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Wissen, Medium und Geschlecht

Frauenzimmer-Studien zu Lexikographie, Lehrdichtung und Zeitschrift

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Nikola Roßbach

Das Buch will dem Zusammenhang von Wissen, Medium und Geschlecht genauer auf die Spur kommen. Die Autorin unternimmt eine neue Betrachtung der Wissensmedien des 18. Jahrhunderts – Lexika, Lehrbücher, Zeitschriften – unter geschlechterhistorischen Gesichtspunkten. Im Einzelnen geht es um:
• das weibliche «Versehen» im lexikographischen Diskurs (von Hübner bis Krünitz)
• textinterne Leserinnenkonzepte in der Frauenzimmer-Lexikographie (Corvinus)
• weibliche Gelehrsamkeit und Kulturtransfer (Fontenelle)
• Geschlechter-Räume in der Lehrdichtung (Zäunemann)
• mediale Präsenz und Produktion weiblicher Autorschaft im Medium der Gelehrtenzeitschrift (Zäunemann und die Hamburgischen Berichte)
• Bildungskonzepte und Mediokrität in spätaufklärerischen Frauenzeitschriften (La Roches Pomona, Frauenzimmerbibliothek).
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IV. „Je suis sçavante!“ Zum Verhältnis von weiblicher Gelehrsamkeit und Kulturtransfer am Beispiel der deutschen Übersetzungen von Fontenelles Entretiens sur la Pluralité des Mondes

IV.„Je suis sçavante!“ Zum Verhältnis von weiblicher Gelehrsamkeit und Kulturtransfer am Beispiel der deutschen Übersetzungen von Fontenelles Entretiens sur la Pluralité des Mondes

Sollen Frauen philosophieren? Eine Frage, die im 18. Jahrhundert zum Diskurs über weibliche Bildung und Bildbarkeit, über Frauengelehrsamkeit und -wissen von Frauen gehörte. Beantwortet wird sie im Allgemeinen zurückhaltend, selbst von den Befürwortern und Befürworterinnen weiblicher Bildung. Die Schreckensfigur der nur gelehrten, weder haushälterisch geschickten noch als Ehefrau und Mutter gefälligen Frau geistert vom Anfang bis zum Ende des Jahrhunderts durch diesen Diskurs.

Und sogar diejenigen, die hier reale, leibhaftige Vorbilder sein könnten – nämlich die ersten Philosophiebücher, die von Frauen geschrieben wurden –, verzichten nicht auf diesen Topos des weiblichen Philosophierens als Nebensache neben den eigentlich wichtigen Pflichten. Johanna Charlotte Unzers schon erwähnter Grundriß einer Weltweisheit für das Frauenzimmer (1751), das erste von einer Frau für Frauen verfasste deutschsprachige Philosophielehrbuch, ist mit einer Vorrede ihres Onkels Johann Gottlob Krüger (1715–1759) versehen, der Mentorfunktion für die Autorin besaß. In dieser Vorrede bekundet der renommierte Philosophieprofessor und Mediziner allerdings seine durchaus nur eingeschränkte Loyalität dem publikatorischen Unternehmen seiner Verwandten gegenüber. Ob aus strategischen Gründen, sei dahin gestellt – man fühlt sich jedenfalls erinnert an die herablassend-gnädige Geste Wielands in seinem berühmten Vorwort zu Sophie von La Roches Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1771) …

Zwar ist Unzers Schrift nichts Anderes als eine Heranführung ihrer Leserinnen an die Philosophie. „Wenn wir wollen Philosophinnen werden, so müssen wir eine Wissenschaft erlernen“ (Unzer 1995, S. 43), stellt sie selbstbewusst und ermunternd fest. Dennoch schreibt ihr Mentor vorneweg dämpfend,

daß ich gar nicht der Meinung bin, daß keine Jungfer eher heirathen solle, bis sie die Metaphysik studieret hätte. Ein Gesetz von dieser Art würde nicht nur sehr grausam sein, sondern es würde überdies die Unbequemlichkeit bei sich führen, daß die jungen Herrn Magister, welche sich gemeiniglich mit der Logik und Metaphysik beschäftigen, ihre Hörsäle würden erweitern lassen müssen; und ich begreife es sehr wohl daß bei den älteren Professoren, und insonderheit bei denenjenigen, welche über die Sittenlehre und Haushaltungskunst läsen, kein grosses Gedränge sein würde. Um dieser Unordnung vorzubeugen: halte ich es ← 95 | 96 → selber für sehr vernünftig, wenn ein Frauenzimmer, an statt der Dingerlehre ihr eigen Herz kennen […] lernet […]; wenn sie den Staat mit Kindern versorgt, die sie durch einen Leitfaden zur Klugheit und Tugend lenkt, welchen ihr die Kenntnis der Welt und ihres eigenen Herzens in die Hände gegeben, wenn sie durch einen liebreichen Blick das durch denken mürrisch gewordene Gesicht ihres Ehe-Gemahls erheitert, und sich bemühet, ihm die Ergetzlichkeiten recht reizend zu machen, wodurch die unvermeidlichen Beschwerlichkeiten seines Lebens erträglicher gemacht werden. (Krüger 1995, S. 28 f.)

Die zweite namhafte Philosophin, oder zumindest Verfasserin eines Philosophiebuchs von und für Frauen, ist die Tochter von Freiherr Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge (1752–1796), die als Fünfzehnjährige den Versuch einer Logic für Frauenzimmer verfasste: Philippine Auguste Amalie von Reden, geborene Freiin Knigge (1773–1841). In ihrem Traktat, das der Vorrede nach vor allem eine Niederschrift väterlicher Lehren ist, nimmt sie die Frage nach der Frauenbildung, ihrem Umfang und ihrer Berechtigung als Beispiel eines philosophischen Problems, welches demonstrativ zergliedert wird.

Nehmen wir den Satz: „da mein Vater wünscht, daß ich ihm durch Erwerbung aller derjenigen guten Eigenschaften Freude machen möge, die zu einem gebildeten Frauenzimmer gehören; so will ich mich bestreben, eine wohlschmeckende Mahlzeit zubereiten zu lernen, und sollte mir auch dies Studium so viel Zeit wegnehmen, daß ich darüber weniger gelehrt würde.“ (Knigge 1789, S. 49 f.).

Im Anschluss zergliedert sie diesen ‚abstracten Gedanken‘ von den guten Eigenschaften eines gebildeten Frauenzimmers und trifft selbst eine klare Entscheidung: „Ich bestimme mich für das Letztere, und wenn es weiter keines Beweises bedarf, daß der Beruf unsers Geschlechts zu häuslichen Geschäften größer, als der zur Gelehrsamkeit ist; so kann ich doch noch die nähere Bestimmung hinzufügen, daß dies grade mit den Grundsätzen meines lieben Vaters, dem ich gern Freude machen mögte, übereinstimmt.“ Knigge endet mit dem Plädoyer, „einen guten Pfannekuchen zu backen“. Da wären es „Hirngespinste“, wenn man sagte: „‚ich wolle, um ein gebildetes Frauenzimmer zu seyn, alles lernen, was nur auf Erden zu lernen wäre,‘ denn da würde ich die Möglichkeit meiner Idee nicht beweisen können“ (Knigge 1789, S. 50 f.).

Knigges ‚Logik‘ steht nur auf den ersten Blick in einem widersprüchlichen Verhältnis zu ihrem Werk selbst, das doch Frauen Philosophie lehren will. Es ist vor allem ein weiteres Zeichen dafür, dass Frauenbildung, Frauengelehrsamkeit, Frauenwissen im 18. Jahrhundert nur so zu haben zu sein scheinen: als stets zu legitimierende und zu kontrollierende Nebensache, als Begleiterscheinung, als Marginalie.

Immerhin gab es eine ganze Reihe damenphilosophischer Werke, die zur Zeit der Aufklärung verfasst wurden. Das erste deutsche Philosophielehrbuch extra für Frauen erschien unter dem Pseudonym Clisander 1720 in Leipzig: Die Einleitung zu der Welt-Weißheit oder Philosophie eines galanten Frau ← 96 | 97 → enzimmers ( III.2). Kurz darauf belehrt ein M.F.C.B. Studenten und Frauen über Erste und vornehmste Gründe der Welt-Weißheit (1724). Clisanders Lehrbuch wird der Thomasius-Schule zugerechnet, während andere Gattungsbeispiele sich wolfianisch geben oder es auch sind: Die führende philosophische Schule in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war der von Christian Wolf (1679–1754) geprägte Rationalismus. Der aus Frankreich stammende Berliner Philosoph Samuel Heinrich Formey verfasste einen sechsbändigen Roman zu Wolfs Lehren, La belle Wolfienne (1741–1753), übersetzt als Die Schöne Wolfianerin (1741/42). Auch Unzer zeigt sich mit ihrem Grundriß als Rationalistin. Bei ihrer Aufbereitung gängiger Philosophie Leibniz-Wolff’scher Prägung nimmt sie einen heiteren Plauderton ein und verwahrt sich ausdrücklich vor echter Gelehrtheit.

