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Wissen, Medium und Geschlecht

Frauenzimmer-Studien zu Lexikographie, Lehrdichtung und Zeitschrift

Series:

Nikola Roßbach

Das Buch will dem Zusammenhang von Wissen, Medium und Geschlecht genauer auf die Spur kommen. Die Autorin unternimmt eine neue Betrachtung der Wissensmedien des 18. Jahrhunderts – Lexika, Lehrbücher, Zeitschriften – unter geschlechterhistorischen Gesichtspunkten. Im Einzelnen geht es um:
• das weibliche «Versehen» im lexikographischen Diskurs (von Hübner bis Krünitz)
• textinterne Leserinnenkonzepte in der Frauenzimmer-Lexikographie (Corvinus)
• weibliche Gelehrsamkeit und Kulturtransfer (Fontenelle)
• Geschlechter-Räume in der Lehrdichtung (Zäunemann)
• mediale Präsenz und Produktion weiblicher Autorschaft im Medium der Gelehrtenzeitschrift (Zäunemann und die Hamburgischen Berichte)
• Bildungskonzepte und Mediokrität in spätaufklärerischen Frauenzeitschriften (La Roches Pomona, Frauenzimmerbibliothek).
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VIII. Mediokrität und Medialität. Eine spätaufklärerische Frauenzeitschrift

VIII.Mediokrität und Medialität.

Eine spätaufklärerische Frauenzeitschrift

Wenn kulturelle und literarische Perioden definiert werden, sind sie meist vorbei – Zusammenfassung, Reflexion, Problematisierung künden das Ende. Die Aufklärung ist ein Gegenbeispiel. Begriffliche Debatten der späten Aufklärung über sich selbst, deren berühmtestes Beispiel zweifellos Immanuel Kants Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? ist, tun dem Fortwirken aufklärerischer Konzepte in Literatur, Ästhetik, Philosophie, Pädagogik, Religion und Politik keinen Abbruch. Das ‚lange 18. Jahrhundert‘ (Rudolf Vierhaus) ist in den 1780er Jahren noch längst nicht zu Ende.

Im Dezember 1784 druckt die Berlinische Monatsschrift Kants Aufklärungs-Essay. Einen Monat später, im Januar 1785, erscheint das erste Stück einer neuen Frauenzeitschrift, der bei Schwickert in Leipzig herausgegebenen Frauenzimmerbibliothek. Die Zeitschrift erschien anonym und wird dem Leipziger Privatgelehrten und Schriftsteller Georg Carl Claudius (1757–1815) zugeschrieben (Holzmann/Bohatta 1903, Bd. 2, S. 119, Nr. 7007). Auf der ersten Seite beschwört Claudius emphatisch die „Fackel der Aufklärung“, durch die „es nun in unserm Volk hell zu werden anfängt“. Der Schlusssatz des letzten erschienenen Stücks der Frauenzimmerbibliothek lautet: „O Aufklärung! dieser Tag war sicher keines deiner geringsten Feste!“ (Claudius 1785, S. 1 f., 192)

1.Die Mitte

1.1Masse, Medium

Wie in der Frauenzimmerbibliothek haben aufklärerische Ideen in den publizistischen Medien des 18. Jahrhundert generell eine dauerhaft starke Wirkung. Das ist kein Zufall, stehen doch aufklärerische Bildung und Literaturästhetik mit dem Medium Zeitschrift in einem engen historischen Funktionszusammenhang. Die periodische Presse lässt sich als literaturgeschichtlich einflussreichste Publikationsform des 18. Jahrhunderts beschreiben, das auch gerne als Jahrhundert der Zeitschrift bezeichnet wird. Die periodischen Massenmedien trugen entscheidend bei „zur Etablierung eines literarischen Marktes, zur Entstehung eines unabhängigen Schriftstellertypus, zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse, zur Propagierung der aufklärerischen Reformprogrammatik sowie zur Verwendung oft journalistisch geprägter Textgattungen“ (Wilke 2000, S. 94). Claudius charakterisiert in seiner Frauenzimmerbibliothek Journale und Musenalmanache als „das einmal anerkannte Lieblingsgewand des jezigen deutschen Publikums“ (Claudius 1785, S. 119). ← 213 | 214 →

Das Genre Aufklärungszeitschrift spricht eine breite und auch neue Leserschaft an – etwa Frauen und Kinder, die zum und durch Lesen gebildet werden sollen. An die vorwiegend an Frauen gerichteten Moralischen Wochenschriften knüpft in den 1770er Jahren entwicklungsgeschichtlich die mittlerweile gut erforschte Gattung der Frauenzeitschrift an; sie übernimmt deren aufklärerische Positionen, Praktiken – und Probleme.

Texte, wie sie sich unter anderem in diesen publizistischen Medien finden, sollen, um ihren Bildungszweck besser zu erfüllen, nützen und unterhalten, so ihre Programmatiker getreu der klassisch-horazischen Formel vom ‚aut prodesse […] aut delectare‘. Gerade in den frühen Massenmedien, die den breiten Publikumsgeschmack auch aus ökonomischen Gründen bedienen, gewinnt der Unterhaltungsaspekt zentrale Bedeutung. Ästhetische Konzessionen an die breite Leserschaft sind unumgänglich für das Überleben der Journale und der sie beliefernden Brotschriftstellerinnen und -schriftsteller. Deren berühmtestes Beispiel ist sicher Sophie von La Roche, die mit ihrer Pomona für Teutschlands Töchter (1783/1784) zeitweise den familiären Lebensunterhalt sicherte ( VII.).

Der Geschmack der Vielen ist per definitionem nicht singulär-individuell. Er läuft auf die Mitte, das Mittel zu. Seltenheitswert haben in den spätaufklärerischen Frauenzeitschriften daher Randständiges, Extremes, Überraschendes, Irritierendes, Befremdendes – nach Maßstäben moderner Ästhetik: künstlerischer Anspruch und Progressivität. Als literarisch niveauvolle Ausnahme gilt immer die Iris. Vierteljahrsschrift für Frauenzimmer, von 1774 bis 1776 herausgegeben von Johann Georg Jacobi und Wilhelm Heinze. Meistens allerdings sind die zum Genre der ‚schönen Wissenschaften‘ gehörigen publizistischen Texte von mäßiger Qualität. Mediokrität ist geradezu ein Charakteristikum des spätaufklärerischen Massenmediums Frauenzeitschrift.

Die literarische Avantgarde der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hingegen, die sich zunächst als Sturm und Drang, dann in klassischen und romantischen Zirkeln konstituiert, distanziert sich vom (spät)aufklärerischen Literaturmodell. Dazu wählt sie andere, exklusivere Publikationsmedien (Horen, Propyläen, Athenäum, Weimarer Liebhabertheater) als die bildungsbürgerlichen Massenmedien.

