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Wissen, Medium und Geschlecht

Frauenzimmer-Studien zu Lexikographie, Lehrdichtung und Zeitschrift

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Nikola Roßbach

Das Buch will dem Zusammenhang von Wissen, Medium und Geschlecht genauer auf die Spur kommen. Die Autorin unternimmt eine neue Betrachtung der Wissensmedien des 18. Jahrhunderts – Lexika, Lehrbücher, Zeitschriften – unter geschlechterhistorischen Gesichtspunkten. Im Einzelnen geht es um:
• das weibliche «Versehen» im lexikographischen Diskurs (von Hübner bis Krünitz)
• textinterne Leserinnenkonzepte in der Frauenzimmer-Lexikographie (Corvinus)
• weibliche Gelehrsamkeit und Kulturtransfer (Fontenelle)
• Geschlechter-Räume in der Lehrdichtung (Zäunemann)
• mediale Präsenz und Produktion weiblicher Autorschaft im Medium der Gelehrtenzeitschrift (Zäunemann und die Hamburgischen Berichte)
• Bildungskonzepte und Mediokrität in spätaufklärerischen Frauenzeitschriften (La Roches Pomona, Frauenzimmerbibliothek).
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III. Literatur macht Leserinnen. Textinterne Rezeptionsdirektiven in der frühneuzeitlichen Frauenzimmer-Lexikographie

III.Literatur macht Leserinnen. Textinterne Rezeptionsdirektiven in der frühneuzeitlichen Frauenzimmer-Lexikographie

Wie funktionieren Texte? Auf den ersten Blick – oder auch: im Rahmen eines einfachen Kommunikationsmodells mit Sender-Botschaft-Empfänger – sind es Botschaften, die Leser empfangen. Doch das ist nicht immer richtig, ein solcher Blick verfälscht, er blendet Wichtiges aus.

Eine alternative Sichtweise wäre folgende: Leser werden nicht einfach adressiert, sie existieren nicht textvorgängig, sondern werden erst gemacht durch den Text. Ganz besonders gilt das für Leserinnen im 18. Jahrhundert. Es gab sie gar nicht vorher. Sie entstanden erst mit der Literatur, die für sie geschrieben wurde. Eine Literatur für Frauen generierte die Frauen, für die sie gemacht war, zugleich erst mit. Die schöne tugendhafte Seele existierte nicht, bevor die Literatur sie erfand. Womöglich gab es auch die haushaltsinteressierte Gattin und Mutter gar nicht, bevor die entsprechende Ratgeber- und Wissensliteratur sie schuf.

Das hört sich nach einer kühnen These an. Zweifelsfrei fest steht jedenfalls, dass es Phantasmen, Rezeptionsphantasmen sind, die in dieser Literatur angelegt werden – und die mit der Realität nichts zu tun haben müssen, höchstens können. Sie sind mit ihr nur voluntaristisch verbunden. Sie sagen: So soll die Realität der Leserinnen sein, so sollen die Frauen sein (finden männliche Autoren).

Literatur macht Leserinnen. Diese Perspektive soll leitend sein für die folgenden Überlegungen zu geschlechtsspezifischen Implikationen von rezeptionssteuernden Vororientierungen in der Literatur, und zwar in der lexikographischen Wissensliteratur des 18. Jahrhunderts. Dazu ist wichtig vorauszuschicken, dass von einer grundsätzlichen Gendermarkiertheit der aufklärerischen Wissensliteratur ausgegangen wird – einer Markiertheit von Gender auf allen Textebenen. Wissenstransfer im 18. Jahrhundert ist immer vergeschlechtlicht; Auf- und Umbrüche in der Wissensvermittlung, Bildung und Aufklärung des 18. Jahrhunderts können ohne die Kategorie Genus nicht angemessen verstanden werden. „Auch Wissen hat ein Geschlecht. Für die Wissenschaft von der Antike bis in die Gegenwart ist Geschlecht eine Kategorie von grundlegender Bedeutung. Geschlechtercodes und Geschlechternormen sind in jeder Form des Wissens eingelagert.“ (Braun/Stephan 2005) So heißt es treffend im Umschlagtext zum ‚Handbuch der Gender-Theorien‘ Gender@Wissen. Die traditionelle Genderblindheit der Wissens- und Wissen ← 57 | 58 → schaftsgeschichte wurde natürlich längst erkannt und immer wieder moniert, jedoch nicht prinzipiell behoben. Zu den Studien, die dieses Desiderat aufarbeiten, soll auch der vorliegende Beitrag gehören. Er fragt nicht rezeptionshistorisch nach empirischen Leserinnen, sondern fokussiert textinhärente Leserinnenkonzepte. Er versucht, die geschlechtliche Codierung von Wissen exemplarisch am lexikographischen Schreiben des 18. Jahrhunderts nachzuzeichnen.

Wie macht Literatur Leserinnen? Das beginnt bereits außerhalb des Haupttextes. Textexterne und paratextuelle Direktiven formen Leserinnen: Dicke und Preis des Buchs, Werbung und Rezensionen, Cover und Verlag. Beispielhaft sei Carl Herloßsohns Damen Conversations Lexikon (1834–1838) genannt, welches im 19. Jahrhundert das Genre des Frauenzimmerlexikons fortführte. Herloßsohns Lexikon wurde in Heften zu je 6 Groschen verkauft, vier Hefte bildeten einen von insgesamt zehn Bänden. Die Frontispize der Bände zeigten jeweils Stahlstiche berühmter Frauen; die „Interimseinbände“ der Hefte waren mit Spitzenmustern dekoriert. Angelika Schaser schreibt:

Die dadurch hervorgerufenen Assoziation mit Handarbeiten machten wie der Titel des Lexikons deutlich, dass Frauen der höheren Stände in den Augen des Herausgebers ein spezielles Publikum darstellten, deren Geschmack, Interessen und Bildungsstand man entgegenkommen wollte, indem man den angeblich natürlichen Geschlechterunterschieden bei Aufmachung und Inhalt des Lexikons Rechnung trug (Schaser 2006).

Man könnte das noch zuspitzen und sagen, dass das beschriebene Weiblichkeitsmodell durch Werke wie Herloßsohns Lexikon mitkonstruiert, zumindest zementiert wird. Das geschlechtsspezifische Publikum wird durch die Literatur erst hergestellt.

Im Folgenden sollen nicht die textexternen Direktiven lexikographischer Literatur analysiert werden, sondern die textinternen. Wie werden im Text Leserinnen konstruiert? Es liegt nahe, sich bei der Analyse rezeptiver Textstrukturen terminologisch-theoretische Impulse bei der Narratologie zu holen, probeweise, auch wenn es um nichtfiktionale Texte geht. Die Überschreitung des klassischen Anwendungsbereichs fiktionaler Prosa ist in der Narratologie nicht mehr unüblich; aktuelle Forschungstendenzen beweisen, dass das methodologische Potenzial der Narratologie auch für nichtfiktionale Repräsentationen und allgemein für diverse Textsorten, Medien und Disziplinen immens ist. Erzähltheoretische Modelle wirken wie Wahrnehmungsfilter und führen zu neuen Einsichten etwa über den Zusammenhang von nichtfiktionaler Literatur, Erzählen und Geschlecht. Unter anderem zu der Beobachtung, dass faktual dominierte Gebrauchstexte zum Teil doch gar nicht so nicht-fiktional sind. Man könnte sogar fragen: Waren Frauenzimmerlexika eigentlich doch ← 58 | 59 → Romane bzw. fordern sie ein entsprechendes weibliches Lektüreverhalten ein? Das wird weiter unten zu klären sein.

Innerhalb eines intentionalistischen Rezeptionsmodells könnte man auch für ein Frauenzimmerlexikon von einer personalisierten Instanz einer ‚impliziten Leserin‘ sprechen. Allerdings sind gegen einen derart anthropomorphisierenden Terminus die gleichen Vorbehalte anzubringen wie gegen den Termin ‚impliziter Leser‘: Die Gefahr, dass die implizite Leserin als Empfängerin einer Botschaft und damit gewissermaßen als Spiegelbild einer realen Leserin oder der Autorintention verstanden wird, ist groß. Daher wird hier, auch wenn gerade in der aktuellen Narratologie die Stimmen für intentionalistische Autor- und Leserkonzepte wieder erstarken (Jannidis [et al.] 1999; Kindt/Müller 2006 etc.), auf eine intentionalistische Konzeption der rezeptiven Anteile auf Textstrukturebene verzichtet.

Zu prüfen sind die geschlechtsspezifischen Implikationen von rezeptionssteuernden Vororientierungen in Texten, hier als Leser- bzw. Leserinnenkonzept bezeichnet. Die von der Rezeptionsästhetik herausgearbeitete doppelte Struktur jedes Textes als einerseits präsent und andererseits von Lesenden erst zu realisieren kann längst als allgemein akzeptiert und integriert in zahlreiche Theorien gelten. Es ist eine opinio communis der Forschung, dass Lesende prozessual eine fixierbare Bedeutung entwickeln und sich dabei an textuellen Vorgaben orientieren. Für die Benennung jener rezeptiven Anteile der Gesamtstruktur des Textes empfehlen sich im Rahmen eines nicht-intentionalistischen Modells Bezeichnungen, die keine personalisierbaren Empfänger suggerieren, also: Leserkonzept, Leserrolle, Appellstruktur, Wirkungsstruktur, Signalgefüge, Rezeptionsvorgabe (Grimm 1977, S. 32 ff.): Dies alles sind vergleichbare, wenn auch nicht gleichzusetzende Vorschläge aus der Forschung.

Leserkonzept nun also. Oder doch Leserinnenkonzept? Die gendertheoretisch blinden Flecke der Narratologie sind immer noch markant, und zwar just hinsichtlich der textinternen Autor- und Leserkonzepte. Zwar konzipieren beispielsweise Gaby Allrath und Marion Gymnich ein gendersensibles narratologisches Kommunikationsmodell: Sie stellen Instanzen des Schreibens, Erzählens und Lesens bewusst nicht als abstrakte Symbole dar, sondern mit konkreten Zeichen für Weiblichkeit und Männlichkeit, nämlich mit Röcken und Hosen (Allrath/Gymnich 2004, S. 59). Zu hinterfragen sind hier sicherlich die Konventionalität dieser Zeichen und auch die damit vorausgesetzte heteronormative Setzung einer Geschlechterdichotomie, die gerade im Rahmen einer geschlechtersensiblen Narratologie irritieren muss. Noch etwas irritiert am Modell von Allrath und Gymnich – oder ist zumindest zu konstatieren, nämlich das Fehlen der Textstrukturebene. Eine implizite Leserin mit Rock taucht nicht auf. Dadurch bleiben die geschlechtsspezifischen Implikationen auf der Textstrukturebene unsichtbar, ob nun personalisiert oder nicht-personalisiert aufgefasst. ← 59 | 60 →

Welche Vermittlungsformen, welche Kommunikationsstrategien, welche Rezeptionsdirektiven zeigt die an Frauen adressierte Wissensliteratur des 18. Jahrhunderts? Wie ist ihr Leserinnenkonzept beschreibbar? Solche Fragen lassen sich umfassend nur in einem größeren Forschungsprojekt bearbeiten. Für hier und jetzt genügt ein exemplarischer Ausblick auf eine bestimmte Diskursform – das lexikographische Schreiben –, auf eine bestimmte Textsorte – Frauenzimmerlexika – und auf ein bestimmtes Werk: das Nutzbare, galante und curiöse Frauenzimmer-Lexicon von Siegmund Gottlieb Corvinus (1715, 1739, 1773).

1.Wissen und Geschlecht im 18. Jahrhundert

Zunächst allerdings wird der Blick noch einmal geweitet, und zwar auf das intrikate Verhältnis von Wissen und Geschlecht im 18. Jahrhundert. Ein Verhältnis, welches sich vor allem als Frage nach Wissen, Bildung und Bildbarkeit von Frauen erweist. Jene Frage wurde im Lauf des 18. Jahrhunderts unterschiedlich beantwortet. Die Forschung hat hier eine Entwicklung gesehen; die entsprechende Entwicklungsthese, populär geworden durch Bovenschens Studie Die imaginierte Weiblichkeit (1979), wurde und wird immer wieder reproduziert. Behauptet wird bekanntlich die Entwicklung von einem frühaufklärerischen Frauenbild, welches das noch renaissancetypische Modell der gelehrten Ausnahmefrau unbefangen integriert, hin zur spätaufklärerisch-empfindsamen Idealvorstellung der nicht gelehrten, einerseits allgemein und andererseits geschlechtsspezifisch gebildeten Frau, die Wissen nicht um seiner selbst willen, sondern zur besseren Erfüllung ihrer Hausmutter- und Gattinnenpflichten erwirbt. Paradoxerweise kann man im Rahmen dieses Denkmodells sogar mit Bovenschen von einer Feminisierung der Kultur sprechen, denn mit der Ablehnung der weiblichen Gelehrten – Bovenschen spricht von der programmierten Inkompetenz der Frauen (Bovenschen 1979, S. 158) – geht durchaus die Etablierung der Frau nicht nur als häufiges Darstellungsobjekt der Literatur, sondern auch als ihr Subjekt, als Autorin und vor allem als passiv-rezeptive Leserin einher.

Einschluss der Frau in die literarische und kulturelle Welt bedeutet jedoch zugleich auch Ausschluss. Das 18. Jahrhundert verzeichnet zwar eine zunehmende Bedeutung der Frau für die Literatur, als Protagonistin, Autorin und Leserin fiktionaler Literatur. Doch natürlich nehmen sie nur bestimmte fiktionale Hauptrollen ein (Opfer, tugendsame Heldinnen), natürlich produzieren Frauen als Autorinnen nur bestimmte Texte und Textsorten wie etwa Briefe. Sie schreiben also in definierten Grenzen, was ihre Nicht-Teilhabe an kanonischen literarischen Gattungen impliziert (Schönborn [et al.] 2001). Und schließlich: Natürlich sollen Frauen auch nur bestimmte Sachen lesen, und vor allem nicht zu viel. ← 60 | 61 →

Die hier etwas ironisch angedeuteten Restriktionen durchziehen den maskulin dominierten Frauen-Bildungs-Diskurs des 18. Jahrhunderts wie ein roter Faden. Sie sind die nicht wegzudenkende Kehrseite der Bedeutungszunahme des Weiblichen und der Frau. Eine Schlüsselposition in dieser Entwicklung nimmt Christian Fürchtegott Gellert ein, der seiner Brieflehre und Autorpoetik das zeittypische empfindsame Konzept von weiblicher Nichtgelehrtheit und desto größerer Natürlichkeit zugrunde legt. Dass es sich dabei – bei weiblicher Natürlichkeit und zugleich vorausgesetzter Ungelehrtheit der Frau und ihres Schreibens – zuallererst um ein ästhetisches Postulat, nicht um eine Realität handelte, muss nicht eigens betont werden.

