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Wissen, Medium und Geschlecht

Frauenzimmer-Studien zu Lexikographie, Lehrdichtung und Zeitschrift

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Nikola Roßbach

Das Buch will dem Zusammenhang von Wissen, Medium und Geschlecht genauer auf die Spur kommen. Die Autorin unternimmt eine neue Betrachtung der Wissensmedien des 18. Jahrhunderts – Lexika, Lehrbücher, Zeitschriften – unter geschlechterhistorischen Gesichtspunkten. Im Einzelnen geht es um:
• das weibliche «Versehen» im lexikographischen Diskurs (von Hübner bis Krünitz)
• textinterne Leserinnenkonzepte in der Frauenzimmer-Lexikographie (Corvinus)
• weibliche Gelehrsamkeit und Kulturtransfer (Fontenelle)
• Geschlechter-Räume in der Lehrdichtung (Zäunemann)
• mediale Präsenz und Produktion weiblicher Autorschaft im Medium der Gelehrtenzeitschrift (Zäunemann und die Hamburgischen Berichte)
• Bildungskonzepte und Mediokrität in spätaufklärerischen Frauenzeitschriften (La Roches Pomona, Frauenzimmerbibliothek).
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VII. Blumen und Gemüse. Frauenbildungskonzepte in Sophie von La Roches Zeitschrift Pomona

VII.Blumen und Gemüse. Frauenbildungskonzepte in Sophie von La Roches Zeitschrift Pomona

1.Blumen pflücken. Bilder und Bildung

Im ausgehenden 18. Jahrhundert kommt ein neues Zeitschriftengenre auf den Markt: die Frauenzeitschrift. Derartige dezidiert auf ein weibliches Publikum ausgerichtete Journale entstanden, um Leseinteressen gebildeter Frauen aufzugreifen und zugleich zu steuern. Und seit 1779 sind es auch immer wieder Frauen, die solche Periodika nicht nur lesen, sondern selbst herausgeben. Die erste war Charlotte Hezel mit ihrem 1779 herausgekommenen Wochenblatt für’s Schöne Geschlecht. Insgesamt zählt Weckel mindestens zwölf Frauen, die im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts die Gründung einer Frauenzeitschrift wagten:

Nicht die frühaufklärerische Idee von der Gleichheit der Geschlechter brachte sie ins publizistische Geschäft, sondern die spätaufklärerische Betonung geschlechtsspezifischer Neigungen, Fähigkeiten und Pflichten: Ging man von einer grundlegenden Differenz der Geschlechter aus, dann waren gerade Frauen geeignet, mit Erfahrung und Einfühlsamkeit ihr eigenes Geschlecht zu belehren und zu unterhalten. (Weckel 1996, S. 430)

1.1Zur Pomona. Zwischen Emanzipation und Anpassung

Sophie von La Roche ist eine der ersten Frauen, die eine solche Zeitschrift herausgibt: Pomona für Teutschlands Töchter (1783/1784). Die empfindsame Dichterin wurde mit ihrem neuen, ‚massenmedialen‘ Produkt stark identifiziert: Aus der ‚Sternheim‘ wurde die ‚Pomona‘, wofür sie auch selbst sorgte, wenn sie persönlich mit ‚Pomona von La Roche‘ signierte (Vorderstemann, S. 40; Neumann, S. 95; Krull, S. 230). In einer für sie und ihre Familie wirtschaftlich und gesellschaftlich schwierigen Phase entschloss sich La Roche zur Herausgabe der Pomona. Ihr glänzender Ruhm als Autorin der Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1771) war zu dieser Zeit vorüber. Dennoch war sie eine bekannte Schriftstellerin, was wohl auch ihr Kapital war.

Rezipiert und geschätzt wurde die Pomona von Beginn an als pädagogisch ausgerichtetes Medium der Informations-, Wissens- und Moralvermittlung an Frauen. Sie enthält vermischte Beiträge, Briefe, moralische Erzählungen, Übersetzungen, Essays über Länder und vielfältige andere Themen, Betrachtungen und Gedichte, Leserbriefe und Herausgeberantworten. ← 181 | 182 →

Abb. 16 und 17:La Roche 1783, Titelseite des ersten Heftes und Beginn der „Briefe an Lina“, ebenfalls im ersten Heft. © Bayerische Staatsbibliothek, Sign. 4161861.

Bereits Wielands Pomona-Ankündigung im Teutschen Merkur stellt viel „nützliches und unterhaltendes“ für das schöne Geschlecht in Aussicht (Wieland 1782, S. 190). Nenon bezeichnet den „Nutzen für den Leser, bzw. vor allem de[n] Nutzen für die Leserin“ als wichtigstes Ziel der Schriften von La Roche:

Ihrem Werk liegt die Intention zugrunde, Frauen dabei zu helfen, ein im ethischen Sinne richtiges Leben zu führen. Es entwickelt ideale Frauenbilder, die zur Identifikation einladen und Frauenbildungsprogramme. Das literarische Schaffen Sophie von La Roches ist in erster Linie auf Mädchen- und Frauenerziehung ausgerichtet. Ihr Schreiben ist ein Schreiben in pädagogischer Absicht. (Nenon 1988, S. 15)

Jene Nutzorientierung, damals wie heute oft als überholt gescholten, interpretiert Scherbacher-Posé im publizistischen Kontext als besondere Chance. Gerade im Zeitschriftenbereich könne La Roche als erste deutsche Journa ← 182 | 183 → listin sich, abgesichert durch den moralischen und lebenspraktischen Nutzen ihres Schreibens, von der von Wieland verkörperten männlichen Poetik lösen (Scherbacher-Posé 2000, S. 32). Die Nutzorientierung der Pomona dominiert in der Tat. Sie geht – eine amüsante Marginalie – bis zum Zugeständnis der Herausgeberin, der Krämer dürfe ihre Zeitschrift zum Einwickeln von Sachen, allerdings nicht von stinkenden, verwenden (La Roche 1987, I, S. 314).

Die Pomona ist die bekannteste Frauenzeitschrift ihrer Zeit, ihre Wirkung während des zweijährigen Erscheinens ist groß. Das bezeugen Auflagen- und Subskribentenzahlen, aber auch das Interesse von Raubdruckern, Rezensionen und enttäuschte Reaktionen auf ihr Eingestelltwerden (Krull, S. 231 f.; Langner, S. 98–100). Böhmel Fichera spricht gar vom „Verlust eines Forums für weibliche Aufklärung“ (Böhmel Fichera 1986, S. 17), welchen das Ende der Pomona bedeute – das wäre noch zu prüfen. Denn selbst wenn es offenbar junge Leserinnen gab, die sich in Musenzirkeln gegenseitig als Pomonens Töchter ansprachen (Neumann 2005, S. 95 f.), sagt dies noch wenig aus über das tatsächliche Aufklärungspotenzial der von ihnen bewunderten Zeitschrift. Ist die Pomona ein Instrument weiblicher Wissensvermittlung? Ist sie ein Markstein weiblicher Aufklärung? Auch Wiede-Behrendt setzt ein Fragezeichen hinter ihre Formulierung „eine weibliche Aufklärungsutopie“ (Wiede-Behrendt 1987, S. 321).

Es ist Einiges geschrieben worden zu Sophie von La Roches Pomona, viel Zutreffendes, zuweilen Ernüchterndes. Die gängigen Topoi der Forschung seien im Folgenden skizziert. Die Zeitschrift schwanke zwischen weiblicher Gelehrsamkeitsforderung und Anpassungsforderung: Einerseits propagiere sie ein konventionelles Frauenbild bzw. bestätige „das herrschende Frauenbildungsideal“ (Baier 2005, S. 123), weise aber andererseits auch in Richtung umfassendere weibliche Bildung. So schreibt Langner, La Roche stehe „in einem Konflikt zwischen der traditionellen, normierten Auffassung der Geschlechterrollen, die für sie durch die Bindung an die göttliche Ordnung festgelegt bleiben, und ihren eigenen Ideen einer verbesserten Bildung der Frau“. Ihre scheinbare Lösung sei die Forderung geschlechtsspezifischen Wissens, doch bleibe die Frau „dabei weitgehend auf den durch die allgemein geltenden Normen gesteckten Rahmen des Hauses beschränkt“ (Langner 1995, S. 36 f.). Auch Sotiropoulos’ Überlegungen zur Pomona laufen auf die Feststellung von Ambivalenz hinaus: „While on the one hand she appropriates the popular anthropological and romantic demarcations of male and female natures, on the other she carves out an intellectual space for women that most anthropological and romantic writers dismiss.“ (Strauss Sotiropoulos 2000, S. 234) Neumann sei als letztes Beispiel für diesen Forschungstopos zitiert. Sie diagnostiziert die Uneinheitlichkeit des Frauenbildes in der Pomona und weist darauf hin, dass zwar nur dem Mann Gelehrsamkeit im Sinne unbeschränkten Wissens zugestanden werde, dennoch aber für die Frau ein ← 183 | 184 → breiteres Bildungsspektrum gefordert werde, als man es ihr damals zugestehen wollte. Hier sei La Roche erstaunlich aufgeschlossen und emanzipatorisch (Neumann 2005, S. 99).

Ein weiterer gängiger Topos in der Pomona-Forschung ist ein legitimatorischer: Man solle La Roches Politik der kleinen Schritte nicht vorschnell verurteilen, sondern historisch angemessen bewerten. Wiede-Behrendt weist darauf hin, dass die Verfasserin vorsichtig Freiräume eröffne; Aufklärung und Emanzipation der Frau hätten bei ihr in kleinen Schritten angefangen (Wiede-Behrendt 1987, S. 328). Vorderstemann urteilt ähnlich: „So konservativ sich die Zeitschrift inhaltlich noch gibt, ist sie doch ein Meilenstein auf dem Wege zu den sich ihrer Individualität sehr bewußten Frauen der Romantik, wie sie ihre Enkelin Bettina von Brentano verh. von Arnim verkörperte.“ (Vorderstemann 2005, S. XXXVI)

Die Pomona erscheint vielen als ein zeittypischer, dem Mainstream angepasster und dadurch erfolgreicher Kompromiss voller Widersprüche. Was den ästhetisch-literarischen Aspekt angeht, sei sie mittelmäßig und beharre auf einem inzwischen unzeitgemäßen, aller Kunstautonomie fern stehenden aufklärerischen Literaturverständnis von Moral und Nutzen: Eine Haltung, die im Grunde nahtlos an die zeitgenössische Avantgarde des Sturm und Drang und später der Klassik anschließt, welche die empfindsame Spätaufklärung Sophie von La Roches als altbacken aburteilt (Loster-Schneider 1998, S. 47 f.; Nenon 1996, S. 70). Außerdem sei die Pomona aus kommerziellen Gründen entstanden und beruhe nicht unmaßgeblich auf ökonomischen Erwägungen. Immerhin, so das dann doch versöhnliche Urteil skeptischer Forschungsbeiträge, müsse man die kulturgeschichtliche Bedeutung einer der ersten von einer Frau herausgegebenen Zeitschriften würdigen.

1.2Botanische Wissensmetaphorik: Vorüberlegungen

Was ist dem hinzuzufügen? Die folgenden Überlegungen konzentrieren sich auf den in der Pomona diskutierten Komplex von Wissen und Geschlecht, speziell auf die transportierte botanische Wissensmetaphorik. Diese wird gleich im ersten Heft an zentraler Stelle eingeführt. Das Herausgeberinnen-Ich sagt seinen Leserinnen unmissverständlich, was sie an Wissensvermittlung zu erwarten haben:

Gelehrsamkeit, meine Liebe! sollten Sie nicht darinn finden, einmal, weil ich selbst keine besitze, und auch deswegen, weil sie oft der Güte des Herzens und dem, was man guten Humor nennt, einen ungleichen Gang giebt, und da wir von der Natur und den besten Gesetzen bestimmt sind, durch freundliches Bezeugen und Güte alles, was uns umgiebt, glücklich zu machen; so möchte ich nur suchen, die Blumen zu zeigen, welche schon auf dem Weg unserer Bestimmung wachsen, ← 184 | 185 → und die benennen, welche wir noch ohne viele Mühe mit Ehre und Vergnügen in unser Gebiet verpflanzen können. (La Roche 1987, I, S. 13 f.)