1.2Semantik der Mitte

Mediokrität steht also in einem sozialhistorischen Erklärungszusammenhang, in den distributive, rezeptive und produktive Aspekte massenmedialer Literaturproduktion der Aufklärung gehören. Es gibt aber noch eine andere, textimmanente Spur, die zur Mediokrität führen kann: die Semantik der Mitte.

In ihrer Einleitung zum Band Mitte. Philosophische, medientheoretische und ästhetische Konzepte spannt Schmitz-Emans ein Panorama der Bedeu ← 214 | 215 → tungen von ‚Mitte‘ auf: 1. topologisch-räumlich, 2. chronologisch, 3. quantitativ (Mittelwert), 4. qualitativ-ethisch (Mittelweg), 5. politisch-soziologisch (Zentrum eines symbolischen Feldes), 6. mediologisch, 7. qualitativ, bezogen auf Beschaffenheiten (Mittelwesen, Mischungen) und 8. metaphorologisch. Der letzte Punkt soll betonen, dass konkrete und symbolische Bedeutungsdimensionen der Mitte nicht klar trennbar seien (Schmitz-Emans 2006, S. 11).

Leider werden die anschließend thematisierten Ästhetikkonzepte nicht mit diesem interessanten Schema verschränkt; es folgt vielmehr eine eher impressionistische, semantisch breit angelegte Reihung von Mitte-Vorstellungen in der Ästhetik: 1. Mittelwert als tragende Vorstellung in klassizistischen Konzepten des Schönen, 2. Kunst als selbstreflexiver Mittler zwischen Ideal und Realität, 3. Kunst als Schwellenort, 4. Kunst in Mittelstellung zwischen Produktion und Rezeption, 5. Mitte innerhalb des Rezeptionsprozesses zwischen Initialzündung und Resultat, 6. Vermittlungsprozesse als Thema der Kunst.

Das in der vorliegenden Untersuchung verfolgte Modell einer spätaufklärerischen Semantik der Mitte steht quer zu den beiden Listen. Es unterscheidet innerhalb der Aufklärung diskursive Bereiche, in denen ‚Mitte‘ als qualitatives Konzept relevant ist: Wissen/Bildung, Ästhetik, Politik, Moral, Religion. Wenn im Folgenden die Mitte als zentrales Ziel aufklärerischer Denkbewegungen profiliert wird, soll dabei aber weder strukturell Gegenläufiges geleugnet noch einer simplifizierenden Epochenauffassung das Wort geredet werden. Übrigens diskutiert der Mitte-Band die Aufklärung nicht gesondert. Einzig Brandes (2006) behandelt die ‚Ästhetik der Mitte um 1800‘ und geht dabei zurück in die 1760-er Jahre, namentlich zu Winckelmann und Lessing.

Treffend konstatiert Schmitz-Emans: „Die Mitte gehört zu den ältesten und wichtigsten Themen der abendländischen Philosophie.“ (Schmitz-Emans 2006, S. 11) In der Mitte des 18. Jahrhunderts gewinnt die Semantik der Mitte, eng an das antike und christliche Ideal des Maß(haltens) anschließend, eine markante Ausprägung. Erstrebt wird in etlichen Bereichen eine Balance: bildungspädagogisch zwischen Unwissen und Gelehrsamkeit, ästhetisch zwischen Nutzen und Unterhaltung, Verstand und Gefühl, politisch zwischen autoritativem und demokratischem Staatsmodell (aufgeklärter Absolutismus), moralisch zwischen Subjektivität und Normativität, theologisch zwischen verschiedenen Konfessionen (religiöse Toleranz). Die – hier nur holzschnittartig angedeutete – Reihe wäre fortzuführen und zu differenzieren.

1.3Mittelmaß

Gehen Mitte und Maß notwendig mit Mittelmaß zusammen? Führt die Semantik der Mitte zu Mediokrität? Ein Blick auf die Literaturgeschichte der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts könnte diese Vermutung nahelegen: ← 215 | 216 → Die literaturwissenschaftliche Forschung, wenn auch keineswegs die zeitgenössische Literaturkritik, beschreibt die spätaufklärerische Ästhetik der Mitte gemeinhin als Negativfolie avantgardistischer Ästhetiken, nämlich der Ästhetik des als „Dynamisierung und Binnenkritik“ (Sauder 1985, S. 756) der Aufklärung fungierenden Sturm und Drang sowie der klassischen und romantischen Ästhetiken, welche auf unterschiedliche Weise die Autonomie des singulären, abnormen, außergewöhnlichen Kunstwerks einfordern. Allerdings sind entgegen diesem Anschein Mitte/Maß/Mittelmaß einerseits und Avantgarde/Abnormität andererseits natürlich nicht automatisch verknüpft. Ein sich singulär gerierender Text kann mittelmäßig sein, anspruchsvolle Literatur kann die Semantik der Mitte und des Maßes idealisieren. Zumal der klassizistischen Ästhetik um 1800 ist die Idee von Mitte und Maß wesentlich inhärent.

Nichtsdestoweniger besteht ein Zusammenhang von Mitte und Mediokrität in der Spätaufklärung, der sich mit einer spezifischen Qualität dieser Mitte, nämlich ihrer Präsenz, erklären lässt. An der Frauenzeitschrift Frauenzimmerbibliothek wird gezeigt, wie beide mit einem dritten Aspekt verbunden sind: dem Misslingen.

1.4Misslingen

Erneut stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit dieses Zusammenhangs: Bedeutet Mitte – und vor allem: Mittelmaß – immer Misslingen? Durchaus nicht. Noch der aktuelle Buch- und Zeitschriftenmarkt widerlegt täglich den Zusammenhang von Mediokrität und Scheitern – so auch damals. Frauenspezifische Wochenschriften hatten seit den 1770er Jahren zahlreiche Leserinnen. Zwar waren die Journale oft kurzlebig, doch lassen sich für die je einzelnen Misserfolgsgeschichten im Kontext der massenmedialen Pluralisierung von Kommunikation verschiedene Gründe finden, ohne also zwangsläufig mit Mitte und Mittelmaß zu argumentieren. Zunehmend routinierte Lesende wechseln ihre Lektüre vermehrt nach Belieben angesichts zahlreicher konkurrierender Produkte; Herausgeber, Redakteure und Autoren orientieren sich häufiger neu; ökonomische Konstellationen und Marktbedingungen verändern sich; kulturelle und gesellschaftspolitische Prozesse stellen immer wieder andere Weichen für die Publizistik.