Viel wissende, gelehrte Damen sind Gellert ein Graus – seine bekannten Äußerungen dazu seien hier in Erinnerung gerufen: „Gelehrte Frauenzimmer braucht die Welt, denke ich, nicht sehr; aber ein Frauenzimmer, das gleich Ihnen, sich durch das Lesen guter Bücher, den Verstand, das Herz und den Geschmack bildet, ist ihrem Hause, ihren Freunden, einem künftigem Manne, Vergnügen, Glück und Ruhe.“; „Vor gelehrten Frauenzimmern erschrecke ich, weil ich fürchte, dass sie etwas anders sind, als sie seyn sollen […].“ (Gellert 1987, Bd. 2, S. 81, 221; 1991, Bd. 3, S. 121 f.)

Das Ideologem der natürlich-empfindsamen Frau setzt auf geschlechtliche Alterität. Nicht zufällig ist die Herausbildung einer weiblichen Sonderanthropologie ebenfalls in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu beobachten (Honegger 1991): Dichter, Philosophen, Pädagogen und Mediziner postulieren und konstituieren einträchtig die Naturalisierung des Geschlechterunterschieds. Rousseau, Gellert, Herder, Humboldt, Kant, Schiller sind wichtige Protagonisten in diesem diskursiven Feld.

Die Wahrnehmung entsprechender Tendenzen im Geschlechterdiskurs des 18. Jahrhunderts ist sicher zutreffend. Berechtigt sind allerdings Zweifel an der Allgemeingültigkeit daraus abgeleiteter teleologischer Entwicklungsmodelle. Viele Beispiele für zu schnelle Vereinnahmungen von zu wenigen Quellen für zu umfassende Thesen lassen sich finden. Die alte, aber wirkungsmächtige These von Hausen (1976) zur Herausbildung der dualistischen Geschlechtercharaktere zum Ende des 18. Jahrhunderts wird beispielsweise von Rang (1986) mit Verweis auf ähnliche Diskurse in der Frühen Neuzeit in Frage gestellt. Forschungen insbesondere aus dem angelsächsischen Bereich (Anne K. Mellor, Linda Colley) prüfen die ‚separate spheres‘-These, das heißt die lange als gültig gesetzten Zuordnungen des Mannes zur Öffentlichkeit, der Frau zur Privatheit. Wenn Grenz eine Entwicklungslinie von der frauenfreundlichen Frühaufklärung zur eher frauenfeindlichen Spätaufklärung zieht, die nämlich Frauen durch eine spezielle Literatur und damit durch die Schaffung eines Sonderpublikums, gesonderter Themen und Genres ghettoisiere (Grenz 1981, S. 8 u. ö.) – dann ist gerade der frühaufklärerische Frauenförderer par excellence, Johann ← 61 | 62 → Christoph Gottsched (1700–1766), in seiner Eigenschaft als Autor und Übersetzer popularisierender, zum Teil explizit an Frauen gerichteter Literatur hier nicht unterzubringen (auch wenn Grenz zu Recht sagt, dass die Moralischen Wochenschriften nicht nur an Frauen adressiert gewesen seien). Schon Martens konnte mit differenziertem Quellen- und Begriffsstudium die Forschungsthese widerlegen, die frühen Moralischen Wochenschriften hätten Frauengelehrsamkeit idealisiert; keineswegs haben sie „ein Ideal von Gelehrsamkeit im heutigen Sinne des Wortes für die Frau aufgestellt, von dem in der Empfindsamkeit wieder abgerückt worden wäre“. Zwar sprächen die Blätter der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts von gelehrten Frauenzimmern, doch nur, weil der Begriff ‚Bildung‘ noch nicht existiert habe (Martens 1968, S 527 f.; auch Weckel 1996, S. 364).

Eine weitere Beobachtung steht konträr zum gängigen Forschungstopos der zwei verschiedenen Jahrhundertshälften und ihrer Geschlechtermodelle: Gerade in der aus frauenhistorischer Sicht verpönten zweiten Jahrhunderthälfte, welche die schöne Weiblichkeit idealisierte und gegen weibliche Gelehrsamkeit polemisierte, ist plötzlich eine größere Offenheit der akademischen und publizistischen Gelehrsamkeit weiblicher Bildung und Bildsamkeit gegenüber zu verzeichnen. Darauf wies schon Hanstein hin, der mit einem Erlanger Vorlesungsplan das verstärkte Interesse der Universitäten an weiblichen Hörerinnen belegt (Hanstein 1900, Bd. 2, S. 357 f.).

Und schließlich: ob die Publikationsgeschichte von Corvinus’ Frauenzimmer-Lexicon tatsächlich so perfekt in die gängige Entwicklungsthese passt, wie es auf den ersten Blick scheint, – schon Hanstein (1900, Bd. 2, S. 216) stellt Corvinus’ Kompendium ja in diesen Kontext –, und ob es wirklich so einfach ist mit dem dort propagierten Frauenbild, wird sich zeigen. Allgemein erscheint es also sinnvoll und angemessen, von einem widersprüchlichen und ambivalenten Verlauf auszugehen, was Frauen und Bildung im 18. Jahrhundert angeht; von Entwicklungsmodellen, denen immer wieder neue Quellen zuzumuten sind und die kontinuierlich neu zu justieren und zu verifizieren sind.

2.Medien der Auseinandersetzung über Frauen, Gelehrsamkeit und Bildung

Der Diskurs über Wissen und Geschlecht, über weibliche Gelehrsamkeit und Bildung sowie deren Berechtigung, fand im 18. Jahrhundert in verschiedenen Medien und Textgenres statt. Fündig wird man in Büchern und Zeitschriften, in privaten und gelehrten Korrespondenzen. Die Ausprägungen und Formen des Diskurses sind vielfältig: Theoretische Traktate der Hausväterliteratur und literarisch-utopische Entwürfe von Frauenzimmerakademien – etwa in den Moralischen Wochenschriften Die Vernünftigen Tadlerinnen (1725/26), ← 62 | 63 → Discourse der Mahlern und Der Biedermann – stehen neben praxis- und anwendungsbezogenen Beiträgen zur weiblichen Bildung: Extra für Leserinnen erschienen Zeitschriften, Kalender, Lehrbücher und Lexika, wie auch das gleich näher betrachtete Nutzbare, galante und curiöse Frauenzimmer-Lexicon.

In England wurde über Frauenzeitschriften wie Lady’s Journal (1693 ff.) und Ladies Diary (1704 ff.) philosophische und wissenschaftliche Bildung vermittelt; in Frankreich schrieb Bernard le Bovier de Fontenelle mit seinen Entretiens sur la Pluralité des Mondes (1686) ein wegweisendes Philosophielehrbuch für Damen ( IV.), an dem sich nachfolgende Werke im 18. Jahrhundert orientierten: Clisanders Einleitung zu der Welt-Weißheit oder Philosophie eines galanten Frauenzimmers (1720) und, besonders populär, Francesco Algarottis Il Newtonianismo per le dame (1737, dt. Übs. 1745). Am didaktischen Genre des Frauenlehrbuchs beteiligten sich auch Autorinnen, Johanna Charlotte Unzer mit dem Grundriß einer Weltweisheit für das Frauenzimmer (1751) und Philippine von Knigge mit ihrem Versuch einer Logic für Frauenzimmer (1789).

Weitere Medien des Diskurses über Wissen und Geschlecht sind Frauenzimmer-Bibliotheken und Frauenzimmerkataloge. Frauenzimmer-Bibliotheken sind Leseempfehlungslisten für Frauen, wie sie beispielsweise der Vernünftler und der Patriot boten. Auch Gellert stellte solche Bücherlisten in seiner privaten Korrespondenz zusammen (Gellert 1987, Bd. 2, S. 207 f., 220–225). Wieder ist es ihm wichtig, durch seine Leseempfehlungen nicht zu weiblicher Gelehrsamkeit verführen zu wollen…: „Fürchten Sie nicht, daß ich Sie zum gelehrten Frauenzimmer verführen will; nein, die deutsche Sprache ist keine gelehrte Sprache, und wie ich die Gelehrsamkeit überhaupt nicht so gar sehr liebe, so dulde ich sie am wenigsten an einem Frauenzimmer. Aber man kann gute Bücher haben und lesen, ohne eine Dacier zu sein.“ (Gellert 1987, Bd. 2, S. 220)

Frauenzimmerkataloge wiederum sind Exempelsammlungen berühmter Frauen – die übrigens in der Forschung zum Teil etwas irreführend auch als ‚Frauenzimmerlexika‘ bezeichnet werden. Sie unterscheiden sich jedoch hinsichtlich der Textpragmatik wesentlich von letzteren: Frauen sind in den Katalogen Darstellungsobjekte, nicht rezipierende oder gar produzierende Subjekte. Die bekanntesten Frauenzimmerkataloge entstanden um 1700: Christian Franz Paullinis Das Hoch- und Wohl-gelahrte Teutsche Frauen-Zim~er (1705), Johann Caspar Ebertis Eröffnetes Cabinet deß Gelehrten Frauen-Zimmers, darinnen die Berühmtesten dieses Geschlechtes umbständlich vorgestellet werden (1706) und Georg Christian Lehms’ Teutschlands Galante Poetinnen Mit Ihren sinnreichen und netten Proben (1715).← 63 | 64 →

Abb. 6:Paullini 1705, Titelseite. © Bayerische Staatsbibliothek, Sign. H.lit.p 289.

Abb. 7:Lehms 1715, Titelseite. © Bayerische Staatsbibliothek, Sign. P.o.germ. 816 b.

Woods/Fürstenwald (1984) geben in ihrem Kompendium Schriftstellerinnen, Künstlerinnen und gelehrte Frauen des deutschen Barock einen Überblick über das Genre des Frauenzimmerkatalogs, mit Titeln von 1606 bis heute: Sehr instruierend, allerdings zugleich auch irritierend, da sie nicht zwischen Lexika und Katalogen differenzieren und sogar moderne Literaturlexika aufzählen.

3.Frauenzimmer (und) Lexika: Kontext und Konkurrenz

Das Nutzbare, galante und curiöse Frauenzimmer-Lexicon war bei Gleditsch gut platziert: In dem Leipziger Verlag waren in den vorangegangenen Jahren bereits mehrere bedeutende Lexika erschienen, in deren Tradition Corvinus sich explizit stellt. Seine Vorrede, überschrieben mit „Mes Dames & Demoiselles.“, beginnt folgendermaßen:

Gleichwie die Herren Verleger dieses Wercks durch ihre in der That sich selbst rühmenden deutschen Lexica dem männlichen Geschlechte bißher vortrefflich zu statten gekom~en, und denenjenigen, so der Lateinischen Sprache und derer ← 64 | 65 → darinnen versteckten Wissenschafften nicht kundig seynd, kein geringes Licht aufzustecken gesuchet, der Nutzen auch, der dem gemeinen Wesen durch Aushändigung solcher compendiösen und Lobens-würdiger Bücher zugewachsen, sich durch den bekannten Abgang mehr als zu sehr verrathen, also ist zugleich auch Ihre rühmenswürdige Vorsorge dahin mitgegangen, wie sie mit Ihrem nützlichen Verlag auch dem weibl. Geschlechte dienen, und selbigen dadurch einigen Vortheil göñen möchten. (Corvinus 1715, Vorrede, unpag. [S. 1])

An prominentester Stelle der Gleditsch-Lexika, die Corvinus hier lobend ins Auge fasst, ist zum einen Johann Hübners Reales Staats-, Zeitungs- & Conversationslexicon (1704) zu nennen, das erfolgreichste Zeitungslexikon des 18. Jahrhunderts und auch das erste seiner Art. Vorherrschendes Ziel von Zeitungslexika, jenen Vorläufern oder auch Frühformen der Konversationslexika, war, Wissen in kurzer und allgemeinverständlicher Form zu vermitteln und damit die gesellig-gesellschaftliche Kommunikation zu fördern. Gemeint sind damit tatsächlich begleitende, unterstützende Nachschlagehilfen beim Zeitunglesen (Hingst 1995, S. 21 ff.). 1712 ließ Gleditsch den zweiten Hübner folgen, das Curieuse Natur-Kunst-Gewerck und Handlungs-Lexicon. Beide Hübner-Lexika waren im 18. Jahrhundert stark verbreitet. Vom Staats-, Zeitungs- & Conversationslexicon erschienen über dreißig, meist kontinuierlich erweiterte Neuauflagen bis ins 19. Jahrhundert; das Curieuse Natur-Kunst-Gewerck und Handlungs-Lexicon wurde im 18. Jahrhundert 13mal neu aufgelegt ( II.4.1).

