall bedeutet diese therapeutische Strategie durchaus zweierlei: Nicht nur die beunruhigte Frau glaubt an das Versehen, sondern ja auch die zur Behandlung aufgeforderten Männer bzw. der ihnen hier ratende Schreiber. So legt es zumindest der Behandlungsvorschlag nahe, der sich andernfalls erübrigen würde. Das Therapeutikum ist gewissermaßen homöopathisch: Das wichtigste Gegenmittel gegen die Einbildungskraft der Frau ist eine andere Einbildung – ein Placebo.

Ein kurzer Vorausblick: 150 Jahre später verfasst ein schriftstellernder Arzt die bereits erwähnte Abhandlung Vom Versehen der Schwangeren (Berlin 1892). Preuss’ gewissenhafte Darstellung des Versehens-Konzepts von der Antike an, die die Positionen Fachgelehrter ebenso berücksichtigt wie etliche Fallgeschichten, schließt mit therapeutischen Maßgaben. Diese weichen bemerkenswerterweise immer noch kaum ab von denjenigen in Zedler’s Universal-Lexicon und auch in Krünitz’ Oekonomischer Encyklopädie. Preuss plädiert für wissenschaftliche Beobachtung und praktisches Handeln im Sinne des So-tun-als-ob, des Was-wäre-wenn, des Gesetzt-den-Fall. Energisch statuiert er: „Die ganze Frage mit einem überlegenen, mitleidigen Lächeln abzuthun, entspricht weder der Wichtigkeit der Personen noch der Sache.“ (Preuss 1892, S. 49) Denn – so erklärt der Praktiker noch am Ende des 19. Jahrhunderts: „Jeder Arzt weiss, dass im Publikum und besonders bei den Frauen in allen Ländern der Welt, soweit sie uns bekannt, der Glaube an das Versehen felsenfest ist, und dass häufig genug gerade diejenigen, welche das ungläubige Lächeln des Gelehrten copiren, die gläubigsten Seelen haben.“ (Preuss 1892, S. 50)

Zum „wahren Arzte“ werde man, so Preuss’ bemerkenswerte Überzeugung, nicht durch die richtige wissenschaftliche Erkenntnis, sondern durch die dem körperlich-seelischen Zustand der Patientin angemessenste therapeutische Verhaltensweise:

Die Thatsache selbst kurzer Hand zu negiren, wäre nicht angängig, da man ja sonst jeden vernünftigen Boden für eine entsprechende Prophylaxe verlöre, andererseits wird man sich natürlich zu hüten haben, die Frau in ihrer Furcht zu bestärken, vielmehr auf goldener Mittelstrasse durch beruhigenden Zuspruch und sonstiges moral treatment die ohnehin erregte Psyche zu besänftigen und die Folgen eines etwaigen Eindrucks zu verwischen suchen. Wenn bei irgend einer Veranlassung, so hat der Arzt hier Gelegenheit zu beweisen, dass ihm die Tugend eigen ist, die ihn erst zum wahren Arzte stempelt […]. (Preuss 1892, S. 50) ← 40 | 41 →

Abb. 5:Krünitz 1852, Bd. 214, Titelseite. © Google books.

← 41 | 42 →

4.5Debatte und Diskontinuität. Der Versehens-Diskurs bei Johann Georg Krünitz: Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Land-, Haus- und Staats-Wirthschaft (242 Bde. 1773–1858)

Das bedeutendste ökonomische Kompendium der Aufklärungszeit ist Johann Georg Krünitz’ Oekonomische Encyklopädie, die weit ins 19. Jahrhundert hineinreicht. Der lange Erscheinungszeitraum bringt unweigerlich mit sich, dass je nach Publikationszeit von 1773 bis 1858 ein anderer fachwissenschaftlicher Kenntnisstand über das weibliche Versehen aktuell war und gegebenenfalls in das Textkonvolut einging, verarbeitet, diskutiert und auch popularisiert wurde. Dementsprechend setzt Krünitz sich nicht nur deutlich intensiver, sondern auch ambivalenter als die bisher betrachteten Werke mit dem weiblichen Versehen auseinander.

Die Intensität der Auseinandersetzung zeigt sich auf verschiedene Weise. Erstens durch die Quantität: etliche Krünitz-Lemmata diskutieren viele Spalten lang die Macht weiblicher Einbildungskraft über die Physis des Ungeborenen. Zweitens durch die vielfachen und ausgiebigen Rückgriffe auf die tradierte Fallnarrativik, jene schon in der Antike bei Aristoteles, Hippokrates, Galen und Plinius nachweisbare „ausufernde Kasuistik“ (Dürbeck 1998, S. 156), die in der Frühen Neuzeit ausgeschrieben und um neue Beispiele ergänzt wurde. Drittens schließlich erweist sich die Intensität der Auseinandersetzung in einer markanten eigenen wissenschaftlichen Positionierung bzw. der Intention, die medizinische Fachdebatte mitzugestalten.

Relevant für Krünitz’ Versehens-Diskurs sind, in alphabetischer und chronologischer Abfolge, folgende Lemmata: ‚Feuer-Mahl‘, ‚Hasen-Scharte‘, ‚Leibes-Frucht‘, ‚Mißgebären‘, ‚Mißgeburt‘, ‚Muttermahl‘, ‚Versehen‘ (Krünitz 1778, Bd. 13, S. 241 f.; 1782, Bd. 22, S 189 f.; 1797, Bd. 72, S. 1–74; 1803, Bd. 91, S. 486–498, S. 498–505; 1805, Bd. 99, S. 370–398; 1853, Bd. 216, S. 1 f.).

Das ‚Feuer-Mahl‘ (Krünitz 1778, Bd. 13, S. 241) wird im Jahr 1778 noch ganz traditionell durch Erschrecken, Begehren und Berühren eines Objekts erklärt. Krünitz weicht nicht von den lexikographischen Vorgängern der 1730er und 1740er Jahre ab bzw. schreibt sie sogar gründlich aus. Therapiemaßnahmen finden Raum: Bewährte Gegenmittel werden teils von Zincke übernommen, mit dessen Erläuterungen zum Feuermal ohnehin weite Teile des Krünitz-Artikels übereinstimmen, nämlich besagte in Bier eingekochte Pfirsichbaumwurzel. Teils schreibt Krünitz aber auch Zedlers Universal-Lexicon aus, welches Zedernholzöl empfiehlt; auch hier stimmen die Passagen größtenteils wörtlich überein (Zedler 1734, Bd. 9, Sp. 760).