Mitte, Mittelmaß und Medialität gehören in der Zeitschriftenliteratur des 18. Jahrhunderts unverwüstlich zusammen: eine langwährende Konstellation, die der Erwartungshaltung der Lesenden offenbar konfliktlos entsprach. Symptomatisch ist der Erfolg der Zeitschriftenbeiträgerin und -herausgeberin Sophie von La Roche. Ihr spätaufklärerisch-empfindsames Literaturmodell, ausgezeichnet durch unbeirrbare Nichtavanciertheit, konnte, so die These von ← 216 | 217 → Scherbacher-Posé (2000), gerade im bildungsbürgerlichen Massenmedium Zeitschrift noch erfolgreich sein.

Dennoch blieb La Roches Erfolg irgendwann ganz aus, was nur teilweise mit dem Verdikt der Weimarer Avantgarde um Goethe, Schiller und Wieland zu erklären ist. Wann und warum kam die Mitte an ihr Ende? Wieso endete das lange 18. Jahrhundert doch? Weshalb verschwand das spätaufklärerische Genre Frauenzeitschrift schließlich? Antworten können vor allem zeitgenössische Texte geben.

Abb. 18 und 19:Claudius 1785, die erste und die letzte Seite. © Bayerische Staatsbibliothek, Sign. Per. 47-1785.

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2.Georg Carl Claudius: Frauenzimmerbibliothek

Vorgestellt wird hier nun also die Zeitschrift Frauenzimmerbibliothek, die unter anderem in einem (hier zugrunde gelegten) Exemplar in der Thüringischen Universitäts- und Landesbibliothek Jena (Sign. 8 MS 11153) nachweisbar ist. Bemerkenswerterweise war die Zeitschrift ansonsten nur noch im süddeutschen Raum auffällig verbreitet bzw. ist zumindest nur dort noch in Bibliotheken nachweisbar. Es befinden sich Exemplare jeweils in den Universitätsbibliotheken von Würzburg, Bayreuth, Passau, Bamberg, Augsburg, Regensburg, der TU, der LMU und der Universität der Bundeswehr in München, den Hochschulbibliotheken Neu-Ulm, Weihenstephan-Triesdorf, Nürnberg und Regensburg, der Bayerischen Staatsbibliothek München, des Deutschen Museums München und der Staatlichen Bibliothek Neuburg an der Donau. Für all diese süddeutschen Exemplare wird bibliographisch kein namentlicher Herausgeber notiert; der Jenaer Bibliothekskatalog orientiert sich hingegen an der Zuschreibung von Holzmann/Bohatta und gibt Georg Carl Claudius als Herausgeber an. Diese Zuschreibung wird hier übernommen.

Die Frauenzimmerbibliothek erschien seit Jahresbeginn 1785. Nach drei Stücken mit insgesamt 192 Seiten im Oktavformat stellte Claudius sein Journal wieder ein. Erfolgreicher war sein von 1784 bis 1816 erschienenes Leipziger Taschenbuch für Frauenzimmer zum Nutzen und Vergnügen, das verstärkt auf Belletristik setzte. Außerdem trat Claudius als Romancier, Erzähler, Biograph und besonders als produktiver Kinder- und Jugendschriftsteller hervor. Das zeigt die Liste seiner Publikationen eindrücklich: Kinder-Theater (1782), Neues Wochenblatt für Kinder und Kinderfreunde (1789), Tägliches Taschenbuch für Kinder (1800), Erste Bildung der Kinder für den geselligen Umgang (1800), Gespräche für Kinder (ca. 1800), Kleine Erzählungen aus der Kinderwelt zur ersten Bildung des Verstandes und Herzens (1805–1807). Auch auf dem Gebiet der Kinderliteratur wandte Claudius sich übrigens periodisch erscheinenden Aufklärungsmedien zu: Wochenblatt, Almanach und Taschenbuch.

2.1Programmatik

„An unsre Leserinnen“: ausführlich erläutert eine Vorrede den Plan der Zeitschrift. Sie betont die Singularität der Frauenzimmerbibliothek, deren „Absichten“ weit von der verdienstvollen Pomona und anderen Zeitschriften abwichen: Das neue Journal sei „wie es uns dünkt, jezt das einzige in seiner Art, aber gewiß nicht unentbehrlich“ (Claudius 1785, S. 1) – der erste Teilsatz wäre noch zu beweisen.

„Die Verfasser“, so die Signatur der Vorrede, preisen die aufklärungsbedingten Bildungsfortschritte bei Mädchen und Frauen, deren Empfindungen erst „durch die Lectüre Leben und Geist“ empfangen hätten. So könnten ← 218 | 219 → sie nun als Leserinnen mit wohlgebildetem Geist, Grazie und edlen Empfindungen die Männer, vielsagend repräsentiert durch die erste Person Plural, unterhalten – „ohne die literarische Pretiöse zu machen, welches allerdings die abentheuerlichste Carricatur seyn würde“ (Claudius 1785, S. 2). Zu geringe und zu hohe Bildung werden gemäß der Ideologie der Mitte abgelehnt; allgemein ist der „Verfasser“, der „fünf und neunzig Schriften voriger Messen auf seiner Stube“ liegen hat, von denen er nicht einmal zehn „seinen Leserinnen als vorzüglich anzupreisen“ (Claudius 1785, S. 3) vermag, redlich um Mitte und Maß bemüht.

Angesichts der starken Präsenz der Literaturkritik in literarisch-kulturellen Zeitschriften und Rezensionsjournalen des späten 18. Jahrhunderts sind die beiden programmatisch verkündeten Ziele des Journals nicht gerade Alleinstellungsmerkmale: erstens Rezension aktueller Publikationen, zweitens Wissensvermittlung an Frauen mit dem didaktischen Ziel, ihr Lektüreverständnis und -urteil zu verbessern (Claudius 1785, S. 4).

Die Versicherung, Belehrendes mit Unterhaltsamem abwechseln zu lassen, ist ein standardisiertes Lippenbekenntnis. Wenn die Frauenzimmerbibliothek überhaupt ein individuelles Charakteristikum besitzt, ist es die Dominanz gelehrter Wissensvermittlung. Durchaus unterhaltsam, wenn auch in einem anderen, nicht intendierten Sinn, ist das Journal übrigens für heutige Rezipientinnen und Rezipienten – etwa wenn es Friseure in Mädchenpensionaten oder die epidemisch sich ausbreitende literarische ‚Genierusticität‘ perhorresziert (Claudius 1785, S. 189, 123).