Im Jahr 1715 erschien bei Gleditsch nicht nur erstmalig Corvinus’ Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-Lexicon, sondern es kamen zugleich auch die siebte Auflage von Hübners Zeitungslexikon sowie ein Compendiöses Gelehrten-Lexicon auf den Markt. Das 2688 Spalten starke Werk führt laut Titel Persönlichkeiten so wohl männ- als weiblichen Geschlechts auf; es wurde mitverfasst von Corvinus’ Freund und lyrischem Vorbild Johann Burckhardt Mencke (1674–1733), der eine Gleditsch (Katharina Margaretha Gleditsch, 1684–1732) geheiratet hatte. Der vollständige Titel lautet:

Compendiöses Gelehrten-Lexicon, Darinnen Die Gelehrten, als Fürsten und Staats-Leute, die in der Literatur erfahren, Theologi, Prediger, Juristen, Politici, Medici, Philologi, Philosophi, Historici, Critici, Linguisten, Physici, Mechanici, Mathematici, Scholastici, Oratores und Poëten, so wohl männ- als weiblichen Geschlechts, welche vom Anfang der Welt grösten theils in gantz Europa biß auf jetzige Zeit gelebet, und sich durch Schrifften oder sonst gelehrte Welt bekant gemacht, an der Zahl über 20000. nach ihrer Geburth, Absterben, vornehmsten Schrifften, Leben und merckwürdigsten Geschichten, aus denen glaubwürdigsten Scribenten, die man jedesmahl fleissig angemercket, kurtz und deutlich nach Alphabetischer Ordnung beschrieben werden, Denen Liebhabern der Historie der Gelehrten, und andern curieusen Personen zu nützlichen Gebrauch zum Druck befördert. Nebst einer Vorrede Hn. D. Joh. Burchard Menckens, Königl. Polnischen und Chur-Sächsischen ← 65 | 66 → Raths, und Historiographi, wie auch Histor. Prof. Publici, der Königl. Engl. Societät Socii, des großen Fürsten-Collegii Collegiati und der Universität Leipzig z. Z. Rectoris. (Mencke [et al.] 1715)

Bereits ein Jahr später ließ Gleditsch, offenbar so richtig im Schwung, was Frauenzimmerlexika und -kataloge im weiteren Sinne angeht, ein Helden- und Heldinnen-Lexicon (1716) folgen, herausgegeben von Johann Friedrich Gauhe (1681–1755):

Historisches Helden- und Heldinnen-Lexicon, In welchem Das Leben und die Thaten derer Generalen, Admiralen, Feld-Marschalle, Obristen, Capitains, wie auch anderer Personen männlichen und weiblichen Geschlechts von allen Nationen, die sich von denen ältesten biß auf gegenwärtige Zeiten in den Kriegen zu Wasser und Lande, oder bey andern Gelegenheiten, durch ihre Tapfferkeit einen besondern Ruhm erworben, In Alphabetischer Ordnung mit bewährten Zeugnissen vorgestellet werden, Nebst Einer nöthigen Vorrede und Register. (Gauhe 1716)

Abb. 8: Mencke 1716, Titelseite. © google books, Library of the University of Michigan, Sign. Z 1010 M 54.

Abb. 9:Gauhe 1715, Titelseite. © google books, Library of the University of Michigan, Sign. CT 9750 G 27.

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Diese biographischen Lexika oder auch Kataloge unterscheiden sich allerdings deutlich von Corvinus’ Werk. Sein Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-Lexicon ist im 18. Jahrhundert beispiel- und konkurrenzlos. Um es nicht ganz so singulär erscheinen zu lassen, wird es zuweilen mit Georg Philipp Harsdörffers wesentlich früher erschienenen barocken Frauenzimmer Gesprächspielen (8 Bde. 1644–1657) verglichen. Diese weisen zwar hinsichtlich Thematik und Adressatenspezifik einige Parallelen auf, als Kompilationen von enzyklopädischem Wissen mit weiblichen Adressatinnen, weichen aber doch strukturell mit ihrer nicht lexikographischen, sondern dialogischen und narrativen Form stark von Corvinus’ Lexikon ab.

Und im 18. Jahrhundert selbst, das die drei Auflagen des Frauenzimmer-Lexicons von 1715 bis 1773 zeitigt? Kein anderes auf allgemeine, breit angelegte Wissensvermittlung und Bildung angelegtes frauenspezifisches Kompendium ist nachweisbar. Als reiner Haushaltsratgeber entpuppt sich das Compendieuse und stets-währende Handbuch des galanten und curieusen Frauenzimmers, das 1728 in Leipzig bei August Martini erschien. Es informiert auf nur 96 Seiten über Kücheninventar, Waschen und Reinigen mit deutlichem Schwerpunkt auf der Reinhaltung von Wäsche und Möbeln. Der Kern vortreflicher Künste, den der Titel anpreist, sind mit den artes liberales oder mechanicae nicht mehr in Verbindung zu bringen. Es geht einzig darum, die Wäsche von allerhand Eisen- und Dinten Flecken zu reinigen, goldene und silberne Spitzen, auch Flor zu waschen, Flecken aus denen Kleidern zu bringen. Das Pelzwerck für Motten zu bewahren, und Wäsche wohlrichend zu machen; Perlen, Edel-Gesteine, Gold- und Silber-Geschmeide wieder-auszuputzen und schön zu machen. Und auch Des galanten Frauenzimmers bequemes und nüzliches Hand-Buch Darinnen alle dem Frauenzimmer wohlanständige Wissenschafften und Häußliche Verrichtungen enthalten, 1756 in Esslingen von Friedrich Christian Schall herausgebracht und immerhin 680 Seiten umfassend, gehört zur Gattung Hauswirtschaftsbuch und hat nichts mit einem allgemeineren Bildungs- oder Wissensvermittlungsanspruch zu tun.

Zum 19. Jahrhundert: Ebenfalls in Richtung Haushaltsratgeber geht Caroline Leonhardts (d. i. Caroline Piersons) und Cäcilie Seifers Enzyclopädie der sämmtlichen Frauenkünste. Ein reiches Lehrbuch […] für Mädchen und Frauen von 1833. In dritter, vermehrter Auflage wird sie mit Encyclopädie aller weiblichen Hauptkenntnisse. Ein Lehrbuch zur sichern Erwerbkunde & ein Rathgeber in allen Fällen des weiblichen Wirkungskreises für Mädchen & Frauen (1843) überschrieben und steckt schon in diesem Titel die geschlechtsspezifisch definierten Grenzen weiblichen Wissens sehr deutlich ab. ← 67 | 68 →

Abb. 10:Herloßsohn 1834, Bd. 1, Titelseite. © zeno.org.

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Thematisch etwas breiter angelegt, wenn auch vergleichbar hinsichtlich des gegenderten Wissensbegriffs ist dann das erwähnte Damen Conversations Lexikon (1834–1838), das Carl Herloßsohn im Verein mit Gelehrten und Schriftstellerinnen herausgab und das er – in Konkurrenz zu der großen Zahl zeitgenössischer Konversationslexika – mit der Verschiedenheit der Geschlechter und ihrer Bedürfnisse legitimierte. Auch das Neueste Damen-Conversations-Lexikon. Ein Inbegriff des Gesammtwissens für die Frauenwelt (1856), welches laut Titel unter Mitwirkung der bedeutendsten Frauen der Gegenwart entstanden sein soll, ist hier zu nennen. Erst lange nach Corvinus, weit im 19. Jahrhundert, folgten also weitere auf Adressatinnen zugeschnittene allgemeinlexikographische Kompendien. Zwei weitere Titel seien erwähnt: Im Jahr 1900 erschienen in Berlin jeweils zweibändig das Illustrierte Konversations-Lexikon der Frau sowie das Goldene Buch für praktische Hausfrauen, Töchter, Verlobte u.s.w. Grosses illustriertes Frauen-Lexikon, letzteres herausgegeben unter Mitwirkung vieler Hausfrauen von Auguste Krüger und Franz Julius Dillon. Auch das letztgenannte Lexikon erweist sich nicht als ein Werk mit höherem Anspruch der Bildung und Wissensvermittlung, wie es Corvinus, aber auch Herloßsohn für ihre Werke beanspruchen. Vielmehr ist es einer von unzähligen Ratgebern für ‚tüchtige Hausfrauen‘, ‚fleißige Hausmütterchen‘ und ‚moderne Hausfrauen‘, die um die Jahrhundertwende auf den Markt kamen: Das Goldene Handbuch für praktische Hausfrauen ist laut Titel für alle Bedürfnisse u. Angelegenheiten in Wohnung, Küche, Keller, Garten zuständig und informiert außerdem über Kindererziehung und Schönheitspflege.

4.Gottlieb Siegmund Corvinus und sein Lexikon

Der Verfasser des Frauenzimmer-Lexicons, der Notar und Advokat Gottlieb Siegmund Corvinus (1677–1747), war ein heute unbekannter Leipziger Gelegenheitsdichter, der Lyrik und Prosa verfasste. Seine Gedichte orientieren sich am Werk seines bewunderten Leipziger Schriftstellerkollegen Johann Burkhardt Mencke (dazu Johnson 1973, S. 3–5). Corvinus’ durchaus voluminöser Lyrikband Proben der Poesie (1710/11) enthält teils rokokohafte bis galante, teils derb-satirische oder gar obszöne Verse; es folgten die Erzählung Das Carneval der Liebe (1712) sowie später die Reifferen Früchte der Poesie (1720). Zu seiner Zeit genoss Corvinus regionale Popularität, er verkehrte in den Kreisen des Leipziger Literaturpapstes Gottsched, dessen Frau eine satirische Lobrede auf Corvinus dichtete. Er war außerdem befreundet mit dem schon erwähnten früh verstorbenen Dichter Georg Christian Lehms (1684–1717), der den apologetischen Frauenzimmerkatalog Teutschlands Galante Poetinnen (1715) verfasste. ← 69 | 70 →

Die Gelehrten- und Dichterlexika des 18. und 19. Jahrhunderts widmen Corvinus jeweils schmale Artikel: Christian Gottlieb Jöchers Allgemeines Gelehrten-Lexicon (1750), Friedrich Raßmanns Deutscher Dichternekrolog (1818), Franz Brümmers Deutsches Dichter-Lexikon (1876/77) sowie sein Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten (1884). Allerdings erwähnen sie alle das Frauenzimmer-Lexicon nicht – obgleich dessen Rezeptionsgeschichte die der galanten Poesien des Leipzigers an Bedeutung weit übertrifft.

Die literaturgeschichtliche Forschung beschäftigt(e) sich kaum mit Corvinus. Außer Witkowskis ebenso ausführlicher wie kritischer Würdigung des Dichters in der Geschichte des literarischen Lebens in Leipzig (1909) sind lediglich Johnsons Monographie zur Lyrik (The Poetry of Gottlieb Siegmund Corvinus, 1973) und die beiden Aufsätze von Brandes (1998) und Meise (2001) zum Frauenzimmer-Lexicon zu nennen. Allgemein ist die spätere Corvinus-Rezeption meist negativ, zumindest ambivalent; die nachgalante, zumal aufklärerische, erst recht goethesche Zeit konnte mit ihm wenig anfangen (Johnson 1973, S. 14–18). Corvinus-Forscher Johnson setzt sich von dieser negativen Rezeptionslinie ab, wenn er den Leipziger als einen der meisttalentierten und repräsentativen galanten Lyriker wiederzuentdecken versucht.

Vor allem aber Corvinus Frauenzimmer-Lexicon errang große Bekanntheit zu seiner Zeit. Das bezeugen außer den später überarbeiteten Neuauflagen von 1739 und 1773 auch Rezensionen; Pro und Kontra verteilen sich auf die Deutschen Acta Eruditorum und die Neue Bibliothek oder Nachricht und Urtheil von neuen Büchern, beide 1715. Nasse weist daraufhin, dass es sich bei diesem Pro und Kontra um buchhändlerische Konkurrenzkämpfe und Konfliktlagen handelte. Die Neue Bibliothek war das Hausblatt der Rengerischen Buchhandlung, des großen Leipziger Konkurrenten von Gleditsch – hier wurde nicht nur das Frauenzimmer-Lexicon aus dem Hause Gleditsch kritisiert (Nasse 1976, S. 352; zur Corvinus-Rezeption Rogers 2003, S. 61).

In den Frauenzimmerbibliotheken vielgelesener Moralischer Wochenschriften wurde Corvinus’ Lexikon obligatorisch genannt (zum Patrioten Nasse 1976, S. 349–354). Ein andersartiges und nicht minder interessantes Rezeptionszeugnis bildet der Band Alltagsleben einer deutschen Frau zu Anfang des 18. Jahrhunderts von Dr. Alwin Schultz, erschienen 1890 in Leipzig. Ihm liegt fast ausschließlich das Frauenzimmer-Lexicon des Corvinus zugrunde, aus dem der Verfasser ein „Bild von dem Leben und Treiben einer deutschen Frau jener Zeit entwerfen“ (Schultz 1890, S. V) will. Den Einblick ins 18. Jahrhundert glaubt Schultz mit und im Frauenzimmer-Lexicon ungefiltert genießen zu können und ein „lebensvolles und lebenswahres Bild jener Zeit“ (Schultz 1898, S. XIV) präsentieren zu können. Auch Witkowski, der 1909 die Geschichte des literarischen Lebens in Leipzig schreibt, sieht im Frauenzimmer-Lexicon „viel wertvolles Material zur Kulturgeschichte“ (Witkowski 1909, S. 287) gespeichert. ← 70 | 71 →

4.1Emanzipation oder Kontrolle? Thesen zur Funktion des Frauenzimmer-Lexicons

Die zentrale Frage, die an das Frauenzimmer-Lexicon gestellt werden soll, ist in zwei konträren Thesen formulierbar. Die eine: Frauen werden in Corvinus’ Lexikon zu Subjekten eines Wissens, über das sie autonom verfügen können; es ist ein emanzipatorisches Förderinstrument für das bis dato kaum gebildete weibliche Geschlecht. In der Forschung ist immerhin zu lesen, das Frauenzimmer-Lexicon gebe „dem Frauenzimmer nur noch einmal die Gelegenheit, sich über bestimmte Namen, Ausdrücke, Begriffe oder Fragen […] schnell und in knapper Form Auskunft zu holen“ (Nasse 1976, S. 411); geliefert werde „spezifisch auf den weiblichen Alltag zugeschnittenes Wissen“, wodurch frauenspezifische Literatur und Bildungsmittel zur Verfügung gestellt würden (Brokmann-Nooren 1994, S. 74). Ähnlich verortet Brandes (1998) Corvinus’ Werk im Kontext der Frühaufklärung, die die Frau in den Bildungsprozess einbeziehe. Und im neuen Killy Literaturlexikon schließlich, welches Corvinus einen eigenen, kurzen Artikel widmet, wird das Frauenzimmer-Lexicon als „frühes Zeugnis für die aufklärerischen Bemühungen um die Erziehung u. Bildung des weibl. Geschlechts“ (Festner 2008, S. 488) bezeichnet.