Eine ganze geschlechtsspezifische, botanisch kodierte Wissenstopographie ist hier in wenigen Zeilen programmatisch vorgegeben. Sie konzeptualisiert weibliche Bildung als nicht gelehrt, sondern durch Herzensgüte und Humor bestimmt. Frauenwissen soll, so wird signalisiert, normenkonform ausgebildet werden, ästhetisch schön sein und sich von Männerwissen deutlich unterscheiden. Ganz konkret definiert La Roche jenes weibliche Wissen:

Und diese drey Eigenschaften sollten ohne anders unser Wissen bezeichnen – Kürze, damit wir nicht viele Zeit dazu brauchen, welche unsern verdienstvollen häuslichen Pflichten entzogen würde – Deutlichkeit, damit wir den wahren Begriff der Sachen leicht fassen könnten, und Annehmlichkeit, weil wir von Gott und der Natur dazu bestimmt sind, und allein durch holde Güte das Leben der Unsern verschönern, und versüssen. (La Roche 1987, II, S. 179)

Dass die botanische Metaphorik, wie sie sich programmatisch zu Beginn der Pomona findet, allerdings durchaus nicht nur das transportiert, was dem ausdrücklich postulierten Frauenwissen-Modell der Pomona entspricht, darauf verweist Strauss Sotiropoulos. Sie deutet das obige Zitat als subversiv, da die botanische Wissenschaft eben nicht nur benenne und klassifiziere, sondern auch tieferes Wissen ermögliche: „Again, the message is deceptive, since the pursuit of botanical science, feminized by the Romantics, masks and promotes the possibility of a far deeper knowledge than botanical naming and classification.“ (Strauss Sotiropoulos 2000, S. 216)

Wem das hier zu weit hergeholt erscheint, der sei auf eine von Strauss Sotiropoulos nicht bemerkte Passage aus der Geschichte des Fräuleins von Sternheim verwiesen, die diese These stützt. Die Protagonistin beneidet die Französinnen, die zumindest „von allen Wissenschaften eine Idee“ hätten, „wenigstens die Namen aller Schriften“ wüssten und „etwas, das einem Urteil gleiche, darüber zu sagen“ hätten. Von dort aus sei es nicht mehr weit zu tieferen Nachforschungen: „Immer genug, wenn man begierig ist die Blüte der Bäume zu kennen; bald wird man auch den Wachstum und die Reife der Früchte erforschen wollen.“ (La Roche 1997, S. 131)

1.2.1Topographie des Wissens

Nicht nur die im obigen Pomona-Zitat belegbare botanische Wissensmetaphorik, sondern auch die topographische von Weg, Land und Gebiet wird in La Roches Journal immer wieder aufgegriffen. Bekannt und berühmt ist La Roches Distanzierung vom Attribut der Gelehrsamkeit, die nämlich wenn wahr, dann männlich sei: „Nein, ich bin nicht gelehrt“ – denn: ← 185 | 186 →

Es wird niemand gelehrt genannt, als der sich eine grosse Wissenschaft eigen machte, wie z. B. Mathematik, deren Werth Pomona in dem zweyten Heft beschrieb, Philosophie, Rechtsgelehrsamkeit, Weltgeschichte, Theologie, Naturgeschichte, Arzneykunst, grosse Dichtkunst; – – dazu muß man die gelehrte Sprachen, das Latein der alten Römer, und das Griechische vollkommen verstehen […]. Also werde ich hier nicht weiter gehen, sondern nur noch sagen, daß wenn jemand unter gelehrt seyn versteht, daß man mehr weiß, als man zu wissen schuldig war – nun – so bin ich beynah gelehrt, – aber o wie weit entfernt von dem glänzenden, ruhmvollen Ziel der wahren männlichen Gelehrsamkeit, welche auch, wenn alles in Ordnung seyn soll, unsere Sache nicht ist, und nicht seyn kann. Ich werde auch meine Lina nicht auf diesen Weg führen, den nur wenig auserlesene Frauenzimmer betretten haben. Meine Lina soll glauben, daß ein immer gleich heiterer liebenswürdiger Geist voll Güte unser schönes Loos ist. (La Roche 1987, I, S. 924 f.)

Der Weg männlicher Gelehrsamkeit wird also nur von wenigen Frauen betreten – das Ich selbst halte sich indessen an den Gedanken der Madame de St. Lambert, es wie Reisende zu machen, die sich „in dem Reich der Wissenschaften kein eigenes Land“ erobern konnten und daher „in jedem Gebiet umsehen, welches andre angebaut haben“ (La Roche 1987, I, S. 424).

Es gäbe etliche weitere Beispiele für jene Raummetaphorik des Wissens. Wir lesen von der kleinen, begrenzten Sphäre der Frau, die im Gegensatz zum „großen Gebiet der männlichen Gelehrsamkeit“ (La Roche 1987, I, S. 32) steht: Das weibliche Terrain der von La Roche skizzierten Wissenstopographie ist der beschränkte Hausinnenraum. Dagegen seien, wie die Herausgeberin in einem ungewöhnlich bitteren Pomona-Artikel bemerkt, „[a]lle Gelegenheiten, in welchen die Männer die Beweise der Stärke des Geists und des Körpers zu geben hatten, […] immer ausser dem Hause“ (La Roche 1987, II, S. 170).

Das Terrain männlicher Gelehrsamkeit sollen Frauen keinesfalls bereisen oder bewohnen, sondern nur entsprechende Beschreibungen rezipieren und einige Orte namentlich kennen. Es geht für Frauen darum,

den Werth jeder Arbeit des Geists und der Hände zu kennen, mit welchen sich verdiente Männer aller Zeiten beschäftigten, um sie wahrhaft zu verehren, und um so fähiger zu werden, eine gute Gesellschafterin für sie zu seyn, und von dem grosen Gebiet der männlichen Gelehrsamkeit die nehmliche Kenntniß zu haben, wie von der Erdbeschreibung, da ihnen mit dem Namen einer Hauptstadt, oder eines Lustschlosses, gleich das Land und die Herrn beyfallen, wovon die Rede ist, ohne daß sie selbst Reisen dahin gemacht, oder in den Gegenden gewohnt haben (La Roche 1987, I, S. 32; auch S. 150).

Das hier ausbuchstabierte Modell weiblicher Wissensbeschränkung, zu dem La Roche biographisch gesehen durch harte Enttäuschung eigener „Hofnung auf ganz gelehrten Ruhm“ gelangt ist (La Roche 1987, I, S. 424; dazu Loster-Schneider 1998, S. 62–64), ist alles andere als stabil. Bezeichnend ist das ← 186 | 187 → Beschwörerische, welches bei der Propagierung restriktiver Frauenbildung mitschwingt: „Meine Lina soll glauben, daß ein immer gleich heiterer liebenswürdiger Geist voll Güte unser schönes Loos ist“ (La Roche 1987, I, S. 925), heißt es, als ob die Schreiberin es selbst nicht recht glaube. Beschwörerend, selbstbeschwörend erscheint auch ein Kommentar zu den Äußerungen eines Mannes: „Gott, die Natur – und die Bedürfnisse des Wohls der Menschheit – wollten uns zu liebenswürdigen, guten Hausfrauen, Müttern und Gehülfinnen haben: – dieß möchte ich ihm glauben, und es in meiner Pomona meinen jungen Leserinnen sagen.“ (La Roche 1987, I, S. 842 f.)

Die von La Roche konzipierte frauenspezifische Wissenstopographie und -botanik fügt sich ein in den Diskurs männlicher Zeitgenossen über weibliche Bildung, welche sich von männlicher Gelehrsamkeit essentiell unterscheidet und unterscheiden soll. Die umfangreiche Forschung zur Frauenbildung belegt jenen Diskurs der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit Schlagwörtern wie ‚Geschlechtscharakter‘ (Karin Hausen) und ‚weibliche Sonderanthropologie‘ (Claudia Honegger). Entsprechende Modelle ( III.1) stehen unter deutlichem Einfluss von Philosophen, Pädagogen, Medizinern und Schriftstellern: von Rousseau, Campe, Basedow, Gellert, Herder, Ernst Brandes, Jean Paul, Wieland, Goethe, Schiller und besonders prägnant von Wilhelm von Humboldt (Über den Geschlechtsunterschied und dessen Einfluss auf die organische Natur, 1795; Über die männliche und die weibliche Form, 1795; dazu Schmid 1996; Grenz 1981, S. 125; von Braun 2007).

Entscheidend ist, dass das Konzept einer weiblichen Sonderanthropologie der Frau ein Spezialwissen zuweist. Dieses Wissen bleibt immer Nebenbeschäftigung neben den Pflichten der Hausfrau, Mutter, Gattin, wie La Roche unermüdlich mit vielen ihrer Zeitgenossen und Zeitgenossinnen betont. Wenn ihr Mann mit einem Gast gelehrte Gespräche führt, verhält sie sich ihnen gegenüber passiv, rezeptiv. Aktivität zeigt sie einzig in Bezug auf weiblich kodierte Praktiken, und da ganz demonstrativ:

Ich höre bey meiner Nähe- oder Strickarbeit zu, rede manchmal mit, oder bemerke nützlich und still, was beyde sagen. […] Dann komme ich zu meinem Schreibtisch, und grizle bis zwölf Uhr an diesen Blättern, oder an Briefen. – Denn so bald jemand kommt, erscheinen meine Handarbeiten, die mir eben so lieb sind, als meine Papiere und Bücher: besonders seit dem ich bemerkte, daß Männer von grosser Geburt und Geist mir bey dem häuslichen Fleiß meiner Nadel noch mehr Hochachtung zeigten, als bey der Beschäftigung meiner Feder; es müßten nur die Hausrechnungen gewesen seyn, die sie unter meinen Händen sahen. Und daran hatten sie recht, denn wir loben und ehren die Männer auch nicht wegen ihrer Geschicklichkeit im Kartenspielen, welches sie in ihren Erholungsstunden vornehmen, sondern nur wenn sie den Ruhm haben, daß sie ihre Berufsgeschäfte mit vorzüglichem Geist und edlem Eifer erfüllen. (La Roche 1987, I, S. 247–249) ← 187 | 188 →

Das Berufsgeschäft des Mannes ist der Geist, das Wissen. Die Frau ist höchstens temporäre Gasthörerin in diesem Raum, in dem ihr kein Landrecht zukommt. Sie rezipiert Wissen, sie sammelt es ein. Sie klaubt es, wenn sie wissbegierig ist wie Sophie von La Roche selbst, zusammen, wo es ihr eher sporadisch begegnet:

und so […] habe ich es auch mit den Beschäftigungen des Geists gemacht, und so viel ich konnte, die Kenntnis von dem Werth und Nutzen alles dessen, was Männer wissen, in meine Seele gesammelt, und daneben so viel möglich alles gelernt, was ich nach Bestimmung der Natur und den vaterländischen Gesetzen als Frauenzimmer wissen sollte, – überzeugt, daß meinem Geschlecht das moralische Gebiet der schönen wohlthätigen Empfindungen, und den Männer dieß von starken Gedanken und grossen Thaten angewiesen seye. […] Ich hörte die ehrwürdige Männer, welche ich zuerst nannte, oft mit einander sprechen, und fand, daß sie nicht allein alles wußten, was zu rühmlicher Erfüllung ihres Amts gehörte, sondern noch angenehme Sachen von allen Ständen und Menschen. Da dachte ich: – so kann ich ja auch eine gute Mutter und Hauswirthin seyn, und vieles andre dabei wissen und lernen. – Ich merkte mir die Bücher und Sachen, von denen diese Männer in ihren Erholungsstunden gerne sprachen – und auf diese Art wurde mein Kopf bereichert, und mein Leben verschönert. […] Dieß ist die Geschichte meines Kopfs und der wahre Auszug meiner Bibliothek (La Roche 1987, I, S. 426–429).

Die Rezeption von Wissen erscheint durchaus als Kompetenz, als eine spezifisch weibliche, die man ausbilden und üben kann. Sophie von La Roches Roman Rosaliens Briefe (1780/1781) enthält eine signifikante Direktive an Frauen: „Gelehrt will ich dich nicht haben: nur den Geschmack des Wissens und ein vernünftig zuhörendes Aussehen, wenn von der Geschichte, der Physik und andern Kenntnissen gesprochen wird.“ (La Roche 1779, Bd. 1, S. 444) Weibliche Bildung soll sich auf Wissensaneignung durch Sinneswahrnehmungen beschränken. Anstelle des Verstands zählen Geschmack und Gehör. Dabei scheint der äußere Anschein gekonnter Rezeption wichtiger zu sein als diese selbst.