Die Auflistung der Sparten, die das Journal bis spätestens Jahresende bedient haben will, zeugt von Interesse an Systematik – und an Gelehrsamkeit: I. literarische Originaltexte, II. Biographien, III. Auszüge aus gelehrten Schriften, die „nicht eigentlich für das zweyte Geschlecht bestimmt sind“ (Claudius 1785, S. 5), IV. Anleitungen zum besseren Verständnis und eigener Beurteilung von Dichtern, also Interpretationshilfen, V. Briefe über ältere, zu Unrecht vergessene Schriftsteller, VI. politische Nachrichten, VII. Rezensionen und VIII. „Anekdoten; Neue Moden und andre Kleinigkeiten mehr“ (Claudius 1785, S. 8).

Das ambitionierte Programm wird nicht eingelöst. Die drei erschienenen Stücke der Frauenzimmerbibliothek füllen viele der Sparten nicht oder nur unvollständig aus. In Sparte I finden sich Gedichte, ein Essay und eine moralische Erzählung (26 % des Volumens); II wird in zwei Stücken mit einer ausführlichen Biographie James Cooks bedient (16 %). III besteht ebenfalls aus einem einzigen, über zwei Stücke fortgesetzten Text, einem übersetzten Reisebericht (8 %); IV ist nur im ersten Stück mit einem Aufsatz über Mythologie besetzt (3 %). V wird gar nicht bedient, obwohl die Vorrede gerade hieran die Singularität des Journals festmachte: „Da, so viel wie wir wissen, noch kein Journal dazu Hand geboten hat, so halten wir es für unsre ← 219 | 220 → Schuldigkeit zur Ehre deutschen Geschmacks, […] unsre Leserinnen auf den wahren Gehalt älterer Schriftsteller aufmerksam zu machen […]“ (Claudius 1785, S. 7). Die Sparten VI und VII werden regelmäßig mit resümierenden Nachrichten aus aller Welt einerseits und Rezensionen andererseits gefüllt (18 bzw. 22 %). Die „Zugabe“ (Claudius 1785, S. 8), Sparte VII, nimmt in zwei Stücken lediglich jeweils ½ bzw. 1 Seite ein (1 %).

2.2Diskurse der Mitte

Um die Semantik der Mitte in Claudius’ Frauenzimmerbibliothek aufzuspüren und ihre Bezüge zu Mediokrität und Misslingen zu plausibilisieren, werden nun wichtigsten Diskurse des Journals in den Blick genommen: Wissen/Bildung, Ästhetik, Politik, Moral, Religion.

2.2.1Wissen/Bildung

Allgemeines sowie geschlechtsspezifisches Wissen steht im Mittelpunkt vieler Texten der Frauenzimmerbibliothek. Einerseits zielt das Journal programmatisch auf Vermittlung von Kenntnissen an Frauen, andererseits wird Wissen aber auch selbst zum Thema – in Essays und modellhaften Geschichten.

So in James Cooks Biographie, einer zuweilen umständlich und behäbig geratenen narrativen Aufbereitung der Vita des großen Entdeckers. Der Text ist ein einziges aufklärerisches Plädoyer für selbstständigen Wissenserwerb. Die Aufsteigerkarriere des – männlichen – Protagonisten führt vor, dass Wissen und Bildung wichtiger sind als der gesellschaftliche Stand (Claudius 1785, S. 22). Cooks Qualitäten sind Nachdenken, Urteilen und Handeln. Dass der Weltreisende selbst Gelehrsamkeit verachtete, pariert der Biograph mit der Bemerkung, diese, vor allem die Mathematik, sei ihm gleichwohl essentiell notwendig gewesen (Claudius 1785, S. 108). Schließlich wird gewissenhaft resümiert, welche Orte Cook entdeckt hat, um dann „unsern Leserinnen“ (Claudius 1785, S. 105) zuliebe noch ein Porträt der äußeren Erscheinung sowie des Charakters anzuschließen. James Cook, der „Vorsicht und Muth“ besessen habe und dessen „Schwachheiten“ trotz seiner „Größe“ nicht verhehlt werden (Claudius 1785, S. 108, 110), wird gleichsam als bürgerlicher Held eines nicht-fiktionalen Dramas exponiert: als mittlerer, gemischter Charakter.

Männer erwerben Wissen und erobern damit die Welt. Wie sieht es mit den Frauen aus, der wichtigsten Leserschaft der Frauenzimmerbibliothek? „Ueber die Neugierde“, ein aus dem Französischen frei übersetzter Essay des Kardinals Grafen von Bernis (d. i. François-Joachim de Pierre, Kardinal de Bernis, Comte de Lyon, 1715–1794), grenzt den Wissensdurst des Entdeckers und Wissenschaftlers positiv ab von weiblicher Neugier, die mit Eitelkeit und Putzsucht assoziiert wird (Claudius 1785, S. 143 f.). Bernis’ konservativer ← 220 | 221 → Essay ist mit etlichen misogynen Topoi durchsetzt. Er konnotiert Wissen in maskulin geprägten Kontexten positiv, in feminin geprägten negativ.

Die Frauenzimmerbibliothek setzt in weiten Teilen allerdings auch andere Akzente. Sie schlägt einen moderat progressiven Mittelweg ein, dem zeittypische Ideen zur Frauenbildung zugrunde liegen. Bildungs- und Erziehungsmodelle der Zeit intendieren nicht nur die Wissensvermehrung ihrer Zöglinge, sondern auch deren Reglementierung und Lenkung. Dies gilt natürlich insbesondere für die berühmt-berüchtigte schwarze Pädagogik der Philanthropen, aber eben auch für die frauenbezogene Bildungsprogrammatik, transportiert nicht zuletzt von Moralischen Wochenschriften und Frauenzeitschriften. Die Aufklärung, die Wissen nicht nur vermittelt, sondern selektiert, reduziert und verändert, zeigt auch hier ihr Janusgesicht:

Als Zeitschriften der Aufklärung programmatisch den reformerisch-pädagogischen Bemühungen der Zeit verbunden, stellen die an Frauen gerichteten Blätter zugleich den Versuch dar, die Grenzen für das andere Geschlecht festzulegen und deutlich zu machen, in welchem Rahmen sich Bildungs- und Reformbestrebungen zu bewegen haben. Sie sind deshalb besonders stark von den Widersprüchen der Aufklärung gekennzeichnet, mit deren Ende auch sie untergehen. (Böhmel Fichera 1991, S. 213)