Oder – Gegenthese – das Frauenzimmer-Lexicon ist ein Instrument zur Lenkung, Kontrolle und Beschränkung weiblichen Wissens, welches gerade den Ausschluss der Frau aus der männlichen Wissenswelt und damit ihre diskursive Ghettoisierung betreibt. Diese Sichtweise knüpft an die inzwischen als Gemeinplatz der Forschung geltende Vorstellung von der Ghettoisierung und sogar der Unterdrückung der Frau durch die Genderisierung von Wissen, Bildung und Literatur seit dem 18. Jahrhundert an.

Um die Frage zu klären – Lexikon als emanzipatorisches Fördermedium oder als Lenkungs- und Beschränkungsinstrument –, ist der Blick auf das im Frauenzimmer-Lexicon angelegte Leserinnenkonzept zu richten, sekundiert von sporadischen Seitenblicken auf andere Lexika. Zu erkunden sind Rezeptionsdirektiven und ihre geschlechtsspezifischen Implikationen, wie sie in Corvinus’ Werk angelegt sind. Was ist nun genau dieses Leserinnenkonzept, wo und wie lassen sich im Text rezeptionssteuernde Vororientierungen, Signale oder auch rezeptionswirksame Leerstellen aufspüren?

Gunter Grimm listet alle möglichen Textelemente auf, die seines Erachtens Verweispotenzial für die Rezeption besitzen. Wenn man sich diese Liste ansieht – die zum Beispiel Gattungsbezeichnung, Kapitelüberschrift, Erzählstrategie, Erzählerfigur, Perspektive, Leserfigur und fiktiven Dialog enthält (Grimm 1977, S. 32) –, gewinnt man den Eindruck, alles im Text habe Signalwirkung, alles sei Leerstelle, sei Impuls für die Lesenden. Das ist in gewissem Sinn auch so. Prinzipiell sind alle Textelemente Rezeptionssignale, und sie sind immer auch geschlechtsspezifisch kodiert: Das Leserinnenkonzept ist ← 71 | 72 → die Gesamtstruktur des Textes unter Rezeptionsaspekten betrachtet, es ist die Gesamtheit der textinhärenten Rezeptionselemente.

Wie viel da steht oder wie wenig, was da steht und was nicht, wie es da steht und wie nicht – das alles sind Faktoren der Leser(innen)orientierung und -lenkung. Sie strukturieren die folgende Durchsicht des Frauenzimmer-Lexicons. Es geht um die Selektivität der Wissensinhalte, die Quantität der Wissensinhalte, die Vermittlung des Wissens und die transportierten Geschlechtermodelle. Die schmale Corvinus-Forschung hat diese Aspekte bisher nicht annähernd ausgelotet.

4.2„Die unentbehrlichen weiblichen Wissenschaften“: Selektivität der Wissensinhalte

Wie wird Wissen selegiert, ein- und zugleich ausgeschlossen aus dem lexikographischen Diskurs? Programmatisch flankiert wird der unweigerlich und kontinuierlich stattfindende Selektionsprozess zunächst von Paratexten, insbesondere Vorreden; teilweise auch von selbstreflexiven Artikeln des Lexikons selbst. Besonders bemerkenswert in Corvinus’ Lexikon ist das 1739 neu hinzugekommene Lemma ‚Frauenzimmer-Bibliothek‘. Die Frau erfährt, was sie zu lesen hat und was nicht:

Bücher, welche zum Christenthum, Unterhaltung der Gottesfurcht, zu einer wohlgesetzten Conduite und einem ehrbaren Lebens-Wandel dienen, wovon der Frau Marckgräfin von Lambert neue Betrachtungen über das Frauenzimmer, Leipzig 1731 in 8v. nachzulesen, werden hier nicht berühret; sondern wir wollen nur diejenigen hier beybringen, welche zur Haushaltung, Kocherey und Galanterie Anlaß geben. Solche sind: […]. (Corvinus 1739, Sp. 501)

Es folgt eine Aufzählung von gerade einmal fünfzehn Titeln, bei denen es sich um ‚ökonomische Lexika‘, Koch- und Haushaltungsbücher handelt. Fünfzehn Titel, die noch dazu alle außer einem eigentlich als überflüssig dargestellt werden: „Demjenigen Frauenzimmer, welches sich nicht viel Bücher anschaffen mag, wird das unter der zweyten Numer erwehnte allgemeine Oeconom. Lexicon stat aller gnugsame Befriedigung geben.“ (Corvinus 1739, Sp. 502) Durch solche ebenso programmatische wie konkret postulierte Selektion des zu lesenden Wissensstoffs wird so etwas wie ‚weibliche Wissenschaften‘ (Corvinus 1773, Sp. 1076) überhaupt erst konstruiert. Auswahl und Organisation der Inhalte sind geschlechtsspezifisch.

Vor allem aber geschieht Lenkung des Leseverhaltens natürlich durch die inhaltlich-thematischen Selektionsentscheidungen selbst, auf der organisierenden Textstrukturebene. Was da steht, kann gelesen werden, was nicht, das nicht. Und was steht da? Corvinus will in seinem Lexikon den „Inbegriff alles desjenigen, was zum weibl. Geschlechte gehöret“ (Corvinus 1715, Vorrede unpag. [S. 6]), versammeln. All dasjenige, was zum weiblichen Geschlechte ← 72 | 73 → gehört? Das hört sich nach einer restriktiven Selektion des zu vermittelnden Wissens an. Dennoch ist Corvinus’ adressierte Leserin nicht auf Kirche, Küche, Kinderzimmer beschränkt – sein vielschichtiges Lexikon transportiert widersprüchliche Geschlechtermodelle, es bringt disparate Diskurse zusammen, und dabei eben auch den Diskurs weiblicher Gelehrsamkeit. Ausdrücklich unterteilt Corvinus seine Adressatinnen in das haushältige, das curiös-galante und das gelehrte Frauenzimmer. All diese Frauentypen sollen Lesenswertes zu Belehrung und Unterhaltung finden:

Denn was die Abfassung dieses Wercks betrifft, so habe ich mir dreyerley Classen Frauenzim~er bey Ausarbeitung dessen vorgestellet, als nehmlich, das haushältige und sorgfältige, das curiöse und galante, und endlich das gelehrte Frauenzimmer, welche allerseits bey Durchblätterung dieses Lexici verhoffentlich etwas finden sollen, das nach ihrem Goust ist, und selbigen ein und andern Nutzen allerdings versprechen wird. (Corvinus 1715, Vorrede, unpag. [S. 3])

Corvinus’ Ausführungen zu jener dritten ‚Classe Frauenzimmer‘ muten geradezu beispielhaft für die vielbeschworene frühaufklärerische Offenheit weiblicher Gelehrsamkeit gegenüber an:

Was nun endlich das gelehrte Frauenzim~er anbelanget, so hoffe ich, daß sie dieses Buch nicht umsonst u. ohne Vergnügen in ihre klugen Hände nehmen sollen; Sie finden darinne eine solche Zahlreiche Academie gelehrter Weibesbilder, als sie wohl auf keiner Universität unter allen vier Theilen der Welt antreffen sollen, und werden bey ihrem Umgang und gelehrten Unterredungen mit Wunder wahrnehmen, daß dieser mehr als edle und preiß-würdige Musenberg dem ehemahls von dem Alterthum erdichteten Helicon weit vorzuziehen sey, weil auf selbigen vormahls nur neun Musen, auff diesen aber neunhundert und noch weit mehr Pierinnen sitzen, welche sich durch ihre vortreffliche Gelehrsamkeit bey der Welt signalisiret, und den verächtlichen titul, ob wäre das weibl. Geschlechte nur ein schwaches Werckzeug zu beneñen, durch ihre Stärcke des Verstandes und recht männlichen Geist mit allen Beyfall sattsam abgelehnet. (Corvinus 1715, Vorrede, unpag. [S. 7 f.])

Für alle drei Sorten Leserinnen soll also etwas dabei sein. Dazu bietet Corvinus in alphabetischer Reihenfolge diverse Wissensgebiete an: Geschichte, vor allem weibliche Personengeschichte, Literatur, Kunst, Religion, Philosophie, Mythologie, Medizin, Recht, Kindererziehung, Kosmetik, Mode, Schmuck, Haushalt, Kochen, Handarbeiten, Freizeitgestaltung.

Besonders interessant allerdings sind die Leerstellen des aufgespannten Wissenskosmos. Es fehlen beispielsweise Artikel zur naturwissenschaftlich-mathematischen und staatspolitisch-historischen Bildung (dazu Brokmann-Nooren 1994, S. 77); derartige männlich kodierte Wissensdomänen werden fast gar nicht betreten. Wenn dies doch einmal geschieht, wie bei Jura und Medizin, beschränken sich die entsprechenden Artikel auf für den weiblichen Alltag zugeschnittenen, lebenspraktischen und nicht gelehrten Wissenstransfer. ← 73 | 74 → Übrigens scheint in einigen dieser Artikel der Jurist Corvinus unverkennbar durch, etwa bei den detaillierten Ausführungen zu Ehestand und Ehescheidung, Ehe-Geld, Ehe-Ordnung und Ehe-Pacten, Ehesteuer und Ehestifftung.

Weitere Leerstellen fallen auf. Obgleich die als typisch weiblich kodierten Themen Ehe, Liebe, Kinder ausführlich vertreten sind, fehlen Artikel zu entsprechenden biologisch-physiologischen Phänomenen und Prozessen. Kinderbezogene Artikel beschreiben Zubehör für Kinderpflege und -betreuung, und zum Thema Liebe findet man lediglich einen weniger deskriptiven als appellativ-mahnenden Artikel zur ‚Thörigten Liebe‘: „sonderlicher weiblicher Zufall, da sich die Weibes Bilder durch eine blosse phantastische und ungereimte hefftige Liebes-Einbildung einer gewissen Person stetig beunruhigen, und sie darbey eine febrilische Hitze und Gemüths-Verwirrung überfällt.“ (Corvinus 1715, Sp. 2016)

Derartige biologisch-physiologische Phänomen und Prozesse haben indessen in der zeitgenössischen allgemeinen Lexikographie durchaus einen Ort, etwa bei Hübner. Zwar spart der erste Hübner, das Reale Staats- und Zeitungs-Lexicon, den Bereich Natur im weiten Sinne ja noch bewusst aus und kümmert sich daher auch nicht um physiologische und biologische Fragen – unter Liebe findet man dort nur „suche Löbau“… (Hübner 1704, Sp. 619). Im zweiten Hübner dann aber, dem Curieusen Natur-Kunst-Gewerck und Handlungs-Lexicon, sind zwar ‚Abtreiben‘ lediglich ein Bergwerksbegriff und ‚Jungfer‘ einer aus Münzwesen und Steinsetzerkunst. Doch zu lesen ist auch etwas über Coitus, Gynaeceum, Gynaeceia – Frauenkrankheiten –, Gynacomastum – Anschwellen der Brüste –, Hermaphroditus – „ein Mensch, der beyder Geschlechter Scham-Glieder hat, und ein Mann und Weib zugleich ist“ (Hübner 1712, Sp. 622) –, über Penis und Semen/Saamen – „die Feuchtigkeiten […], welche so wohl dem Menschen, als Vieh im Coitu oder Beyschlaff entgehen“ (Hübner 1712, Sp. 1154), über Sperma, Vagina und Clitoris. Letztere wird noch als „penis muliebris“ oder „Weiber-Ruthen“ bezeichnet (Hübner 1712, Sp. 342): Wie gleich am Frauenzimmer-Lexicon gezeigt wird, erfasst die zeitgenössische Lexikographie seismographisch den kulturgeschichtlichen Transfer von one- zum two-sex-model (Laqueur 1992).

Von diesen im Hübner nachzuschlagenden und erläuterten Begriffen stellt Corvinus seinen Leserinnen lediglich ‚Gynaeceum‘ und ‚Hermaphroditus‘ vor. Der Artikel zum Gynaeceum zeigt dabei große Übereinstimmung zu dem analogen bei Hübner. Dort hieß es, mit ‚Gynaeceum‘ sei in der Antike der Teil des Hauses bezeichnet worden, wo sich Griechinnen und Römerinnen aufgehalten hätten; heute nun sei damit „dasselbige Gebäude“ gemeint, „wo eine Anzahl von jungen Frauen ← 74 | 75 → zimmer beysammen wohnet, und in allerhand dem weiblichen Geschlechte anständigen Wissenschafften erzogen wird“ (Hübner 1712, Sp. 600). Corvinus übernimmt diese Informationen und führt sie aus: Ein Gynæceum (sic!) sei ein Gebäude, „wo eine Anzahl von jungen Frauenzimmer beysammen wohnet, und in allerhand dem weiblichen Geschlechte anstehenden Künsten und Wissenschaften erzogen wird“ (Corvinus 1715, Sp. 706).

Nicht nur hier zeigt sich, dass Corvinus die früheren Gleditsch-Lexika zumindest partiell zu Rate gezogen und geschlechtsspezifisch gefiltert hat. Seine Selektionsentscheidungen deuten darauf hin, dass er konkrete Sexualaufklärung als für Frauen ungeeignet ansieht. Stattdessen wird das für Frauen hinsichtlich Liebe, Ehe, Partnerschaft, Kindern Wissenswerte nach moraldidaktischen Gesichtspunkten ausgewählt: Mit der Vermittlung von Wissen geht seine Kontrolle Hand in Hand. Pikanterweise empfehlen die Frauenzimmerbibliotheken der Moralischen Wochenschriften den von Corvinus diesbezüglich so sorgfältig redigierten Hübner durchaus: Über einen anderen Weg gerät das ausgeschlossene Wissen erneut in den Fokus zeitgenössischer Leserinnen.

Dass Corvinus die Leserin vor allem als moraldidaktisch zu Erziehende, nicht als durch Wissen zu Bildende konzipiert, dokumentiert auch die Aufnahme von Lemmata wie ‚Schwächen‘ (für Schwängern), von ‚Abtreiben Kinder‘, definiert als „gottlose und verfluchte Art der Huren“ (Corvinus 1715, Sp. 28), und von ‚Beyschlaf‘. Letzterer wird keinesfalls erklärt, sondern lediglich mit der Belehrung verbunden, Sex vor der Ehe sei strafbar. Nebenbei sei als Curiosum erwähnt, dass Corvinus vorehelichen Geschlechtsverkehr nur bezogen auf einen bestimmten Fall berücksichtigt. Ein Fall, der ihm selbst als Rechtsanwalt vorgekommen zu sein scheint, der ihn zumindest ganz offensichtlich beschäftigte und den er hier erwähnt: Handwerker dürften nämlich einen solchen Sünder nicht aus ihrer Innung ausschließen, erfahren die Leserinnen die Rechtsauslegung des Verfassers, weil das der staatlichen Gerichtsbarkeit überlassen bleiben sollte.