1.2.2Florilegiumsstruktur

Die Pomona aktiviert verschiedene metaphorische Konzepte weiblichen Wissens. So ist vom „Schattenriß“ der Kenntnisse die Rede, mit denen die Frau sich begnügen solle: „Ich hätte gern alle Wissenschaften in mir vereinigt. Da es aber nicht seyn konnte, so bog ich meine Begierde nach Kenntnissen, wie es die Umstände erlaubten, und suchte mir wenigstens ihren Schattenriß eigen zu machen“ (La Roche 1987, I, S. 1162). An anderer Stelle spricht sie von Frauen, die männliches Wissen genauso gerne übernehmen wie eine „Haube [zu] tragen, die von einem Manne gelobt wird“ (La Roche 1987, I, S. 15). ← 188 | 189 → Nicht nur botanische und topographische Bilder spielen also eine Rolle in der Wissensmetaphorik, wenngleich sie dominieren.

Bilder und Bildung: Besonders häufig sind es Blumen, die für geschlechtsadäquate Kenntnisse stehen, so wie im ersten Pomona-Zitat. Die syntagmatischen Bezüge von Bildspenderbereich und Bildempfängerbereich sind komplex und vielfältig, auch wenn Pomona-Kritiker Lachmannski La Roches Zeitschrift ausgerechnet als ‚blütenlos‘ qualifiziert: „Und wie durch welke Herbstreviere schreitet man auch durch die blütenlose Öde dieser Zeitschrift, welche eine an die Sorge des Lebens gekettete, in ihrer Zeit hochberühmte Schriftstellerin aus Eigenem und Fremdem zusammengestellt hat.“ (Lachmannski 1900, S. 62)

Die Pomona greift ausgiebig auf die Blumenmetaphorik zurück und ist auch darin durchaus zeittypisch. Gute zehn Jahre später verschreibt sich eine Frauenzeitschrift per Titel ganz dem metaphorischen Konzept von weiblichen Kenntnissen als Blumen: Idas Blumenkörbchen erschien unter der Ägide einer anonym bleibenden Herausgeberin in Berlin in den Jahren 1793 bis 1795. Das Periodikum konzentriert sich ganz auf leichte, kurze Lektüre, die Nutzen und Unterhaltung kombiniert. Werbend heißt es in der Ankündigung der Zeitschrift:

Diese Zeitschrift kommt unter der Aufsicht eines der geistreichsten und angenehmsten Frauenzimmer heraus; man darf sich also nicht wundern, wenn sie dem Wunsche der weiblichen Welt entsprechen werde; denn da den Damen von ihren notwendigen Hausgeschäften nur wenig Stunden zur Lektüre übrig bleiben, so kann billig zu deren Ausführung das Unterhaltende, mit dem Nützlichen verbunden, nicht sorgfältig genug gewählt werden […]. (Zit. nach Krull 1939, S. 286)

Die Forschung hat das metaphorische Konzept der Botanik in La Roches Schreiben nur am Rande wahrgenommen. Loster-Schneider weist darauf hin, dass sich schon in der Titelwahl Pomona, anspielend auf die römische Göttin der Ernte und des Obstsegens, die „mütterliche, Gaben spendende Schreibrolle sowie die Florilegiumsstruktur ihrer Texte“ (Loster-Schneider 1995, S. 276) abbilde. Mit ‚Florilegiumsstruktur‘ meint sie La Roches Schreibstrategie des Exzerpierens von empirisch-historischem, theoretisch-begrifflichem, physikalischem und moralischem Wissen aus gelesenen Büchern mit dem Ziel einer „Frauenzimmerenzyklopädie“:

Konsequent bescheiden ‚große‘ Enzyklopädien, besonders die ‚Encyclopédie‘, Sulzer, Platner, Halle exzerpierend, ergänzt La Roche Linas Hausmutter- und allgemeine Rudimentärkenntnisse, die sie im ersten Teil der „Lina“-Briefe gegeben hat, um eine komplette Frauenzimmerenzyklopädie, die sich gleichzeitig hervorragend als Schulbuchmaterial für den häuslichen Unterricht der Kinder eignet. (Loster-Schneider 1995, S. 286) ← 189 | 190 →

Auch Becker-Cantarino (2005, S. 204, 212) erwähnt die für La Roches Lese- und Schreibstrategie des Wiederverwertens wichtige Metaphorik und nennt die Blumenlese im Sinne des Sammelns von Gedanken und Kenntnissen einen wichtigen Aspekt von La Roches Lektüre.

Strauss Sotiropoulos ist die einzige, die La Roches „vegetable metaphors“ einige über die Florilegiumsmetapher hinausgehende Zeilen widmet. Die Pflanzenmetaphorik entfalte zum einen die Polarität von Gelehrsamkeit und Tugend und stelle zum anderen die Beziehung von Frau, Natur und romantischem Denken her: „Her references to flowers, repeated often throughout her commentaries, stories, and letters, evoke woman’s ties to nature and situate her thematically, if not historically, in romantic thinking.“ (Strauss Sotiropoulos 2000, S. 216) Im Folgenden soll es darum gehen, in präziser Textarbeit die Gendermarkierung herauszuarbeiten, welche die traditionsreiche florale Metaphorik in der Pomona aufweist.

1.2.3Metaphorizität des Diskurses von Wissen und Geschlecht

Die botanische Metaphorik wurde bisher nicht als konstitutives Element des Diskurses von Geschlecht und Wissen im 18. Jahrhundert wahrgenommen, speziell bei Sophie von La Roche. Hier nun werden Blumen im Bildungs- und Gelehrsamkeitsdiskurs der Pomona im Sinne derjenigen Metapherntheorien verstanden, die sprachliche Bildlichkeit als unhintergehbares Konstituens von auch wissenschaftlicher Rede auffassen und ihr zum Teil wissens- und wissenschaftskritische Funktion zugestehen.

Eine entsprechende Tour de force durch die Theorie der Metapher muss unterbleiben. Eine solche Tour müsste früh beginnen; die Denkfigur der Metaphorizität der Sprache, jeder Sprache, auch der wissenschaftlichen, findet sich schon in der Sprachphilosophie des 18. Jahrhunderts, bei Herder und Hamann. Für die Metapherntheorie des 20. Jahrhunderts müsste man Namen nennen wie Max Black, der 1954 das Postulat metaphernferner Wissenschaft kritisierte und die Metapher nicht mehr als Redeschmuck, sondern als basalen Sprachmechanismus ansah (Die Metapher, 1954), wie Hans Blumenberg, dessen Metaphorologie die Unhintergehbarkeit metaphorischen Sprechens erkannte, das sich auch im wissenschaftlichen Kontext nicht in eigentliche Rede übersetzen lässt (Paradigmen zu einer Metaphorologie, 1960), wie Jacques Derrida, der in seiner berühmten Auseinandersetzung mit Searle die Metapher als fundamentalen Mechanismus von Sprache überhaupt modellierte (Signature Événement Contexte, 1972), wie George Lakoff und Mark Johnson, die die metaphorische Bedingtheit des Wahrnehmens, Sprechens und Handelns wirkungsmächtig demonstrierten (Metaphors we live by, 1980), wie Gerhard Gamm, der mit Nietzsche, Wittgenstein und Adorno die „Metapherngeleitetheit der Erkenntnis“ analysierte (Die Macht der Metapher, 1992) und auf ← 190 | 191 → die spätmoderne Ästhetisierung der Gesellschaft überblendete, oder auch wie Wilhelm Finke, der die wissenserweiternde bzw. -behindernde Funktion von guten bzw. schlechten Metaphern in der Wissenschaft beschrieb (Sprache im politischen Kontext, 1983, Misteln, Wälder und Frösche: Über Metaphern in der Wissenschaft, 2003) Damit sind nur wenige und nicht einmal alle wichtigen Namen genannt. Denn zahlreiche weitere aktuelle Studien analysieren die Metaphorizität von historischen und gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskursen.

1.3Botanische Wissensmetaphorik: Textuntersuchungen

1.3.1Nelke Lina

Was die Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft in ihrer Vindication of the Rights of Women (1792) als entwürdigend empfindet, nämlich Frauen „auf eine Stufen mit den lächelnden Blumen“ zu stellen, „die nur die Erde schmücken“ (Wollstonecraft 1989, S. 101), das ist bei Sophie von La Roche eine häufig verwendete und positiv konnotierte Metaphorisierungsstrategie. Der fiktiven Schülerin Lina schreibt Pomona:

Beobachte indessen deinen Bruder bey seinen Blumen, und bemerke besonders die Mühe, die er sich mit seinen schönen Nelken giebt, um sie gesund und vollkommen zu sehen. Er hat einen Stok, welcher eine rosenrothe Blume bringen wird: diese will ich ihn bitten, Lina zu nennen. Sehe sie, meine Liebe! als dein Vorbild an. Denke dir in der Sorge deines Bruders von dem ersten Keim dieser Blume bis auf ihre, sich dem entfalten nähernde Knospe, alle Sorge und Liebe, die man auch für dich getragen, da man nicht nur deine Gestalt nach der Anlage der Natur, in Gesundheit und Schönheit blühend zu erhalten, sondern auch, mit aller Aufmerksamkeit der wahren Liebe, für den Anbau deines Geists und deiner Tugend bemüht ist: denn diese Eigenschaften deiner Seele sind bey dir, was der stärkende Geruch bey deiner Gespielin, der Rosen Nelke, ist. (La Roche 1987, I, S. 24 f.)

Die Frau ist eine schöne Nelke, deren Duft sind ihr Geist und ihre Tugend. Deutlich affizieren und verändern sich hier Bildspender (Blume) und Bildempfänger (Frau) gegenseitig, interagieren im Sinne Max Blacks (Metapher, 1954): Auf der einen Seite wirkt die Nelke weiblich, anthropomorph und beseelt, was hier weniger relevant ist, – auf der anderen Seite erscheinen geistige und seelische Qualitäten der Frau als ästhetisch schöne und sinnlich wahrnehmbare. Andere mögliche Aspekte wie Scharfsinn, Rationalität, Logik, Konsequenz werden dabei ausgeblendet; differente assoziative Spielräume würden beispielsweise mit der Bezeichnung des weiblichen Geistes als messerscharf oder bergwerkstief eröffnet.

Die metaphorische Konzeptualisierung der Frau als Blume und ihrer kognitiven und seelischen Fähigkeiten als Blumenduft, gewissermaßen die Reduktion ← 191 | 192 → des geistvollen, moralischen Wesens auf ein Objekt visueller und olfaktorischer Wahrnehmung, ruft Aspekte auf, die als signifikante Weiblichkeitsmodellierungen des zeitgenössischen Geschlechterdiskurses Relevanz besitzen.

Dazu gehören erstens Schönheit und Sinnlichkeit, verbunden mit einer nicht-funktionalen Dekorativität: Man denke nur an Kants bekanntes Postulat vom schönen Verstand der Frau (Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, 1764) oder Herders Überlegungen zum schönen Geist der Frau in der dritten Sammlung von Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Fragmente […] (1767). Dennoch wird ‚schönes Denken‘ im 18. Jahrhundert nicht notwendig als weibliches gedacht. Die frauenspezifischen Thesen zum schönen Denken sind zu konfrontieren mit analogen, nicht vergeschlechtlichten Thesen zur ästhetischen Erkenntnis, wie sie die Popularphilosophie der Zeit diskutierte (Ueding 2003, Bd. 6, Sp. 1541–1564; Bachmann-Medick 1989).

Zweitens akzentuiert das Sehen der Frau als Blume ihre Passivität und damit ihr Verfügbarsein für das Begehren anderer. Die Frau wird wie eine Blume gepflückt – ein nicht nur von Goethe sattsam bekanntes literarisches Bild. Die Frau nimmt im Prozess des Wissenstransfers die Stelle der passiven Aufnehmenden ein, sie ist Rezipientin ‚von Natur aus‘.

Und drittens wird die Frau durch ihre metaphorische Konzeptualisierung als Blume auch und gerade hinsichtlich ihrer kognitiven Kompetenzen als natur- und erdverbunden perspektiviert, was die alte Zuordnung von Natur versus Kultur zu Frau versus Mann reaktiviert. Wenn an anderer Stelle die Leserinnen der Pomona als „blühende Mädchen“ (La Roche 1987, I, S. 30) bezeichnet werden, lässt sich darin eine eigentlich tote Metapher erkennen, deren Implikationen im Kontext von Geschlecht und Wissen revitalisiert werden.

1.3.2Damenkränze

Von der Rezeption zur Produktion: Es ist zu fragen, ob auch andere Positionen im Wissenstransfer – nicht Rezeption, sondern Produktion und Vermittlung von Wissen – von La Roche botanikmetaphorisch ausgestaltet werden. Berührt wird damit die besondere Problematik weiblicher Autorschaft im 18. Jahrhundert. Schon Bovenschen (1979, S. 200–202) hat auf die Diskontinuität hingewiesen, die zwischen dem empfindsamen Weiblichkeitsmodell und seinem inkludierten restriktiven Bildungsbegriff einerseits, den produktiven, gebildeten Autorinnen andererseits bestand – gerade denjenigen, die wie La Roche ein solches Frauenbildungsmodell propagierten.