Wissensvermittlung basiert auf ideologischen Vorentscheidungen, auch geschlechterideologischen. Die Spätaufklärung schließt die im frühen 18. Jahrhundert zumindest denkbare weibliche Gelehrsamkeit tendenziell aus (zu den Widersprüchen III.1). Sie reduziert die Frau auf ihre vermeintlich durch den Geschlechtscharakter vorgegebene Bestimmung zu Häuslichkeit, Emotionalität, Intimität etc., an welche die Bildungsziele ‚natürlich‘ angepasst werden. Das Konzept naturalisierten Frauenwissens wird von zeitgenössischen Dichtern und Denkern unisono propagiert. Übrigens auch von Dichterinnen und Denkerinnen – an prominenter Stelle ist einmal mehr Sophie von La Roche zu nennen (zu weiteren Beispielen u. a. Meise 1992). Entsprechend prägt dieses Konzept auch die meisten Frauenzeitschriften der zweiten Jahrhunderthälfte. Die inhärenten Widersprüche wirken dabei unauflöslich: Emphatisch wird einerseits der Zugang der Frau zu mehr Bildung begrüßt, andererseits erscheint die Leserin potenziell gefährlich und ihre Lenkung notwendig. Zuspitzung erfährt die Problematik bekanntlich in der breiten Lesewutdebatte des späten 18. Jahrhunderts.

Ein Balanceakt: es gilt die Mitte zu finden zwischen zuwenig und zuviel Wissen(schaft), zu kleiner und zu großer Frauenzimmerbibliothek, unwissender und gelehrter Frau. Die Aufklärung der Frau ist eine Bildung zur Mitte, zum Nichtbesonderen, das als das Normale statuiert wird. So ist auch das dominierende Modell der Frauenzimmerbibliothek das der gebildeten Hausfrau, Gattin und Mutter. Sattsam bekannte Topoi des Frauenbildungs ← 221 | 222 → diskurses werden reproduziert, wenn die schriftstellerische Produktion einer Beiträgerin damit legitimiert wird, dass sie erst „nachdem sie den Pflichten der Hausmutter Genüge gethan hat, sich mit den Musen in ihrer Einsamkeit, umringt von ihrem biedern Manne und guten Kindern beschäftiget“ (Claudius 1785, S. 88) – man beachte das wohl unbeabsichtigte, aber vielsagende Paradoxon der von ihrer Familie umringten Einsamen.

Claudius’ Botschaft ist unmissverständlich. Frauen gehören erstens in die häusliche Sphäre, zweitens in die Schicht, in die sie hineingeboren wurden. Beider Grenzen dürfen nicht überschritten werden. In einer pädagogisch inspirierten Rezension zu Helene Friederike Ungers Roman Julchen Grünthal (1784) schreibt Claudius apodiktisch:

Nach meiner Meinung, sollten die Mädchen nie aus ihrer angebornen Sphäre in eine andere versetzt werden. Ich meine: kein Mädchen, das bei einem mittelmäßigen oder geringen Vermögen am wahrscheinlichsten zu einem von den mittlern Ständen bestimmt ist, sollte durch eine Erziehung, die ihre künftigen Umstände übersteigt, aus ihrem natürlichen Wirkungskreis herausgerükt werden. (Claudius 1785, S. 188)

Signifikant ist hier die semantische Kopplung von Mitte, Norm und Natur. Der mittlere, bürgerliche Stand erscheint als natürliche Bestimmung (‚natürlicher Wirkungskreis‘), die normativ zu stabilisieren ist (‚sollten‘, ‚sollte‘). Die Mitte „als das Natürlich-Normale und das Ursprünglich-Gute zu verdinglichen“ (Fischer 2007, S. 317), ist eine häufige gesellschaftsideologische Strategie.

Immerhin legt die Frauenzimmerbibliothek im Gegensatz zu etlichen anderen Frauenzeitschriften der Spätaufklärung den Schwerpunkt nicht auf die Vermittlung von Kenntnissen, die vor allen anderen als typisch weiblich gelten, wie etwa hauswirtschaftliche Kenntnisse (dazu Beispiele bei Schumann 1981). Es geht um Frauen als Leserinnen, und zwar sogar als Leserinnen von „eigentlich nicht für das zweyte Geschlecht bestimmt[en]“ (Claudius 1785, S. 5), gelehrten Büchern. Frauen sollen selektiertes und zubereitetes Wissen rezipieren, verstehen, beurteilen – und ‚fortdenken‘: Zur Legitimation einer umfangreichen Darstellung englischer Staatspolitik erklärt Claudius, dass diese „einer fortdenkenden Forscherin hinlängliche Striche geben kann, sich ein vollkommenes Bild von der englischen Nation in Hinsicht ihres Geistes und ihrer Sitten zu entwerfen“ (Claudius 1785, S. 158). Jenes bemerkenswerte Modell der fortdenkenden Forscherin, die selbstständig mit erworbenem Wissen umgeht und es aktiv transzendiert, wird allerdings nicht wieder aufgegriffen. Das verwundert nicht. Es widerspricht dem leitenden, mittleren Frauenbildungskonzept, das die denkende (Claudius 1785, S. 180), aber nicht fortdenkende Frau idealisiert, die sich durch Wissen keineswegs exponiert, sondern die angenehm (und) unauffällig bleibt. ← 222 | 223 →

2.2.2Ästhetik

Die Beurteilungskriterien in den Rezensionen der Frauenzimmerbibliothek muten wie ein Kompendium aufklärerischer Ästhetik an: Verständlichkeit, Natürlichkeit, Wahrheit, Nützlichkeit, Emotionalität, Sittlichkeit.

Besonders hier, im literaturkritischen Teil des Journals, ist die Semantik der Mitte leitend. Die ‚Wahrheit‘ (Claudius 1785, S. 58) literarischer Gestaltung liegt in der Mitte – erreichbar durch Mäßigung der Extreme. Das müsste nicht zwangsläufig im Lob des Mittelmaßes münden; für die avantgardistische Weimarer Klassik gilt die Mitte bekanntlich als positive „Leitkategorie“ (Brandes 2006, S. 75), ohne dass Mediokrität assoziiert würde. Doch Mitte ist nicht gleich Mitte: „Die Ästhetik der Mitte um 1800 steht somit zwischen einem dynamischen Modell der dialektischen Vermittlung und einem Modell der in sich ruhenden Balance, das auf Exklusion aufbaut. Während das eine Modell die Mitte in Bewegung denkt, ist das andere von einem feststehenden Punkt als Mitte überzeugt.“ (Brandes 2006, S. 75)

Claudius’ statisches Mitte-Konzept, das die Extreme meidet und nicht integriert, unterscheidet sich deutlich von den dynamischen Konzepten Schillers, Hölderlins oder Goethes (siehe erneut Brandes 2006 sowie die von ihm diskutierten Bosshard 1960, Görner 1993). Während dort Mitte beweglich, ohne konkreten Ort „im Dazwischen der Gegensätze enthalten“ ist (Brandes 2006, S. 76), ist sie hier – nach Tilgung der Extreme – als einzige präsent und kenntlich. Alleinige Präsenz der Mitte führt zu Mediokrität: Bis zu dieser These geht Brandes nicht, den vor allem das dynamische Modell interessiert. Interessanterweise lässt sie sich aber durch sozialwissenschaftliche Mitte-Forschungen stützen.