Größere Bekanntheit als diese deutsch- und französischsprachigen Lehrbücher des 18. Jahrhunderts erlangte indessen ein italienisches Philosophielehrbuch für Frauen: Francesco Algarottis Il Newtonianismo per le dame (1737, dt. Übs. 1745). Der italienische Gelehrte und Hofmann Algarotti legte damit einen ‚Newton für Damen‘ vor; sein Lehrdialog, der Newtons Optik und Mechanik popularisiert, wurde europaweit berühmt und vielfach übersetzt. Die Damenphilosophie etablierte sich in Deutschland also vor allem per Kulturtransfer, durch Übersetzungen.

Um die Bücherliste für das 18. Jahrhundert zu ergänzen, seien noch drei philosophische Lehrwerke für eine weibliche Leserschaft erwähnt: Der Schweizer Mathematiker Leonhard Euler, der viele Jahre in St. Petersburg und Berlin wirkte, richtet seine französischsprachige Schrift Lettres à une Princesse d’Allemagne (1768; 1769–1773 übersetzt als Briefe an eine deutsche Prinzessin) an eine Nichte Friedrichs des Großen. In Briefform vermittelt er Grundkenntnisse der Physik, Mathematik, Astronomie, Theologie und Philosophie. Gute zwanzig Jahre kam Knigges Versuch einer Logic für Frauenzimmer (1789) auf den Markt; im gleichen Jahr erschien eine freie Übersetzung aus dem Französischen in Form eines Briefs an eine Dame: Friedrich Eberhard von Rochows Eine kleine Logik oder Vernunft-Anwendungs-Lehre (1789). Generell verlor die aufklärerische Damenphilosophie jedoch spätestens mit dem Jahrhundertende an Bedeutung, auch wenn sich noch im 19. Jahrhundert Titel finden lassen wie 1803 die Philosophie für Damen von ‚Schiller‘ (nicht von dem Schiller) und 1837 der Brief an eine Dame über die Hegelsche Philosophie von Karl Wilhelm Ernst Mager.

Im Folgenden geht es um den wegweisenden und modellbildenden Gattungspionier der Damenphilosophie, der bereits 1686 erstmals erschienen war und im Laufe des 18. Jahrhunderts mehrfach (nicht nur) ins Deutsche übersetzt wurde: Bernard le Bovier de Fontenelles Lehrdialog Entretiens sur la Pluralité des Mondes. ← 97 | 98 →

1.Fontenelles Entretiens sur la Pluralité des Mondes

Abb. 12:Fontenelle 1586, Titelseite. © Wikisource La Bibliothèque libre.

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Die Schönen können den Cartesius seine Wirbel immer drehen lassen, ohne sich darum zu bekümmern, wenn auch der artige Fontenelle ihnen unter den Wandelsternen Gesellschaft leisten wollte, und die Anziehung ihrer Reize verliert nichts von ihrer Gewalt, wenn sie gleich nichts von allem dem wissen, was Algarotti zu ihrem Besten von den Anziehungskräften der groben Materien nach dem Newton aufzuzeichnen bemüht gewesen. […]

Eben so werden sie von dem Weltgebäude nichts mehr zu kennen nöthig haben, als nöthig ist, den Anblick des Himmels an einem schönen Abende ihnen rührend zu machen, wenn sie einigermaßen begriffen haben, daß noch mehr Welten und daselbst noch mehr schöne Geschöpfe anzutreffen sind. (Kant 1968, Bd. 2, S. 230 f.)

Kants Vorstellungen Von dem Unterschiede des Erhabenen und Schönen in dem Gegenverhältniß beider Geschlechter (1764) sind ebenso berühmt wie berüchtigt. Eine Erweiterung weiblichen Wissens erscheint dem bürgerlichen Universitätsgelehrten lediglich dann von Interesse, wenn die Schönheit der alternden Frau nachlässt:

Meiner Meinung nach sollte in der schönen Einfalt, die durch ein verfeinertes Gefühl an allem, was reizend und edel ist, erhoben worden, die ganze Vollkommenheit des schönen Geschlechts in der Blüthe der Jahre bestehen. Allmählig, so wie die Ansprüche auf Reizungen nachlassen, könnte das Lesen der Bücher und die Erweiterung der Einsicht unvermerkt die erledigte Stelle der Grazien durch die Musen ersetzen, und der Ehemann sollte der erste Lehrmeister sein. (Kant 1968, Bd. 2, S. 239 f.)

Im Werk des französischen Philosophen, Schriftstellers und Salonmenschen Bernard le Bovier de Fontenelle (1657–1757), auf den Kant im obigen Zitat süffisant-herablassend anspielt, gehen Schönheit und Wissen eine ganz andere Verbindung ein. In seinen Entretiens sur la Pluralité des Mondes wirbt der Ich-Erzähler und Briefschreiber um Verständnis für Philosophielektionen, die er einer Frau erteilt hat: „Peut-estre mesme serez-vous bien-aise que j’aye attiré madame la marquise dans le party de la philosophie. Nous ne pouvions faire une acquisition plus considerable, car je compte que la beauté et la jeunesse sont toûjours des choses d’un grand prix.“ (Fontenelle 1686, S. 2)

Die Entretiens erschienen 1686 bei C. Blageart in Paris, im gleichen Jahr kamen in Lyon und Amsterdam weitere Ausgaben auf den Markt (Fontenelle 1966, S. VIII, 181). 1687 ließ Fontenelle bei Michel Guerot in Paris eine ergänzte Neuausgabe erscheinen, die ein zusätzliches, sechstes Gespräch enthält. Sämtliche deutschen Übersetzungen basieren auf dieser ergänzten Version.

Fontenelles Buch steht am Anfang einer breiten Strömung der Wissenschaftspopularisierung, die die Frau explizit einschließt. Sie weist ihr eine zentrale Stellung als Rezipientin, wohlgemerkt nicht als Produzentin der ‚neuen Wissenschaften‘ zu. Jener unpräzise Begriff der ‚neuen Wissenschaften‘ reflektiert übrigens treffend die reale Ungenauigkeit der zeitgenössischen ← 99 | 100 → Terminologie: Eine Erkundung des semantischen Feldes, in dem sich ‚Philosophie‘, ‚Naturphilosophie‘ und ‚Wissenschaft‘ ansiedelten, wäre eine eigene Untersuchung wert.

In einem erotisch-galanten, unterhaltsamen Gespräch unter dem Sternenhimmel erklärt Fontenelles Philosoph einer adligen Dame das cartesianisch-kopernikanische Weltbild, das die Erde als einen von vielen Planeten, die Sonne als eine von vielen Sonnen statuiert. Im Kontext dieses neuen kosmologischen Modells wird die Frage nach der Bewohntheit anderer Planeten virulent: Die Pluralitätsidee ist ein zentrales Denkmodell des 17. und 18. Jahrhunderts. Es generiert unzählige philosophische und literarische Entwürfe, die sich „auf der Grenze zwischen Wirklichem und Möglichem“ ansiedeln und sich „statt als Gedankenspielerei als verantwortungsbewußte Artikulation der anthropologischen Grundfrage im Horizont des kosmologischen Erkenntnisstandes“ (Guthke 1983, S. 9) begreifen. Fontenelles astronomische Schrift, obgleich ihrerseits beeinflusst von Autoren wie John Wilkins, Pierre Borel und Cyrano de Bergerac (dazu Bergmann in Fontenelle 1989, S. 356), ist in diesem Kontext von herausragender wirkungsgeschichtlicher Bedeutung. Guthke sieht in den zu Fontenelles Lebzeiten 33-mal wieder aufgelegten (Fontenelle 1966, S. IX) und vielfach übersetzten Entretiens, die gemeinsam mit Christiaan Huygens’ Kosmotheoros (1698) den Gedanken der Mehrheit der bewohnten Welten an der Schwelle der Aufklärung in weiten Kreisen vertraut gemacht hätten, gar den entscheidenden Anstoß für einen mentalitätsgeschichtlichen „Umschwung des Denkens“ (Guthke 1983, S. 202).

1.1Verführung zur Gelehrsamkeit?

Die philosophischen Spaziergänge, die der Lehrer mit seiner Schülerin im nächtlichen Park unternimmt, sind geprägt von männlicher Galanterie und weiblicher Koketterie. Es ist ein Lehrdialog in geistreich-witziger, plaudernder Manier mit traditioneller Geschlechterdisposition. Der Mann inszeniert sich als Verführer – nicht nur zur Wissenschaft. Die Frau gibt sich hin – vorerst nur an die Wirbeltheorie. Gipper sieht in dem Spiel zwischen Philosoph und Marquise die „literarische Verdopplung jener rhetorischen Seduktionsstrategie […], mit der das Publikum seinerseits zur Wissenschaft verführt werden soll“; Douglas ihrerseits erkennt Fontenelles Erfolgsgeheimnis in seinem „use of romance and sexuality to purvey enlightenment“ (Gipper 2002, S. 151 f.; Douglas 1994, S. 4). Die Hierarchie von Lehrer/Verführer und Belehrter/Verführter bleibt ungebrochen, auch wenn letztere zuweilen Einwände und Vorschläge beisteuert und die Gesprächspartner sich beim phantasievollen Ausmalen anderer Welten gegenseitig anregen.