Sieht sich die Zeitschriftenherausgeberin selbst als Blume? Einige Passagen in der Pomona bringen ausdrücklich Autorinnen und Blumen zusammen, ohne diese als jene zu sehen. Dies geschieht etwa, wenn Namen verdienstvoller Autorinnen einen Kranz bilden sollen, in den die Widmung an sie als Blume eingewirkt sei (La Roche 1987, I, S. 727) – übrigens ein schiefes, unstimmiges ← 192 | 193 → Bild: Welcher Bildspender soll für die Namen eintreten, wenn die Widmung die Blumen sind, in welcher Relation stehen Widmung und Namen im Bild?

Weitere Beispiele für den Zusammenhang von weiblicher Autorschaft und Blumen in der Pomona sind zum einen das Streuen von Blumen und Errichten von Kränzen in ehrendem Andenken an herausragende Frauen (La Roche 1987, I, S. 740, 750), zum anderen die Idealisierung eines Frauenzirkels, in dem eine Sterbende Blumen an ihre Freundinnen austeilt. Deren Werke werden als Blumengewinde bezeichnet, „welche von der Hand der Tugend in Edens Gefilden gepflükt, und von dem feinsten Geist in harmonische Ordnung gebunden wurden“ (La Roche 1987, I, S. 423). Sogar schriftstellerische Produktivität von Frauen erscheint, obgleich doch bewundert und gelobt, durch die botanische Metaphorik als passiv empfangene Gabe. Interessant an jenen Blumengewinden und Kränzen ist vor allem die Betonung des Gemeinschaftsaspekts. Die Verbundenheit großer Frauen erscheint durch die Bilder floralen Verflochtenseins nicht nur schön, sondern auch stark und produktiv auf ein Ziel gerichtet.

La Roche mag die florale Gewinde- oder Kranzmetapher. Ebenso konstruiert wie das erstgenannte Beispiel wirkt übrigens die Metapher des von Männern erbauten (Wissens-)Tempels, wobei die Blumengewinde hier das Vergnügen der rezipierenden Frauen und ihre „Hochachtung für die verdienstvolle Männer aller Zeiten“ darstellen sollen:

Haben wir Kenntnis von den Wundern und Wohlthaten der Natur, so wird unsere Liebe und Verehrung für Gott erhöht, gefühlt, und veredelt; die Männer werden uns hochachten lernen, wenn wir diesen schönen Gebrauch von unserm Geist machen. Wenn wir leicht, fein, richtig von allem denken, und unsere Pflichten dabey erfüllen, so erneuern wir dadurch die schöne Feste der Griechen auf eine edlere Weise. Ihre Männer bauten die Tempel, und verfertigeten die Bildsäulen ihrer Götter – Weiber und Mädchen streuten Blumen um die Altäre, und flochten Kränze für Apoll und Minerva: Eben so dünkt mich sollte es mit unsern Kenntnissen seyn. An festlichen Tagen unsers Verstands sollte man uns in das Heiligthum der Wissenschaften führen, ihren Umfang, ihren Werth und ihre Schönheit zeigen: unser Vergnügen in ihrem Anblick, unsere Hochachtung für die verdienstvolle Männer aller Zeiten, welche das Reich der nützlich Gelehrsamkeit erweiterten, wären auch Blumengewinde, die wir in feierlichen Stunden, wie die Griechinnen, dem Geist der Wissenschaft weyhten. Nicht an den Tagen, nicht in den Augenblicken, da unsere Kinder und unser Haus unsere Sorgen nöthig haben. (La Roche 1987, II, S. 178)

1.3.3Biene, Naturalienkabinett, blumenlose Landschaft

Abgesehen von jener floralen Gewinde- oder Kranzmetapher ist der Konnex von weiblicher Autorschaft und botanischer Metaphorik in der Pomona nur schwach ausgebildet. Der Herausgeberin selbst geben Blumen, die gesehen, ← 193 | 194 → gerochen, gepflückt, genossen werden, offenbar kein passendes Bild für ihr Schreiben ab. Selten werden ihre Produktivität und die Blumenmetapher eng geführt, so etwa wenn „Grundsätze“ und „heitere Einbildungskraft“ als „die kleinen Blumen in meinen Briefen und meinen Schriften“ erscheinen (La Roche 1987, II, S. 132): Hier wird weibliche künstlerische Aktivität marginalisiert, verniedlicht und auf Ornamentalität reduziert.

In autobiographischen Rückblicken auf ihren eigenen Wissenserwerb verwendet La Roche dagegen mehrfach botanische Metaphern, die zwar versetzt zu den bisher vorgestellten stehen, jedoch ebenfalls eine rezeptive Aneignungshaltung betonen. Das erinnernde Ich sieht sich als Biene, die Wachs und Honig sammelt (La Roche 1987, I, S. 926); Blumen sind dabei Orte des Wissens. Und nicht nur hier geht es um das Sammeln, das Zusammenklauben disparater Kenntnisse anstelle systematischer Ausbildung von Gelehrsamkeit. Bezeichnend ist die im autobiographischen Melusine-Text belegbare Charakterisierung des Ichs als „Kunst- und Naturalienkabinette, wo viel merkwürdige Stücke sich finden“ (La Roche 1806, S. XLIX).

An anderer Stelle schreibt das Ich sich selbst den Versuch zu, „den Inhalt meines Kopfs mit dem Kunst- und Naturalienkabinet eines nicht sehr vermögenden, wißbegierigen Mannes zu vergleichen, welcher nur kleine Stückchen aller Arten Steine, Metalle und Holzarten, Fragmente getrockneter Pflanzen, einige seltene Vögel, Käfer, Papillons und Mücken sammelte“ (La Roche 1987, II, S. 115 f.). Zwar implizieren Naturalienkabinette prinzipiell keine geschlechtsspezifische Zuordnung bzw. werden eigentlich sogar traditionell von Männern eingerichtet und unterhalten. La Roches Metaphorisierung ist jedoch ohne die Kategorie Geschlecht nicht zu verstehen. Sie legt den Fokus auf die Unvollständigkeit und fehlende Systematik des Wissenszugriffs. Ein solcher Wissenszugriff gehört charakteristischerweise zum zeitgenössischen Modell weiblicher Bildung.

Im Kontext metaphorischer Selbstmodellierung des erinnernden Ichs findet sich auch die wohl trostloseste Ausprägung botanischer Bildlichkeit in der Pomona. Wenn eine „mit Schnee bedeckte Gegend mit einem entblätterten Strauch ohne Blumen, aber auch ohne Dornen, als Sinnbild meines Alters und meines Charakters“ (La Roche 1987, II, S. 115 f.) erscheint, dann steht Blumenlosigkeit für fehlende Produktivität der Schreibenden. Umgekehrt impliziert das Bild die positiv gewertete Kopplung von Wissen und Blumen.

1.3.4Blumen/Wissen

Meist ist es in der Pomona nicht die Frau, die als Blume konzipiert wird, sondern das von jener zu erwerbende Wissen bzw. das ‚angebaute‘ Wissen, um eine bei La Roche sehr beliebte andere, ebenfalls botanische Metapher zu zitieren: „Mein Herz, welches für mein Vermögen immer zu wohlthätig ← 194 | 195 → war, und mein Kopf, dessen vollkommner Anbau durch Umstände gehindert wurde, wünschten sich also das Vermögen und die Freyheit, welche ich in England sah, um das Glück des Wissens und des Wohlthuns auch so ganz zu geniessen.“ (La Roche 1987, I, S 330)

An dieser Stelle sei auf zwei nicht metaphorische Vergleiche von Wissen(schaften) und Blumen hingewiesen: „Hier muß ich den lieben Leserinnen von Pomona wiederholen, daß ich meine Lina nicht gelehrt haben will – sie soll von allen Wissenschaften nur so viel Kenntnis erlangen, als sie von den Blumen hat, aber so deutlich, wie der Unterschied der Rose und Lilie in ihr ist.“ (La Roche 1987, I, S. 25) Der weibliche Zugriff auf Wissen soll sich auf Grundkenntnisse, auf die Wahrnehmung fundamentaler Identitäten und Differenzen beschränken. Selten wird in der Pomona die Verbindung von Wissen, Geschlecht und Botanik so zugespitzt. Ein zweiter Wissen-Blumen-Vergleich postuliert ebenfalls die Vermittlung nicht allzu tiefer Kenntnisse an Frauen: „Denn Kenntnisse sollen ihren Geist eben so gefällig zieren, als ein Blumenkranz ihre Haare, und sollen sie eben so wenig beschweren […].“ (La Roche 1987, I, S. 1042) Weibliches Wissen erscheint als Zierde: schön, leicht, nicht funktions- oder zweckorientiert.

Das Konzept der Leichtigkeit, Gefälligkeit und Dekorativität weiblicher Bildung verfolgt Sophie von La Roche konsequent. Immer wieder plädiert sie für die kurze, deutliche, angenehme und leicht fassbare Präsentation von Wissen für Frauen in lehrhaften Büchern (La Roche 1987, I, S. 1042; II, S. 179); nicht zufällig lobt sie Johanna Charlotte Unzer und ihren locker-leicht und unterhaltsam daherkommenden Grundriß einer Weltweisheit für das Frauenzimmer. Es ist ein Wissen, das sich durch geschlechtliche Alterität auszeichnet: „Die Verschiedenheit sey, wie mit den Bergwerken. – Die Männer sind so viele Klafter tief unter der Erde, um die Metalle und Edelsteine auszugraben, und wir gehen oben spazieren, Blumen für sie zu pflücken, Gemüß und Obst zu ihrer Erquickung zu ziehen.“ (La Roche 1987, I, S. 1044) Frauenwissen, nie aus Selbstzweck, sondern zu männlicher Befriedigung erworben, soll buchstäblich oberflächlich sein. Als einfach zu erlangen, angenehm und ästhetisch schön ist es entschieden positiv konnotiert.

1.3.5Blumen, Mangel, Macht

Nun gibt es innerhalb des komplexen botanischen Bildfeldes Widersprüche. Nicht immer wird das Postulat einfachen Basiswissens für Frauen in der Pomona positiv gewertet. Ambivalenzen in La Roches Konzept weiblicher Bildung diagnostiziert die Forschung häufig, fast ebenso häufig bleibt diese These jedoch sehr allgemein und wird nur an wenigen Zitaten inhaltlich belegt. Die prominenteste Äußerung einer kritischen Gegenposition – pro mehr und anderes Wissen für Frauen – ist die viel zitierte Klage des Pomona-Ichs ← 195 | 196 → über die Männer, die „noch nie mit einer besondern Aufmerksamkeit über unsere Ausbildung nachdachten“, die Frauen „immer nur zu der Hausdienerschaft“ rechneten und ihnen als Wissensvermittlung „nur das Leichte, nur das für ihren Scherz oder zum zufälligen Vergnügen taugende“ gaben (La Roche 1987, II, S. 170, 173; auch I, S. 133–135).

Dass allerdings schon auf der metaphorischen Ebene, also von der sprachlichen Seite her, das Modell leichten Basiswissens für Frauen porös wird, hat die Forschung bisher nicht gesehen. Die positive Konnotation von Frauenbildung light wird bereits fragwürdig, wenn diese als Kompensation eines Mangels, nämlich des Verbots ‚eigentlicher‘ Wissenschaft und Gelehrsamkeit, erscheint. „Umstände versagten uns den Schmuck kostbarer Edelsteine, und großer Kenntniß. Aber wohlgewählte Blumen zieren deinen Kopf, und mich eine anständige Haube“ (La Roche 1987, I, S. 1163): Die Frau besetzt den Ort elementaren und ornamentalen, nicht tieferen, kostbaren Wissens zur Kompensation eines Defizits.