Brandes macht einen Gegensatz auf zwischen positivem und negativem Mitte-Modell. Das erste Modell konzipiert Mitte als dynamisch, nicht konkretisierbar, gar phantasmatisch: „So bleibt die Frage, ob die Mitte in diesem Verständnis ein bloßes Phantasma, ein Konstrukt des dialektischen Denkens ist, das sich jedem Zugriff entzieht und somit als Mitte gar nicht kenntlich wird.“ (Brandes 2006, S. 76). Das zweite Modell konzipiert Mitte, tendenziell negativ konnotiert, als statisch und konkret präsent. Eine Art Ausnahme scheint das von Brandes (2006, S. 77) am Beispiel Winckelmanns vorgeführte aporetische Modell der zwar statischen, aber als Vorzug herausgehobenen und damit doch wieder exzentrischen (und nicht mittelmäßigen) Mitte zu sein.

Der Gegensatz der Mitte-Modelle taucht nun modifiziert auf in Peter Fischers Studie Mitte, Maß und Mäßigkeit. Zur Idee und Relevanz eines gesellschaftlichen Mittebezuges (2007). Fischer diskutiert die Mitte als „strukturelles Kernelement der Moderne“ und insbesondere die Tendenz der alten BRD vom Ideal der Mitte als gesellschaftlicher Normalität hin zu „Nivelliertheit und Mittelmäßigkeit“, was er als häufige, aber nicht zwangsläufige „Pe ← 223 | 224 → ripetie der Mitte“ beschreibt (Fischer 2007, S. 14, 100, 313). Diese Peripetie ereigne sich, wenn Mitte real, zur „Tatsache“ werde: Die Mitte sei „zwar als subjektive wie objektive Ordnungskategorie relevant“, dürfe „jedoch als soziale Tatsache sich nur bis zu einem bestimmten Grad entfalten […], wenn sie nicht in Mittelmäßigkeit pervertieren will“ (Fischer 2007, S. 312). Wenn die Mitte aus der Spannung der Extreme gelöst werde, setze sich ihre Schwester, die Mittelmäßigkeit, durch.

Genau dies lässt sich an der Frauenzimmerbibliothek wahrnehmen, die die Extreme tilgt und den Mittelweg als ästhetisches Ideal zementiert. Mediokrität stört den Rezensenten Claudius nicht wirklich. Zwar könne sich gute Literatur – „echtes Dichtergefühl“ – durch „Größe, Stärke, Erhabenheit“ auszeichnen, doch besetzt Claudius auch „hübsch“ sehr positiv (Claudius 1785, S. 48–50). Das Mittlere, gar Mittelmäßige schreckt ihn nicht. Er empfiehlt es gar, wenn damit bloß „absonderliches“ (Claudius 1785, S. 50) und Ausschweifendes vermieden werden kann: „Das Buch hat eben so wenig sich auszeichnende Schönheit, als es die Ausschweifung in Fehlern seiner meisten neuern Brüder hat. Die Schreibart ist nicht übel, und so kann der Leser sich schon einige langweilige Stunden damit verkürzen.“ (Claudius 1785, S. 52 f.) Vom Mittelweg wird keinen Grad abgewichen. Auszeichnung, sogar durch Schönheit, wird nicht angestrebt.

Das heißt nicht, dass Abnormes, Maßloses nicht unfreiwillig faszinierte. Eine beinahe sechs Seiten einnehmende Langrezension widmet Claudius den 1784 in Halle anonym erschienenen Scenen aus der neuesten Welt. Seiner Vermutung nach stammen sie von einem jungen Mann, „der der erhizten schwärmenden Phantasie noch keinen Einhalt zu thun vermag“ (Claudius 1785, S. 54). Auf ähnliche Naturmetaphorik gestützt argumentiert übrigens die gleichzeitig erscheinende Rezension des Hallenser Dramas in der Allgemeinen Literatur-Zeitung: „Der Verf. scheint Anlage zur dichterischen Malerey zu haben, muss aber erst lernen die üppigen Auswüchse beschneiden, das kalte Feuer einer auflodernden Phantasie mit wahrer Wärme vertauschen, und seinem Ausdrucke mehr Harmonie und Richtigkeit verschaffen.“ (anonym [a] 1785, S. 124)

Missbilligend wirft Claudius dem Anonymos – bei dem es sich übrigens um den später recht produktiven Dramatiker und Theaterdirektor Heinrich Gottlieb Schmieder (1763–1811?) handelt (Beneke 1891, S. 29 f.) – Ausschweifung, Unüberlegtheit und Bombast vor und empfiehlt ihm Zügelung: „wir wollten uns sehr freuen, wenn eine bedächtlichere kritische Feder dem zu rauschenden Strom der Phantasie Einhalt thun, und statt eingebildeter und seiner Seele aufgezwungener Empfindungen, wahre darstellen könnte.“ (Claudius 1785, S. 58) ← 224 | 225 →

2.2.3Politik

Über Politik informiert in der Frauenzimmerbibliothek eine regelmäßig bediente Sparte, die etwas großsprecherisch mit „Annalen der Menschheit“ überschrieben ist: Eine Rezension verspottet den „pomphaften Titel“, unter dem „noch einmal abgedruckte dürre Zeitungsartikel […] wieder aufgetischt werden“ (anonym [b], S. 8). Jene „Annalen der Menschheit“ nehmen über ein Drittel des letzten Heftes ein. Die Leserinnen erhalten durch sie eine „Uebersicht des verflossenen Jahres“ (Claudius 1785, S. 41) über politische Ereignisse und Persönlichkeiten. Das vertretene staatspolitische Ideal ist der aufgeklärte Absolutismus – angesiedelt in der Mitte zwischen Tyrannengewalt und Volksrebellion, die beide als Extreme verurteilt werden.

Zeitgeschichte ist Aufklärungsgeschichte: Als historischer Bewertungsmaßstab fungiert bei Claudius das Kriterium Aufgeklärtheit versus Unaufgeklärtheit. Die „Annalen“ sollen in erster Linie zeigen, „um wie viel mehr das allgemeine, als auch einzelne Wohl jeder Nation befördert wird, oder durch was für Verhinderung sie noch nicht zu der Beförderung ihres Wohlstandes und ihrer Aufklärung gelangen kann“ (Claudius 1785, S. 41).