Im Jahr 1805, also gute 25 Jahre später, nutzt Krünitz unter dem Lemma ‚Muttermahl‘ dann die Gelegenheit, ironisch auf derartige Hausmittel gegen ← 42 | 43 → Feuermale zu reagieren, und zwar im Rahmen eines immerhin auch schon aus den 1770ern stammenden, jetzt erst aufgegriffenen Zitates. Nicht nur hier, an diesem Beispiel für Selbstkorrektur enzyklopädischen Schreibens, offenbart sich, dass es sich beim Krünitz um ein über einen extrem langen Zeitraum von diversen Verfassern zusammengestelltes Werk handelt, welches als Speichermedium disparat-vielfältigen, uneinheitlichen Wissens fungiert. Als eine Art Wissenssteinbruch, bei dem immer neue, andere Schichten zum Vorschein kommen.

1782 erscheint der Krünitz-Artikel zur ‚Hasen-Scharte‘ (Krünitz 1782, Bd. 22, S. 189), welche jedoch nicht auf weibliches Versehen zurückgeführt, sondern lediglich phänomenologisch beschrieben wird. Fündig wird man hingegen in dem ausladenden, 75 Seiten umfassenden Artikel ‚Leibes-Frucht‘ (Krünitz 1797, Bd. 72, S. 1–74). Hier kommt das weibliche Versehen erstmals in der Oekonomischen Encyklopädie ausführlich zur Sprache. Es handelt sich um die bei weitem umfangreichste Auseinandersetzung mit dem weiblichen Versehen überhaupt, die im lexikographischen und enzyklopädischen Diskurs des 18. Jahrhunderts nachzuweisen war.

Die vielstimmige Auseinandersetzung, die Krünitz führt, zitiert etliche an der zeitgenössischen Debatte beteiligte Persönlichkeiten und Texte: Traktate und Journalbeiträge von Gelehrten, Erfahrungsberichte von praktischen Ärzten oder auch gutachterliche Verlautbarungen staatlicher Institutionen wie die des königlich preußischen Ober-Collegiums zu Berlin. Neben präzise belegten Zitaten finden sich auch aus der Erinnerung und daher womöglich ungenau referierte Aussagen – „In einem neuern sehr beliebten Journal las man neulich eine seltene Anekdote, wo von zwey weißen Aeltern hohen Hauses eine förmliche Mohrinn geboren, und des Auffallenden wegen wahrscheinlich ins Kloster war gesteckt worden. (S. Thalia, St. 10, wo ich nicht irre.)“ – oder auch mündliche Quellen: „Eben dieses hat mir ein holländischer Offizier, welcher sich lange in beyden Indien aufgehalten, aus eigener Erfahrung ganz treuherzig versichert.“ (Krünitz 1797, Bd. 72, S. 30).

Das Ich des Artikelschreibers tritt nicht nur hier als Diskursverwalter, als Sammler und Ordner der Erfahrungen, Überzeugungen und Meinungen deutlich hervor. Es ergreift sogar als mitredende wissenschaftliche Stimme offensiv Position im Wissenschaftsstreit, wenn es erklärt: Den „Fall, daß die lebhafte Einbildungs-Kraft solche vollkommene körperliche Aehnlichkeiten bilden könne, läugne ich gänzlich, und zwar aus folgenden Gründen“ (Krünitz 1797, Bd. 72, S. 25). Anschließend listet der Verfasser seitenlang Argumente, durchnummeriert von 1 bis 7, gegen die Macht weiblicher Einbildung über die Physis des Ungeborenen auf. Nicht nur zitiert er stärkende Gewährsleute für seine eigene Skepsis – außer Blondels initiatorischer Schrift beispielsweise Christian Rickmanns schon im Titel Partei ergreifendes Traktat Von der Unwahrheit des Versehens und der Hervorbringung der Muttermahle durch ← 43 | 44 → die Einbildungskraft (Jena 1770). Er führt auch immer wieder die Argumente der „Gegner“ an, womit er die Befürworter des Versehens-Konzepts meint. Wie Zedler greift Krünitz Malebranches neurophysiologische Theorie auf, die „den Vorgang des Versehens mit der Kommunikation zwischen den Nerven der Mutter und denen des Fetus“ (Nestaval 2004, S. 53) erklärt, bestreitet diese aber zugleich: Es gebe „keine unmittelbare Gemeinschaft“ (Krünitz 1797, Bd. 72, S. 26) beider, und auch die Nabelschnur sei keine Nervenbahn.

Hier kann nicht auf die Fülle an Argumenten und Einwänden eingegangen werden, die Krünitz gegen das weibliche Versehen in Stellung bringt. Hervorzuheben ist seine Diskursstrategie, die außer auf der Referierung an der Debatte beteiligter Autoritäten auf einer weiteren Säule ruht: einer weitverzweigten, intensiv ausgeschriebenen Kasuistik. Häufig werden die Fälle dabei in konzentrierten, zum Teil hypotaktisch verschachtelten Kurzberichten wiedergegeben und deutlich als Fallbeispiele markiert:

Ein Mann zitterte beständig an den Händen, weil der Mutter, als sie mit ihm schwanger war, ein großes Unglück begegnet ist, indem ihr Mann erstochen wurde, worüber sie vor Schrecken und Entsetzen gezittert hat.

Bey einer andern Person nahm man an einer Hand nur zwey Finger wahr, weil sich die Mutter an der Schere von einem See-Krebs versehen hatte.

Man findet auch Beyspiele, daß ein Kind einen verstümmelten Arm bekommen hatte, weil die Mutter unter der Schwangerschaft über einen Bettler erschrocken war, der einen solchen verstümmelten Arm hatte. (Krünitz 1797, Bd. 72, S. 23)

Daneben gibt es narrativ wesentlich stärker ausgestaltete Fallerzählungen, etwa die bekannte Maulbeergeschichte, die neben zahlreichen Beispielen missgestalteter und verstümmelter Kinder referiert wird: „Ein vornehmes schwangeres Frauenzimmer gieng unter einem Maulbeer-Baume spazieren, und es trägt sich dabey zu, daß eine Maulbeere herunter, und ihr gerade auf die Spitze der Nase fällt; hiervon bekommt das Kind auf der Spitze seiner Nase eine Maulbeere, welche die vollkommene Gestalt und Farbe dieser Frucht hatte.“ (Krünitz 1797, Bd. 72, S. 23)

Die Zirkulation von Erzählmustern zwischen Medizin und Literatur (Vasset 2013) ist hier evident: Typische Erzählformeln („es trägt sich dabey zu“) und das historische Präsens („bekommt“) transformieren den medizinischen Fall in eine spannende Geschichte. Es stellt sich die Frage, wozu dieser narrative Spannungsaufbau im Rahmen enzyklopädischen Schreibens dienen soll, welches doch entschieden nicht der Belustigung, sondern der Belehrung des Lesers dienen soll: Wenn man die Enzyklopädik in der frühneuzeitlichen Ästhetik von Lust und Nutz, von prodesse und delectare verorten soll, tendiert sie mit ihrer Programmatik der Wissensspeicherung und -vermittlung her doch klar zum Nutzen. Vielleicht ist diese intentional zugespitzte Frage aber einfach falsch gestellt. Dass Narrative als tradierte Muster medizinischer und literarischer Kasuistik auch in Enzyklopädik und Lexikographik eingehen ← 44 | 45 → und dort aufgehoben werden, sagt in erster Linie etwas aus über die Diskursstruktur jener Genres. Diese integrieren eben noch bis ins 19. Jahrhundert hinein verschiedene Diskursmodi. Neben dem deskriptiven Diskursmodus, der sich in der Moderne als dominant und normgebend für die Textsorten Lexikon und Enzyklopädie etabliert hat, verwenden sie auch den argumentativen – dies zeigte die vielstimmige Versehens-Debatte im Krünitz – sowie den narrativen Diskursmodus, was zum Beispiel die Fallgeschichten bezeugen. Bei der Vermittlung des Wissensbestandes zum weiblichen Versehen synthetisiert die Enzyklopädie heterogene Diskursmodi.