In Sophie von La Roches Briefen über Mannheim (1791) beschreibt das erinnernde Ich sich als ausgeschlossen von wissenschaftlich-theoretischen Disziplinen und daher zu den schönen Wissenschaften eilend: „dankbare Freude muß in meinen Augen geschimmert haben, da ich […] auf die Männer um mich her sah – weil sie, da sie sich die Herrschaft der Welt zueigneten, doch das Gebieth der Blumen, und Früchte des Schönen uns nicht verschlossen.“ (La Roche 1791, S. 95) Der Mangel ist unübersehbar, auch wenn dem rührseligen Ich aufgrund tränenverschleierter Augen der klare Blick dafür fehlt. Als „Tochter eines Gelehrten“ sei sie von jeher neugierig auf die Wissenschaften gewesen;

aber Umstände verhinderten die Erfüllung meines Wunsches, daß ich als Knabe erzogen werden möchte, um ordentlich gelehrt zu werden. Die Hauptsache meines Stolzes war also verlohren; aber die Wißbegierde und der Geschmak an Kenntnissen blieben in meiner Seele, und vereinigten sich darinn mit den Empfindungen der ersten Freuden meines Herzens, welche, wie der Engelländer, David Hume sagt, auf unser ganzes Leben würken. Ich fande es auch an mir sehr wahr, und ich danke Gott, nicht nur für die Lebhaftigkeit des Gefühls, welches er in mich legte, sondern auch dafür, daß es sich im vierten Jahr meines Lebens bey den unschuldigen Gegenständen der Schönheit der Blüthen, Bäume und Wiesen entfaltete, und jedes folgende Jahr meiner ersten Jugend durch einen Besuch bey unserer Milchbäurin bestärkte. (La Roche 1987, I, S. 421)

Blumen und Früchte stehen für ein restringiertes geschlechtsspezifisches Wissensterrain. Frauen, Natur, Gefühl und Poesie werden eng zusammengeschlossen und auf das Ideal des Schönen festgelegt; ebenso vernetzt sind im Gegenzug Männer/Kultur/Ratio/Wissenschaft. Bei letzteren befindet sich, daran lässt nicht nur die Passage aus den Briefen über Mannheim keinen Zweifel, die „Herrschaft der Welt“. ← 196 | 197 →

1.3.6Blumen/Nichtwissen?

Es gibt noch deutlichere Zeugnisse einer subversiv-kritischen Unterströmung, die La Roches positive Perspektive auf blumiges – leichtes, ästhetisch-dekoratives, nicht-funktionales, oberflächliches – weibliches Wissen in Frage stellt. Zwar hat die Verfasserin einen solchen Subtext womöglich nicht bewusst angelegt; für die vorliegende Untersuchung sind jedoch nicht Autorintentionen, sondern Texte und ihr Gemachtsein relevant.

Schon die Geschichte des Fräuleins von Sternheim weist entsprechende Brüche auf. Wenn die zu Madam Leidens mutierte Sophie ihre Freundin Madam C. über Mädchenerziehung belehrt, geht sie ganz modern vom Situationsansatz aus: Beim Schlittenfahren etwa solle naturkundliches Wissen über Schnee vermittelt werden. Dem Einwurf ihrer Gesprächspartnerin, ob dann nicht nur die Schlittenfahrt im Gedächtnis bleibe, begegnet Sophie folgendermaßen: „Dies glaube ich nicht; denn wir vergessen nur die Sachen gerne, die mit keinem Vergnügen verbunden sind; und die lächelnde, zu der Schwachheit der Menschen sich herablassende Weisheit will daher, daß man die Pfade der Wahrheit mit Blumen bestreue.“ (La Roche 1997, S. 270) Blumen stehen erneut für das Leichte, Vergnügliche, Ornamentale, nicht jedoch mehr für Wissen und Kenntnisse. Diese begleiten sie nur, sie bilden gleichsam den Spaßfaktor beim Wissenserwerb – als eine der menschlichen, insbesondere weiblichen Schwäche für Unterhaltung geschuldete Lernmethode, nicht als Lernstoff. Frauenbildung und Unterhaltung werden in der Blumenmetapher eng geführt. Gerade angesichts des Einflusses, den der Sternheim-Roman auf die Ausbildung des Genres Frauenroman allgemein hatte, ist das auch unter poetologisch-ästhetischen Gesichtspunkten bedeutsam (Meise 1992, S. 9 f.).

Ein etwas anders gelagerter Fall entstammt der Pomona, in der eine Leserin folgende Antwort erhält:

Ihr kleines Landstädtchen muß vortreffliche Menschen in sich fassen, weil eine Vigilande unter ihnen aufwuchs: – und für Ihren lebhaften Geist freut es mich sehr, daß Sie eine Lesegesellschaft haben, worinn bald zierliche Blumen – bald Nahrung des Verstands vorkommt, und das Ganze, wie einer meiner Freunde lezthin sagte, eine Art Piknik für gute Köpfe ist […]. (La Roche 1987, I, S. 311 f.)

Es geht um Geistesnahrung: eine nicht gerade originelle, lebendige Metapher. Relevant ist hier, dass die (übrigens nicht gendermarkierte) Lesegesellschaft zwar Blumen vermittelt, diese aber der „Nahrung des Verstands“ entgegenstehen. Jene Blumen – ist Literarisches gemeint? – sind positiv konnotiert, doch haben sie nichts mehr mit Wissen und Wissenschaft zu tun. ← 197 | 198 →

1.4Frauenbildung verblümt

Ein kurzes Zwischenfazit: Die botanischen Metaphern durchkreuzen sich. Sie müssen nicht als jeweils singulär auftretende Sprachbilder aufgefasst werden, sondern als in einem komplexen Bildfeld zusammenkommende. Der Heterogenität des Bildempfängerbereichs – Autorin, Leserin, Werk, Kenntnisse, Wissensorte etc. – entspricht die heterogene Kontextdetermination (Weinrich 1976) der Bildspender Blume, Blumengewinde, Blumenkranz. Die Interaktion innerhalb des Bildfeldes verläuft nicht nur syntagmatisch zwischen Bildempfänger und Bildspender, sonders auch paradigmatisch einerseits zwischen den verschiedenen Bildempfängern, andererseits zwischen den verschiedenen Bildspendern. Das heißt: Wenn beispielsweise die letztzitierte Vigilande-Stelle Blumen versus Verstand setzt, dann kontaminiert das auch andere, positiver konnotierte botanikmetaphorische Perspektiven auf weibliche Wissensmodelle. Von hier aus fällt es schwer, die Pomona, die weibliches Wissen im Kontext von Natur, Schönheit, Dekorativität und Gefühl situiert, als Markstein weiblicher Aufklärung zu bewerten. Die botanische Metaphorik durchwebt nicht nur, sondern konstituiert ein deutlich restriktives geschlechtsspezifisches Wissensmodell.

Frauenbildung verblümt zu sehen hat gravierende Konsequenzen.

2.Gemüse pflanzen. Garten und Erziehung

Im zweiten Teil dieser Überlegungen zur Pomona wird der Gartendiskurs in La Roches Frauenzeitschrift ins Auge gefasst. Was erfahren die Leserinnen von Gärten, was lernen sie über Gärten, was wird von Gärten erzählt? Zum Beispiel von dem berühmtesten aller Gärten – Versailles. Bei dem Wort Versailles denken die meisten wohl an eine prächtige Schloss- und Gartenanlage. Die Leserinnen der Zeitschrift Pomona für Teutschlands Töchter, die in den Jahren 1783 und 1784 in 24 Monatsheften erschien, sahen hingegen womöglich eher eine Reihe Salatköpfe vor ihrem inneren Auge. Ob, wie und welches Gartenwissen Sophie von La Roche ihren Leserinnen in der von ihr herausgegebenen und größtenteils verfassten Zeitschrift vermittelt, ist im Folgenden zu prüfen.

„Das literarische Schaffen Sophie von La Roches ist in erster Linie auf Mädchen- und Frauenerziehung ausgerichtet. Ihr Schreiben ist ein Schreiben in pädagogischer Absicht“ (Nenon 1988, S. 15), konstatiert Nenon mit einigem Recht. Der pädagogisch-didaktische Impetus, der das Gesamtwerk der populären Prosaautorin des 18. Jahrhunderts prägt, rückt in ihrer Frauenzeitschrift Pomona konsequent in den Mittelpunkt. Dazu werden fiktionale neben faktualen Textgenres eingesetzt, dialogische, lyrische und prosaische Formen verwendet; Helga Meise (2008) spricht treffend von einer ‚hybriden Schreibweise‘. La Roches Zielpublikum sind junge Frauen, für die keine ← 198 | 199 → intellektuelle Geistesbildung um ihrer selbst willen vorgesehen ist, sondern eine Art Grundwissen (La Roche 1987, I, S. 424–429; II, S. 512 u. ö.), das zu rollengemäßem Verhalten als Hausfrau, Mutter und Gattin befähigen soll. Wie oben ausgeführt, ist dieses sich zahm und zeitkonform gerierende Bildungsmodell sehr widersprüchlich und wird konterkariert von erstaunlich energischen Aussagen über das Recht auf weibliche Bildung. Mitzudenken ist immer der autobiographische Hintergrund der eigenen traumatischen Erfahrung von Bildungsverweigerung, der ebenfalls bereits angedeutet wurde (La Roche 1987, I, S. 421, 924–928).

Die ambivalente Haltung Sophie von La Roches zu Frauenbildung und ihr geschlechter- und medienhistorischer Kontext sind die wohl am intensivsten beforschten Themen der La Roche-Forschung; prominent repräsentieren das die zitierten Forschungen von Brandes, Strauss Sotiropoulos, Weckel und Wiede-Behrendt. Zusammenfassende Worte für die Pomona findet Böhmel Fichera: „Ein komplexes, literarisch gestaltetes Gefüge von Selbständigkeit und Abhängigkeit, von mutiger Behauptung und vorsichtigem Taktieren kennzeichnet die Federführung dieser Monatsschrift, die Zwiespältigkeit schlägt sich strukturell nieder.“ (Böhmel Fichera 1991, S. 218)

Was bringt die sich mütterlich gerierende Herausgeberin Teutschlands Töchtern über Gärten bei? Es lohnt sich, exemplarisch am Thema Gartenkunst bzw. Gartenbau auf die Suche zu gehen nach dem tatsächlich vermittelten Wissen.

2.1Gartenwisse im 18. Jahrhundert

Die Gartenkunst war im 18. Jahrhundert ein bedeutendes Wissensfeld, galt – etwa für Christian Cay Laurenz Hirschfeld – zeitweise als ranghöchste aller Schönen Künste. Hirschfeld, dessen Theorie der Gartenkunst (1779–1785) in keiner Gelehrtenbibliothek fehlen durfte, rühmte den Garten als umfassendstes Gesamtkunstwerk (Hirschfeld 1973, Bd. 1, S. 156 f.). Bei nahezu sämtlichen Intellektuellen der Zeit lassen sich Reflexionen zur Gartenkunst nachweisen – es gab „im westlichen Europa kaum einen Dichter, Maler, Politiker oder Philosophen, kaum einen kleineren oder größeren Landbesitzer, der nicht an der Gartenkunst Anteil genommen, darüber geschrieben oder gesprochen oder zumindest Gärten besucht hätte“ (Niedermeier 1992, S. 133). Rudolf Borchardt konstatiert treffend: „Der selbstgepflegte und selbstbestimmte Garten gehörte zum höheren Leben wie die Bibliothek und die Sammlung von Stichen und Drucken, Gipsen und Pasten. Man war nichts, wenn man nicht auch hier Kenner war“ (Borchardt 1968, S. 17).

In den Kontroversen um den alten, formal-architektonischen Garten italienisch-französischer Prägung und den natürlichen englischen Landschaftsgarten, der im Zuge der so genannten Gartenrevolution seinen Siegeszug durch ← 199 | 200 → Europa antrat, wurden ästhetische, philosophische, politische, religiöse und moralische Fragen verhandelt. Kritik an bestimmten Gartenmodellen war zu dekodieren als Gesellschaftskritik, Gartensatire verspottete nicht nur empfindsame Gärten, sondern auch empfindsame Literatur.

Ein Garten war keineswegs nur ein Stück Wiese mit Bäumen und Blumen, sondern auch eine politische, moralische oder ästhetische Aussage. Bekanntlich stand der formale Barockgarten eher für Unfreiheit, absolutistische Machtrepräsentation und Rationalismus – der Landschaftsgarten eher für Freiheit, Bürgerlichkeit, Individualismus und Gefühl. Diese Gleichungen gingen selbstredend längst nicht immer auf bzw. bargen Ambivalenzen: Die Idee, dass der Landschaftsgarten das politische Bewusstsein verändern könne, nachdem die Französische Revolution dies nicht bewirkt habe, wurde vertreten, ist aber problematisch. Gartentheoretiker Hirschfeld glaubte – vor Schiller – an eine moralische Sensibilisierung durch Ästhetik, er war davon überzeugt, dass ein Landschaftsgartenbesitzer seine leibeigenen Bauern gar nicht ausbeuten könne (Kehn 1985, S. 218 f.). Ähnliche Ideen finden sich beispielsweise in August Hennings Artikel „Über Baummahlerei, Garten Inschriften, Clumps und Amerikanische Anpflanzungen“, der im Genius der Zeit 1797 erschien (10, 1, S. 10–37; zit. nach Gerndt 1981, S. 116). Ein vergleichbarer Idealismus klingt übrigens auch bei Sophie von La Roche an, wenn sie beim „Herumwandern unter dem Schatten einheimischer und ausländischer Bäume“ im Schlosspark zu Karlsruhe überschwänglich den Markgrafen Karl Friedrich von Baden (1728–1811) für die gerade stattgehabte Aufhebung der Leibeigenschaft preist (La Roche 1987, I, S. 957 f.).