Oftmals gehen im Frauenzimmer-Lexicon Faktizität und Legende eine unauflösliche Verbindung ein; Realien stehen neben Aberglauben, nüchterne Deskription neben Anekdoten und Legenden: Teilweise ist es durchaus noch stark einem voraufklärerisch-frühneuzeitlichen Wissensbegriff verpflichtet. So informiert Corvinus’ Artikel ‚Brüste‘ – „jene fleischichte, runde und mit den gehörigen Mammellons gezierte Vorder- und Ober-Theile“ – über phantastische Erscheinungsformen der weiblichen Brust: „Etlichen Indianischen Weibern wachsen sie fast biß auf den Schos herunter, hingegen findet man auch wieder andere, so selbige können über die Achseln werffen.“ (Corvinus 1715, Sp. 269) Im Artikel zu Zwillingen folgen der zunächst noch nüchternen biologischen Erklärung unvermittelt kühne Geschichten von Hundertlingen und Dreihundertfünfundsechziglingen. Zwillinge, erklärt Corvinus,

Heissen zwey Kinder, so von einer Mutter auf einmahl gebohren worden; Sie werden gar selten beyderseits aufgebracht und erzogen, indem meistentheils einer von dem andern wegzusterben pfleget. Dergleichen Zwillinge werden gar ← 75 | 76 → öffters gebohren, und hat man hier und dar Exempel, daß eine Mutter auf einmahl 3. bis 4. Kinder zeugen kan. Die Heroische Chaleis oder Combe hatte 100. Kinder zur Welt gebracht; […] Margaretha, eine Holländische Gräfin hat im 40. Jahre ihres Alters in einer Stunde auf einmahl 365. Kinder gebohren. […] Desgleichen bekam Irmentrude des Grafen von Altorff aus Provence Gemahlin zwölff Kinder auff einmahl. (Corvinus 1715, Sp. 2174)

Extreme Mehrlingsgeburten haben die curiositas der Frühen Neuzeit natürlich schon immer gereizt; entsprechende Geschichten wandern kreuz und quer durch den buntschriftstellerischen und enzyklopädischen Diskurs. So kennt auch nicht erst Corvinus jene holländische Gräfin Margarete mit ihren 365 Kindern. Sie begegnet bereits in einer barocken Kompilation des Dichters und Poetikprofessors Timotheus Polus (1599–1642), die überschrieben ist mit Lustiger Schauplatz/ Da allerley Personen/ Aempter/ Stände/ Künste/ Händel/ Gewerbe vnd Handwercke/ Wie auch derselben Anfänger/ Erfinder vnd Vermehrer bey einander sind: Aus Bramero, Garzonio, Laurembergio, Camerario, Herbergero vnd andern bewereten Scribenten kurtz zusammen gezogen vnd nach dem ABC. in eine richtige Ordnung gebracht (1639; dazu Roßbach 2011), und zwar unter dem Lemma „Mütter vieler Kinder“. Die phantastische Mehrlingsgeburt wird bei Polus übrigens nicht nur informativ beschrieben, sondern moralisch bewertet: als Gottesstrafe für Geiz und, interessanterweise, auch für biologisches Unwissen:

Mütter vieler Kinder.

EIn Gräfin aus Holland Margarita genant gebahr auff einmahl 365. Kinder. Solche Geburt aber war eine Strafe Gottes: Denn als ein armes Weib mit zweyen Kindern die Zwillinge waren/ zu dieser Gräfin kam und Allmosen begehrete/ gab jhr die Gräfin nicht alleine nichts/ sondern beschuldiget sie auch Ehebruchs/ sagend es were nicht möglich daß von einem Manne könten Zwillinge gezeuget werden. Das unschüldige Weiblein zu erklärung jhrer Vnschuld/ wünschete der Gräfin/ daß sie so viel Kinder gebären möchte/ als Tage im Jahre sind/ welches auch hernach geschahe. Dann im 42. Jahre jhres Alters am heiligẽ Ostertage umb 9. Vhr vor Mittage gebar sie 365. lebendige Kinder/ an der grösse kleinen Küchlein oder Hünlein gleich/ wurden alle getaufft/ und die Knäblein Johannes die Mägdlein aber Elisabeth genennet/ sturben aber bald nach der Tauffe sampt der Mutter. (Polus 1651 [ED 1639], S. 319 f.)

Übrigens ist es natürlich nicht nur Corvinus, der hier die typisch vormoderne Synthese von Wissen und Nichtwissen, Mythos und Aberglauben bis in den enzyklopädisch-lexikographischen Diskurs des Aufklärungszeitalters hineinträgt. Bekanntlich integriert auch die größte Enzyklopädie des 18. Jahrhunderts, Zedlers Universal-Lexicon, trotz aufklärerischem Impuls immer noch mystisch-mythische Elemente. In den beiden betreffenden Lemmata zu Brüsten und Zwillingen ist der Zedler allerdings viel deskriptiver als das Frauenzimmer-Lexicon, aus dem er durchaus auch Texte übernommen hat. ← 76 | 77 → Die Brust beschreibt Zedler ohne Unterscheidung der Geschlechter rein anatomisch-pathologisch; bei Mehrlingsgeburten geht er nicht über die realistische Zahl fünf hinaus (Zedler 1733, Bd. 4, Sp. 1659; 1751, Bd. 64, Sp. 1648).

Zur selektiven Präsentation von Wissensinhalten lässt sich auch diachron, mit Blick auf die drei Auflagen des Frauenzimmer-Lexicons, Signifikantes beobachten: Das Leserinnenkonzept der dritten Auflage ist nicht mehr das gleiche wie das der ersten Auflage. Wenn die Forschung sich für Corvinus’ Lexikon interessiert, dann vor allem für den – tatsächlich sehr instruktiven – diachronen Vergleich der Auflagen von 1715, 1739 und 1773; dabei finden die programmatischen Vorreden besondere Beachtung. Die Publikationsgeschichte des Frauenzimmer-Lexicons gilt als modellhaft für die Entwicklung von einem gelehrtenfreundlichen Frauenbild hin zum Ideal der leidlich gebildeten Gattin, Hausfrau und Mutter ebenso wie dem der schönen Weiblichkeit. Allerdings bietet ein detaillierter Vergleich, der über die Vorreden hinausgeht, ein modifiziertes und differenzierteres Bild. Die zweite Auflage nämlich, fast 25 Jahre nach der ersten erschienen, ist zwar quantitativ weniger umfangreich, weist jedoch, abgesehen von der Vorrede, inhaltlich kaum Abweichungen vom Erstdruck, von dessen Geschlechtermodell und Leserinnenkonzept auf: Die überwiegende Zahl der stichprobenartig überprüften relevanten Lemmata enthält identische Wortlaute.

In den 34 Jahren zwischen der zweiten und der dritten Auflage ist hingegen auch qualitativ Entscheidendes passiert. Die anonym bleibenden Nachfolger des verstorbenen Corvinus schlagen eine abweichende, hinsichtlich des Bildungsdiskurses reaktionär anmutende Richtung ein. In der Vorrede polemisieren die Herausgeber gegen weibliche Gelehrte und fordern eine qualitative Restriktion weiblicher Wissenschaften:

Die unentbehrlichen weiblichen Wissenschaften schränken sich auf gute Kenntnisse in der Religion, Erziehungskunst der Kinder, und allem, was zum häuslichen Wesen gehöret, vorzüglich ein: hat ein Frauenzimmer hierüber durch vernünftige Lecture und den Umgang mit gelehrten Leuten seinen Witz feiner, sein Herz edler und seinen Verstand schärfer gemacht, so ist es, zumal bey damit verbundener Bescheidenheit, desto liebeswürdiger und schätzbarer. Keine Frauenspersonen sind unerträglicher, als die phantastisch-zärtlichen Schäferinnen und schulgelehrten Pedantinnen. (Corvinus 1773, Sp. 1076)

Konsequenterweise wird in dieser dritten Auflage ein Großteil der Artikel zu berühmten Frauen getilgt und durch Informationen zur Kochkunst ersetzt – der indirekte Verweis auf eine zwischenzeitlich teilweise erschienene Geschichte berühmter Frauenzimmer (1772–1775) ist dafür nur eine magere Entschuldigung: Die „gelehrten Frauenzimmer und Künstlerinnen hingegen hat man, so wie die Heldinnen neuerer Zeiten, größten Theils dem Verfasser der oben gedachten Geschichte berümter Frauenzimmer überlassen wollen, um hier den Platz zu sparen“ (Corvinus 1773, Vorbericht, unpag. [2]), heißt es halbher ← 77 | 78 → zig. Getilgt wird zudem Polemisch-Derbes und Legendenhaftes, um es durch sachlich-nüchtern präsentierte Fakten zu ersetzen: Das Wort ‚Hure‘ fehlt in der Erläuterung zum ‚Abtreiben der Leibesfrucht‘, Brüste werden nicht mehr über die Schulter geworfen und Hexen, die noch 1739 als böse, gottlose Weiber, die mit dem Teufel im Bund stünden, charakterisiert werden, gibt es nun nicht mehr – höchstwahrscheinlich jedenfalls: „Heut zu Tage giebt es entweder keine mehr, oder man glaubt doch keine.“ (Corvinus 1773, Sp. 1388)

Die Dimension der Inhaltsselektion ist nicht nur in Corvinus’ Frauenzimmer-Lexicon entscheidend für die rezeptive Orientierung und Lenkung und damit für die Generierung eines textinhärenten Leserinnenkonzepts, sondern auch für spätere Gattungsrepräsentanten. Wenige angedeutete und keineswegs vollständige Ausblicke auf andere Frauenzimmerlexika müssen genügen. So wie Corvinus’ Frauenzimmer-Lexicon will auch Carl Herloßsohns Damen Conversations Lexikon (1834–1838) über hundert Jahre später einen weiblich induzierten Wissenskosmos erschließen. Breiten Raum nehmen dabei Frauenbiographien ein, da, so Schaser,

die Redaktion davon ausging, dass sich den Leserinnen die Welt vor allem über das Leben von Frauen erschließen würde. Geschichte wird in Form romantischer Erzählungen präsentiert, Religion, Mythologie, Kunst und Musik, Mode und Luxusartikel breiter Raum eingeräumt, Erkenntnisse der Naturwissenschaften als leichte Kost serviert: Während z. B. der Artikel über Zinn – ein Metall, das für die Industrialisierung von großer Bedeutung war – in Meyers Großem Conversations-Lexicon von 1852 auf 13 Seiten behandelt wird, widmet das Damenlexikon diesem Stoff gerade eine halbe Seite. (Schaser 2006)

Charakteristisch für die Inhaltsselektion Herloßsohns ist zudem die Aufnahme allgemein bekannter, eigentlich nicht erläuterungsbedürftiger Begriffe. Damit steht er unverkennbar in Corvinus’ Nachfolge – bezeichnend ist die amüsante Corvinus-Kritik eines unwirschen Rezensenten in den Deutschen Acta Eruditorum:

Mancher wird nicht begreifen können, warum Herr Amaranthes, als ein Gelehrter, seine Zeit an ein Buch, welches das Frauenzimmer leicht entbehren könnte, angewendet? ein anderer wird sich wundern, daß man so viel unnöthige Dinge erkläret, als Bier, Brod, Fische, Finger-Hut, Leuchter, Schachtel, Steck-Nadel, Hemde, Karten, eine Hure, ein Floh, eine Katze, u. d. g., welche Sachen kleinen Kindern, so nur Deutsch reden können, bekannt sind. (anonym 1715a, S. 892 f.)

Herloßsohn nun erläutert also ebenfalls allgemein bekannte Begriffe wie ‚Frau‘, ‚Kind‘ und ‚Gatte‘. Selbstredend erklärt er nicht, worum es sich dabei handelt – die Artikel haben appellativen, nicht deskriptiven Charakter. Die Lesenden erfahren nicht, was eine Frau ist, sondern wie sie sich zu verhalten habe. Unverkennbar konzipiert auch hier das implizierte Modell einer Lexikonleserin die Frau nicht als zu Bildende, sondern als zu Erziehende. Nicht von ungefähr findet ← 78 | 79 → man bei Herloßsohn unter ‚Bildung‘ die Erklärung, die „Kenntniß des Mannes ist das wichtigste Gesetz der Ehe für Frauen“; die ‚Ehe‘ wiederum erscheint als „der erhabenste, der einzige weibliche Beruf“ (Herloßsohn 1834, Bd. 2, S. 70; 1835, Bd. 3, S. 275). Diese von Herloßsohn vorangetriebene moralisierende und pädagogisierende Tendenz legt es nahe, die Textsorte Frauenzimmerlexikon in Frage zu stellen oder zumindest als Grenzphänomen wahrzunehmen: Das Lexikon wird zum moralischen Lehrbuch.

Im Gegensatz dazu ist das spätere Neueste Damen-Conversations-Lexikon. Ein Inbegriff des Gesammtwissens für die Frauenwelt, 1856 sechsbändig im Leipziger Verlag der Roßberg’schen Buchhandlung erschienen, tatsächlich vorwiegend Informationsliteratur, nicht Morallehre. Artikel über Ehe, Familie, Gatte, Kind und Mann sucht man vergeblich; am Anfang steht ein daten- und zahlengesättigter Artikel über die Stadt Aachen. Wissen ohne Geschlecht gibt es dennoch auch hier nicht. Besonders deutlich zeigt das der Artikel über ‚Emancipation‘, der hier erstmals auch die Emanzipation der Frauen meint und in ihr einen Abweg verirrter Geister sieht: „Bei dem gesunden Sinne des deutschen Volkes hat diese Idee einiger Schwärmer nie Anklang gefunden, und die Frauen sind nicht aus ihrem schönen, ihnen von Gott angewiesenen Wirkungskreise, als Gattin und Mutter, herausgerissen worden […]“ (Neuestes Damen-Conversations-Lexikon 1856, Bd. 3, S. 46).

