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Die Himmel sind leer

Der "Dom Juan</I> von Molière im Kontext frühneuzeitlicher Religions- und Herrschaftskritik

Joachim Wink

Die Vieldeutigkeit des Dom Juan ist in postmodernen Zeiten oft betont worden, doch ist sie Folge eines Tabus. Das Tabu lautet, dass Molière den in seiner Komödie über fünfzig Mal evozierten Ciel auf keinen Fall in spöttisches Licht setzen wollte. So wird der orthodox-christliche Himmel, den die Zuschauer des 17. Jahrhunderts vor Augen hatten, entweder ausgeblendet oder mit modernen deistischen Vorstellungen gefüllt: ein Verfahren, bei dem die Blasphemie, derer Molière von seinen Zeitgenossen beschuldigt wurde, auf der Strecke bleibt. Der Autor zeigt, Szene für Szene, wie durch historische Rückfühlung, die den religiösen Realitäten im Zeitalter der Gegenreformation Rechnung trägt, die heiligen Kühe der Pluralität und Paradoxie plötzlich vom Fleisch fallen und wieder der sozial kämpferische Molière der älteren Forschung zum Vorschein kommt.
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I. Der zensierte Himmel

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Chi ben comincia, ha la metà de l’opra,

né si comincia ben se non dal Cielo.

Gian Battista Guarini, Il pastor fido

Es ist schon seltsam: Da gibt es eine Komödie von Molière, in der über fünfzig Mal von einem „Himmel“ die Rede ist, der den Protagonisten, der eben diesen „Himmel“ fortwährend beleidigt, zu guter Letzt vernichten wird. Dem steht eine umfangreiche Forschungsliteratur gegenüber, die dieser grundlegenden Tatsache entweder gar nicht oder nur in sehr unzureichender Weise Rechnung trägt. Typisch für ersteren Fall etwa J. Scherer, der in seiner ca. achtzigseitigen Untersuchung Sur le «Dom Juan» de Molière konsequent über den „Himmel“ hinwegsieht, da er sich von vornherein nicht vorstellen kann, daß Molière so unvorsichtig gewesen sein könnte, die Religion – so wie ihm dies von seinen Gegnern allerdings vorgeworfen wurde – offen zu attackieren:

Les malveillants, à la tête desquels, par l’ancienneté comme par le prestige, figure le Prince de Conti, affirment que Molière, en n’opposant à son athée prestigieux qu’un valet stupide, a rabaissé la religion qui ne trouve en Sganarelle qu’un interprète dérisoire. – Cette volonté de rabaisser la religion aurait été, pour le poète officiel qu’était Molière, d’une imprudence parfaitement incroyable. En réalité, Dom Juan, comme Tartuffe, implique que la verité d’une opinion ne dépend pas de l’intelligence de celui qui la soutient; Molière n’a pas craint les susceptibilités religieuses qui...

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