Doch in der Realität schließt die Anlage eines empfindsamen Landschaftsgartens tyrannische Machtpolitik natürlich nicht aus; man denke an den hessischen Landgrafen Friedrich II. von Hessen-Kassel (1760–1785), der seine Landeskinder als Soldaten nach Amerika vermietete und zugleich den empfindsam-natürlichen Landschaftspark Wilhelmshöhe anlegte. Ein Kontrast, den Friedrich von Rebmanns Wanderungen und Kreuzzüge durch einen Theil Deutschlands (1795) in einem in der Kasseler Plutogrotte spielenden gruseligen Capriccio anprangern.

Die Verbindung von Gartentheorie und politischem Diskurs entkoppelte sich um die Jahrhundertwende wieder; der Landschaftsgarten verlor seine revolutionären Implikationen. Zugleich wandelte sich die ästhetische Bewertung der Gartenkunst als Schöne Kunst. Goethe, der schon 1778 den satirischen Triumph der Empfindsamkeit (1778) verfasst hatte, kritisiert angesichts des weitverbreiteten Dilettantismus der in Deutschland realisierten Gärten 1797 die „neumodische Parksucht“ (Goethe 1986, S. 703) und rechnet gemeinsam mit Schiller im Schema über den Dilettantismus (1799) mit der Gartenkunst ab. Es überrascht nicht, dass Goethe nach dieser radikalen Kritik nicht mehr selbst gartenkünstlerisch tätig wurde. ← 200 | 201 →

2.2Lustgarten und Nutzgarten

Zugleich vollzog sich im ausgehenden 18. Jahrhundert eine Hinwendung vom Lustgarten zum Nutzgarten. Sie ist besonders früh belegbar im Gartentreiben und -schreiben Johann Heinrich Mercks (Roßbach 2003). Doch auch bei zahlreichen anderen Intellektuellen führte die kritische Abkehr von der empfindsamen Gartenkunst hin zu einem ökonomisch-utilitaristischen Umgang mit der Natur. In diesen Trend passen gleichermaßen die Hinwendung Hirschfelds vom Landschaftsgarten zum Obstanbau (Kehn 1992, S. 86–88), die stärkere Gewichtung ökonomischer Themen in Bertuchs Allgemeinem Teutschen Garten-Magazin und die von Niedermeier diagnostizierte so genannte ökologische Emigration (Niedermeier 1993, S. 17–22), zu der die Auf- und Ausbrüche Wielands nach Oßmannstedt (1797–1803) und Goethes nach Oberroßla (1798–1803) gehören. Niedermeier stellt dar, wie die ökologische Emigration erst in die bürgerliche Gartenbewegung kanalisiert wurde und wie schließlich in kritischer Abkehr von der sich in der empfindsamen Gartenkunst ausdrückenden ‚schönen Aufklärung‘ ein wirtschaftlicher, utilitaristischer Umgang mit der Natur angestrebt wurde (Niedermeier 1993, S. 17–22).

Auch die Literatur reflektiert die Gartenwende kritisch. Das bekannteste Beispiel dafür ist sicherlich Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96). Die Entwicklung des Protagonisten vom ästhetisierenden Theaterleben zur ökonomischen Turmgesellschaft geht mit einem Wandel vom Lust- zum Nutzgarten einher: Auf Lotharios Gut „finden sich nirgends kunstvolle Parkanlagen oder lange Alleen, wohl aber – und noch dazu in großer Menge – Gärten, die einzig nützlichen Zwecken dienen“ (Mannack 1972, S. 96).

Im Jahr 1825 stellt Goethe rückblickend gegenüber Karl August Varnhagen fest, dass Parkanlagen „völlig aus der Mode“ gekommen seien; „bald werde man die vorhandenen Prachtgärten wieder zu Kartoffelfeldern umreißen“ (Goethe 1910, Bd. 3, S. 215). So ist es dann doch nicht gekommen, weder in der Realität, die im 19. Jahrhundert durch ein Nebeneinander von Gartenformen sowie durch die Entstehung zahlreicher Volksgärten geprägt war, noch in der Literatur: Schon die Romantik entdeckt die alten Gärten wieder, nun halbverfallen und umso poetischer (Rehm 1962). Und auch in Goethes Dichtungen bleiben nutzlose Gärten und Parks äußerst präsent: Ob nun im klassizistischen Künstlerdrama Torquato Tasso (1790), wo der Garten für das Modell welt- und lebensferner, ästhetizistischer und funktionsloser Kunst steht und damit auf die Funktionslosigkeit der Aristokratie selbst verweist, oder in dem fragmentarischen Revolutionsdrama Die Aufgeregten (entstd. 1793, ED 1817), in dem die Gartenkunst ebenfalls dekorativer Bestandteil eines lebens- und weltfernen Aristokratendaseins ist, nun aber doppelsinnig reflektiert wird: Die Gräfin legt künstlich einen wilden Garten an, während ← 201 | 202 → um sie herum die Bauern tatsächlich wild werden, ‚aufgeregt‘ durch die Ideen der Französischen Revolution. Die ursprünglich mit dem Landschaftsgarten verbundenen Ideen – Humanität, Freiheit, Bürgerlichkeit – werden ad absurdum geführt, wenn es eine Gräfin ist, die ihn nur aus modischen Gründen anlegt und die, zurück aus Paris, nur über den schlechten Zustand der Chausseen klagt. Höhepunkt der Goethe’schen Gartentexte sind natürlich die Wahlverwandtschaften (1809), jener Roman, der vollständig um die Anlegung eines Landschaftsgartens kreist und der die Freiheit, welche der Garten verspricht, als trügerische Illusion entlarvt.

2.3„Ich sehe lieber einen Gärtner als einen Juwelier“ – Gärten in der Pomona

Auch Sophie von La Roche hat ihren Hirschfeld gelesen, auch sie besucht Parks und Gärten und reflektiert darüber. Sie ist eine Garten-Kennerin und -Liebhaberin. Sollen ihre Leserinnen auch welche werden?

Natur, vor allem Gartennatur und gartenähnliche Natur, ist omnipräsent in der Pomona. Auf die Leserfrage, wovon sie gern rede, stellt La Roche eine nutzorientierte Naturlandschaft an den Anfang: „Ich rede lieber von der schönen Fläche voll Kornfelder und Obstbäume, welche zwischen Landau und Speier liegt, als von dem Schlachtfeld in diesen Gegenden, auf welchem dem tapfern Marschall von Turenne ein Denkmal errichtet wurde […]. Ich sehe lieber einen Gärtner als einen Juwelier – […].“ (La Roche 1987, I, S. 626)

Immer wieder dienen Spaziergänge zum Anlass, um über Gärten zu reflektieren – ob die Erzählerin nun im April den Gärtnern und Bauern zusieht, die „ihre frisch angelegte Gemüßbetten, ihre Obstbäume und Blumentöpfe mit dem Lächeln der Hofnung“ betrachten, ob sie bei einem Gang durch blühende Obstgärten über Unschuld und Verderben sinniert oder ob sie durch den Garten von Schwetzingen oder den Karlsruher Schlosspark wandelt (La Roche 1987, II, S. 300; I, S. 574; II, S. 683 ff., 693; I, S. 957–961). Die Spaziergänge sind häufig durch Lektüre angeregt oder angeleitet – eine auch den Leserinnen empfohlene Methode der Naturwahrnehmung:

Wenn meine geliebten Leserinnen in dem Cirkel ihrer Bekannten die Geschichte der Gartenkunst von Hirschfeld finden, so möchte ich, daß Sie sie in diesem Monat läsen, wo die Obstbäume, die Gemüse, welche, wie der, mir wegen seines Journal de Physic und vollkommner Landwirthschaft so verehrungswerthe Rosier sagt, unsere Tage versüssen helfen, – wo die Nelken- und Rosenstöcke, die wohlriechende Kräuter alle auf Ihren Spaziergängen sich Ihrem Auge darbieten. (La Roche 1987, I, S. 664)

La Roche liest Hirschfeld hier ein wenig gegen den Strich, denn gerade seine Theorie der Gartenkunst (1779–1785) ist ein (wenn auch kompromissbe ← 202 | 203 → reites) Plädoyer für den englischen Landschaftsgarten, fokussiert auf dessen wirkungsästhetische Dimension und nicht auf Obst und Gemüse. An anderer Stelle empfiehlt La Roche – passender – eine andere Schrift Hirschfelds: „Gärtnerey ist gewiß eine der schönsten Leidenschaften. Ich freue mich, daß sie allgemein herrschend ist, und wünsche sehr, daß meine Leserinnen des Herrn Hirschfelds Gartenkalender als einen Liebling ansehen möchten“ (La Roche 1987, II, S. 301 f.). Ab 1784 leitet Hirschfeld übrigens tatsächlich eine Obstbaumschule zu Düsternbrook bei Kiel.

Bereits der erste Artikel der Pomona, „An meine Leserinnen“, beginnt mit einem der Naturbegegnung und -reflexion dienenden Spaziergang, der gleichsam in die Zeitschrift hineinführt. Unterwegs mit „einem meiner edelsten und aufgeklärtesten Freunde“ wird der Schreiberin fast alles zum Anlass moralischer Reflexion, gestützt von empfindsam-verklärender Poesie. Es ist die Nutzlandschaft, die die Aufmerksamkeit der Spaziergänger auf sich zieht. Nachdem sie einen Bach und Fischerhütten mit zufriedenen, arbeitsamen Menschen passiert haben, nehmen sie „die schöne Tabaksfelder“ wahr, „die von dem türkischen Korn, große Stücke mit Gemüßpflanzen besezt, und die in der Ferne stehende Weingebürge“ (La Roche 1987, I, S. 6). Eindeutig nachgeordnet ist der empfindsam-gefühlvolle Blick auf die Natur, begleitet von der Poesie Christian Ewald von Kleists (1715–1759) und James Thomsons (1700–1748) und verstärkt durch die emphatische Geste des „Feldblümchen“-Pflückens, -Trocknens und -Versendens an die „edlen Freundinnen“ (La Roche 1987, I, S. 12).

Jenes Raster der Naturwahrnehmung, aufgespannt zwischen Utilitarismus und Empfindsamkeit, ist auch für die Modellierung des Gartens in der Pomona leitend. Der Garten wird hier als Metapher gestaltet, als fiktionaler Handlungs- und Ereignisraum oder als Gegenstand des Wissens.

2.3.1Garten als Metapher

Gartenmetaphern und -vergleiche werden von La Roche in einer vergleichsweise traditionellen Weise verwendet, ohne dass damit Gartenwissen vermittelt würde. Sie spricht beispielsweise von Italien als dem „Garten unsers Europa“ oder vergleicht eine Lyrikanthologie in ihrer bunten Vielfalt mit einem Landschaftsgarten (La Roche 1987, I, S. 515; II, S. 197). Zu einer wahrhaften Allegorie weitet sich die Gartenmetaphorik in dem Artikel „Ueber Frankreich“ aus, in dem der Transfer fremdkulturellen Wissens in die eigene Kultur in das „Bild eines schönen Landguts“ gefasst wird,

auf welchem alle nützliche einheimische Pflanzen in der höchsten Blüthe stehen: die Bienen dieses Guts arbeiten, und tragen erst den nahstehenden Vorrath ein, nach und nach kommen sie bis an die Gränzen des Gebiets von ihrem Herrn, an welches auf einer Seite ein im Französischen Geschmack angelegter ← 203 | 204 → Garten stößt: sie sehen dort schöne Bäume, und lieblich glänzende Blumenstücke, fliegen über, und benutzen sie. – Auf einer anderen Ecke bemerken sie einen starken balsamischen Duft, der von einer Anhöhe herunterkommt, wo Italiens Kräuter und Gewächse gepflegt werden: auch dahin schwärmen sie, und beladen sich mit Beute. – Einige von ihnen wagten sich über ein Wasserstück, welches der Theil eines nach Englischer Art angelegten Landsitzes des dritten Nachbars ist: Sie frolocken über den Schatz an Knospen und Blüte, den sie in beschatteten Gängen und zerstreuten Gebüschen finden. (La Roche 1987, I, S. 132 f.)