Noch mehr auf Wissensdiffusion, noch weniger auf Moraldidaxe zielt schließlich das Illustrierte Konversations-Lexikon der Frau aus dem Jahr 1900. Es bezeichnet ‚Abtreibung‘ nicht mehr wie Corvinus als „gottlose und verfluchte Art der Huren“, sondern erteilt dazu eine lange, mit Literaturhinweisen gesättigte, sachliche Information inklusive strafrechtlicher Hinweise (Illustriertes Konversations-Lexikon der Frau 1900, Bd. 1, S. 36).

4.3 „Eine Frauenzimmer-Bibliothek darf nicht zahlreich seyn“: Quantität der Wissensinhalte

Das Frontispiz von Corvinus’ Lexikon zeigt ein Frauenzimmer: einen recht dürftig möblierten, aber durch Decken- und Wandgestaltung durchaus prachtvoll geschmückten, eindeutig weiblich kodierten Aufenthaltsraum. Die Akteure in diesem Raum sind – nicht überraschend – drei Frauen. Sie beschäftigen sich mit Schönheitspflege: die eine macht der anderen eine Frisur vor dem Spiegel, ein Mädchen schaut zu. Warum liest hier niemand, zum Beispiel in Corvinus’ Lexikon? Hätte das nicht nahegelegen? Bereits durch dieses initiatorische Frontispiz wird klar, wie die Prioritäten verteilt sind: Die Damen bemühen sich zunächst darum, angenehme und gefällige Gesellschafterinnen und Begleiterinnen des Mannes zu sein, wozu vor allem Bemühungen um die körperliche Erscheinung gehören. Andere Beschäftigungen werden im Bild angedeutet und erscheinen zweitrangig, Musik machen und – Lesen: Eine kleine ‚Bibliothek‘ findet sich auf der rechten Seite: ein Regal mit gerade einmal fünf Büchern. ← 79 | 80 →

Abb. 11:Corvinus 1715, Frontispiz. © Bayerische Staatsbibliothek, Sign. 2143672 Enc. 81.

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Die Frage nach weiblicher Bildung und Gelehrsamkeit ist im 18. und 19. Jahrhundert immer auch eine Frage nach dem Wieviel. Sollen Frauen überhaupt viel wissen? „Lesen sie langsam und wenig“, empfahl sogar die Gottschedin jungen Mädchen, obgleich sie gemeinhin mit ihrem Mann für die frühaufklärerische Förderung weiblicher Bildung steht: „Ein Frauenzimmer liest, um besser und weiser zu werden, nicht um gelehrt zu scheinen.“ (zit. nach Brokmann-Nooren 1994, S. 235) Vor allem aber sind es männliche Gelehrte, die zu ‚wohldosierten Damenbibliotheken‘ raten (dazu Wiede-Behrendt 1987, S. 118), und natürlich gehört auch Gellert zu ihnen: An seine liebste Briefpartnerin und gelehrsam-ehrfürchtige Schülerin Caroline Lucius schreibt er ebenso aufmunternd wie ermahnend: „Fahren Sie in Ihrer guten Lectüre fort […], ob es gleich für viele Frauenzimmer gut wäre, wenn sie weniger läsen; aber Sie gehören nicht in diese Classe. Sie leben nicht, um zu lesen; sondern Sie lesen, um desto geschäftiger, nützlicher und ruhiger zu leben […].“ (Gellert 1991, Bd. 3, S. 111) An anderer Stelle wird er einer weiblichen Briefpartnerin gegenüber konkret, was die Quantität angeht: Eine Stunde Lesen am Tag ist genug, um „Bildung ihres Verstandes und Herzens“ zu fördern; und zwar sei „bloß die Stunde, die Ihnen Ihre Geschäfte übrig lassen, auf das Lesen eines guten Buches anzuwenden“ (Gellert 1991, Bd. 3, S. 111; 1996, Bd. 4, S. 99 f., 146; dazu Arto-Haumacher 1995, S. 268).

Frauen sollen also nicht alles wissen – sollen sie überhaupt viel wissen? Das Frauenzimmer-Lexicon ist immerhin ein stattlicher Band – der Erstdruck umfasst 2176 Spalten ohne den Anhang „Küchen-Zettul und Tafel-Riße“ –, umfangreicher als das populäre Hübner’sche Zeitungslexikon aus dem gleichen Verlag. Damit ist es aber untypisch; die späteren frauenspezifischen Konversationslexika des 19. Jahrhunderts sind generell weniger dick als zeitgleiche nicht adressatinnenspezifische Lexika. Der Wissenskosmos der Frau ist nicht nur spezifisch, sondern auch kleiner. Ein präziser quantitativer Vergleich entsprechender Publikationen steht allerdings aus.

Auch hinsichtlich des quantitativen Aspekts ist ein diachroner Vergleich der Fassungen des Frauenzimmer-Lexicons aufschlussreich. Denn ab der zweiten Auflage, also noch unter Corvinus’ Ägide und zu seinen Lebzeiten, legt es Widerspruch gegen zuviel weibliches Wissen ein – und entspricht damit einmal mehr modellhaft der Teleologie von frühaufklärerischer Offenheit für weibliche Gelehrsamkeit hin zu späterer Ablehnung derselben. Zwar wird in der Vorrede von 1739 noch umständlich der Wissenstransfer an Frauen legitimiert. Bezeichnend ist jedoch ein neu hinzugekommener Artikel, und zwar zur ‚Frauenzimmer-Bibliotheck‘. Die hier propagierte Leseliste unterscheidet sich deutlich von den Frauenzimmer-Bibliotheken der Moralischen Wochenschriften, die Religion, Moral, Philosophie, Naturkunde, Belletristik usw. einschließen. Sie enthält ausschließlich Hauswirtschafts-, Koch- und Handarbeitsbücher (Corvinus 1739, Sp. 501 f.). Die dritte Auflage des Frauenzimmer- ← 81 | 82 → Lexicons fordert schließlich rigoros: „Eine Frauenzimmer-Bibliothek darf nicht zahlreich seyn“ (Corvinus 1773, Sp. 412) – eine unmissverständliche Rezeptionsdirektive. Wie dieses Wenige, dieses nicht Zahlreiche dann qualitativ aussehen soll und wo man bzw. frau sich Anregungen dafür holen könnte, wird gleich mitgeliefert: Drei Leselisten, darunter die Conseils pour former une bibliothèque peu nombreuse, mais choisie (3. Aufl. 1755) von Jean Henri Samuel Formey, und natürlich das Frauenzimmer-Lexicon selbst werden empfohlen:

Eine Frauenzimmer-Bibliothek darf nicht zahlreich seyn, sondern nur die besten Schriften zu Bildung des Geistes und des Herzens enthalten, worinnen die nöthigen Kenntnisse in der Religion, Tugendlehre, Erziehungskunst junger Kinder, Wirthschafts- oder Haushaltungskunde, und den schönen Wissenschaften deutlich gelehret und eingeschärfet werden. In Ansehung der Religion können vernünftige Seelsorger zu einer guten Handbibliothek die besten Anweisung geben: über die übrigen Materien findet man theils in diesem Frauenzimmer-Lexicon unter den davon handelnden Artikeln die nöthigsten Schriften angeführet, theils geben gute Anleitung dazu: Joh. Christoph Stockhausens kritischer Entwurf einer auserlesenen Bibliothek für die Liebhaber der Philosophie und schönen Wissenschaften, dritte Auflage, Berlin 1764. D. Millers Anleitung zur Kenntniß der besten Bücher in allen Wissenschaften für Anfänger, Leipzig 1768. Conseils pour former une bibliotheque peu nombreuse, mais choisie, par Mr. Formey, troisieme ed. à Berlin 1755, Jul. Bernh. von Rohr Haushaltungs-Bibliothek, dritte Auflage, Leipzig 1755. (Corvinus 1773, Sp. 412 f.)

Erneut folgt ein knapper Ausblick auf den frauenlexikographischen Diskurs des 19. Jahrhunderts. Für Herloßsohn, dessen Damen Conversations Lexikon in zehn handlichen Bändchen erschien, ist der Maßstab für das Was und Wieviel weiblicher Lektüre, also sowohl Selektion als auch Quantität der Inhalte, die Bildung der Frau für den Mann. Wenig erstaunlich, da ja auch, wie wir schon erfahren haben, die „Kenntnis des Mannes“ das „wichtigste Gesetz der Ehe für Frauen“ sein soll. Herloßsohn feiert ganz im Sinne seiner Zeit die Weiblichkeit als natürlichen Geschlechtscharakter. Er konstruiert die Frau als für den Mann Lebende – und Lesende. Unter dem Lemma ‚Lectüre‘ erklärt er:

Was und wieviel Frauen aus dem Schatze menschlichen Wissens zu nehmen haben, wäre schwerer zu sagen, wenn nicht die moralische Nothwendigkeit, daß sich das Weib für den Mann bilde, hier den Maßstab gäbe. Der Frauen Bildung muß eine durchaus weibliche bleiben, im edelsten Sinne des Wortes, wenn sie beglücken soll; nicht das Wissen macht glücklich, sondern die Anwendung desselben. […] Alle wissenschaftliche Lectüre, sowohl der Mädchen, als der Frauen, muß auf ihren Beruf stete Beziehung haben; so die Religions-, Sitten-, Staaten- und Kunstgeschichte: erste Bedingung alles Lesens bleibt Selbstkenntniß; bei Frauen tritt noch die heilige Pflicht hinzu, daß sie im Geschäfte ihrer Gatten nie ganz ignorant sein sollen. Von der Unterhaltungslectüre werden edle Frauengemüther gewiß Alles ausscheiden, was nur unterhält, was nicht zugleich ← 82 | 83 → entweder dem Geiste oder dem unverderbten Herzen Nahrung bietet […]. (Herloßsohn 1836, Bd. 6, S. 314 f.)

Das ist ganz im Sinne Herders gedacht, der für eine „Enzyklopädie der Frauenzimmerwissenschaften“ plädierte ( II.4.2). In dieser sollten Frauen „von der ganzen Gelehrsamkeit, Weltweisheit und schönen Litteratur, von der Geschichte und den schönen Wissenschaften“ nur so viel vorfinden, „als nötig ist, sie zur Schönheit des Geistes zu bilden“ (Herder 1985, S. 401 f.).

Das sechsbändige Neueste Damen-Conversations-Lexikon von 1856 greift aus dem „reichen Schatze des Wissens und der Wissenschaft“ nur das für Frauen Interessante heraus und lässt das ihnen fern Liegende ausdrücklich weg. Damit fällt es nicht nur eine qualitative, sondern auch eine quantitative Entscheidung. Das zweibändige Illustrierte Konversations-Lexikon der Frau aus dem Jahr 1900 schließlich ist von den hier betrachteten das jüngste und zugleich umfangreichste Werk – was erst einmal nicht überrascht. Lexika nehmen an Volumen zu, nicht nur die gendermarkierten. Bemerkenswerter erscheint, dass das Illustrierte Konversations-Lexikon der Frau als einziges keine explizite Handlungsanweisung zu frauenspezifischer Lektürelimitierung und Wissensreduktion enthält. Anders ausgedrückt: Das textinhärente Leserinnenkonzept impliziert hier erstmals nicht wenig Wissen.

4.4„wie große Kinder behandelt“? Vermittlung des Wissens

Bislang ist festzuhalten, dass das lexikographische Wissen geschlechtsspezifisch limitiert und selektiert wird und damit bestimmte textinhärente Leserinnenkonzepte generiert werden. Der dritte Aspekt betrifft nun die Strategien frauenspezifischer Wissensvermittlung, oder auch: die entsprechende Zurichtung von Gegenständen des lexikographischen Diskurses. Wie sieht eine solche Zurichtung aus, in welcher Form präsentieren sich frauenspezifische Wissenstexte? Was bedeutet es, wenn Lexika Wissen in vermeintlich frauengerechter Art und Weise vermitteln wollen?

Für jene populärwissenschaftlichen Vermittlungsformen fand man blumige Metaphern: Man bemühe sich, versichert der Herausgeber Alois Wilhelm Schreiber in seiner Musarion, einer Quartalsschrift für Frauenzimmer (1789), „Philosophie im angenehmen Gewande darzustellen, Lehren unter Rosen zu flechten“ (zit. nach Schumann 1980, S. 27). Besonders die Moralischen Wochenschriften, die versuchten, wider die pedantische Schulgelehrsamkeit, „leicht, unterhaltsam, plaudernd, gefällig“ daherzukommen, spielen eine zentrale Rolle in jenem popularisierenden Wissenstransfer. Außer ihnen gebe es, so urteilt Martens, in den 1720-er Jahren in Deutschland kaum eine solch fontenellische, eingängige, leicht konsumierbare und daher „passende Literatur für den weiblichen, und das heißt: für den ungelehrten Leser“ (Martens 1975, Sp. 1153 f.). Die Ausdrucksweise ‚weiblich, und das heißt ungelehrt‘ erinnert ← 83 | 84 → frappant an den 75 Jahre älteren Kommentar Adalbert von Hansteins, der in Bezug auf Unzers Grundriß einer Weltweisheit für das Frauenzimmer von ‚Laien, also besonders Frauen‘ spricht: „Zwei Schriften von Ausländern“, er meint Fontenelle und Algarotti, „waren bis dahin die fast einzigen lesbaren Bücher für völlige Laien, also besonders für Frauen, gewesen“ (Hanstein 1900, Bd. 2, S. 196).