Die Marquise ist und bleibt Zuhörerin – und besitzt damit Vorbildfunktion für etwaige Leserinnen der Entretiens. Besonders bekannt ist die in Jo ← 100 | 101 → seph Addisons Wochenschrift The Guardian (8.9.1713, Nr. 155) inszenierte Rezeptionssituation: Frauen lesen sich beim Obsteinmachen Fontenelle vor. Fontenelles Vorrede ermutigt wissenschaftlich nicht vorgebildete Frauen ausdrücklich zur Lektüre. Doch sollen sie tatsächlich gelehrt werden? Und was heißt überhaupt ‚gelehrt‘? Hier ist nicht der Ort, auf die komplexe, zudem eine geschlechtsspezifische Differenzierung implizierende Semantik dieses Begriffs und auf sein Verhältnis zum in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstehenden Bildungsbegriff einzugehen (siehe auch III.1). Ein gelehrter Mann ist im 17. und 18. Jahrhundert selbstredend etwas anderes als eine als ‚gelehrt‘ bezeichnete Frau, die sich durch systematische Unprofessionalität auszeichnet (dazu Merkel/Wunder 2000, S. 8).

Fontenelles Entretiens sprechen von Gelehrsamkeit mit all der spielerischen Ambivalenz, die der Schrift generell eigen ist. Gleich zu Anfang behauptet der Ich-Erzähler, die Marquise für eine Gelehrte zu halten „à cause de l’extrême facilité qu’elle auroit à le devenir“ (Fontenelle 1686, S. 3). Fehlendes Bücherwissen tue nichts zur Sache, allein die mentale Disposition zählt. Auch im Folgenden ähnelt die inszenierte Gelehrsamkeit der Marquise nicht im Entferntesten der durch Kenntnis der alten Sprachen, Systematik, Breite und Tiefe des Wissens ausgezeichneten Gelehrsamkeit eines männlichen Wissenschaftlers. Weibliches Wissen bleibt intim und von der Öffentlichkeit ausgeschlossen – die Spaziergänger vereinbaren Stillschweigen über ihre konspirativen Philosophielehrstunden –; es verharrt im Raum der Oralität – die Marquise selbst lehnt graphische Darstellungen als sichtbare Insignien der Gelehrsamkeit in ihrem Park ab – und der philosophischen Spekulation. Wenn die Marquise sich am Ende des fünften Abends selbst enthusiastisch als ‚gelehrt‘ bezeichnet, weil sie „tout le sisteme de l’univers“ im Kopf habe, fällt die Replik des Lehrers zweischneidig aus: „Oüy, repliquay-je, vous l’estes assez raisonnablement, et vous l’estes avec la commodité de pouvoir ne rien croire de tout ce que je vous ay dit dés que l’envie vous en prendra.“ (Fontenelle 1686, S. 255) Das Universum im Kopf der Marquise stellt sich keineswegs als wissenschaftlich erwiesene Wahrheit dar, sondern als spekulative Phantasie, deren Gegenteil man je nach Laune ebenso glauben könne. Gelehrsamkeit, allerdings nicht nur weibliche, meint in Fontenelles Entretiens Imaginationskraft und philosophische Spekulationsfreude, eingebettet in den Kontext aristokratischer Galanterie und höfischer Kommunikation. Gipper betont das Potenzial des Fontenelle’schen Salontons, welcher allein die cartesianische Astronomie einem so breiten Publikum nahe zu bringen vermocht habe. Durch ihn gelinge die „Implementierung der Wissenschaft in den Raum des Salons“ (Gipper 2002, S. 128).

Wenn der Philosoph seine Schülerin im 1687 ergänzten sechsten Gespräch in den Bereich der ‚choses d’agrément‘, der geselligen Vergnügungen, zurückverweist, muss man darin deshalb gar nicht einen so starken Bruch erkennen, ← 101 | 102 → wie ihn die Forschung immer wieder kritisiert hat. Nicht erst im sechsten Gespräch verwandelt sich, wie Rogers meint, die Marquise „into a permanent spectator of masculine knowledge“ (Rogers 2003, S. 102).

Abb. 13:Fontenelle 1728, Frontispiz. © Université de Lausanne, Faculté des lettres, Section de Français.

1.2Popularisierung

Dennoch mag Gipper in Fontenelles populärwissenschaftlichen Schriften wie den Entretiens sur la Pluralité des Mondes „keineswegs ein mehr oder weniger harmloses Salonamüsement“ erkennen, „sondern vielmehr eine wichtige strategische Scharnierstelle im Prozeß der Konstituierung eines autonomen wissenschaftlichen Feldes im 17. Jahrhundert“ (Gipper 2002, S. 126). Damit glättet er die Widersprüchlichkeit zwischen wissenschaftlichen Ingredienzien und nicht-wissenschaftlichem, literarisch-phantastischem Gesamtkonzept der Entretiens zu stark. Nichtsdestoweniger ist es historisch angemessen, ← 102 | 103 → Wissenschaft und Wissenschaftspopularisierung als einen komplexen und untrennbaren Zusammenhang wahrzunehmen.

Fontenelle, der „Begründer der Astronomiepopularisierung“ (Utzt 2004, S. 37), behandelt die Modewissenschaft der noblen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts. Sein Zielpublikum sind naturwissenschaftlich nicht vorgebildete Angehörige höherer Kreise, speziell, aber nicht nur Frauen. Die Hierarchie zwischen Fachmann und Nichtfachfrau, die Fontenelles Dialog inszeniert, ist ein Charakteristikum von Popularisierungsprozessen – jedenfalls im traditionellen Sinn etwa des zeitgenössischen Popularitätstheoretikers Johann Christoph Greiling. Für Greiling verläuft Wissensvermittlung linear von oben nach unten (Dainat 2005, Ruchatz 2005).

Die aktuelle Forschung sieht Popularisierung jedoch nicht mehr nur als massenhafte Verbreitung von Wissen durch Fachleute an Laien und Wissensproduktion und -transfer nicht mehr als getrennte Sphären an, sondern als einen vernetzten Prozess zwischen Wissenschaftlern, Popularisierern und Öffentlichkeit. Sie nimmt Popularisierung in ihrer Komplexität wahr, die Rückkopplungen zwischen Wissenproduzierenden und -rezipierenden sowie die Generierung neuen Wissens einschließt ( II.3). Zumal bei literarisch ausgerichteten populärwissenschaftlichen Texten wie den Entretiens muss man mit einem solchen dynamischen Popularisierungsbegriff arbeiten. Keineswegs geht es in ihnen nur um das Herunterbrechen einer wissenschaftlichen Wahrheit, sondern um eine neu konstituierte literarische Textaussage.

Und doch: Kreis- oder Netzmodelle des Popularisierungsprozesses sind produktiv, können aber das bestehende Wissensgefälle zwischen Produzenten und Rezipienten nicht leugnen. Diese Asymmetrie des Wissens betrifft nicht nur den Bildungsstand, sondern auch das Geschlecht der Beteiligten. Die Belehrung ungebildeter Frauen verläuft anders als die ungebildeter Männer; eine geschlechtertheoretisch blinde Perspektive würde die Konstruktion der männlichem Wissen fern bleibenden, impliziten Leserin in populärwissenschaftlichen Texten ignorieren. Indessen darf die sich immer wieder neu und anders formierende Konstellation von Wissen, Geschlecht und Popularisierung auch nicht pauschalisiert werden. Nicht alle Popularisierungsmerkmale von Werken, die an Frauen adressiert sind oder in denen Frauenfiguren agieren, sind geschlechtsspezifisch. Klarheit, Deutlichkeit und Allgemeinverständlichkeit sind im 18. Jahrhundert Postulate der populärwissenschaftlichen Literatur allgemein, nicht nur der frauenspezifischen.

1.3 Wahrheit

Zu Fontenelles Entretiens sur la Pluralité des Mondes existiert eine breite Forschungsliteratur. Die von ihr behandelten Elemente des vermittelten Weltbildes wie Mechanisierung und Anthropozentrismus werden hier nicht ← 103 | 104 → näher behandelt. Lediglich zwei Aspekte, erstens Wahrheit, zweitens Performanz und Macht, seien herausgegriffen, bevor es um die Übersetzungen gehen wird.

Zum Aspekt der Wahrheit: Fontenelles Entretiens sind kein naturwissenschaftliches Traktat, sondern eine literarisch-philosophische Erzählung ohne Wahrheitsanspruch im naturwissenschaftlichen Sinn der Nachweisbarkeit. Ihre wichtigsten Argumente sind nicht empirische Beweise, sondern Analogieschlüsse und Hypothesen, die auf teilweise sehr spekulativen Wahrscheinlichkeiten basieren, sowie die eigenwillige Logik des pourquoi pas.

Nicht nur auf diese Weise wird die Wahrheit immer wieder neu reflektiert, die gleichwohl ein wichtiges Fundament der Argumentation darstellt: „Il n’y a que la verité qui persuade, mesme sans avoir besoin de paroistre avec toutes ses preuves.“ (Fontenelle 1686, S. 110 f.) Fontenelles Schrift proklamiert explizit einen erkenntnistheoretischen Wahrheitsrelativismus – Wahrheit hängt immer vom Betrachter ab (Fontenelle 1686, S. 129–131) –, einen ästhetischen Wahrheitsrelativismus – Wahrheit ist untrennbar mit Vergnügen verbunden („[…] je le tiens pour vray, parce qu’il me fait plaisir à croire.“, Fontenelle 1686, S. 11) – und einen sozialen Wahrheitsrelativismus – gesellschaftliche Konvention hat Priorität.