Fremde Pflanzen, im übertragenen Sinne fremde Sprache und Kultur, können und sollen den eigenen Garten bereichern. La Roche nimmt eine Kompromisshaltung gegenüber den konträren Gartenmodellen ein, sie kann beiden etwas abgewinnen und befürwortet eine eklektizistische Amalgamierung, ohne dass dies anhand der Gartenallegorie weiter ausgeführt würde. Es ist eine Haltung, die politische Dimensionen auszublenden scheint. Das bestätigt sich andernorts, als stolz berichtet wird, dass „der prächtige Ludwig der XIV bey einem teutschen Fürsten etwas fand, das seinem kostbaren Versailles noch mangelte“, nämlich eine Orangerie. Ungeachtet politischer Konfliktlagen und wie beseelt von ungebrochenem aufklärerischen Optimismus erklärt La Roche fünf Jahre vor der Französischen Revolution:

Aber es solle so seyn, daß einzelne Menschen und ganze Völker sich wechselweise alles mittheilen, was Bedürfniß oder Vergnügen des Lebens angeht. Es dünkt mich ein so schöner Beweiß der Verbrüderung aller Erdenkinder zu seyn, daß ich immer gleich alles Vortheilhafte, das ich lese, höre, oder erfahre, allen denen, die es brauchen könnten, eingeben möchte. (La Roche 1987, I, S. 963)

Besonders augenfällig wird das Fehlen reflektierter Auseinandersetzung mit der Gartenkunst und ihrer politischen Semantik in Pomona-Beiträgen, die eine solche geradezu erwarten lassen: Kein Wort über Barockgärten im Aufsatz „Ueber Frankreich“, kein Wort über Landschaftsparks im Aufsatz „Ueber Engelland“, kein Wort über die großen Renaissancegärten im Aufsatz „Ueber Italien“ (La Roche 1987, I, S. 161–163, 323–376, 515–547). Trotz des Bekenntnisses der Verfasserin, englische Gärten zu lieben, „weil sie Landschaften ähnlich sind“ (La Roche 1987, I, S. 422), werden diese nicht zum Gegenstand theoretischer Betrachtung – und sogar nur selten Objekt deskriptiver Schilderung (lediglich La Roche 1987, II, S. 414 f., 477 f.). Der einzige Anklang an einen Zusammenhang von Politik und Gartenkunst ist im Essay „Ueber die Gärten, ihre Göttinnen, und die Weinberge“ zu finden, und zwar die bereits erwähnte Lobeshymne auf Karl Friedrich von Baden wegen Aufhebung der Leibeigenschaft während eines Spaziergangs im Karlsruher Schlosspark (La Roche 1987, I, S. 957 f.). ← 204 | 205 →

2.3.2Garten als fiktionaler Handlungs- und Ereignisraum

Gärten begegnen seit jeher als poetische Handlungs- und Ereignisräume. Es sind symbolisch aufgeladene Räume, die einerseits für Liebe, Sinnlichkeit, Produktivität und Fruchtbarkeit stehen: In jüdisch-biblischer Tradition ist hier an das alttestamentarische Hohelied zu denken; in antik-griechischer Tradition an den Garten des Alcinous in der homerischen Ilias. Andererseits stehen Gärten für Unschuld, Tugend und Jungfräulichkeit – in der christlichen Tradition von hortus conclusus und Mariengarten. Es gibt kaum eine Gartendichtung, die diese Topoi nicht aufgriffe. Und so findet man sie auch bei Sophie von La Roche wieder, wenngleich mit eigener Akzentuierung: Der Garten erscheint in der Pomona nicht nur als Raum der Liebe (allerdings einer entsinnlichten), Menschlichkeit, Freundschaft, Tugend und Unschuld, sondern auch der Erziehung und der Bildung, der Arbeit und des Fleißes. Vielfach werden Gärten in den fiktionalen Pomona-Texten, speziell in den hier abgedruckten moralischen Erzählungen, zu positiv konnotierten Handlungs- und Ereignisräumen. Die natur- und gartenverbundenen Figuren zeigen diese Verbundenheit häufig schon durch ihre Namen an. Sie heißen Eduard Rose, Elise Baumthal oder Louise von Blum.

2.3.2.1Garten als Ort der Menschlichkeit und Liebe

Da ist „Der schwermütige Jüngling“ Eduard Rose, der „von der Natur den Hang zu stillen und sanften Freuden des Lebens erhalten“ hatte, „wie sie oft einer lieblichen Quelle, die ihren Ursprung auf der nahen Anhöhe einer prächtigen Stadt erhielt, ihren Lauf durch ein kleines Thal bezeichnet, da sich nur Wiesenblümgen und niedrige Sträuche in ihrem Wasser spiegeln, – weil es dem Gärtgen und der einsamen Hütte eines redlichen Armen zur Erquickung dienen sollte“ (La Roche 1987, I, S. 25). Eduard fühlt sich, anders als sein kaufmännisch tätiger Vater, hingezogen zur einfachen Natur. Am liebsten lernt er von seinem Hofmeister Gutheim etwas über „die Pflanzen und Bäume“ und sitzt an einem Teich, „der halb in den Wald und halb in den Blumengarten gezogen“ ist (La Roche 1987, I, S. 88 f.). So ist es bezeichnenderweise auch ein Garten, in dem Eduard nach der Trauer über Gutheims Tod sein Glück findet: Der kleine Nutzgarten einer armen Familie mit dem sprechenden Namen Sitten, in den ein freundlicher Nachbar Kirschzweige hineingebogen hat, erscheint als Zentrum von Menschlichkeit und Liebe – und so heiratet Eduard unstandesgemäß die tugendhafte Tochter Juliane Sitten.

Als Ort der Weiblichkeit und damit zugleich der Liebe für den männlichen Protagonisten gestaltet La Roche den Garten in weiteren moralischen Erzählungen, so etwa in „Gürdenhall und Mis Elma“. Der auf seinen Reisen vom Pfad der Tugend abgekommene Sir John wird durch die Begegnung mit der engelsgleichen Elma wieder „der beste der Menschen“. Die von seiner Mutter ← 205 | 206 → organisierte und inszenierte erste Begegnung der Liebenden findet ebenso im Garten statt wie die Hochzeit (La Roche 1987, II, S. 444–449, 450–452).

In der moralischen Erzählung „Ursprung des kleinen Baurenhofes treue Magd“ finden Liebe und Liebeswerbung ebenfalls im Garten statt. Zugleich wird dieser zum Symbol von Erziehung und Entwicklung junger Menschen: „Diese blühende Obstbäume sind mir das Sinnbild deiner Jahre […]“ (La Roche 1987, II, S. 626 f.).

2.3.2.2Garten als Ort der Bildung und Erziehung

Einen noch deutlicheren Akzent auf Bildung und Erziehung legt die Erzählung „Liebe, Misverständnis und Freundschaft“ (La Roche 1987, I, S. 254 ff.). Sie hat in der Forschung größere Aufmerksamkeit und Wertschätzung erhalten; die gängige Kritik, das Genre der moralischen Erzählung diene lediglich „als Instrument zur Vermittlung moralischer Gedanken“ und zeichne sich durch „zu geringe Psychologisierung der Charaktere und eine Einförmigkeit der Handlung“ aus (Langner 1995, S. 104), scheint hier weniger zuzutreffen. Positiv wahrgenommen wird vor allem die aktive, selbstbewusste Haltung der Protagonistin Elise Baumthal (Wiede-Behrendt 1987, S. 263), die sich nach edelmütigem Verzicht auf einen etwas charakterschwachen Geliebten der Erziehung junger Mädchen in einem Bildungsinstitut widmet.

Die Erzählung gestaltet den Garten als Ort eines sittlich-nutzvollen und freundschaftlich-humanen Umgangs mit Natur und Menschen. Beim ersten Anblick des Gartens ihrer künftigen Wirkungsstätte ist Elise begeistert: „mitten unter diesen blühenden Pflanzen sassen holde Mädchen von verschiedenem Alter auf kleinen Strohstühlgen mit Nähramen, worauf die ältere Blumen stickten, mit Nähküssen, wo andre an Kleidungsstücken arbeiteten, einige Spitzen klöpelten, strickten […]“ (La Roche 1987, I, S. 270). Der Garten ist der Raum, wo Erziehung und Bildung stattfinden, wo tugendhafter Fleiß und Sittlichkeit realisiert werden. Das widersprüchliche Verhalten der ledigen Elise, die sich selbst von der patriarchalischen Gesellschaft emanzipiert zu haben scheint und die nichtsdestoweniger ihre Schützlinge ganz auf das konventionelle weibliche Rollenbild hin erzieht (Neumann 2005, S. 89), wird in der harmonisch verlaufenden Erzählung nicht zum Konflikt.

Als Ort der Tugend und des Fleißes erscheint der Garten auch in La Roches Erzählung „Ein guter Sohn ist auch ein guter Freund“: Erneut geht es um einen garten- und naturverbundenen, edlen und gebildeten Jüngling, Georg Merioneth. Auch er will nicht in der Nachfolge seines Vaters in öffentlichen Geschäften wirken, sondern „seinem Vaterland im Landbau nützen, Moräste austroknen, Wasser ableiten lernen“ (La Roche 1987, I, S. 444).

Um die Funktion des Gartens für pädagogisch-didaktische Zwecke kreist schließlich ebenfalls die Pomona-Erzählung „Die glückliche Reise“. Ein junges Paar, Herr von Ehrenwerth und seine Braut Louise von Blum, geht auf ← 206 | 207 → Reisen, um „da besonders auf das Bild glüklicher Gatten, Kinder und Unterthanen Achtung [zu geben], damit wir diese Modelle fremden Bestrebens nach Tugend und Wohlthun mit nach Hause brächten, wie man die Modelle zierlicher Geräthe mit sich bringt“ (La Roche 1987, I, S. 670). Selbstverständlich ist die ihnen begegnende Modellfamilie von Wahren naturverbunden und geht sorgsam mit Pflanzen und Menschen um: „Ja die Mamma sagte dann, die Erziehung der Kinder sey wie die Sorge des Gärtners“ (La Roche 1987, I, S. 683). Kindererziehung wird nicht nur wie Gärtnerei wahrgenommen, sondern auch so realisiert. Es findet sinnlicher Unterricht statt (wie ihn schon Madam Leidens in der Geschichte des Fräuleins von Sternheim praktiziert), so dass die aufmerksame Beobachterin bewundernd sagt: „Aber Sie haben auch mit dem Kirschbaum so viele Moral verbunden“. Sie erhält zur Antwort: „Das that ich immer bey einem Anlaß, wo die Freude, so ich ihnen machte, ihr Herz auch für das geöfnet hatte, was ich ihnen sagen wollte. Denn meine Moral sollte durch Empfindung in die Seele kommen, nicht durch Auswendiglernen allein mit Worten in den Kopf gelangen“ (La Roche 1987, I, S. 708).

Bemerkenswert ist der Auftakt der Erzählung, bei dem ein Garten als Ort von Tradition und Neuanfang semantisch aufgeladen wird. Das junge Paar spaziert durch den Garten und bewundert „die Anlage eines angränzenden neuen Hauses und Englischer Anpflanzungen“ (La Roche 1987, I, S. 665). Nach kurzem Austausch mit dem Gärtner führt der junge Mann seine Braut zu einer Ruhebank,

von welcher man, weil sie etwas erhöht war, alles übersehen konnte: sie machte zugleich das Ende des Blumischen Garten mitten unter sich wölbenden Aesten alter Linden. Die schüchterne Braut war über diese Art von Ernst etwas ängstlich, denn sie bemerkte, daß ihr Geliebter bey Annäherung zu der Bank auch einen bedeutenden Blick auf die alte Bäume und den rückwärts liegenden Garten warf, dann aber einige Zeit nachdenkend auf die Arbeiten des neuen Stückes schaute […]. (La Roche 1987, I, S. 666 f.)

Im Angesicht des „väterlichen Hauses, dessen Obst und Gemüse meine Louise ernähren halfe“, wird ihm die neue Anlage zum Symbol der neu zu gründenden Familie. Der soeben geschlossene „Heurathsvertrag“ sei „ein wahrer Umriß des Baues eines neuen Hauses und Pflanzung einer neuen Familie“, wobei er die errötende Braut sogleich beruhigt, dass er sich das jetzt natürlich nicht konkret vorgestellt habe und nie etwas sagen würde, „welches die Reinigkeit ihrer Seele, oder das heilige Band verletzen könnte, mit welchem die Natur und die Gesetze unser Leben und unser Schiksal vereinigen werden“ (La Roche 1987, I, S. 668 f.; zum Landschaftsgarten als Tugendort Hilliard 2010).