Eingängig und leicht konsumierbar: Ist es tatsächlich so, dass ungebildeten, nicht lateinkundigen Frauen Unverständliches verständlich gemacht, dass ihnen auf diese Weise das Tor zum Wissen aufgestoßen wird? Man muss wohl eher von Seiten- und Hintertürchen sprechen, die nicht zu den Hallen der Weisheit führen, sondern in kleine Nebenräume, in denen „Metaphysik häppchenweise“ (Jauch 1989) aufbereitet und damit auch geformt wird. Der Vergleich zur Kinderliteratur drängt sich auf, und tatsächlich schreibt Hanstein (1900, Bd. 2, S. 193) zu Unzers Grundriß, er eigne sich sehr gut für Frauen und Kinder, die sich ja sehr ähnlich seien. Dieser Vergleich drängte sich schon Amalia Holst im Jahr 1802 auf, und er passte ihr gar nicht: Frauen, klagt sie in ihrer Schrift Ueber die Bestimmung des Weibes zur höhern Geistesbildung (Berlin 1802), würden in diesen Büchern „wie große Kinder behandelt“. Dagegen fordert sie „ächtes“ Wissen: „Diese Bildung werde uns gründlich und aus den ächten Quellen; so wie den Männern gegeben, nicht aus den Büchern, die für Damen geschrieben sind, worin wir eigentlich nur wie große Kinder behandelt werden.“ (Holst 1802, S. 65, zit. nach Wiede-Behrendt 1987, S. 107)

So wie durch Inhaltsselektion nicht nur eine reale Leserin erwartet, sondern eine ideale Leserin textintern konzipiert wird, so etablieren auch textuelle Vermittlungsstrategien Leserinnenkonzepte. Umberto Eco schrieb: „Wenn also jeweils ein eigener Modell-Leser vorgesehen ist, so bedeutet dies nicht allein die ‚Hoffnung‘, daß er existieren möge, sondern es heißt auch, daß der Text Bewegungen vollzieht, innerhalb derer sich jener konstituieren kann. Ein Text beruht nicht allein auf Kompetenz, er trägt auch dazu bei, sie zu erzeugen.“ (Eco 1987, S. 68)

Als Vermittlungs- und Kommunikationsstrategien in Frauenzimmerlexika lassen sich auf den ersten Blick folgende ausmachen: erstens eine einfache, klare, allgemeinsprachliche, nicht fachterminologische Deskription; zweitens ein moraldidaktischer, zuweilen autoritär gesetzter Appell, insbesondere beim Transport von Geschlechtermodellen; drittens eine unterhaltende Narration, deren Stilmittel von Spannung und Witz bis zu langatmiger Umständlichkeit reichen.

Zum ersten Aspekt: Deskription ist selbstverständlich ein Charakteristikum nicht nur frauenspezifischer Wissensliteratur, sondern stellt bis hin zum heutigen Sachbuch den maßgeblichen Diskursmodus faktualer Literatur dar. Deskription kommt in allen betrachteten Frauenzimmerlexika vor ← 84 | 85 → und entwickelt sich in der Geschichte der Textsorte zum vorherrschenden Diskursmodus. Die Leserin, die durch den Diskursmodus einfacher, allgemeinsprachlicher Beschreibung erfordert und zugleich konzipiert wird, ist interessiert und in ihrem eingeschränkten Rahmen wissbegierig; keine Gelehrte, sondern eine sachlich zu informierende Unwissende. Sie entspricht größtenteils dem Lesermodell nicht gendermarkierter, populärwissenschaftlicher Literatur.

Was zweitens den moraldidaktischen Appell angeht, so ist auch er in der allgemeinen Lexikographie des 18. und 19. Jahrhunderts eine gängige Textstrategie. Doch gerade die Frauenzimmerlexika werden auffallend stark von moraldidaktischen Strategien bestimmt – Corvinus ebenso wie Herloßsohn, wie bereits zu beobachten war. Corvinus’ Moraldidaxe kommt etwas derber und herber daher, diejenige Herloßsohns dominiert aber noch stärker: Sein Damen Conversations Lexikon erscheint wie gesagt weniger als Lexikon denn als moralisches Lehrbuch. Rigoros heißt es dort: „Die schaffende Natur beschränkte liebevoll den Wirkungskreis des weiblichen Geschlechtes. Das Weib lerne diese Schranken kennen und ehren.“ (Herloßsohn 1837, Bd. 8, S. 192) Erst im Neuesten Damen-Conversationslexikon von 1856 und dem Illustrierten Konversations-Lexikon der Frau von 1900 tritt der appellative Charakter hinter den deskriptiven zurück, vor allem im zweitgenannten Werk.

Die von einem appellativen Diskursmodus ausgehenden Rezeptionssignale konfligieren im Grunde mit dem erstgenannten Modus der Deskription. Konzipiert wird dadurch nämlich nicht eine Leserin, die Wissen aufnimmt, Neues lernt und dabei womöglich Alterität erfährt, sondern eine Leserin, die durch Lektüre tradierte geschlechtsspezifische Verhaltensregeln adaptiert und lesend Imitation realisiert.

Für den dritten Aspekt, die unterhaltende Narration, gilt textsortengeschichtlich Ähnliches wie für die Moraldidaxe: Ihre Bedeutung nimmt in der Geschichte der Frauenzimmerlexika ab. Corvinus transferiert Wissen noch auf höchst unterhaltsame, häufig erzählerisch zubereitete Weise. Sein Frauenzimmer-Lexicon zielt ausdrücklich auf Nutzen für die Lesende, aber „nicht sonder merckliches Vergnügen […] und Zeitvertreib“ (Corvinus 1715, Vorrede, unpag. [S. 4]). Dabei ist die lexikographisch angestrebte Synthese von prodesse und delectare nicht trennbar. Selbst die Diskurse des gelehrten Frauenzimmers geschehen „nicht umsonst u. ohne Vergnügen“ (Corvinus 1715, Vorrede, unpag. [S. 7]).

Das Lexikon vermittelt seinen Leserinnen Wissen auf unterhaltsame Weise. Die deskriptive Darstellung trockener Fakten wird aufgebrochen durch Metaphernreichtum, Anekdoten, Curiosa, Exempla, Erzählungen. Gerade was die Narrativität angeht, könnte man behaupten, dass das etablierte Leserinnenkonzept des Nutzbaren, galanten und curieusen Frauenzimmer-Lexicons in weiten Teilen, zumindest auf der Ebene der Einzelartikel, dem eines Erzähl ← 85 | 86 → textes ähnelt oder nahe kommt. Zahlreiche Artikel, vor allem die historischen und biographischen, sind erzählerisch aufgebaut, charakterisiert durch Ereignishaftigkeit, Handlungsstruktur und Spannung. Da besonders im Erstdruck von 1715 der Anteil frauenbiographischer Lemmata noch sehr groß ist, ist eine narrative Struktur auf der Ebene der Artikel also durchaus kein Einzelfall. Übrigens enthält auch das Damen Conversations Lexikon Herloßsohns noch etliche narrativ gestaltete historische und biographische Artikel. Diese sollen ausdrücklich einer „romantischen Darstellung“ Genüge tun:

Nicht eine ermüdende Aufzählung von Thatsachen und Zeitläuften, sondern ein lebendiges, rasch vorübergleitendes Gemälde, ein Rundbild, auf welchem das Wichtigste in den Vorder-, das Minderwichtige in den Hintergrund tritt, sollte gegeben werden. Die Geographie, welche sich so selten der Gunst der Frauen zu erfreuen hat, legte ihr ernsten, steifes Gewand zur Seite […]. (Herloßsohn 1834, Bd. 1, S. 3)

Wie sieht es mit der Narrativität auf der Ebene des Gesamttextes Frauenzimmer-Lexicon aus? Corvinus’ Nachfolger empfehlen den Lesenden in der dritten Auflage von 1773 – konträr zur Textsortenspezifik des Nachschlagewerks –, das Buch solle als Gesamttext rezipiert werden; „sehr viele Frauenzimmer“ würden „ihre Zeit nicht übel anwenden“, „wenn sie dieses Lexicon, (die Koch- und Zuckererbsen-Artikel ausgenommen, welche bloß zum Nachschlagen bey vorkommender Gelegenheit da stehen,) vom Anfange bis zum Ende durchlesen wollten“ (Corvinus 1773, Vorrede, unpag. [S. 2]). Konstruiert wird in diesem Fall nicht die Leserin eines Lexikons, sondern eine Romanleserin.

Erich Schön spricht von der „Ausbildung einer spezifisch bürgerlichen – und für die Literatur weiterhin: weiblichen – Bedürfnis- und Interessenstruktur“ (Schön 1987, S. 42), denen man mit bestimmten Lektürestrategien und Textsorten entgegengekommen sei. Ob es diese frauenspezifischen Bedürfnisse allerdings vorher überhaupt gab (wer hat sie gemessen, abgefragt?) oder ob sie nicht vielmehr zugleich mit der frauenspezifischen Lektüre ‚erfunden‘ wurden, ist die Frage. Brandes sieht wie Schön in der Form des Frauenzimmer-Lexicons ein Entgegenkommen der weiblichen Leserschaft gegenüber: „Dieses Lexikon, anschaulich und abwechslungsreich, mitunter ironisch-witzig, kam dem Geschmack des zeitgenössischen weiblichen Lesepublikums entgegen, das für diese Gattung ja erst gewonnen werden mußte.“ (Brandes 1998, S. 25)

Hier werden Texte wahrgenommen, die passend für Frauen gemacht wurden: leicht, anschaulich, unterhaltsam. Diese Attribute kommen dem Frauenzimmer-Lexicon zweifellos zu, und zwar in einer spezifischen Weise, die über die generelle Relevanz des Unterhaltungswertes zeitgenössischer Informations- und Sachliteratur hinausgeht. Dennoch kann man die gestellte ← 86 | 87 → Diagnose zuspitzen und regelrecht umdrehen. Und zwar, indem man nicht von für Leserinnen passend gemachten Texten spricht, sondern von für und durch Texte passend gemachten Leserinnen. Ein als typisch weiblich deklariertes Interesse und Lektüreverhalten wird durch Literatur wie Corvinus’ Lexikon erst geschaffen. Mit der auf ungebildete, nicht lateinkundige Schülerinnen zugeschnittenen Wissensdidaktisierung wird nicht nur Unverständliches durch formale Modifizierungen verständlich gemacht, sondern es entstehen neue, genderspezifisch konstruierte Wissensinhalte.

4.5Transportierte Geschlechtermodelle

Wenn das Nutzbare, galante und curiöse Frauenzimmer-Lexicon seine Gegenstände und Inhalte geschlechtsspezifisch auswählt, beschränkt und zurichtet, werden damit zugleich bestimmte Geschlechtermodelle transportiert. Der programmatische Artikel ‚Frau oder Weib‘ muss eher appellativ als deskriptiv verstanden werden. Eine Frau sei „eine verehlichte Weibes-Person, so ihres Mannes Willen uñ Befehl unterworffen, die Haushaltung führet, und in selbiger ihrem Gesinde zu befehlen hat“ (Corvinus 1715, Sp. 572). Nach knappen juristischen Erläuterungen werden nur noch die misogynen Einstellungen von Juden, Türken und Persern erwähnt.

Dennoch ist kein eindeutiges Geschlechtermodell im Frauenzimmer-Lexicon zu identifizieren. Auf der einen Seite wird als Ideal die häusliche, dienende Gattin und Mutter propagiert. ‚Häußlichkeit‘ wird in dem entsprechenden Lemma in stark moraldidaktischem Schreibgestus als „eine dem Weibesvolck absonderlich wohl anstehende Tugend und Eigenschafft“ bezeichnet, „vermöge deren sie sich in ihrem Hause stets eingezogen halten und ihres Hauswesens pflegen sollen“. Es folgt der nicht wirklich subtile Hinweis: „Das öfftere ausgehen und herum lauffen der Weiber war bey denen alten Römern und Egyptiern sehr verhast“ (Corvinus 1715, Sp. 722; 1739 identisch, 1773 leicht abgewandelt) – die Leserin des 18. Jahrhunderts wird den Wink verstanden haben. Auf der anderen Seite nun aber werden im Frauenzimmer-Lexicon, ganz im Sinne barocken Frauenlobs, auch Heroinnen der Tat und des Geistes einschränkungslos bewundert und gelobt. Da heißt es zum Beispiel von der philologisch, philosophisch und theologisch bewanderten blinden Gelehrten Ester Elisabeth Valkiers, sie sei ein „Ausbund und Muster aller Vollkommenheit“ (Corvinus 1715, Sp. 2057) gewesen.

Brandes (1998, S. 27) sieht in diesen Widersprüchen die Diskrepanz des frühen 18. Jahrhunderts allgemein zwischen aufklärerischen Fortschrittsentwürfen und konservativen Gesellschaftsstrukturen, zwischen Ansätzen zu Frauenemanzipation und geltendem patriarchalischem Recht ausgeprägt. Solche dichotomischen Gegenüberstellungen vereinfachen die Sache vielleicht etwas; man sollte eher von einer Verdichtung verschiedenster, eben ← 87 | 88 → auch heterogener und widersprüchlicher Diskurse, Konzepte und Themen sprechen. Neben spätbarockem Heldinnenlob findet man galante Verbeugungen vor der Damenwelt – „demjenigen Geschlechte, dem alles, was Männlich heißt, gleichsam zu dienen gebohren“ (Corvinus 1715, Vorrede, unpag. [S. 12]) –, und auch der juridische Diskurs über die Frau als Rechtsperson hat seinen Platz im Frauenzimmer-Lexicon. Ein Diskurs, der in Lexikographie und Hausväterliteratur sehr gängig war. Hausen führt aus, inwiefern die Frau in diesen Textgattungen vornehmlich über ihre soziale Position, ihre Rechte, Pflichten und Verrichtungen definiert wurde – bis dann, dies ist Hausens bekannte These, im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts die (Geschlechts-)Charakterdefinitionen überwögen: „Der Geschlechtscharakter wird als eine Kombination von Biologie und Bestimmung aus der Natur abgeleitet und zugleich als Wesensmerkmal in das Innere der Menschen verlegt.“ (Hausen 1976, S. 369 f.)