1.4 Performanz und Macht

Die Entretiens präsentieren kosmologische Modelle so, als generierten diese die Wirklichkeit erst. Während Modelle üblicherweise der Deskription und Erklärung von Vorhandenem dienen, besitzen sie bei Fontenelle eine stark performative Dimension. Wissenschaftler und Philosophen verändern nicht nur Weltbilder, sondern die Welt:

Figurez-vous un allemand nommé Copernic, qui fait main-basse sur tous ces cercles differens, et sur tous ces cieux solides qui avoient esté imaginez par l’antiquité. Il détruit les uns, il met les autres en pieces. Saisi d’une noble fureur d’astronome, il prend la terre, et l’envoye bien loin du centre de l’univers, où elle s’estoit placée, et dans ce centre, il y met le soleil, à qui cet honneur estoit bien mieux dû. (Fontenelle 1686, S. 32)

Kopernikus, vor allem aber der Ich-Erzähler selbst, der doch eigentlich nichts weiter tun will als „tirer le rideau, et à vous montrer le monde“ (Fontenelle 1686, S. 20), wird zum allmächtigen Schöpfer nicht nur der Weltenschau, sondern des Weltenbaus. Er kann indische Elefanten zur Systemstabilisierung einsetzen oder sie entfernen, Mondbewohner am Leben erhalten oder vernichten, Planeten bevölkern, mit Lufthüllen versehen, ihnen Regengüsse bewilligen oder sie aus Salpeter bestehen lassen. Was wie ein geistreiches literarisches Spiel wirkt, ist zugleich ein Vermessen anthropologischer Potenziale. Es geht um die Macht des menschlichen Geistes und der Philoso ← 104 | 105 → phie: „Mettez-y encore des mondes, n’y en mettez pas, cela dépend de vous. C’est proprement l’empire des philosophes que ces grands païs invisibles qui peuvent estre ou n’estre pas si on veut, ou estre tels que l’on veut […].“ (Fontenelle 1686, S. 254)

2.„ein deutscher Fontenelle“

„ein deutscher Fontenelle“ … diesen ihm zugesprochenen Titel zitiert Gottsched geschmeichelt in der dritten Auflage seiner Übersetzung Herrn Bernhards von Fontenelle Gespräche von Mehr als einer Welt zwischen einem Frauenzimmer und einem Gelehrten (Leipzig 1738), und zwar in der „Erinnerung wegen der dritten Auflage“ (Gottsched 1738, unpag. [S. 1]; dazu Gawlick 1990, S. 182, 199, Anm. 20).

Fontenelles Entretiens sur la Pluralité des Mondes wurden, so Christoph Martin Wieland rückblickend, „in ganz Europa mit dem lautesten Beyfall aufgenommen“ (Wieland [?] 1780), S. 291). Sie wurden vielfach übersetzt und breit rezipiert. Ihre Art der Wissenspopularisierung – galant, reich an Esprit, leicht, plaudernd-belehrend – hatte auch bei der deutschsprachigen Leserschaft großen Erfolg. Fontenelle galt als typisch französisch, seine Vermittlungsmöglichkeit nach Deutschland allerdings zuweilen als fraglich.

Übersetzungen sind markante Phänomene von Kulturtransfer. An ihnen lässt sich zeigen, dass Transfer nicht bloß lineare Übertragung bedeutet. Zu prüfen ist vielmehr, wie das Verhältnis von Ausgangs- und Zielkultur modelliert wird, inwiefern Transferprozesse semantische Modifikationen implizieren, wie das zu Transferierende selektiert, interpretiert, in der Zielkultur verortet wird und einen neuen philosophie-, literar- und geschlechterhistorischen Ort erhält. Sprachliche Übersetzung ist stets zugleich semantisch-kulturelle. Erst letztere ermöglicht Verstehen in der Zielkultur, bedeutet aber auch Veränderung, Wertung und Interpretation – so argumentiert auch die sich von Äquivalenzkonzepten verabschiedende Übersetzungsforschung (Lorenz 1996, S. 555–569).

Fast ein Dutzend ins Deutsche übersetzte Entretiens-Ausgaben gelangten vom Datum des originalsprachlichen Erstdrucks 1686 an bis zum Ende des 18. Jahrhunderts auf den Buchmarkt.

Die folgende chronologische Übersicht erscheint notwendig, da Hans Fromms Bibliographie deutscher Übersetzungen aus dem Französischen, 1700–1948 unvollständig ist (Fromm 1951, Bd. 3, S. 72) und in der Forschung zu den Fontenelle-Übersetzungen etliche falsche Jahreszahlen kursieren: 1698 erschien eine erste anonyme Übersetzung bei Thomas Fritsch in Leipzig, die sich allerdings nicht als solche zu erkennen gab. Nach Gottscheds Worten war sie sehr populär (Gottsched 1726, „Vorrede des Ubersetzers“, unpag. [S. 7]). 1726 publizierte Gottsched eine eigene Übersetzung, die zur ← 105 | 106 → wirkungsmächtigsten des 18. Jahrhunderts wurde. Sie erlebte fünf weitere Auflagen bis 1800, ab 1751 im Rahmen der von Gottsched übersetzten Auserlesenen Schriften Fontenelles, die wie die vorausgegangenen Separatdrucke bei Bernhard Christoph Breitkopf in Leipzig erschienen. 1780 übersetzte Wilhelm Christhelf Siegmund Mylius Fontenelles Entretiens neu. Der Text erschien mit Anmerkungen und Kupfertafeln des Astronomen Johann Elert Bode bei Christian Friedrich Himburg in Berlin. Auch diese Übersetzung wurde mehrfach wiederaufgelegt (1789, 1798). 1794 erschien unter dem Pseudonym ‚R…‘ eine weitere Übersetzung bei Curt in Halle. Ein Jahr später folgte deren zweite Auflage.

Der Fokus der folgenden Überlegungen liegt nicht auf den übersetzten Texten – etwa im Sinne eines übersetzungswissenschaftlichen oder komparatistischen Vergleichs mit dem Originaltext. Ein solcher noch ausstehender Vergleich könnte freilich sehr ergiebig sein. Bislang steht das Urteil, Gottsched bezeuge keine philologische Akribie, konträr zu demjenigen, er bezeuge eine „scrupuleuse exactitude dans la traduction elle-même“ (Brandes 2006, S. 192, versus Krebs 1993, S. 209).

Das Augenmerk liegt hier auf Paratexten, die die Übersetzung eskortieren: Vorreden und Anmerkungen. An ihnen lässt sich herausarbeiten, was die Übersetzung intendiert, inwiefern sie den Ausgangstext modifizieren will, welche Rolle die zeitliche und kulturelle Distanz zwischen Original und Übersetzung spielt und wie der Transfer von philosophischen Theorien, Bildungskonzepten oder Geschlechtermodellen verläuft.

2.1Ehrenfried Walther von Tschirnhaus übersetzt Gespräche von Mehr als einer Welt zwischen einem Frauen-Zimmer und einem Gelehrten (1698)

Die erste Übersetzung eines Anonymos verbirgt jeden Hinweis auf ihren Übersetzungsstatus, sie geriert sich wie ein Originaltext. Als Übersetzer gilt der sächsische Naturwissenschaftler und -forscher Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651–1708).

Die Kataloge der besitzenden Bibliotheken verzeichnen Tschirnhaus’ Namen nicht, ebenso wenig der Eintrag im Deutschen Anonymen-Lexikon 1501–1850 (Holzmann/Bohatta 1911, Bd. VI, Sp. 5420). Schon im 18. Jahrhundert jedoch wurde die Übersetzung Tschirnhaus zugesprochen, so von einem Rezensenten der Mylius/Bode-Ausgabe, der „Des berühmten Ehrenfried Walther v. Tschirnhaus deutsche Uebersetzung“ erwähnt (M. 1785, S. 130). Das bestätigt die Tschirnhaus-Forschung (Wollgast 1988, S. 27; weitere Literaturhinweise dort S. 67, Anm. 94). Es ist wenig wahrscheinlich, dass der anonym bleibende Tschirnhaus die Schrift als selbstständigen Beitrag zum kosmologisch-astronomischen Diskurs über die Pluralitätsidee für sich rekla ← 106 | 107 → mieren wollte. Fontenelles Entretiens sur la Pluralité des Mondes waren der deutschsprachigen Leserschaft, also den höheren, des Französischen kundigen Schichten, im Original geläufig, so dass die deutschsprachige Übersetzung ganz selbstverständlich als solche rezipiert wurde. Autor und Übersetzer treten hinter den Text zurück. Konsequent verzichtet die Ausgabe auf Vorrede und Anmerkungen des Übersetzers, weshalb sie allerdings für die vorgelegte Untersuchung recht unergiebig ist.