Im Mittelpunkt der Darstellung stehen Machtpolitiker. Politik erscheint konsequent personifiziert, als Aktivität der Herrschenden. Die Protagonisten des aufgeklärten Absolutismus – die russische Zarin Katharina die Große, der preußische König Friedrich der Große, der deutsche Kaiser Joseph II. – figurieren als väterliche und mütterliche Wohltäter ihres Volks, an die entsprechende Aufforderungen gerichtet werden: Frieden zu stiften, Menschlichkeit und Wohltätigkeit walten zu lassen etc. (Claudius 1785, S. 112–115, 43 f.).

Wenngleich Geschichte vor allem Personengeschichte ist, erfahren die Leserinnen auch von Ereignissen, von schwelenden und ausgebrochenen Konflikten zwischen Ländern. Dabei wird einerseits Vollständigkeit von Information zugesichert, andererseits ausdrücklich Extremes verschwiegen. Ein Aufstand in Siebenbürgen soll zunächst „nach den wahrhaftesten Nachrichten in ein Ganzes“ gestellt werden, dann jedoch heißt es angesichts menschlicher Grausamkeiten und Verwüstungen: „Doch wir ziehen den Vorhang vor und schließen die Scenen, die selbst Tyrannen mit Beben und Zittern erfüllen müssen.“ (Claudius 1785, S. 168, 174) Die ‚ganze‘ Wahrheit ist nicht identisch mit der brutalen Wahrheit. Sie ist deren gereinigte, gemäßigte Variante.

2.2.4Moral

Ein zentraler aufklärerischer Diskurs, an dem die Frauenzimmerbibliothek partizipiert, ist derjenige der Moral. Er durchzieht insbesondere die Journalbeiträge zu den schönen Wissenschaften (Sparte I), die sämtlich der spätaufklärerischen Ästhetik von Vernunft und Empfindung, Tugend und Nutzen verpflichtet sind. Oft handelt es sich bei den äußerst konventionellen Ge ← 225 | 226 → dichten, Erzählungen und Essays um Übersetzungen oder um – dies suggerieren zumindest Herausgeberfußnoten – von Leserinnen eingesandte Texte. Sie rufen unermüdlich aufklärerisch-empfindsame Topoi ab, handeln von Natur, Religion, menschlichen Tugenden und Lastern und argumentieren konsequent moralisch.

Paradigmatisch ist ein Text, der sich von der Masse moralisierender „Beispiel- und Abschreckungsgeschichten“ (Brandes 1988, S. 463) in Frauenzeitschriften durch nichts abhebt. Die moralische Erzählung Henriette ist an Eindeutigkeit nicht zu überbieten, ihr Gang schnurgerade, erst rasant auf-, dann abwärts: Die schöne, aber oberflächliche und egozentrische Protagonistin bringt zwei ältere Wohltäterinnen ins Grab, verlässt einen tugendhaften Verlobten und heiratet einen reichen Adligen. Als er nach einem Leben in Saus und Braus stirbt, gerät sie in Armut, verlässt ihre fünf Kinder, geht ins Freudenhaus und stirbt früh, krank und elend, „von allen Menschen verlassen, keinen Funken des himmlischen Trostes im Herzen“ (Claudius 1785, S. 87 f.).

Mit Henriettes extremer Schlechtigkeit kontrastiert die extreme Güte ihres Exverlobten: „Wilhelm küßte mit Tugend, sanft, edel. Henriette mit Leidenschaft, wild, feurig.“ (Claudius 1785, S. 77) Allerdings ist Wilhelms Wesen nicht wirklich extrem. Seine Perfektion besteht ja gerade in Ausgewogenheit und Mäßigung. Emotionalität und Sinnlichkeit erscheinen bei ihm veredelt durch Moral und Religion – „Seine Empfindungen waren alle durch die Religion geheiligt“ –, seine Tugend wiederum erscheint als vernünftige und ‚aufgeklärte‘, wie die Lichtmetaphorik erweist: „er gehörte zu der erhabnen Klasse, die durch die moralische Größe ihres Geistes auch den niedrigern Empfindungen eine ehrwürdige Richtung geben können. Die Tugend umschwebte den Jüngling, und ihr Lichtglanz zertheilte jedes nahende Gewölke, das ihm gefährlich werden konnte“ (Claudius 1785, S. 76 f.).

2.2.5Religion

Viele Texte der Frauenzimmerbibliothek nehmen am religiösen Diskurs teil, keineswegs nur empfindsam-schwärmerische Gedichte An Gott (Claudius 1785, S. 9–11), die sicher auch ein Zugeständnis an den unterstellten weiblichen Publikumsgeschmack sind. Der unter Sparte III, den Auszügen aus gelehrten Schriften, abgedruckte Text „Regierung der Türken. Aus Herrn Bruce Nachrichten von seinen Reisen. Aus dem Englischen“ gibt Einblicke in ein fernes Land und seine Sitten. Dabei nimmt der schottische Weltreisende und Naturwissenschaftler James Bruce (1730–1794; Hauptwerk: Travels to discover the sources of the Nile, 1790) eine deskriptiv-wissenschaftliche Schreibhaltung ein. Von türkischem Glauben, gar von türkischer Christenverachtung berichtet er nüchtern und wertfrei (Claudius 1785, S. 32). ← 226 | 227 →

Auch Claudius’ eigene Haltung zum Gegenstand Religion ist eine wissenschaftliche. Sein Essay zur antiken Mythologie, der als Interpretationshilfe zu Sparte IV gehört, argumentiert kulturgeschichtlich und anthropologisch. Da die göttliche Offenbarung die antiken Menschen noch nicht „aufgehellt“ habe und ihm die für uns heute „so sonnenklar und deutlich“ dünkenden Begriffe noch „[d]unkel“ (Claudius 1785, S. 37) gewesen seien, ist ihr Polytheismus gewissermaßen entschuldigt: Sie konnten es nicht besser wissen.

[…] mein Herz berauscht sich in den seligen Empfindungen, wenn ich mir den menschlichen Geist denke, wie er sich über Jahrtausende hinwegschwang, und Millionen Gedanken und Erfindungen entwickelte, die alle zu meiner itzigen Summe von Erkenntnissen als Materialien nöthig waren. Ungerechtigkeit und eben so schändliche Undankbarkeit würd es seyn, von den ersten Jahrhunderten schon zu fordern, was erst Jahrtausende leisten konnten. (Claudius 1785, S. 35 f.)