Alter väterlicher Nutz- und Blumengarten und moderner englischer Garten stehen konfliktfrei nebeneinander, alles geht wunderbar harmonisch ineinander über. Ein Vergleich zu den Wahlverwandtschaften (1809) drängt sich ← 207 | 208 → geradezu auf: Auch hier gibt es im berühmten Auftakt den väterlichen Garten und den jungen Mann, der nach einem Gespräch mit dem Gärtner den Weg zu den neuen Anlagen seiner Frau nimmt. Doch um wie viel konfliktvoller und disharmonischer, um wie viel widerspruchsvoller hinsichtlich der Gartensymbolik stellt sich die Konfiguration aus Menschen und Natur bei Goethe dar.

2.3.3Garten als Gegenstand des Wissens

Ist der Garten, jenseits metaphorischer und erzähltopischer Verwendung, auch Gegenstand des Wissens? Was erfahren die Leserinnen der Pomona über Gärten?

2.3.3.1Linas Gemüßgarten

Die fiktive Modellleserin der Pomona schlechthin ist die junge Lina, eine Vollwaise, die im Haus ihres Bruders lebt. Sie ist die in den Text implementierte Adressatin der ‚Frauenbildungsprogramme‘ (Nenon 1988, S. 15) La Roches und empfängt entsprechende Belehrungen und Ratschläge von der Herausgeberin. Der Kreis der Wissensthemen in den „Briefen an Lina“ weitet sich zunehmend aus. Während die vermittelten Inhalte sich zunächst auf Haushaltsführung und elementare Grundkenntnisse beschränken, geht es später, wenn auch in oberflächlich-sporadischer Weise, um nicht weiblich kodiertes Sachwissen: um Architektur, Staatswesen, Rechtsordnung, Kriegskunst, Naturkunde, männliche Berufe und Wissenschaften.

Mit dem Garten ist Lina besonders eng verbunden. Groß ist daher ihr Schmerz beim Umzug, den die Briefschreiberin mitfühlend kommentiert: „[…] du weintest um den Garten, um die viele Bäume und Stauden, welche mit dir aufgewachsen waren, und um die Aussicht auf der kleinen Altane.“ (La Roche 1987, II, S. 642) Zum Einen fungiert der Garten als Ort von Linas empfindsamer, lehrhaft-moralischer weiblicher Lektüre:

Du willst also, meine Lina! unter Mädchen deines Standes eine vorzügliche Liebenswürdigkeit besitzen, wie deine Schwester, die Rosen Nelke, unter den Blumen deines theuren Bruders. Er hat mir gesagt, daß du meinen Brief bey ihm in dem Garten lasest, und daß du ihn bey der Hand haltend – deine aufblühende Blumen Schwester küsstest, und ihm versprachest, seine Sorge um dich eben so zu belohnen, wie die edle Gartenpflanze, die er pflegt. (La Roche 1987, I, S. 213)

Zum Anderen ist der Garten ein Ort, an dem die künftige Hauswirtschafterin, Ehefrau und Mutter Wichtiges zu lernen hat. Von der mütterlichen Briefschreiberin wird Lina in hauswirtschaftliche Kenntnisse eingewiesen, die strukturiert sind nach Räumlichkeiten: Küche, Speisezimmer, Visitenzimmer, Gerätekammer. Der Rundgang beginnt markanterweise im Garten, und zwar im „Gemüßgarten“, aus dem Lina ihrem Bruder, der sie zuvor über Küchenpflanzen und Kräuter belehrt hat, „das erste Gemüß“ (Pomona I, 3, ← 208 | 209 → S. 299 f.) zubereitet. Garten bedeutet in den „Briefen an Lina“ – abgesehen von der Metaphorisierung des jungen Mädchens als zu pflegende Blume – ausschließlich Nutzgarten. Auch wenn die Verneigung vor dem Schöpfer immer mitgedacht werden muss bei den Gartenbelehrungen Sophie von La Roches, wird sie selten hier expliziert (La Roche 1987, I, S. 1157). Meist bleiben der konkrete Gegenstand und seine Verwendung im Fokus. Folgsam macht sich die Schülerin Lina ein Exzerptebuch und malt Gemüsepflanzen ab (La Roche 1987, I, S. 1022). Seltener kommt es vor, dass der sinnliche Unterricht über das praktische Nutzgartenwissen hinausgeht und parabelhaft funktioniert: Dass Gartengaben beispielsweise analogisiert werden mit dem in der Pomona vermittelten Wissen (La Roche 1987, II, S. 6, 519 ff.).

2.3.3.2„von 50 Gatt. Salat ist der beste, der von Versailles“

Mehr kulturgeschichtliches Gartenwissen, das über Gemüse hinausgeht, verspricht die Überschrift eines Artikels im zehnten Heft des ersten Pomona-Jahrgangs: „Ueber die Gärten, ihre Göttinnen, und die Weinberge“. Der Winter, in dem Gärtner und Winzer müßig seien, sei die „schikliche Zeit, etwas über die Weinberge und Gärtnerey zu lesen, einen Auszug davon zu machen, und ihn den Freundinnen meiner Pomona mitzutheilen“ (La Roche 1987, I, S. 940 f.), heißt es zum Auftakt. Erzählt wird zunächst die mythische Geschichte der keuschen Pomona, die sich nur für Obstbäume und nicht für ihre zahlreichen Werber interessiert, auch für Vertumnus nicht. Sie beachtet ihn erst, „als da sie bemerkte, daß er durch Besorgung der Gemüßpflanzen nüzlich zu seyn suchte, und von ihr die Baumzucht lernte, wodurch er der Gott des Herbstes und der Gemal von Pomona wurde“ (La Roche 1987, I, S. 942).

Das ist nun eine eigenwillige Abwandlung des antiken Mythos. Ganz anders stellt ihn Ovid in der bekanntesten Version, in den Metamorphosen (Buch 14, V. 623–771), dar, an denen sich auch das kanonisch gewordene Gründliche mythologische Lexicon Benjamin Hederichs von 1770 orientiert. Hier umwirbt Vertumnus Pomona in vielerlei Gestalten, er bezirzt sie als Landmann, Winzer, Krieger oder Fischer. Erfolg hat er erst, als er sich ihr in Gestalt eines alten Mütterchens nähert, einen wortgewaltigen Vortrag über verderbliche Sprödigkeit hält und Pomona sich ihm – der nun wieder in herrlicher Göttergestalt erscheint und körperliche Gewalt einsetzt – hingibt. Bei La Roche macht sich Vertumnus dagegen nur an den Gemüßpflanzen zu schaffen und erringt auf diese wesentlich zahmere, entsinntlichte Weise Pomonas Herz und Hand.

Es folgt im gleichen Artikel „Nun etwas von unsern heutigen Obstgärten“ (La Roche 1987, I, S. 944). Dabei wird ein historischer Blick auf die Gartenkunst geworfen, nicht zuletzt auf Versailles. Und doch geht es La Roche nicht darum, den dortigen weltberühmten, repräsentativen Lustgartenbereich zu beschreiben, sondern darum, eine andere Leistung des Sonnenkönigs zu ← 209 | 210 → preisen: „unter ihm entstunde die Verbesserung der Obst- und Gemüßarten“ (La Roche 1987, I, S. 944). Hervorgehoben werden alsdann drei für den frühneuzeitlichen Obstanbau wichtige Männer, Robert Arnauld d’Andilly (1589–1647), Jean-Baptiste de La Quintinie (1626–1688), der Gestalter des Obstgartens von Versailles, sowie René Claude Girardot. Es ist ein spezielles Gartenwissen, dass Sophie von La Roche ihren Leserinnen hier vermittelt – offenbar ein durchaus geschlechtsspezifisch ausgerichtetes. Sie erfahren nichts von den Persönlichkeiten, die für den formalen Barockgarten von entscheidender Bedeutung waren: nichts von Claude Mollet und seinem Theatre Des Plans Et Iardinages (1652), nichts von Jacques Boyceau de la Baraudière und seinem Traité dv iardinage selon les raisons de la natvre et de l’art (1638). Wird auch André Le Nôtre (1613–1700) ignoriert, der große Schöpfer des Versailler Schlossgartens selbst? Le Nôtre findet tatsächlich Erwähnung, aber kurioserweise nur, um das Verdienst anderer hervorzuheben:

Le Notre legte den Lustgarten von Versailles an, und zeigte seine Erfindungskraft in den vielerley Gängen, Cabinetten und Hecken, in Blumenstücken und wunderbaren Formen, die er den Bäumen gab. – Quintinie aber konnte nun seine Begierde vergnügen, und zugleich seinen unendlichen Fleiß zeigen; denn er bekam eigentlich ein Stück Morast zu seinen Anlagen angewiesen, worüber die Liebe seiner Kunst, und die Begierde, dem König zu gefallen, glüklich siegte. Er zog Gräben, und legte zum Ablauf des Wassers einen Teich an, welcher dem ganzen Garten noch eine Zierde gab. (La Roche 1987, I, S. 946 f.)

Ludwig XIV. erscheint in diesem Versailler Garten nicht als Gewaltherrscher, der Natur und Menschen unter seinen Willen zwingt – sondern als jemand, der Erdbeeren mag. Frankreichs Gartenkunst fungiert als Vorbild, allerdings nicht für Broderieparterres und Heckentheater, sondern für Obstanbau, Obsttrocknen und -einmachen.

Vom Obst geht es zum Gemüse. Le Nôtre wird, zugespitzt formuliert, eingeklemmt zwischen Einmachgläsern und Salatköpfen. Man kann sich fragen, ob die Autorin mit ihrer Fokussierung des Nutzgartens dem Trend folgt: Männern wie Merck, Wieland, Goethe, die sich von den Prachtgärten weg zu den Kartoffelfeldern hinwandten. Doch es scheint es eher so zu sein, dass in ihrem aufklärerisch-empfindsamen Œuvre schlichtweg eine Kontinuität zu verzeichnen ist. Sophie von La Roche war im Grunde immer schon da: auf dem Kartoffelfeld.

Dazu passt ihre umfangreiche Auflistung von den besten Gemüsesorten und ihren Herkunftsländern, die so wirkt, als ob man mit einem „Verzeichnis des Vaterlands der besten Gattungen Gemüse die ganze Geographie wiederholen“ könne. Sie verdient es, zum Abschluss ganz zitiert zu werden. Nicht zuletzt kann sie zeigen, dass es etliche Naturalien gibt, die Sophie von La Roche als solche begeistern, ohne dass sie eine moralische Reflexion anschließt. Hier also das Fazit: ← 210 | 211 →

[…] es giebt 5 Gattungen Artischocken, davon die beste aus Genua, 7 Gatt. Spargen, – aus Holland und Pohlen, 6 Gatt. Cicorien, die Italienische, 50 Kohlarten, der Teutsche, Savoysche und Englische, 7 Gat. Cucumern, die aus der Tartarey, von 7 Gat. Sauerampfen, ist der beste der runde Englische, von 3 Gat. gelbe Rüben ist die beste die orangefarbene Englische, 2 Gatt. weise und blaßgelbe, sind einheimische; von 3 Gatt. Spinat ist der beste der von den antillischen Inseln, von 5 Gatt. Feldbohnen ist die beste von Windsor, von 100 Gatt. grünen Gartenbohnen die besten die Holländische, die von Soissons, die Prager, und die Amerikanische von Missisippi, von 50 Gattungen Erbsen sind die besten die Lothringer, Schweizer, Normannische, kleine Holländ. und grün Englische; von 50 Gatt. Salat ist der beste, der von Versailles, Perpignan, aus der Pfalz, Italien, Holland und Berlin, von 15 Gatt. kleine Rüben sind vorzüglich die von Berlin, Vaugirard und Meaux; von 3 Gatt. Pastinak ist die beste die aus China; von 9 Gatt. Zwiebel sind die besten die aus Spanien und Portugal; von 6 Gatt. Petersilie ist die beste aus Macedonien, von 5 Gatt. Portulak ist die beste die von der Insel St. Christoph, von 8 Gatt. Rettich ist die beste die Italienische und von Strasburg, von 2 Gatt. Celeri ist vorzüglich die Französische. Die Kohlraben sind aus China, der Blumenkohl aus Cypern zu uns gebracht worden; die kleine Echallotten Zwiebel, den Knoblauch und Körbel, die Scorzonerewurzel, die Cardons- oder Gartendisteln, deren Mark man auf den größten Tafeln mit so viel Vergnügen isst, den großen feinen Fenchel haben wir aus Spanien, wie auch die Kürbisse. (La Roche 1987, I, S. 949 f.) ← 211 | 212 → ← 212 | 213 →