In einem etwas umständlichen, aber eng an der Vorlage orientierten Gelehrtendeutsch werden die Vorrede Fontenelles zur erweiterten Neuauflage und der entsprechende Haupttext inklusive des sechsten Gesprächs präsentiert. Als Beispiel diene die Passage aus der Vorrede, die Frauen zur Lektüre ermuntern soll:

Ich habe in diesem gespräche eine weibsperson dargestellet / die man unterrichtet / und die niemahls von dergleichen sachen hat reden hören / und habe dafür gehalten / daß mir diese erdichtung dienen werde / so wohl dem wercke mehr annehmligkeit beyzubringen / als auch das frauenzimmer anzufrischen / durch das beyspiel einer dame / die / ob sie wohl die schrancken einer person / so in wissenschafften unerfahren ist / nicht überschreitet / dennoch alles das / was man ihr saget / wohl verstehen und in ihrem kopffe / ohne verwirrung / die würbel und welt-kugeln in ordnung richten kan. Warumb solten wohl nicht auch andere weibspersonen seyn / die dieser erdichteten Marggräfin nichts nachgäben / als welche nichts in die gedancken nimmt / als was sie nothwendig wohl begreifen muß. (Tschirnhaus 1698, S. 4 f.)

2.2Johann Christoph Gottsched übersetzt Herrn Bernhards von Fontenelle Gespräche von Mehr als einer Welt zwischen einem Frauenzimmer und einem Gelehrten (1726, 1730, 1738, 1751, 1760, 1771)

Mit den Gesprächen von Mehr als einer Welt begann Gottscheds produktive Zusammenarbeit mit dem Verleger und Drucker Bernhard Christoph Breitkopf. Gottscheds ambivalentes Verhältnis zu Frankreich, das Bewunderung und Ressentiment einschließt, spitzt sich in der intensiven Auseinandersetzung mit Fontenelle zu. Dessen Schriften beeinflussten das Schreiben des Leipzigers stark, zugleich aber distanzierte er sich von ihnen (einschlägig dazu Brandes 2006, Krebs 1993). Mit seinen erfolgreichen Fontenelle-Übersetzungen wollte Gottsched nicht zuletzt zeigen, dass der leichte, angenehme Stil des Franzosen in die als so schwerfällig geltende deutsche Sprache übersetzbar ist. Der Kulturtransfer dient dem internationalen Austausch, insbesondere aber der Befruchtung der Zielkultur. Paradebeispiel ist die mehrfach aufgelegte, immer wieder verbesserte Entretiens-Übersetzung, mit der Gottsched sich ab 1726 als „véritable introducteur de Fontenelle en Allemagne“ (Krebs 1993, S. 209), gar als deutscher Fontenelle profilierte. Herrn Bernhards von Fontenelle Ge ← 107 | 108 → spräche von Mehr als einer Welt werden mit Widmung und ausführlicher, programmatisch-selbstreflexiver Vorrede eröffnet. Gottsched legitimiert seine Übersetzung mit aktuellen Neuauflagen des Originals (seine Grundlage ist die französische Ausgabe von 1719): Fontenelle habe „an sehr vielen Orten Aenderungen gemacht“, „die Materien mit vielen hier und dar eingerückten neuen Gedancken bereichert; und vor allen Dingen die Zahlen […] nach den neuesten Observationen der Sternseher eingerichtet“. Daher lohne es, „dieses so angenehme als nützliche Traktätchen“ „in seinem itzigen weit vollkommnern Zustande, von neuem in unsre Muttersprache“ (Gottsched 1726, „Vorrede“, unpag. [S. 2]) zu bringen.

Die umfangreichen Anmerkungen Gottscheds – Exkurse, Kommentare, Korrekturen – prägt ein äußerst didaktischer Gestus; nicht selten wirken sie „schulmeisterhaft und besserwisserisch“ (Brandes 2006, S. 202). Brandes spricht von Distanzierungen, Präzisierungen, Aktualisierungen: Abweichungen, die von Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit des Übersetzers zeugen (Brandes 2006, S. 191). Einen großen Teil nehmen dabei fachliche Verbesserungen ein. Fontenelles Astronomieschrift erscheint als partiell überholt durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse vor allem englischer Astronomen, die etwa „die Wirbel der Sonnen etwas anders einzurichten vor nöthig befunden“ hätten (Gottsched 1726, S. 174, Anm. [b]; auch S. 175, Anm. [c]).

Eine wichtige Korrekturfunktion besitzen die in die Übersetzung neu eingefügten Figuren. Sie sollen durch Anschaulichkeit das vorgestellte Weltmodell verständlicher machen – doch widerlegen sie es teilweise regelrecht und bewirken eine explosive Text-Bild-Diskrepanz in der Gottsched’schen Übersetzung. Ein Kupferstich zeige, so Gottsched in der Auflage von 1751, „die Bahnen der Cometen um die Sonnen und Fixsterne, nach einem neuern und bessern Lehrgebäude, als das cartesianische war, welches Herr von Fontenelle vorgetragen“ (Gottsched 1751, „Geneigter Leser“, S. XVI). Die massive Entwertung des Originaltextes kann durch das blumige Lob nicht überzeugend entkräftet werden, das der Fähigkeit Fontenelles zugesprochen wird, „auch die trockensten Materien mit gewissen Farben der Einbildungskraft zu verschönern; und auch da, wo er lauter Blumen des aufgewecktesten Geistes zu verschwenden scheint, nützliche Wahrheiten und gründliche Lehren mit einzumischen“ (Gottsched 1751, „Der Hochgebohrnen Gräfinn, Henrietten, des H. Röm. Reichs Gräfinn von Schönberg“, S. VIII). Mit dem zugkräftigen Namen der Adligen als Widmungsträgerin hoffte Gottsched, „unzähliche Personen des schönen Geschlechts“ (Gottsched 1751, S. IX) anzulocken.

Ähnlich brisant sind die ideologischen Korrekturen Gottscheds, dessen Übersetzung die Simultaneität von Respekt vor dem Original und semantischer Modifikation dokumentiert. Den Ausruf der Marquise „Ich bin itzo gelehrt“ nimmt der deutsche Kommentator zum Anlass, um ausführlich über ← 108 | 109 → menschliche Erkenntnisziele und deren teleologisch-theologischen Überbau zu referieren: „Die Marggräfin hat recht. Wenn sie einen so vernünfftigen und allgemeinen Begriff von der Welt erlanget hat, ist sie ohne Zweifel tausendmahl gelehrter als wenn sie alle Romane, Poesien, Historietten und andre dergleichen Bücher mehr gelesen hätte.“ (Gottsched 1726, S. 186, Anm. [h]) Es sei wichtiger, das Weltgebäude in seiner Ausdehnung zu kennen als alle Winkel der Erde, wo man doch nur menschliche Torheiten finde. Dagegen ergötze man in Ansehung des Weltganzen seinen Verstand an der „Weißheit, Güte und Macht des ewigen Schöpfers“ (Gottsched 1726, S. 187, Anm. [h]). Guthke (1983, S. 210 f.) legt ausführlich dar, wie die Idee der Pluralität der Welten im 18. Jahrhundert die Allmacht und Weisheit Gottes zeigen, aber auch Ferment des Atheismus und der Säkularisation sein kann. Oben im Text sprechen Fontenelles Philosoph und seine Schülerin von der schöpferischen Natur, die Anmerkungen unten preisen Gott als Schöpfer der Mehrheit der Welten. Gottscheds Versuch, Fontenelle zu retheologisieren, bringt eine entscheidende Bedeutungsveränderung mit sich, denn die französischen Entretiens sind weit davon entfernt, Schöpferlob im Sinne Gottscheds zu sein – auch wenn etwa Barthold Hinrich Brockes, der nicht zufällig Gottscheds Übersetzung rühmte, sie im Irdischen Vergnügen in Gott (2. Tl., 1739) so sehen wollte (Krebs 1993, S. 213). Dazu sei erneut Guthke zitiert: „Die Ansicht, die die neueste wissenschaftsgeschichtlich ausgerichtete Darstellung der Pluralitätsidee vertritt, daß nämlich Fontenelle aus der Verschiedenheit der Wesen der vielen Welten die maiorem dei gloriam ablese, entbehrt jeder Grundlage im Text.“ (Guthke 1983, S. 211) Dagegen betont Gawlick, der in Gottscheds Paratexten zu Übersetzungen französischer Autoren zum Teil massive Warnungen vor Skeptizismus, Freidenkerei und Atheismus der Originale erkennt, die trotz aller korrigierenden Eingriffe bestehende Übereinstimmung Gottscheds mit Fontenelles „Weltgefühl“: „Die Vorstellung, daß nicht nur diese Erde bewohnt sei, […] entsprach seiner Auffassung von Gottes Wirken im Kosmos und erleichterte ihm auch die Lösung des Theodizeeproblems“ (Gawlick 1990, S. 180).