Die historisierende, relativistische Argumentation, die sich ohne Originalität einpasst in den zeitgenössischen geschichtsphilosophischen Diskurs (Winckelmann, Lessing, Herder, Moritz, Schiller), ist um Ausgewogenheit bemüht. Sie sucht die Balance zwischen emphatischer Verehrung der als arkadische Idylle und „Kindheit der Menschenalter“ (Claudius 1785, S. 36) inszenierten Antike einerseits und teleologischem Fortschrittsmodell, das die aufgeklärte Jetztzeit preist, andererseits.

Am Thema religiöser Toleranz, die sich durch die Semantik der Mitte und die Abweisung extremistischer Positionen erst konstituiert, zeigt sich Claudius’ Schreibstrategie des Reproduzierens aufklärerischer Leitideen besonders deutlich. Der letzte Text der Frauenzimmerbibliothek berichtet anekdotenhaft, in „Türkheim, der Residenz des Fürsten von Leiningen-Dachsburg“ (Claudius 1785, S. 192), habe eine Wohltätigkeitsveranstaltung stattgefunden. Die Einnahmen aus einer Theateraufführung (Johann Christian Brandes: Die Mediceer, 1776) seien den Armen der christlichen und jüdischen Religionen zu gleichen Teilen zugute gekommen – um deren ehrwürdige Vertreter „die weise Duldung ihre reizende Kette schlang“ (Claudius 1785, S. 192). Kette statt Ring? Die Anekdote liest sich wie ein epigonaler Reflex auf Lessings Nathan, der zwar schon 1779 publiziert, aber erst am 14. April 1783, also in zeitlicher Nähe zum Erscheinen der Frauenzimmerbibliothek, uraufgeführt wurde.

Die Anekdote schließt mit der bereits zitierten hymnischen Preisung der Aufklärung, verbunden mit dem Bekenntnis zu einer zweckmäßigen, dem „Wohl der Menschheit“ dienenden Literatur. „Wohl der Kunst! die sich durch solche Züge heiliget. O Aufklärung! dieser Tag war sicher keines deiner geringsten Feste!“ (Claudius 1785, S. 192) ← 227 | 228 →

3.Die Präsenz der leeren Mitte

Das Misslingen des publizistischen Projekts ist offensichtlich: Die Frauenzimmerbibliothek ging schon nach dem dritten Heft ein, offenbar fand Claudius’ Konzept wenig Zuspruch. Er selbst wandte sich bald anderen Projekten zu, unter anderem dem erwähnten belletristisch ausgerichteten Leipziger Taschenbuch für Frauenzimmer zum Nutzen und Vergnügen, das von 1784 bis 1816 auf dem Buchmarkt reüssierte. Die Fortsetzung, der Frauenzimmer-Almanach zum Nutzen und Vergnügen, erschien nach seinem Tod weitere vier Jahre von 1817 bis 1820.

Die Kurzlebigkeit der Frauenzimmerbibliothek kann, wie die der meisten spätaufklärerischen Frauenzeitschriften, viele Gründe haben. Kontextuelle Ursachen wurden erwähnt – Veränderungen kultureller, gesellschaftspolitischer, ökonomischer, publizistischer Bedingungen –, textuelle Ursachen wären zu ergänzen: Flüchtigkeit und Inkonsequenz in der Ausführung der programmatischen Ziele, behäbig-gelehrter, umständlicher Schreibgestus, inhärente inhaltliche Widersprüche des Journals.

Hier wurde einer speziellen Spur nachgegangen: derjenigen von der Mitte über die Mediokrität zum Misslingen. Dieser Dreischritt beschreibt keinen Automatismus – die Klassik etwa nimmt eine andere Richtung, was, so die These, durch die spezifisch andere, dynamische Qualität des Mitte-Konzepts bedingt ist. Georg Carl Claudius’ Frauenzimmerbibliothek hingegen vertritt eine Semantik der statischen Mitte im wissensgeschichtlichen, ästhetischen, politischen, moralischen und religiösen Diskurs. Propagiert wird eine Mitte, die alle Extreme, alles Herausgehobene und Besondere exkludiert. Dessen Verschwinden führt zur totalen und ausschließlichen Präsenz der Mitte und folglich des Mittelmaßes.

Dabei wird die Mitte zum blinden Fleck. Die Frauenzimmerbibliothek ist vollkommen verwechselbar mit anderen Frauenzeitschriften der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Das beginnt beim Titel: Neben Claudius’ Periodikum gibt es noch die Frauenzimmerbibliothek, worin nützliche Betrachtungen über Sittenlehre zum Gebrauch des Frauenzimmers enthalten (Hamburg, ab Bd. 3 1757–1760 nachgewiesen) sowie vor allem die zeitgleich erscheinende, von Karl Friedrich Müchler herausgegebene Kleine Frauenzimmerbibliothek (Hamburg 1781–1786). Auf die Textsorte ‚Frauenzimmerbibliothek‘ übrigens, jene selbstständig, innerhalb Moralischer Wochenschriften oder fiktionaler Prosa seit Beginn des 18. Jahrhunderts erscheinenden Leselisten, wurde unter III.2 eingegangen.

Die Verwechselbarkeit geht weiter mit den genretypischen bewährten Strukturen und Formen bis hin zu Themen und Topoi. Das Uneigene wird zur einzigen Eigenheit, Wiederholung zum zentralen Produktionsprozess, der sich schließlich totläuft: „Schade dass hier abermals ganz feines Schreibpapier ← 228 | 229 → verschwendet ist; denn schwerlich wird diese Bibliothek ihrem Bibliothekare, Verleger oder Frauenzimmer zu Nutzen gedeihen; denn wer liest gern einerley in zwey Büchern […]?“ (anonym [a] 1785, S. 124)

Wenn eine Publikation durch nichts heraussticht, ist die Frage, warum man sie kaufen und lesen sollte, nicht zu beantworten. Sie verliert ökonomisch gesehen ihre Existenzberechtigung und scheitert. Und nicht nur zeitgenössisch, auch rezeptionsgeschichtlich führt Nivellierung zum Scheitern, in Form eines literatur- und kulturgeschichtlichen Vergessenwerdens. Die totale Mitte ist leer. Die Frauenzimmerbibliothek macht sich, wie viele andere Journale mit und neben ihr, unsichtbar im Medienspektrum der Spätaufklärung. Insofern trägt die spätaufklärerische Semantik der Mitte ihre Zeitlichkeit und ihr Ende immer schon in sich. ← 229 | 230 → ← 230 | 231 →