Und doch, manch anekdotisch ausgefeilte Fallgeschichte geht mit ihrem narrativen Überschuss zweifellos über die dominante Wissensbildungsfunktion des Gesamttextes hinaus. Die Vermittlung von Wissen tritt zurück hinter eine unübersehbare Lust am Erzählen:

Ein Bauer wurde von seinem Herrn den Tag nach der Hochzeit spaßhaft gefragt: ob er einen Knaben fertig habe? Der Bauer antwortete: Halb, Herr Amtmann! Seiner jungen Frau erzählte er die Frage, und seine vermeintlich witzige Antwort; bediente sich auch, um seinen Witz anzubringen, bey der nächsten Liebkosung des Ausdruckes: er wolle nun die andere Hälfte fertig machen. Die Frau machte sich häufige Ideen von halben Knaben, und brachte einen halben Knaben zur Welt, der zwey Lenden, gar keine Beine, und nur den linken Arm hatte, den rechten aber nur bis an den Elbogen, übrigens aber gesund und munter war und blieb, auch, ungeachtet der einen fehlenden Hand, ein Schneider ward. (Krünitz 1797, Bd. 72, S. 24)

Die umfangreichen Ausführungen des ‚Leibes-Frucht‘-Artikels, einschließlich der die Wissensvermittlung transzendierenden Anekdotenerzählungen, versammeln Wissen zum weiblichen Versehen in größtmöglicher Vollständigkeit. Das impliziert keineswegs zugleich eine intendierte Bestätigung dieses Wissens. Der Verfasser hat seine Skepsis gegenüber der Macht weiblicher Imaginationskraft auf das Ungeborene – er spricht gar von ‚gänzlichem Läugnen‘ – ja bereits unmissverständlich klar gemacht. Und er zementiert seine kritische Position nicht nur durch Referieren wissenschaftlicher Autoritäten, sondern verwendet auch die von ihm so ausgiebig heranzitierte Kasuistik nicht selten dazu. Deren Funktion geht nämlich weit über die der bislang in dem enzyklopädisch-lexikographischen Diskurs integrierten Fallerzählungen hinaus: Fälle werden im Krünitz-Artikel zur ‚Leibes-Frucht‘ einerseits zwar als tradierte Exempel weiblichen Versehens wiedergegeben und durch derartige nochmalige textuelle Präsenz gleichsam wieder(ge)holt. Andererseits werden sie aber auch vielfach durch eine anschließende kritische Widerlegung dekonstruiert.

Signifikant für eine derart kritisch-dekonstruktive Strategie kasuistischen Erzählens ist die WiederHolung einer der berühmtesten und meistzitierten Fallnarrationen und ihre anschließende Widerlegung: Nicolas Malebranches ← 45 | 46 → Erzählung von der Schwangeren und ihrem geräderten Neugeborenen, wie sie auch in der deutschen Übersetzung Malebranche von der Wahrheit, oder von der Natur des menschlichen Geistes und dem Gebrauch seiner Fähigkeiten um Irthümer in Wissenschaften zu vermeiden; sechs Bücher, aus dem französischen übersetzt, und mit Anmerkungen herausgegeben von einem Liebhaber der Weltweisheit (Malebranche 1776, Bd. 1, S. 232 f.) nachzulesen ist. Malebranche „vermerkte den Fall einer Schwangeren, die die Exekution eines Verbrechers an einem Rad beobachtete und schließlich ein Kind mit Knochenfraktur an den gleichen Stellen gebar, wie sie der zuvor Geräderte aufwies“ (Nestaval 2004, S. 53, Fn.). Für den Verfasser des Krünitz-Artikels dient gerade jenes von Malebranche als quasi-empirischer Beleg für das weibliche Versehen ins Feld geführte Fallbeispiel als Gegenbeweis gegen das fragliche Konzept, und zwar aufgrund der Nichtplausibilität einer solchen Kausalität in einer wohlgeordneten göttlichen Schöpfung: So pervers könne Gott die Sache einfach nicht eingerichtet haben, argumentiert der leidenschaftliche Kritiker:

Eine solche Einrichtung, wodurch die Einbildungs-Kraft so viel Macht besitzt, widerspricht den vollkommensten Absichten des Schöpfers. Eine schwangere Frau, welcher es aus gütigem Mitleiden sehr nahe gegangen war, als man einen Missethäter, welcher gerädert werden sollte, zum Gerichts-Platz führte, soll darauf ein Kind geboren haben, dessen Knochen an denen Gegenden zerbrochen waren, welche man einem Uebelthäter mit dem Rade zu zerstoßen pflegt, und in solchem Zustande soll es bis ins 20ste Jahr gelebt haben. Diese arme gütige, zärtliche und mitleidige Frau hätte also ihr Kind durch ihre Einbildungs-Kraft gerädert! (Krünitz 1797, Bd. 72, S. 29)

Zahlreiche weitere Fallbeispiele aus der Literatur werden erzählt und dann kritisch hinterfragt – das Erzählen von Beispielen selbst wird problematisiert, da es falsche Überzeugungen verstärken könne: „man erzählt dabey viele Beyspiele von der Wunder-Kraft der Einbildung, und so wird dieses Vorurtheil immer mehr fortgepflanzt.“ (Krünitz 1797, Bd. 72, S. 45) Obwohl kasuistisches Erzählen einen integrativen Bestandteil des enzyklopädischen Schreibens ausmacht, wird es also zugleich kritisch hinterfragt in seiner Funktion als zuverlässiges Wissensmedium. Ebenso unzuverlässig für die Konstituierung sicheren Wissens erscheinen die Erfahrung und damit die subjektive Wahrnehmung:

Doch nicht alles, was man erzählt, ist wahr, nicht alle Erfahrungen sind zuverlässig; vieles Wahre hält man für falsch; vieles Falsche für wahr; man beobachtet nicht immer mit kaltem Blute; man glaubt oft mehr zu sehen, als man sieht; oft redet man von Dingen, die man nicht gesehen hat, als hätte man sie gesehen, und denkt, sie könnten nicht anders seyn, als man sich einbildet, oder als ein eingenommener Unwissender es uns vorsagt. So gieng es oft mit den Mutter-Mählern; die Einbildungs-Kraft sahe vieles, was man ohne Vorurtheil für die alte Meinung niemahls wahrgenommen hätte. Viele solche Mutter-Mähler, von ← 46 | 47 → welchen der gemeine Mann sagt, sie gleichen einer Maus, einer Kirsche etc. hatten, bey genauer Untersuchung, nicht die geringste Aehnlichkeit mit solchen Gegenständen. (Krünitz 1797, Bd. 72, S. 44)

Erzählen und Erfahrung: genau gegen diese beiden Erkenntnismittel argumentiert auch der in Krünitz’ ‚Muttermahl‘-Artikel ausgeschriebene Mediziner und Versehens-Kritiker Weiz. Er kritisiert beide als unzuverlässig. Seine Worte bezeugen im Umkehrschluss, wie viel Gewicht gerade der „Geschichte“ und den „Erfahrungen“ von Befürwortern des Versehens zugesprochen wird:

Die Muttermähler, spricht man, sind nichts anders, als Früchte und Wirkungen der Einbildungskraft schwangerer Damen. Und aus welchem Grunde? „Darum, weil Geschichte und Erfahrungen es lehren, und was diese beweisen, das kann niemand leugnen, als ein Hypochondrist, ein wunderlicher Mann, oder sonst jemand, der irgendwo nicht recht verwahrt ist“ […]. Allein was beweisen nun solche Vorfälle und Beyspiele eigentlich? (Krünitz 1805, Bd. 99, S. 373)

Zurück zum ‚Leibes-Frucht‘-Artikel: Die komplexen Verstrickungen von Erzählung, Erfahrung und Erkenntnis im Wissensbildungsprozess auseinanderzuhalten ist just das aufklärerische Ziel, mit dem er geschrieben ist. Energisch weist der Verfasser epigenetische Erklärungsmodelle von sich. Am Rande sei notiert, dass die Idee der Epigenese, nicht von vornherein vorhandene Strukturen bei der Entwicklung des Organismus entstünden nachträglich, im 18. Jahrhundert zugunsten der Präformationslehre abgelehnt wurde, sich dann aber im 19. Jahrhundert wieder durchgesetzt hat, und zwar bis heute. In der Oekonomischen Encyklopädie wird die Epigenese an einem besonders zugespitzten Beispiel weiblichen Versehens regelrecht ad absurdum geführt:

[…] Ja, man erzählt viele Geschichten, die ganz unmöglich sind. Eine Frau gebiert ein Kind ohne Arme und Beine; sie erinnert sich, daß sie etwa einen Monath vorher auf den Arm sey geschlagen worden, oder daß sie zugesehen habe, wie einem die Hand abgehauen wurde; wer kann wohl glauben, daß die Einbildungs-Kraft in der Geschwindigkeit eine solche chirurgische Operation vornehmen, und Arm und Beine abnehmen könne? (Krünitz 1797, Bd. 72, S. 45)

Auch den Fall missgestalteter Tiere behandelt Krünitz. Anders als Zincke, der daran ebenso unkritisch wie begeistert biopolitische Experimente im Sinne einer besonders erfolgreichen Viehzucht durchspielt – „[…] so kan man daraus bey der Vieh-Zucht die herrlichsten Vortheile, allerhand schöne Arten, z. E. in Stutereyen, im Hüner-Vieh, in Schaafen, im Rind-Vieh zu bekommen, lernen und anbringen“ (Zincke 1744, Bd. 2, 1899) –, dient die Vorstellung, dass auch Tiere und Pflanzen sich versehen könnten, hier lediglich als Zielscheibe sarkastisch-spöttischer Phantasien, die von blauen Ziegen und grünen Eseln erzählen. Der Zincke-Vorschlag mit den „Stutereyen“ wird von Krünitz als reale biopolitische Praxis erwähnt – und natürlich abgelehnt: „Indessen scheint es eine Folge von diesem Irrthume zu seyn, daß man bisweilen in ← 47 | 48 → den Stutereyen, um schöne Pferde zu bekommen, dem Mutter-Pferde Bilder von solchen Pferden, als man sich wünscht, vor die Augen stellt. Allein, viele vernünftige Pferde-Verständige halten sehr wenig davon, und versichern, daß es darauf gar nicht ankomme.“ (Krünitz 1797, Bd. 72, S. 42) Dass die „Einbildung des brütenden Huhnes“ das Küken beeinflussen könne, wird mit dem Argument bestritten, dass auch andere Wärmequellen das Ausbrüten bewerkstelligen können: „Man wird aber doch hoffentlich dem Miste, oder dem Ofen, oder dem Wasser-Dunste, keine Einbildungs-Kraft zuschreiben“ … (Krünitz 1797, Bd. 72, S. 43)

In die gleiche Richtung und ebenso ironisch wird hinsichtlich von Pflanzen argumentiert, diesmal unter Zuhilfenahme eines Zitats: „‚Ich sahe im vorigen Jahre einen Kirsch-Baum,‘ sagt Weickardt: ‚woran viele Kirschen mit krummen Stielen hiengen. Das muß wohl auch ein Mutter-Mahl an dem Kirschen-Stiele gewesen seyn; vielleicht hat sich der Baum an einem krummbeinigen Kerl versehen, da er eben in der Blüthe stand?‘“ (Krünitz 1797, Bd. 72, S. 43)

Die Ausführungen zur Leibesfrucht, die hier ausführlich vorgestellt wurden, dienen mehreren anderen Krünitz-Artikeln als Referenz. Das Lemma ‚Mißgeburt‘ von 1803 (Krünitz 1803, Bd. 91, S. 498–505) bezieht sich per Querverweis auf jene älteren Ausführungen zum weiblichen Versehen. Damit wird das dort gespeicherte Wissen integriert und erneut genutzt – allerdings nicht ohne es zu modifizieren. Zunächst wird der distanzierende, skeptizistische Gestus des ‚Leibes-Frucht‘-Artikels zwar aufgegriffen; man sei, heißt es unter ‚Mißgeburt‘ im Jahr 1803, „[w]eit entfernt, den alten Märchen von lebenden, herumlaufenden, oder wohl gar sogleich nach der Geburt in der Stube herumfliegenden Mondkälbern, und den ehemahls sogenannten Teufelsgeburten, Glauben beyzumessen […]“ (Krünitz 1803, Bd. 91, S. 500). In dieser Passage bedient sich der Verfasser ganz offensichtlich (Dank an Urte Helduser für den Hinweis!) der Worte Johann Peter Franks (1745–1821), des Wiener Medizinprofessors und großen Vorreiters von Sozialmedizin und öffentlicher Hygiene. Der zweite Band von dessen Haupt- und Standardwerk System einer vollständigen medicinischen Polizey (1779–1819), das verschiedentlich neu aufgelegt wurde und über einen langen Zeitraum anwuchs, ist überschrieben mit: Von der außereheligen Zeugung, dem geflissentlichen Mißgebähren und andern Mißhandlungen der uneheligen Kinder, von der physischen Erziehung des Neugebohrnen bis zum erwachsenen Bürger (1780). Dort erklärt Frank:

So selten die Mißgeburten seyn mögen: so ist doch ihre genaue Untersuchung für das gemeine Wesen und für die gerichtliche Arzneiwissenschaft von einer sehr großen Wichtigkeit. Weit entfernt, den alten Mährchen von lebenden, herumlaufenden, oder wohl gar sogleich nach der Geburt in der Stube herumfliegenden Mondkälbern, und den Teufelsgeburten, Glauben beizumessen, muß man doch alle Mahl zugeben, daß in Rücksicht der Erbfähigkeit solcher Kinder, sowohl als in Betreff ihrer Entstehungsart, und dann auch besonders der ihnen zu erthei ← 48 | 49 → lenden oder zu verweigernden Taufe, eine zeitliche Untersuchung äußerst nöthig werde: nicht viel von dem großen Nutzen zu reden, welchen die Physiologie und Naturlehre daraus schöpfen kann. (Frank 1804 [1780], Bd. 2, S. 190).

Frank nimmt hier die Position des skrupulös prüfenden, grundsätzlich skeptischen Wissenschaftlers ein, wenn er die genaue medizinische Untersuchung von Missgeburten als ebenso unabdingbar für die Ursachenforschung wie für die rechtliche Behandlung beurteilt. Der Verfasser des Krünitz-Artikels zur Missgeburt seinerseits kommt zu einem Kompromiss: Auch wenn den alten Märchen von der wirkenden mütterlichen Einbildungskraft keine Glaubwürdigkeit mehr zukomme, seien nichtsdestoweniger, angesichts der doch vorhandenen Erfahrungen, Vorsichtsmaßnahmen nicht zu verachten. Man wählt besser die sichere Seite, bis Genaueres gewusst werden kann. Eine pragmatisch-kluge Strategie des Handelns, mit der das Lexikon nicht als Wissensvermittler, sondern als praktischer Ratgeber agiert:

Es ist zwar ausgemacht, daß sehr viele Frauenzimmer während ihrer Schwangerschaft großen Schrecken, Furcht, Eckel und andere Gemüthsbewegungen über ungestaltete, schreckhafte und andere Dinge, die ihnen unerwartet vor Augen kamen, empfunden, und doch sehr gesunde und wohlgebildete Kinder ohne alle Fehler geboren haben. (S. im Art. Leibesfrucht, Th. 72, S. 39 fl.) Da es indessen nicht an häufigen Erfahrungen vom Gegentheile fehlt (s. daselbst, S. 23 fl.), so muß man, ohne sich über die Theorie der Einwirkung des Schreckens und anderer Gemüthsbewegungen auf die Leibesfrucht zu streiten, als Vorsicht für Schwangere und Mütter folgenden Rath ertheilen, um dem Einflusse schreckhafter Gegenstände wo möglich zuvor zu kommen. Wenn eine Schwangere sich als eine zum Schrecken und Eckel oder Empfindlichkeit gegen das Seltene Geneigte kennt: so muß sie sorgfältig alle Gelegenheit vermeiden, wo ihre Einbildungskraft in Bewegung kommen könnte. (Krünitz 1803, Bd. 91, S. 502)

Nicht nur der ‚Mißgeburt‘-Artikel von 1803 setzt einen Querverweis auf die ausführliche Debatte, die 1797 unter dem Lemma ‚Leibes-Frucht‘ geführt wurde, sondern auch der ‚Muttermahl‘-Artikel aus dem Jahr 1805. Nur kurz skizziert er Streit und Uneinigkeit über die Entstehungsgründe von Muttermalen. Früher habe man allgemein die mütterliche Einbildungskraft als Ursache angesehen, jetzt aber wollten viele das bestreiten, vor allem wegen der Gegenbeispiele: Unerschrockene Mütter gebären Kinder mit Leberflecken, schreckhaft-phantasievolle hingegen makellose (Krünitz 1805, Bd. 99, S. 370–371).

Den größten Teil des Artikels kommt dann der erwähnte Naumburger Arzt Friedrich August Weiz zu Wort, mit seinen über dreißig Jahre zuvor publizierten Thesen zum weiblichen Versehen. Bei ihnen handelt es sich um amüsant zu lesende, launig-kluge Einwürfe eines skeptischen Arztes, der nicht glauben will, dass Schwangere „bey jedem minder angenehmen Anblicke einer Sache, bey jedem verwünschten Quark, bey welchem man entweder Gott ← 49 | 50 → oder den Teufel ruft, für ihre Frucht zu zittern“ haben (Krünitz 1805, Bd. 99, S. 371 f.). Eine Überzeugung, die er als ganz allgemein verbreitet beschreibt. Im Volk und auch unter Gelehrten sei dies „ausgemacht“ (Krünitz 1805, Bd. 99, S. 372), erklärt Weiz, vor allem aber unter den schwangeren Frauen selbst. Diese, seine „Freundinnen“, spricht er vor allen anderen an; im Gegensatz etwa zum Zedler hat der im Krünitz referierte Medicus also durchaus auch eine weibliche Leserschaft vor Augen, die er charmant, aber unbeirrt von ihrem Irrtum zu überzeugen versucht. Für ihn ist das Versehen „eines der garstigsten medicinischen Vorurtheile“ (Krünitz 1805, Bd. 99, S. 374).

Weiz’ Argumente lauten unter anderem: Muttermale „entstehen 1) auch ohne Zuthun der weiblichen Vorstellungskraft; 2) oftmahls erst lange nach der Geburt; und 3) ist die lebhafteste Idee, mit dem größten und plötzlichsten Schrecken verbunden, zuweilen nicht vermögend, sie hervorzubringen“ (Krünitz 1805, Bd. 99, S. 376). Weiz leugnet nicht eine irgendwie geartete Einflussnahme der mütterlichen Konstitution auf das Kind über die Nerven. Er weist Malebranches neurophysiologische Vorstellung einer Verbindung also nicht grundsätzlich ab, lässt sie aber im bislang Unerklärlichen (Krünitz 1805, Bd. 99, S. 382). Es folgen dann, immer noch nach Weiz, einige der typischen Anekdoten und Histörchen vom Versehen, die er zum Teil lächerlich und unwahrscheinlich nennt (beispielsweise Rochen oder Kaninchen gebärende Frauen). Zum Teil nennt er sie aber auch, wenn sie von glaubwürdigen Ärzten geprüft wurden, bedenkens- und überprüfenswert, so etwa den Maulbeerenfall – eine bei Krünitz also erneut reproduzierte Geschichte –, die eierlegende Frau etc. (Krünitz 1805, Bd. 99, S. 385 f.). Und Weiz selbst ist ja wie erwähnt als praktischer Mediziner aktiv beteiligt an der kritischen Überprüfung des fraglichen Phänomens, und zwar mit eigenhändigen Experimenten „bey mehr als zehn schwangern Frauenzimmern, und auch sogar bey meiner eigenen Frau“ (Krünitz 1805, Bd. 99, S. 378 f.). Seine eigene, von der Vernunft geprüfte Erfahrung wertet der Mediziner als eine von mehreren „Einwendungen gegen den Glauben an die mahlerische Kraft der weiblichen Einbildungskraft“ (Krünitz 1805, Bd. 99, S. 377) – und dokumentiert seine Experimente in Form einer subjektiv gehaltenen, heiter geplauderten Ich-Erzählung mit stark dialogischem, leser(innen)zugewandtem Charakter:

Ich habe seit mehreren Jahren Versuche bey schwangern Frauenzimmern angestellet, welche bereits Kinder mit Muttermählern hatten, mit Muttermählern – wohl zu merken – die sie selbst für Geschöpfe ihrer Vorstellungskraft hielten, und wobey sie die dazu gehörigen Histörchen noch bis auf diese Stunde zu erzählen wissen. […] Eine hochschwangere Freundinn, welche ich wegen meiner praktischen Unhöflichkeit hiermit öffentlich noch einmahl um Vergebung bitte, war die erste, bey welcher ich den ersten meiner Versuche anstellete. Sie hatte bereits einen Sohn, der mit einem gelben Muttermahle versehen war, welches ← 50 | 51 → ihm heißes einer Bratpfanne entsprungenes Fett, wie Sie, geehrteste Freundinn, noch bis diese Stunde meinen, zuwege gebracht haben soll. In der zweyten Schwangerschaft dieser Dame machte ich eigentlich mein Experiment. Ich hatte in ihrem Hause Ansehen genug, um etwas zu wagen, und war aus Wißbegierde vielleicht plumper, als ich seyn sollte, um es wirklich zu thun. Eines Tages, da ich in ihrer Gesellschaft speisete, fand ich sie nach Tische von ungefähr in einem Lehnsessel zurückgelehnt, und mit kreuzweise über einander gelegten Armen schlafend. Ich rauchete eben, mit Respect zu sagen, Tabak, und bediente mich dieser männlichen Gelegenheit, ihr ein grausames Compliment zu machen, indem ich ihren linken Arm mit dem heißen Kopfe meiner Pfeife berührte. Sie fuhr, wie man denken kann, mit Schrecken empor, und griff nach der beleidigten Stelle mit der rechten Hand, die sie vielleicht – ich bin nicht gut dafür – gegen den Beleidiger gebraucht haben würde, wenn ich nicht zu rechter Zeit ausgewichen wäre. Da ich nun einmahl die Courage gehabt hatte, die ein Arzt allemahl haben muß, wenn er, wie Herophilus, an lebendigen Personen Versuche machen will: so bat ich um Pardon, und suchte die Dame zu besänftigen, so gut ich konnte; welches sie aber durchaus nicht eher an sich kommen ließ, als bis ich sie mit einer beklagenden Miene in der Furcht bestärkt hatte, daß ihr Kind nunmehr allerdings ein häßliches Muttermahl am Arme auf die Welt bringen würde. Das Kind kam endlich wirklich mit einem runden schwarzen Mahle. Es saß aber nicht auf dem linken Arme – ihre Einbildungskraft muß sich in der Geschwindigkeit versehen haben – sondern an einer gewissen andern Stelle, die ich heute nicht nennen mag. Weil mir nun die Einbildungskraft dieser Mutter zur Verfertigung der Mähler außerordentlich geschickt zu seyn schien, so konnte ich mich nicht enthalten, bey ihr noch einen Versuch zu machen. Sie war zum dritten Mahl hochschwanger, als ich ihren Bruder glücklich beredete, ihr auf einem Spaziergange im Garten unversehens eine kleine todte Maus in den Busen zu werfen. Diese Expedition gieng ebenfalls nach Wunsche von statten. Sie erschrack, schrie, erkannte greifend die Maus, und warf sie mit Abscheu von sich. Ich wählete für diesmahl eine Maus, weil sich die Einbildung der Schwangern, wie man sagt, auf den Abdruck dieser Thiere am besten verstehen soll. Endlich kam die Schwangere nieder, und brachte eine Tochter zur Welt, und – weiter gar nichts. (Krünitz 1805, Bd. 99, S. 377 f.)

Die bisherigen Befunde erweisen Krünitz’ Oekonomische Encyklopädie als das Kompendium, welches sich am deutlichsten vom Glauben an die gestaltbildende Kraft mütterlicher Imagination distanziert: durch Zweifel und teilweise entschiedene Ablehnung. Angesichts der Erscheinungszeit – die bisher geprüften Artikel entstammen Bänden aus den Jahren 1778 bis 1805 – verwundert das nicht. Als dann endlich im Jahr 1853, ein halbes Jahrhundert später, der Krünitz-Band mit dem Lemma ‚Versehen‘ erschien, findet man dort folgenden Eintrag:

Versehen ist auch die Bezeichnung einer nicht abzuleugnenden Thatsache, die bei schwangeren Frauen vorkommt, wenn die gewaltsam aufgeregte Phantasie gewisse lebendige Eindrücke auf sie macht, deren Folgen sich sichtbar auf die ← 51 | 52 → Leibesfrucht übertragen. Hierher sind namentlich die Fälle zu rechnen, wo der die Mutter heftig ergreifende Anblick von Mißgestalten mannigfacher Art in dem Kinde ähnliche Mißgestaltungen hervorgerufen hat. (Krünitz 1853, Bd. 216, S. 1 f.)

Man reibt sich verwundert die Augen. Der Verfasser des Artikels erklärt das „Factum des Versehens“ zu etwas, das „wohl außer allem Zweifel“ steht; diejenigen, die es „zu leugnen und wegzudemonstriren bemüht“ gewesen seien, würden „zu viele Thatsachen, von achtbaren, unbefangenen Männern beobachtet“, ignorieren (Krünitz 1853, Bd. 216, S. 2).

Wie lässt sich das erklären? Zum einen zeigt sich hier ganz deutlich, dass das Konzept des weiblichen Versehens mitten im 19. Jahrhundert, über 125 Jahre nach Blondels initialer Infragestellung, noch virulent ist und in einem anerkannten, wissenschaftlich ambitionierten enzyklopädischen Werk ernsthaft vertreten wird – ungeachtet aller zwischenzeitlichen Versuche seiner Widerlegung und Bekämpfung im 18. Jahrhundert. Dies zeigt: Auch wenn, durchaus zutreffend angesichts der diskursiven Höhepunkte und Verwerfungen, von einem epistemischen Umbruch in der Geschichte des Wissens vom Versehen im Zeitalter der Aufklärung gesprochen werden kann, ist dennoch keine klare Zäsur im medizinischen Wissen über den Zusammenhang von mütterlicher Imaginationskraft und physischer Entwicklung ungeborener Kinder festzustellen.