Eine größere Konvergenz zwischen Ausgangs- und Zieltext lässt zunächst der Aspekt Frauenbildung erwarten. Fontenelles Ermunterung zu weiblicher Lektüre kam den aufklärerischen Bestrebungen seines deutschen Vermittlers entgegen. Gottsched schuf sich durch die Übersetzertätigkeit eine weitere Möglichkeit, sein Projekt popularisierender Wissensvermittlung an Unstudierte, insbesondere an Frauen, zu forcieren, das er etwa als Herausgeber Moralischer Wochenschriften betrieb. Er war überzeugt von der Studierfähigkeit von Frauen und plädierte für eine Erhöhung des weiblichen Bildungsniveaus. Dabei war sein erklärtes Ziel, Frauen durch verbesserte Allgemeinbildung nicht zu aktiv arbeitenden Gelehrten, sondern zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. Einige Anmerkungen zur Entretiens-Übersetzung ← 109 | 110 → plädieren in diesem Sinn für zweckorientierte, geschlechterspezifische Wissensvermittlung:

Sind denn etwa die Seelen des Frauenzimmers von einer andern Gattung als die Männlichen? Ihr Verstand empfindet eben so wohl ein Vergnügen, als der unsrige: wenn er etwas Vollkommenes erblicket. Soll er es aber erblicken, so muß es ihm gezeiget werden. Auch wir können nicht ohne Anleitung klug werden. Und wer weiß, ob nicht viele unter ihnen durch einen wenigern Unterricht weiter kommen würden, als die meisten unter uns, die wir unsre halbe Lebens-Zeit mit Erlernung der Sprache, und die andre Helffte mit einem unordentlichen Bücherlesen zubringen? (Gottsched 1726, S. 15, Anm. [b])

Gottscheds unter dem Strich gehaltenes Plädoyer für weibliches Lernen radikalisiert und modifiziert Fontenelles Umgang mit dem Thema. Zwar begeht Gottsched eine – vermutlich unbewusste – textpragmatische Inkonsequenz, wenn er sich, entgegen der Adressierung des Haupttextes an Leserinnen, im zitierten Kommentar durch Setzung der ersten Person Plural („die meisten unter uns, die wir“…) mit den männlichen Rezipienten gemein macht. Doch distanziert er sich in aufrechter Empörung vom in den Entretiens postulierten Modell der Privatheit weiblichen Wissens, dem ein öffentlicher Raum verweigert und das dadurch ghettoisiert wird:

Das sind artige Leute, die sich schämen mit einem lehrbegierigen Frauenzimmer was ernsthafftes zu reden. Gerade, als wenn nothwendig lauter Materien zu einem künfftigen Romane in solchen Gesellschafften zubereitet werden müsten! Die Wahrheit will allenthalben bekannt gemacht seyn, und wenn es gleich eine philosophische wäre. (Gottsched 1726, S. 15, Anm. [c])

Der geschlechterhistorische Ort der Gottsched’schen Gespräche von Mehr als einer Welt ist ein anderer als der des französischen Ausgangstextes. Zwar ermuntert Fontenelles Vorrede Frauen zum Lesen – im Text selbst jedoch bleiben sie erotische Objekte, unterhaltsame Gesellschafterinnen und bestenfalls reizende Zuhörerinnen. Der deutsche Kommentar treibt diese textinhärente Diskrepanz zwischen Pragmatik und Semantik des Prätextes hervor.

Es erstaunt nicht, dass der Übersetzer und Frauenförderer Gottsched sich insbesondere an der restriktiven finalen Anweisung des Originals stieß, die weibliche Philosophie solle sich auf gesellige Vergnügungen beschränken. Tatsächlich macht eine entsprechende Anmerkung die Distanz des bürgerlichen deutschen Gelehrten zur französischen Salongeselligkeit deutlich – und reicht dabei zugleich mit einer galanten, gleichsam Fontenelle’schen Kehrtwendung dem Ausgangstext versöhnlich die Hand: Das Frauenzimmer bringe zwar einen Großteil seines Lebens mit „Lustbarkeiten und Ergetzlichkeiten“ zu. „Doch deswegen wird ein kluges Frauenzimmer nicht lauter Kochbücher lesen oder unaufhörlich auf neue Moden und Tänze sinnen. Es wird allezeit noch etliche Stunden übrig haben, zum wenigsten auch diese Philosophie des ← 110 | 111 → Herrn Fontenelle eines recht galant gelehrten Mannes zu studiren.“ (Gottsched 1726, S. 212, Anm. [m])

Die weiteren Auflagen von Gottscheds Übersetzung lassen sprachliche und weitere wissenschaftliche Überarbeitung erkennen; die geschlechtsspezifischen Textdimensionen weisen hingegen keine nennenswerte Modifikation auf. Regelmäßig werden die Übersetzervorreden der vorigen Auflagen mit abgedruckt, was eine ermüdende Flut an Vorreden zur Folge hat – Krebs spricht treffend von Gottsched als „préfacier infatigable“ (Krebs 1993, S. 207). Nach den Separatdrucken 1730 und 1738 erschienen 1751 erstmals Herrn Bernhards von Fontenelle […] Auserlesene Schriften. Mit elterlicher Liebe blickt Gottsched in der Vorrede auf sein ältestes Kind, die Gespräche von Mehr als einer Welt, zurück: eine bemerkenswerte, weil literarische Produktivität implizierende Zeugungsmetapher. Der Verfasser nimmt sie sogleich wieder zurück, wenn er sich anschließend als „Dollmetscher“ (Gottsched 1751, „Geneigter Leser“, S. XII) des Originals bezeichnet und damit einen linearen, auf Äquivalenz bedachten sprachlich-kulturellen Transfer suggeriert. Es folgen Hinweise auf Verbesserungen und Ergänzungen im Kommentar und auf einen recht gewichtigen Eingriff in das Original: den Verzicht auf inquit-Formeln zugunsten einer szenischen Dialogform. Die späteren Übersetzer Mylius und R… werden diese Dialogform übernehmen.

Zwei weitere Auflagen der von Gottsched zusammengestellten Auserlesenen Schriften erscheinen 1760 und 1771. Die Paratexte bringen wenig Neues; die Übersetzervorrede von 1751 wird 1760, die von 1760 wird 1771 erneut abgedruckt, wogegen die früheren nun jeweils wegfallen. Eine Irritation in der Auflagenzählung verantwortet Gottsched selbst: Die Werkausgabe von 1760 bezeichnet er, die Zählung bei der ersten Entretiens-Übersetzung beginnend, als fünfte Auflage. Die Schriften von 1771 stellen nach seiner in der Vorrede geäußerten Überzeugung die vierte Auflage dar, doch handelt sich höchstwahrscheinlich, da eine weitere Auflage zwischen 1760 und 1771 nicht nachgewiesen werden konnte, um die sechste Auflage der Gespräche von Mehr als einer Welt bzw. um die dritte Auflage der Auserlesenen Schriften.

Eine Skurrilität sei am Rande notiert: 1760 äußert Gottsched in einer auf 1759 datierten „Nachschrift wegen dieser fünften Auflage“ die Hoffnung auf eine Reaktion Fontenelles: „Der geneigte Leser gedulde sich also, bis wir aus Paris die Lobschrift eines Greises erhalten werden, der als ein Phönix unter den Gelehrten, beynahe ein volles Jahrhundert erlebet hat; und bleibe mir ferner gewogen.“ (Gottsched 1760, „Nachschrift wegen dieser fünften Auflage“, unpag. [S. 1]) Doch schon 1757 war Fontenelle als fast Hundertjähriger gestorben. ← 111 | 112 →

2.3 Wilhelm Christhelf Mylius übersetzt Bernhard von Fontenelle Dialogen über die Mehrheit der Welten. Mit Anmerkungen und Kupfertafeln von Johann Elert Bode (1780, 1789, 1798)

Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts erhöhte sich die Nachfrage nach Lesestoff im deutschsprachigen Raum merklich. Mit der zunehmenden Alphabetisierung und dem steigenden Bildungsniveau der Bevölkerung korrespondieren die Explosion des Buchmarkts, die Entfaltung des Medienspektrums, die Ausdifferenzierung der Wissenschaften. Um den gestiegenen Lektürebedarf zu befriedigen, griff man verstärkt auf Übersetzungen zurück. Für Verlage waren sie wirtschaftlich interessant, da „ausländische Beststeller“, zumal ohne rechtlichen Schutz, „potentiell zu rasch und erfolgreich vermarktbaren Produkten“ (Waszek 2007, S. 51) wurden. Das harte Geschäft mit der Übersetzung, zu dem regelrechte Übersetzerfabriken mit Billiglohnarbeitern gehörten, karikiert Friedrich Nicolai in seinem satirischen Roman Leben und Meinungen des Herrn Magisters Sebaldus Nothanker (1773, 2. Buch, 1. Abschnitt).

