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Die Himmel sind leer

Der "Dom Juan</I> von Molière im Kontext frühneuzeitlicher Religions- und Herrschaftskritik

Joachim Wink

Die Vieldeutigkeit des Dom Juan ist in postmodernen Zeiten oft betont worden, doch ist sie Folge eines Tabus. Das Tabu lautet, dass Molière den in seiner Komödie über fünfzig Mal evozierten Ciel auf keinen Fall in spöttisches Licht setzen wollte. So wird der orthodox-christliche Himmel, den die Zuschauer des 17. Jahrhunderts vor Augen hatten, entweder ausgeblendet oder mit modernen deistischen Vorstellungen gefüllt: ein Verfahren, bei dem die Blasphemie, derer Molière von seinen Zeitgenossen beschuldigt wurde, auf der Strecke bleibt. Der Autor zeigt, Szene für Szene, wie durch historische Rückfühlung, die den religiösen Realitäten im Zeitalter der Gegenreformation Rechnung trägt, die heiligen Kühe der Pluralität und Paradoxie plötzlich vom Fleisch fallen und wieder der sozial kämpferische Molière der älteren Forschung zum Vorschein kommt.
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II. Ein materialistisches Idyll

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Der König seel[ig]. war galant, aber auch sehr debauchirt; alles war ihm gut, wenn es nur Weibsleute waren, Bäuerinnen, Gärtnerstöchter, Kammermägde, Damen von Qualität, wenn sie sich nur anstellten, als wenn sie verliebt von ihm wären. […] Er hat vor allen Weibern bis auf Bauerweiber den Huth gezuckt.

Liselotte von der Pfalz über Ludwig XIV.

Mais la «pastorale» dans Dom Juan est amère, avec quelque chose de dérisoire, comme il convient dans une pièce sombre.

Georges Couton

Entgegen einer verbreiteten Auffassung, derzufolge der zweite Akt oder weite Teile daraus nur als ein heiteres Zwischenspiel zu begreifen seien,1 sehe ich keinen Grund, ihn weniger ernst zu nehmen als den ersten. Sicherlich: Es ist schon komisch, dem tumben Pierrot beim Bericht seiner neuesten Heldentaten zuzuhören, die auf Charlotte leider nicht den erwünschten Eindruck machen. Doch sollte man bei aller Komik nicht übersehen, daß sich dieser ländliche Analphabet, der sich mit seinen Kumpanen wie im Winter mit Schneebällen so zu anderer Jahreszeit offenbar gerne mit Erdschollen bewirft, einer nicht sehr frommen Ausdrucksweise bedient. Wenn er seine durch und durch unkultivierte und durch Wiedergabe in der ländlichen Mundart der Île-de-France sozusagen den ← 111 | 112 → „Geist der Scholle“ atmende Rede mit einem „Porquisenne!“ beginnt (was wir mit einem „Par Dieu!“ zu übersetzen haben), so ist dies noch relativ harmlos. Es folgen nach und nach (jeweils erster Ausdruck nach *A, zweiter nach...

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