Zum anderen muss man, wenn man insbesondere die intratextuelle Widersprüchlichkeit des Krünitz’schen Versehens-Diskurses erklären möchte, die Disparatheit des gespeicherten und präsentierten Wissens als genretypisch wahrnehmen. Der lange Erscheinungszeitraum des ausladenden Kompendiums, die Vielzahl der Beiträger, welche je unterschiedliche Wissensstände, Bildungshintergründe, Weltanschauungen besaßen, kombiniert mit dem Fehlen eines gleichbleibenden Herausgebers und seiner Auctoritas, führen notwendig zu einer Diskontinuität der Wissensbestände. Das Medium Enzyklopädie selbst ist widerspenstig und widersetzt sich durch seine Struktur der kontinuierlichen Wissenstradierung. Denn affirmierende Bestätigung und destruktive Kritik stehen in der Oekonomischen Encyklopädie nebeneinander und hinterfragen sich gegenseitig: Die Stabilität tradierten Wissens, zu der die Enzyklopädie einerseits durch Präsenz und WiederHolung beiträgt, wird andererseits brüchig aufgrund intratextueller Konterkarierung durch modernere skeptizistische Positionen. Diese behalten ihrerseits aber auch nicht recht, nicht einmal das letzte Wort – weil V nun einmal nach L kommt. Dem kritischen Lemma ‚Leibes-Frucht‘ folgt das affirmative Lemma ‚Versehen‘. Die Kontingenz der alphabetischen und damit auch (band-)chronologischen Anordnung der Artikel verhindert die Dominanz einer Versehens-Theorie über die andere. ← 52 | 53 →

5.Fazit

Der Vergleich mehrerer allgemeiner, zum Teil ökonomisch und naturwissenschaftlich ausgerichteter, in einem Fall geschlechterspezifisch adressierter Lexika und Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts zeigt, dass die Vorstellung von der Prägemacht mütterlicher Imagination über die Physis des Ungeborenen zum zeitgenössischen Wissensbestand zu Zeugung und Vererbung gehörte. Im Rahmen breiter und vielfältiger wissenspopularisierender Bestrebungen wurde das weibliche Versehen beschrieben, diskutiert, bestätigt und kritisiert. Hier ging es darum, dem Versehens-Konzept im enzyklopädisch-lexikographischen Schreiben des 18. Jahrhunderts nachzugehen, seiner An- und Abwesenheit, Affirmation und Kritik, seinen Brüchen und Verwerfungen.

Der Versehens-Diskurs wurde einerseits in mehrfach aufgelegten lexikographischen Einzelwerken verfolgt wie in Hübners Curieusem Natur-Kunst-Gewerk und Handlungs-Lexicon, Zinckes Allgemeinem Oeconomischem Lexicon und Corvinus’ Nutzbarem, galantem und curiösem Frauenzimmer-Lexicon, andererseits in über lange Zeiträume erschienenen enzyklopädischen Großprojekten wie in Zedlers Grossem vollständigem Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste und Krünitz’ Oekonomischer Encyklopädie.

Derartige Allgemeinenzyklopädien und -lexika traten mit dem Anspruch an, Wissen – auch fachwissenschaftliches, zum Beispiel medizinisches Wissen – zusammenzutragen, zu speichern und allgemein verständlich zu vermitteln und nicht etwa neues Wissen hervorzubringen. Dennoch griffen sie sichtbar in Wissensbildungsprozesse ein: Die Popularisierung von Wissen trägt zu dessen Präsenz oder Absenz und damit auch zu seiner Gültigkeit und Nicht-Gültigkeit bei. Popularisierung bedeutet keinesfalls nur Verständlichmachung, Vereinfachung und Entkomplizierung. Es bedeutet auch Infragestellung von Wissen, hervorgetrieben durch die heterogene Struktur enzyklopädischer und lexikographischer Makrotexte.

Jene Wissensbildungs- und -vermittlungsprozesse nehmen in den untersuchten Werken sehr unterschiedliche Verläufe: Johann Hübners Curieuses Natur-Kunst-Gewerk und Handlungs-Lexicon (1712) zeichnet sich dadurch aus, dass es das Wissen zum Zusammenhang von mütterlicher Imaginationskraft und physischer Entwicklung des Ungeborenen knapp aufschreibt und in fortwährenden Anpassungsprozessen an den zeitgenössischen Wissensstand, auch unter Berücksichtigung neuerer, skeptischer Positionen, teilweise über- und umschreibt. Die beobachtbare Distanzierung vom Versehens-Konzept verläuft allerdings eher erratisch, nicht programmatisch.

Drei Jahre nach der Erstauflage jenes zweiten Hübner-Lexikons erschien Gottlieb Siegmund Corvinus’ Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-Lexicon (1715, 1739, 1773), ein allgemein ausgerichtetes, an Frauen adressiertes Wissenskompendium, welches unter anderem den Hübner zu ← 53 | 54 → grunde legt und das erste der hier betrachteten Werke ist, welches dem ‚Versehen‘ ein eigenes Lemma widmet. Ähnlich wie im zweiten Hübner zeigt sich im Erscheinungsverlauf eine gewisse, wenn auch moderate Bewegung des Versehens-Diskurses. In der Auflage von 1773 wird die medizinische Debatte über das Versehen zumindest registriert, teils mit abwehrendem Gestus, teils mit vorsichtiger Offenheit gegenüber neueren Theorien. Anders als man womöglich erwartet hätte, finden sich in Corvinus’ geschlechterspezifischem Kompendium keine markanten Abweichungen vom allgemeinen enzyklopädisch-lexikographischen Versehens-Diskurs – etwa in Richtung Didaktisierung, Verknappung, Erweiterung oder Moralisierung.

Dass der Versehens-Diskurs überhaupt Einlass findet in das Frauenzimmer-Lexicon, sogar mit eigenständigem Lemma, dass mithin Frauen ausdrücklich kein Wissen vorenthalten wird wie später in Zedlers Universal-Lexicon, lässt sich unterschiedlich deuten. Vorsicht ist geboten bei schnellen Rückschlüssen auf die Verteilung von Wissensmacht und Diskursherrschaft im geschlechterspezifischen lexikographisch-enzyklopädischen Schreiben über das Versehen. Präventiver, therapeutisch indizierter Verzicht auf Wissenstransfer an Schwangere muss nämlich nicht automatisch hegemonialer sein als die Weitergabe von Wissen, wenn letzteres das Verhalten der Frauen lenken soll. Nicht von ungefähr bezeichnet Ewinkel (1995, S. 170–184) die Lehre vom Versehen der Schwangeren als ein nützliches Mittel zur Domestizierung von Frauen.