„Fontenelles Buch, als das erste und berühmteste, in dem die Astronomie populär ist vorgetragen worden, verdient immer bekannt zu bleiben“ ([A. G. Kästner] 1782, S. 458): Auch hundert Jahre nach ihrem ersten Erscheinen waren die Entretiens sur la Pluralité des Mondes noch attraktiv genug für zwei weitere, mehrfach aufgelegte Neuübersetzungen. 1780 erschien die Übersetzung von Wilhelm Christhelf Mylius (1753–1827), einem bleibenden Schriftsteller, der sich bereits durch Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen hervorgetan hatte. Das Titelblatt verzeichnet lediglich den Namen Johann Elert Bodes (1747–1826), der Anmerkungen und Kupfertafeln ergänzte. Zu Recht wird die Ausgabe, die zweimal mit geringfügigen, vor allem sprachlich-stilistischen Veränderungen wieder aufgelegt wurde, mit dem Berliner Naturforscher und Astronomen Bode verbunden. Denn weniger die sprachliche Übertragung des Originaltextes als dessen massive semantische Modifikation durch die Paratexte geben dem Werk sein spezifisches Gepräge. Bodes kurze „Vorerinrung“, die den Band anstelle einer Übersetzervorrede eröffnet, legitimiert das aktuelle Interesse an Fontenelles Entretiens mit der „lebhaften und sinnreichen Einkleidung“, also der Form der Astronomieschrift. Der Inhalt dagegen bedürfe einer gründlichen Überarbeitung, die „mehr Volständigkeit“ erreichen, „verschiedne darin vorkommende irrige Meinungen“ berichtigen und „die Entdekkungen und Lehrsäze der neuern Sternkundigen“ (Mylius/Bode 1780, „Vorerinrung“, unpag. [S. 1 f.]) hinzufügen solle. In der zweiten Auflage fehlt die „Vorerinrung“, in der dritten wird sie als „Vorerinnerung“ fast identisch abgedruckt.

Mylius’ Übersetzung, die auf Fontenelles originale Vorrede verzichtet und den Haupttext wie Gottsched ab 1751 in szenische Dialogform, sogar mit Regieanweisungen, setzt, versieht Bode mit einem äußerst umfangreichen ← 112 | 113 → Apparat. Dieser gewinnt ein gewichtiges Eigenleben; über weite Strecken ist der Text unter dem Strich umfangreicher als der darüber, so dass der Band insgesamt beträchtlich anschwillt. Bodes Hauptinteresse ist die – zum Teil hochkomplexe und an einen nummerierten Figurenanhang zurückgebundene – fachwissenschaftliche Erläuterung und vor allem Korrektur des veralteten Originals: „Was seitdem, da Herr von Fontenelle dieses schrieb, in der Sternkunde an neuen Entdekkungen, Lehrgebäuden und Meinungen bekant geworden, habe ich in den vorherigen Anmerkungen algemein vorgetragen.“ (Mylius/Bode 1780, S. 353, Anm.) Zentral ist dabei Bodes Ablehnung der cartesianischen Wirbeltheorie, die doch ein Kernstück von Fontenelles kosmologischem Modell ausmachte:

Bey dieser Vorstellung hat der Herr Verfasser ohne Zweifel schon die von Descartes eingeführte allgemeine wirbelähnliche Bewegung des Aethers, oder der äusserst subtilen himmlischen Materie, die er in Folge so gern braucht, im Sinne. Da sich bey diesen Wirbeln unauflösliche Schwierigkeiten finden, so haben neuere Weltweise solche nicht angenommen, und vornehmlich hat uns Neuton von den Kräften und Gesezen […] eines Bessern belehrt. (Mylius/Bode 1780, S. 53 f., Anm.)

Und weiter unten: „Diese ganze Vorstellung bezieht sich abermal auf Kartesius ungegründete und längst widerlegte Hypothese von den im Weltraum vorhanden seyn sollenden Wirbeln […].“ (Mylius/Bode 1780, S. 290, Anm.)

Bodes Hauptziel ist die Fehlerkorrektur – auch für Gottsched war sie wichtig, wenngleich nicht in einer derartigen Ausschließlichkeit. Mit Gottscheds Übersetzerkommentar teilt derjenige Bodes zudem die teleologische Ausrichtung auf einen „unendlichen Urheber“ des riesigen Weltalls, das „die Größe Gottes“ (Mylius/Bode 1780, S. 321 f., Anm.; siehe auch S. 286 f., Anm.) verherrliche. Derartiges Streben nach Verbesserung des Originals lässt auf ein bestimmtes Textsortenverständnis schließen: Bode rezipiert die Entretiens nicht als literarisch-fiktionale Entität, die anstelle bloßer Fakteninformation die Relativität der Wahrheit oder die Macht der Philosophie verhandelt. Vielmehr fasst er Fontenelles Schrift als naturwissenschaftliches Traktat auf, an dessen Aussagen das Kriterium wahr/falsch angelegt werden kann und muss. Darum gefährdet ein inhaltlicher Eingriff auch nicht womöglich ein literarisches Kunstwerk, sondern verbessert lediglich veraltete wissenschaftliche Auffassungen. Kulturtransfer durch Übersetzerkommentar bedeutet bei Mylius/Bode radikale Komplexitätsreduktion, Vereinfachung und damit auch Infragestellung des Originals – das nichtsdestoweniger über dem Strich vollständig abgedruckt wird.

Auch die zeitgenössische Rezeption nahm die Übersetzung vor allem als ein Werk nicht von Mylius, sondern von Bode wahr, der sich durch Korrektur des Originals um die astronomische Weiterbildung seines Publikums verdient ← 113 | 114 → mache. Der Rezensent des Teutschen Merkur, vermutlich Wieland, gibt seine distanzierte Haltung zum französischen Urtext ohne Umschweife zu. Mylius/Bodes Übersetzung, unterhaltend und lehrreich zugleich, sieht er „weit über das Original“ erhoben. „Ohne diese Anmerkungen und Zusätze würde Lucians Reise in den Mond (in seiner wahren Geschichte) ein angenehmers und, weil es Niemanden irre führen kann, unschädlichers Buch seyn, als diese berühmte Welten des Hrn. v. Fontenelle, der so oft zur Unzeit witzelt, und so oft unrecht hat.“ (Wieland [?] 1780, S. 291) Entweder Fakten oder Fiktion, verlangt der Rezensent, und missbilligt deren irritierende Verbindung in Fontenelles Schrift. Aktualisierung und didaktischen Wert lobt auch ein anderer Rezensent: „So ist dieses Buch dienlich, so viel von der Astronomie zu lernen, als sich ohne mathematische Einsichten fassen läßt.“ ([A. G. Kästner 1782, S. 458)

Bodes fachwissenschaftlicher Kommentar fand übrigens so viel Beifall, dass sein Verleger Himburg ihn 1783 ins Französische zurückübersetzen ließ und einer originalsprachlichen Ausgabe der Entretiens sur la Pluralité des Mondes beifügte: „Avec des remarques & figures en taille-douce de M. Bode“. Dass die Leistung des deutschen Astronomen auf diese Weise einen Platz in der Wirkungsgeschichte des Fontenelle’schen Originals einnimmt – Brunets Manuel du Libraire bemerkt, die französischsprachige Berliner Edition sei „curieuse à cause des remarques que le célèbre astronome Bode y a ajoutées“ (Brunet 1861, Bd. 2, Sp. 1332) –, ist ein bemerkenswertes Beispiel für Rückkopplungen und Interferenzen des französisch-deutschen Kulturtransfers.

2.4R… übersetzt Herrn von Fontenelle Unterredungen über die Mehrheit der Welten. Ein astronomisches Handbuch für das schöne Geschlecht (1794, 1795)

Bode war an Frauenbildung nicht interessiert. Seine Dialogen über die Mehrheit der Welten widmet er den „Liebhabern der Weltkunde“ (Mylius/Bode 1780, „Vorerinrung“, unpag. [S. 2]). Der von Gottsched so ausführlich kommentierte Ausruf der Marquise „ich bin gelehrt“ (Mylius/Bode 1780, S. 321), den Mylius mit einem markanten Fragezeichen versieht, ist ihm keine Bemerkung wert.

Ganz anders ein mit ‚R…‘ bezeichneter Übersetzer, der 1794 eine weitere deutschsprachige Version von Fontenelles Schrift auf den Markt bringt. Sein „astronomisches Handbuch für das schöne Geschlecht“, im Curt’schen Verlag in Halle erschienen und ein Jahr später wieder aufgelegt, richtet sich ebenso ausdrücklich wie ausschließlich an Frauen: „Meine schönen Leserinnen, Sie sollen also Astronomie studieren!“ (R… 1794, „Meine schönen Leserinnen“, S. III) Ein Rezensent kritisiert die fehlende Erwähnung der Bode’schen Dialogen durch R…, was er sich nur mit der Unkenntnis des Neuübersetzers ← 114 | 115 → erklären kann – oder mit dessen Glauben, Bodes Version gehöre „nur für das männliche Geschlecht“ (anonym 1795, S. 87).

R… hat Bode jedoch zweifellos gekannt, das offenbart eine vergleichende Durchsicht der beiden Übersetzungen im Kontrast zu denjenigen von Tschirnhaus und Gottsched. Zu den unübersehbaren lexikalischen und grammatischen Analogien kommen Übereinstimmungen im Kommentar hinzu. Zwar sind R…s Erläuterungen wesentlich weniger detailliert und fachwissenschaftlich gehalten als die Bodes. Sie referieren aber auffällig häufig auf die gleichen Passagen des Haupttextes und nehmen sich nicht selten wie eine Überarbeitung der Bode’schen Anmerkungen aus.