Corvinus’ Frauenzimmer-Lexicon propagiert also keineswegs ein homogenes Geschlechterkonzept. Und auch hier lohnt wieder eine diachrone Perspektive, insbesondere auf die Vorreden der verschiedenen Ausgaben. In ihnen verdichtet sich die Diskussion von Geschlechterkonzepten programmatisch. Fast modellhaft lässt sich eine Entwicklung von der Adressierung der gelehrten Frau (1715) über die defensive Legitimation eingeschränkter und zweckorientierter Frauenbildung (1739) bis hin zur Forderung rigoroser Beschränkung weiblicher Wissenschaften (1773) registrieren. Schon in der zweiten Auflage legitimiert Corvinus seine Wissensvermittlung an Frauen und behandelt die generelle Frage nach der Legitimität weiblicher Bildung und Gelehrsamkeit. Dabei richtet sich der Metatext Vorrede wie selbstverständlich an Männer – als müsse der nun folgende Inhalt zunächst von Vätern, Gatten und Brüdern abgesegnet werden. Distanzierend ist vom ‚Weibsvolk‘ die Rede, das damit ganz als Objekt, nicht als Adressat der Darstellung erscheint. Das Frauenzimmer-Lexicon von 1739 bezeugt damit eine Inkongruenz auf der Adressatenebene: Die in den Artikeln gegebenen Leseanweisungen sind eindeutig an Frauen gerichtet, die Adressaten der Metatexte sind jedoch Männer. Die Textpragmatik ist hinsichtlich ihrer Geschlechtermarkierung inkonsistent.

Corvinus betont, Frauen sollten sich keinesfalls in die Wissenschaften vertiefen: „Mit solchen Weibes-Personen aber, die sich in der Mathematic, Philosophia Scientifica, Staats-Kunst, Critic, Philologie, Poesie, Sprachen, der höhern Theologie, Jurisprudentz und Medicin allzu sehr vertiefft haben, wird wohl niemanden viel gedienet seyn.“ (Corvinus 1739, Vorrede, unpag. [S. 5]) Vielmehr sollen sie durch Bildung, Tugend und Pflichtbewusstsein ihren (Geschlechts-)Charakter verbessern. Hierzu sei die „Beyhülffe dieser Wissenschaften“ aber immerhin sinnvoll und notwendig. Anders können sie nicht zu ihrer Bestimmung kommen, „nemlich zu klugen und liebenswürdigen Ehe-Gattinnen, zu weisen Müttern, vorsichtigen Gebieterinnen in ihren Häusern ← 88 | 89 → und bey ihren Nachbarinnen und Befreundtinnen zu lebendigen Exempeln der Tugend und Gelassenheit“ (Corvinus 1739, Vorrede, unpag. [S. 4]) zu werden. Diese klare Zweckorientierung von Wissensvermittlung und Bildung erlaubt es dem Vorredner zuzugestehen: „so können wir“ – auch hier ist die männliche Perspektive unübersehbar – „diese so angenehme Geschöpffe von dergleichen Erkenntniß wol keinesweges gäntzlich ausschlüssen“ (Corvinus 1739, Vorrede, unpag. [S. 3]). Allerdings bringt er dann auf den Punkt, was genau unter diesen zweckausgerichteten und eingeschränkten ‚Wissenschaften‘ zu verstehen ist, denen eine Frau sich widmen darf: „Die besten Wissenschafften sind also nach den oben angeführten wol diese, daß eine Frau verstehe, wie ihre Küche, ihre Vorraths-Kammer und andere häusliche Verrichtungen besorget, und das Vergnügen ihres Ehegattens gesetzmäßig befördert werden könne.“ (Corvinus 1739, Vorrede, unpag. [S. 5])

Hier, in der 1739er-Auflage, ist also trotz allem noch ein gewisses Zugeständnis an Frauen und ihren Anspruch auf Bildung und Wissen spürbar, nicht zuletzt durch den merklich legitimatorischen Sprachgestus. Dieser ist in der dritten Auflage von 1773 einer selbstbewussten Ansage gewichen, die Frauen von der Gelehrsamkeit radikal ausschließt. Diese Ansage richtet sich wiederum an die weiblichen Lesenden selbst: „Aber nein, meine Damen, Gelehrsamkeit und Verstand sind sehr trennbare Eigenschaften […].“ (Corvinus 1773, Vorrede, unpag. [S. 3]) Wie zitiert wird eine rigorose Beschränkung weiblicher Wissenschaften gefordert, um keine „schulgelehrten Pedantinnen“ heranzubilden. Das Ziel sind einzig „kluge Wirthinnen, verständige Mütter, und angenehme Gesellschafterinnen“ (Corvinus 1773, Vorrede, unpag. [S. 3]).

Dagegen passen die Heroinnen, die das Frauenzimmer-Lexicon ursprünglich rühmend auflistete, immer weniger ins (Frauen)Bild. Sie werden konsequent eliminiert. Während 1739 noch „diejenigen tapfern und virtuosen Weiber“ als „Männinnen“ bezeichnet werden, „so ein männliches und heroisches Gemüthe bey ihren Verrichtungen und Thaten hervor blicken lassen“ (Corvinus 1739, Sp. 996), wird 1773 bezeichnenderweise etwas hinzugefügt: Eine „Männin, Virago“ sei „ein Charakter, der bey wichtigen Vorfällen zwar sehr großen Nutzen schaffen kann, weil sich auch wohl muthige Männer vor einer Furie scheuen, welche die Waffen von beiden Geschlechtern braucht, der aber gemeiniglich von Männern weder geliebet wird, noch geliebt zu werden begehren kann“ (Corvinus 1773, Sp. 2061).

Im Widerspruch zu dieser beobachtbaren Veränderung des Frauenbildes steht die Tatsache, dass nicht nur die zweite Auflage „Amazoninnen“ weiterhin als „tapffere Heldinnen“ (Corvinus 1739, Sp. 54) apostrophiert, sondern sogar die dritte Auflage sie als „kriegerische und tapfere Frauen“ (Corvinus 1773, Sp. 113) lobt – ob aus redaktioneller Nachlässigkeit oder als bewusste Entscheidung der Herausgeber, sei dahingestellt. Erneut zeigt sich, dass Corvinus’ Frauenzimmer-Lexicon ein merkwürdig vielschichtiges Gebilde ist, ← 89 | 90 → das verschiedene Konzepte und Denkrichtungen nebeneinander stellt und widersprüchliche Veränderungsprozesse, Bewegung und Stagnation, seismographisch aufzeichnet.

Eine derartige Aufzeichnung von Wandlungsprozessen sei hier exemplarisch nachvollzogen: Nach Laqueur (Making Sex, 1990) hat im 18. Jahrhundert bekanntlich eine umwälzende Veränderung der Geschlechterordnung stattgefunden. Zu dieser Zeit ereignete sich der allmähliche Übergang vom Modell eines nur graduell unterschiedlich ausgeprägten Geschlechts hin zur Idee zweier prinzipiell verschiedener Geschlechter, vom one-sex- zum two-sex-model. Laqueur vollzieht diese Entwicklung medizinhistorisch und begriffsgeschichtlich nach; der von ihm genannte Zeitraum muss allerdings als thesenhafte Setzung und nicht als endgültig bewiesenes Faktum verstanden werden.

Corvinus’ Frauenzimmer-Lexicon bewegt sich zunächst ganz im Rahmen des in der Frühen Neuzeit allgemein geltenden Ein-Geschlecht-Modells, wenn es beispielsweise spontane Geschlechtertransformationen für möglich hält. Der Artikel ‚Bärtiges Frauenzimmer‘ informiert darüber, dass zuweilen, „wie offt ein Männer-Hertze in einer Weiberbrust, also auch ein männlicher Bart in einem Weiber-Kinn stecke“ (Corvinus 1715, Sp. 170). Laqueur steckt den diskursiven Kontext dazu ab: „Und selbstverständlich machten sowohl in der medizinischen wie auch in der sonstigen Literatur Geschichten von Frauen die Runde, die wirklich ihr Geschlecht veränderten und denen plötzlich ein Penis wuchs.“ (Laqueur 1992, S. 144)

Der Artikel zum ‚Bärtigen Frauenzimmer‘ wird 1739 zunächst identisch abgedruckt, erfährt aber 1773 signifikante Modifikationen. Zum einen ist er weniger subjektiv-erzählend gestaltet – dass Venus ihrem Vulkanus mit Bart nicht gefallen hätte, erfahren wir nun nicht mehr. Zum anderen aber wird plötzlich mit biologisch-physiologischer Geschlechterdifferenz argumentiert: „Bärtiges Frauenzimmer, soll nach der Naturkündiger Ausspruche mehrentheils ein zorniges und böses Gemüthe vermuthen lassen; inzwischen ist es wegen der kalten Natur der Weiber bekanntlich nur selten anzutreffen […]“ (Corvinus 1773, Sp. 304). Interessanterweise wird hier die weibliche Natur zwar gesetzt und als solche im Sinne einer weiblichen Sonderanthropologie von der männlichen unterschieden, jedoch als eine verstanden, die sich „inzwischen“ herausgebildet habe: Das neue Zwei-Geschlechter-Modell wird nicht als übergeschichtliche Anthropologie wahrgenommen, sondern als ein die aktuelle Konstitution der Frau erfassendes Beschreibungsmodell – so als habe davor nicht nur das Ein-Geschlecht-Modell theoretisch gegolten, sondern als habe es früher realiter nur ein Geschlecht gegeben. Bezeichnend für diese Haltung ist das Erstaunen über eine spät auftretende bärtige Frau: „Nur noch 1732 starb zu Dreßden eine Jungfer von 64 Jahren, Rosina Margaretha Müllerinn, welcher in ihrer zwölfwöchentlichen Krankheit ein großer über ← 90 | 91 → 2 Zoll langer Bart gewachsen war, daher man sie auch etliche Tage lang im Sarge sehen, und abmalen, sodann aber das Gemälde zur churfürstlichen Naturalienkammer bringen ließ.“ (Corvinus 1773, Sp. 304)

Die ‚Zwitter‘-Artikel können als Nagelprobe des herrschenden Geschlechtermodells herangezogen werden. 1715 wie 1739 ist ein Zwitter, „der so wohl weibliche als männliche Gebuhrts-Glieder hat“ (Corvinus 1715, Sp. 2176; nur orthographisch abweichend 1739). 1773 wird seine Existenz dann geleugnet. Die Durchlässigkeit der Geschlechtergrenzen ist ebenso wie das ihr zugrunde liegende one-sex-model stark abgeschwächt: „Unter den Menschen (und Thieren) zweifelte man schon seit langer Zeit billig an der Existenz wahrer Zwitter; und heut zu Tage läugnet man sie völlig.“ (Corvinus 1773, Sp. 3996) Und doch ist auch hier von einer Konsistenz der Geschlechtermodellierung im Frauenzimmer-Lexicon keine Rede. Noch 1773 finden wir unverdrossen Informationen zu „Gorgippa“, jenem „Weibes-Bild, so nach einem etliche Tage lang anhaltenden Schmertz einen männlichen Leib, rauhe Stimme und langen Bart bekam, und also auf einmahl in ein Manns-Bild verwandelt ward“ (Corvinus 1773, Sp. 1193).

5.Die Performativität von Geschlecht

In seiner Komplexität ist Corvinus’ einzigartiges Lexikon ein spannungsgeladener Großtext, der heterogene Diskurse, Konzepte, Modelle und Themen nebeneinander stellt und sich harmonisierenden teleologischen Thesen, wie sie die Geschlechterforschung zuweilen (re-)produziert, widersetzt. Das Nutzbare, galante und curiöse Frauenzimmer-Lexicon ist ein Markstein in der weiblichen Bildungs- und Wissensgeschichte – vor allem, weil es Frauen zum Lesen herausfordert. Insofern ist es nicht falsch, es als Aufklärungsinstrument zu betrachten. Dennoch wird Frauen keineswegs lediglich bisher unzugängliches ‚männliches‘ Wissen verfügbar gemacht. Das Frauenzimmer-Lexicon, das geschlechtlich kodiertes Wissen in selektierter, limitierter, speziell aufbereiteter und geschlechtsideologisch verbrämter Form vermittelt, eröffnet Frauen einen separaten, von Männern kontrollierten Wissenskosmos.

John L. Austin hat unterschieden zwischen der language of performance, die ihren Gegenstand erst konstituiere, und der language of statement, die eine Gegenstandsentsprechung in der Lebenswelt besitze. Die erste ordnet man gemeinhin fiktionalen Texten, die zweite faktualen Repräsentationen zu, also auch Gebrauchstexten wie Lexika (Iser 1975, S. 231). Ganz abgesehen von der Frage, inwiefern es eine language of statement überhaupt geben kann – ein sprachphilosophisches Problem –, ganz abgesehen davon steht fest: Die hier untersuchte dominant faktuale, in manchen narrativen Passagen partiell fiktionale Wissensliteratur funktioniert performativ. Der komplexe und heterogene weibliche Wissenskosmos, der am Beispiel des Frauenzimmer-Lexicons ← 91 | 92 → analysiert wurde, besitzt in der Realität keine Entsprechung. Er wird erst als Text und mit dem Text etabliert, in ihm entsteht ein entsprechendes Leserinnenkonzept. Dieses besitzt in den lexikographischen Werken, je nach Dominanz von Deskription, Appell oder Narration, spezifische Ausprägungen.

Vera und Ansgar Nünning postulieren für das Erzählen, dass es als performativer Akt Identitäten und Geschlechterkonstruktionen überhaupt erst erzeugte und kulturell stabilisierte (Nünning/Nünning 2004, S. 22): Die Performativität von Geschlecht ist immer auch ein Machtphänomen. Diese These lässt sich auf gebrauchsliterarische Textphänomene und die dazugehörigen Akte des Sprechens und Erzählens wie den lexikographischen Diskurs übertragen.

Gerade unter der Perspektive der Performativität offenbart sich, was oben mehrfach angerissen wurde: dass nicht Texte für Frauen gemacht werden, sondern Frauen durch und für Texte. Als Gewährsmann für beide gegensätzlichen Thesen (Texte für Frauen – Frauen für Texte) kann man übrigens Erich Schön zitieren, der sich auf die empirische Romanleserin konzentriert. Er spricht einerseits davon, dass Frauen vor der Entstehung der Romanliteratur kaum etwas ihrer Bedürfnissituation Entsprechendes vorgefunden hätten (Schön 1990, S. 23 f.) – andererseits aber von der Ausbildung einer „weiblichen Bedürfnis- und Interessenstruktur“ durch die Literatur selbst (Schön 1984, S. 42). Lexikonleserinnen gab es vor dem 18. Jahrhundert nicht. Durch die und mit der Textsorte Frauenzimmerlexikon entstehen sie – zunächst im Text, als signalhaft funktionierende, machtvolle Konzepte. ← 92 | 93 →