Georg Heinrich Zinckes Allgemeines Oeconomisches Lexicon (2 Bde. 1731) präsentiert sich über die Auflagen von 1731 bis 1800 hinweg als Bollwerk des Traditionalismus. Das weibliche Versehen statuiert Zincke kontinuierlich als unbezweifelte Tatsache, ohne einer kritischen wissenschaftlichen Debatte Raum zu geben. Im Sinne dieser affirmativen Haltung erweitert Zincke den lexikographischen Versehens-Diskurs, bereichert ihn um weitere, aus der wissenschaftlichen Debatte transferierte Aspekte: um einen medizinisch-therapeutischen Zugriff, um die kausale Rückführung auf sexuell konnotierte weibliche Verschuldung sowie um Überlegungen zum Nutzen biopolitischen Experimentalhandelns.

Auch Johann Heinrich Zedlers Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste (68 Bde. 1731–1754) bestätigt eindeutig die Lehre vom weiblichen Versehen. Es behauptet gar die allgemeine Geltung des Wissens von der Prägekraft weiblicher Imagination auf das Ungeborene – und schafft womöglich gerade durch diese Behauptung eine tatsächliche Kontinuation jenes Wissensbestandes. Zugleich schließt jene durchgängig affirmative Haltung eine wissenschaftliche Neugier dem fraglichen Phänomen und seiner Verursachung gegenüber nicht aus. Zwei Aspekte sind besonders signifikant für das Universal-Lexicon: Zum einen die Erweiterung des enzyklopädisch-lexikographischen Versehens-Diskurses um die Kasuistik und damit um die erzählerische Form bzw. den narrativen Modus. Zum anderen die starke Ak ← 54 | 55 → zentuierung medizinisch-therapeutischer Aspekte: Die empfohlene Prävention basiert auf der geschlechtlichen Ungleichheit von Wissen, die beibehalten werden soll. Die behandelnden Männer sollen den zu behandelnden Frauen Wissen vorenthalten, um der Gesundheit des Ungeborenen willen.

Von Hübner über Corvinus und Zincke bis zu Zedler ist eine deutliche quantitative und qualitative Zunahme des enzyklopädisch-lexikographischen Versehens-Diskurses zu beobachten. Wie ist das zu erklären angesichts der doch geringer werdenden wissenschaftlichen Evidenz des Versehens im Lauf des 18. Jahrhunderts? Das Ganze wird vielleicht weniger interpretationsbedürftig, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Feststellung quantitativer Zunahme auch auf die jeweiligen Werke als Ganze sowie ihre Artikel zutrifft: Der Versehens-Diskurs ist hier keine Ausnahme. Ganz allgemein ist im Zuge aufklärerischer Wissensvermittlungs- und -popularisierungsbestrebungen die Ausdehnung und Ausdifferenzierung enzyklopädisch-lexikographischen Schreibens zu konstatieren.

Johann Georg Krünitz’ Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Land-, Haus- und Staats-Wirthschaft (242 Bde. 1773–1858) setzt diese Entwicklung eindrucksvoll fort, bis weit ins 19. Jahrhundert. Nicht zufällig findet man hier den ausgedehntesten, komplexesten und auch disparatesten Enzyklopädiediskurs über das weibliche Versehen. Neben einer überwiegend skeptizistischen Einstellung bestätigt Krünitz immer wieder auch kritiklos die tradierte Überzeugung von der mütterlichen Prägekraft.

Ganz allgemein erweist sich der Krünitz als Steinbruch eines diskontinuierlichen Wissens vom weiblichen Versehen, kompiliert über eine lange Dauer von verschiedensten Personen. Er ist – das ist sein hervorstechendstes Merkmal – das einzige der hier betrachteten Werke, das eine medizinische Fachdebatte führt, zudem mit eigenständig-offensiver, oft kritischer Positionierung. Dies geschieht im Rückgriff auf wissenschaftliche Autoritäten einerseits sowie auf die tradierte Versehens-Kasuistik andererseits, welche zum Teil knapp wiedergegeben, zum Teil mit sichtbarer Erzähllust ausgestaltet wird: Die narrative Struktur ist damit, ausgehend von der literarischen und medizinischen Kasuistik, im enzyklopädischen Schreiben des 18. und auch noch 19. Jahrhunderts aufgehoben. Der enzyklopädisch zu vermittelnde Wissensstand zum weiblichen Versehen setzt sich im Krünitz aus Anamnese- und Therapiebeschreibung, Debatte und Beispielerzählungen – aus deskriptiven, argumentativen und eben auch narrativen Teilen – zusammen bzw. wird erst durch all dies vollständig.

Nicht selten fungieren Krünitz’ Fallgeschichten allerdings nicht nur zur Präsentation des weiblichen Versehens, sondern werden im Gestus kritischer Widerlegung dekonstruiert. Das Erzählen erscheint in diesen Fällen als ebenso wenig vertrauenswürdig im Wissensbildungsprozess wie die Erfahrung. Tradition steht neben Bruch, Wiederholung neben Widerlegung. Der disparate, ← 55 | 56 → vielschichtige, zeitlich und vom Umfang her breit ausgedehnte Makrotext Enzyklopädie widersetzt sich mit seiner Struktur homogener Wissensbildung und -vermittlung.

Die zeitgenössische medizinische Debatte über das weibliche Versehen ist von einer starken Dynamik geprägt – eine solche Dynamik zeichnet auch den enzyklopädischen und lexikographischen Diskurs aus. Doch trotz wichtiger Marksteine (wie etwa Jacob Blondels wirkungsmächtige Kritik im Jahr 1727) kann weder von einer linearen Entwicklung des Wissensbildungsprozesses noch von klaren Schnitten zwischen altem und neuem Wissen die Rede sein. Eine markante Wende im medizinischen Wissen über den Zusammenhang von mütterlicher Imagination und physischer Entwicklung ungeborener Kinder ist in enzyklopädischen und lexikographischen Werken nicht festzumachen. In seinem Zedler-Buch stellt Schneider ähnliche Überlegungen zum medizinischen Wissen speziell im Universal-Lexicon an, wo sich keinesfalls ein Paradigmenwechsel mit scharfer Grenze artikuliere: Vielmehr sei „das paradoxe Nebeneinander von Schulmedizin und therapeutischem Wissen (Salben und Pflaster) nicht als Widerspruch, sondern als lexikonspezifische Mischung [zu] verstehen“ (Schneider 2013, S. 154).

Auch wenn jener Wissenssynkretismus hier als genretypisch bezeichnet, mithin nur auf die Textsorten Lexikon und Enzyklopädie bezogen wird, wäre die (Dis-)Kontinuität des Wissens vom weiblichen Versehen im medizinischen Diskurs des 18. Jahrhunderts ganz allgemein zu überprüfen. Es spricht viel gegen das Phantasma einer epistemischen Zäsur. ← 56 | 57 →