Eine eigene Note gewinnt R… vor allem durch seinen Schreibstil in den Paratexten. Bode lagen Galanterie oder gar Empfindsamkeit äußerst fern – einer der wenigen nicht fachwissenschaftlichen Kommentare Bodes, der sich in dieser Form erst in der Ausgabe von 1789 findet, polemisiert gegen Honoré d’Urfés Schäferroman L’Astrée: ein „schwülstiger und zugleich höchst fader und langweiliger Roman […], der zu seiner Zeit so viel Glük gemacht hat, wie zu der unsrigen nur immer ein Siegwart“ (Mylius/Bode 1789, S. 23). R… nun ersetzt den trocken-sachlichen Gestus Bodes durch schwungvoll-galante Lebhaftigkeit, die hier gezwungen witzig wirken und sich dort zu pathetischer Empfindsamkeit in Klopstock’scher Diktion erheben kann. Ein Beispiel:

Die Betrachtung eines so großen und erhabnen Gegenstandes, wie des gestirnten Himmels, muß jede empfindsame Seele in eine sanfte, andachtsvolle Stimmung versetzen, und die edelsten Einflüsse auf jedes Herz äußern, das für schöne Naturszenen Empfindung hat. Welch eine Menge Geschöpfe! Welches Glied bist du in der unendlichen Wesenkette, auf welcher Stufe stehst du auf der Stufenleiter der Schöpfung? Zu welchen Ansprüchen bist du berechtigt? Ein Sonnenstäubchen, auf diesem Millionen Wesen, und aus diesen Millionen Eins – und dieses Eins bist du. Um dich schwimmen Millionen großer Sphären her, die dich und dein Sonnenstäubchen vermissen; – dein Dasein ist ein Moment, dein Werth ein Nichts, nur der ist groß, der dich schuf. (R… 1794, „Meine schönen Leserinnen“, S. VIII)

Die Astronomie scheint der empfindsamen Frauenseele besonders zu entsprechen, allerdings nur bei Verzicht auf das ermüdende „schwere Sistem mathematischer Messungen“ (R… 1794, „Meine schönen Leserinnen“, S. IV). Das weibliche Geschlecht soll lediglich in den Genuss des von Männerhand angenehm zugerichteten Wissens kommen, ohne es sich selbst erarbeiten zu müssen: ein gängiger Topos des zeitgenössischen Frauenbildungsdiskurses, der sich besonders in den Moralischen Wochenschriften findet (Martens 1971, S. 527 f.). Die dafür charakteristische botanische Metaphorik ( VII.1) reizt R… extrem aus:

Jede tiefe Untersuchung ist mühsam; ihre Früchte aber sind süß und angenehm, und diese, meine Schönen, muß man Ihnen pflücken; Ihren Geist in die Un ← 115 | 116 → tersuchung selbst zu verwickeln, hieße ihn noch vor dem Genusse der Frucht zurückschrecken, oder ihm wenigstens ihre Süßigkeit verbittern. Die Autorwelt pflanzt, pflegt und begießt für Sie; sind alsdann die Früchte reif, und die Rosen roth, dann führt sie Sie in ihren Garten, Sie mit dem vollen Genuß der Früchte ihrer Arbeit zu laben, pflückt sie Ihnen und freut sich, wenn Sie diese Früchte nicht verschmähn. (R… 1794, „Meine schönen Leserinnen“, S. V)

Die implizite Leserin erscheint als schöne Seele, die geistige Anregung und witzige Unterhaltung verlangt. Diese zentralen Bedingungen erfüllt Fontenelles Original, dem der Übersetzer mit Respekt und Sympathie gegenübersteht. Die partielle Überholtheit der wissenschaftlichen Thesen Fontenelles wiegt für R… nicht so schwer wie für Bode: Durch die sich schnell verändernde Astronomie seien „manche unrichtige Vorstellungen [zu] entschuldigen, die mehr seines Zeitalters, als die Seinigen, und überhaupt von geringer Bedeutung sind. Statt der kartesianischen Wirbel habe ich Ihnen die richtigere und mehr anmuthige Erklärung von der anziehenden Kraft vorgelegt“ (R… 1794, „Meine schönen Leserinnen“, S. X). Anmut besitzt dann im folgenden Kommentar allerdings doch keine argumentative Relevanz; ausdrücklich lehnt R… den ästhetischen Wahrheitsrelativismus Fontenelles ab, wenn er erklärt: „Ein schöner Gedanke! schade, daß er mehr Schönheit, als Wahrheit hat. O wenn doch nicht so vieles Schöne aus der Werkstatt unsrer Phantasie blos idealisch wäre! dann wüßte ich auch, womit ich die Kometen bevölkern wollte.“ (R… 1794, „Meine schönen Leserinnen“, S. 144, Anm.)

R… fügt seiner Übersetzung, die wie die späteren Gottscheds und die von Mylius die szenische Dialogform verwendet, einen voluminösen Apparat hinzu. Dieser umfasst sachliche Informationen ebenso wie augenzwinkernde Nebenbemerkungen, die dem flotten, zuweilen flapsigen Stil treu bleiben. Immer wieder korrigiert er das kosmologische Modell Fontenelles durch fachwissenschaftliche Ausführungen: „Dies ist nicht mehr als eine bloße Vermuthung des Herrn Verfassers, vielmehr lehren neuere Erfahrungen […]“; „Jetzt wissen wir […]“; „Dieses läßt sich wohl nicht beweisen […]“ etc. (R… 1794, S. 86, 91, 97, jeweils Anm.). Dass R… in der Tat nicht nur Unterhaltung, sondern auch Wissensvermittlung intendiert, belegt außerdem der sachlich-deskriptiv gehaltene Anhang „Noch etwas über die Planeten und ihre Erscheinung“ (R… 1794, S. 177–181).)

Descartes’ Wirbeltheorie, die Gottsched lediglich modifizierte, lehnt R… in unausgesprochener Anlehnung an Bode, und wie dieser mit Berufung auf Newton, rigoros ab. „Da sehn Sie die entsetzliche Verwirrung, die die Wirbel anrichten. Alles ist so widernatürlich, geziert, gekünstelt, und mich wundert, daß Herr von Fontenelle, der doch oben so schön von dem einfachen Plane der Natur spricht, ihr so etwas andichten kann, was kaum der sinnreichste Kopf erkünstelter ausdenken könnte.“ (R… 1794, S. 138 f., Anm.; auch S. 104 f., Anm.) Und weiter unten: „Ich dürfte meinen Leserinnen wohl nicht ← 116 | 117 → erst sagen, daß auch diese Vorstellung von den Kometen unrichtig ist. Die verwünschten Wirbel verwirren alles.“ (R… 1794, S. 140 f., Anm.) Der Text unter dem Strich riskiert ähnlich wie schon in Bodes Übersetzung, denjenigen über dem Strich zu entwerten. Auch wenn der Übersetzer selbst Fontenelles Astronomieschrift für weiterhin lesenswert hält, stellt die starke semantische Modifikation, die mit dem Transfer der Entretiens ins Deutsche einhergeht, sie entschieden in Frage.

Eine weitere semantische Umwertung schreibt sich von Gottsched her. Wie dieser vereinnahmt R… Fontenelles Schrift als Gotteslob. Das geschieht bereits in der Vorrede im erwähnten hymnischen Preisgesang auf die Sternenkunde. Doch auch die Anmerkungen nehmen unvermerkt entsprechende ideologische Eingriffe in den Text vor: „Und so thürmen sich ohne Ende Welten auf Welten, denn – wo sollten denn die Gränzen der Größe, Weisheit und Güte Gottes sein!“ (R… 1794, S. 136, Anm.)

3.Polyphonie der Übersetzung

Was lasen philosophisch Interessierte im 18. Jahrhundert, wenn sie Die Gespräche von Mehr als einer Welt, die Dialogen oder Unterredungen über die Mehrheit der Welten zur Hand nahmen? Natürlich nicht Fontenelle.

Tschirnhaus’, Gottscheds, Mylius’ und R …s Übersetzungen, die Unwissende, Laien, darunter insbesondere Frauen, am internationalen Wissenschaftsdiskurs teilnehmen lassen wollen, sind Produkte der deutschsprachigen Zielkultur, in der sie jeweils einen spezifischen diskursiven Ort besetzen. Sie bewerten und modifizieren das Original, haben partiell abweichende Ziele, basieren auf anderen Theoriemodellen, sprechen ein anderes Publikum an. Ihre dadurch entstehende Distanz zur Vorlage wird in Paratexten ausgebaut und verschärft: Vorreden und Kommentare betten den transferierten Text in die Zielkultur ein, annektieren ihn oder degradieren ihn zur Negativfolie eigener Thesen.

Fontenelles Entretiens sur la Pluralité des Mondes sind ambivalent und vielstimmig. Die deutschsprachigen Ausgaben geben sie in ihrer Polyphonie wieder – und schränken diese Polyphonie zugleich durch Kommentar ein. Die Paratexte der Übersetzungen bilden jeweils eine weitere Stimme, die vielfach konträr zum Haupttext angelegt ist und durch Absetzung von diesem besonderes Gewicht erhält. Existierten im 18. Jahrhundert emanzipierte Leser und Leserinnen, die Fontenelle auf Deutsch rezipierten und die Übersetzungen als heterogene, vielschichtige Produkte erkennen, gegenläufige Textschichten differenzieren und dazu eine distanziert-kritische Position einnehmen konnten? Fragen wie diese lässt die Rezeptionsforschung bisher unbeantwortet. ← 117 | 118 → ← 118 | 119 →