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Die Himmel sind leer

Der "Dom Juan</I> von Molière im Kontext frühneuzeitlicher Religions- und Herrschaftskritik

Joachim Wink

Die Vieldeutigkeit des Dom Juan ist in postmodernen Zeiten oft betont worden, doch ist sie Folge eines Tabus. Das Tabu lautet, dass Molière den in seiner Komödie über fünfzig Mal evozierten Ciel auf keinen Fall in spöttisches Licht setzen wollte. So wird der orthodox-christliche Himmel, den die Zuschauer des 17. Jahrhunderts vor Augen hatten, entweder ausgeblendet oder mit modernen deistischen Vorstellungen gefüllt: ein Verfahren, bei dem die Blasphemie, derer Molière von seinen Zeitgenossen beschuldigt wurde, auf der Strecke bleibt. Der Autor zeigt, Szene für Szene, wie durch historische Rückfühlung, die den religiösen Realitäten im Zeitalter der Gegenreformation Rechnung trägt, die heiligen Kühe der Pluralität und Paradoxie plötzlich vom Fleisch fallen und wieder der sozial kämpferische Molière der älteren Forschung zum Vorschein kommt.
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VIII. Ehre, Satisfaktion und Selbstausrottung des Adels

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Un duel met les gens en mauvaise posture,Et notre Roi n’est pas un Monarque en peinture.

Il sait faire obéir les plus grands de l’État.

Et je trouve qu’il fait en digne Potentat.

Molière, Les Fâcheux

Nachdem Dom Juan dem Bettler mit einem höhnischen „pour l’amour de l’humanité“ ein Goldstück gegeben hat, beginnt etwas völlig neues. Das Thema des Klassenkonflikts (de facto ist die Gesellschaft des 17. Jahrhunderts eine Klassengesellschaft, mag auch das Bewußtsein einer solchen durch die traditionelle, von den Herrschenden mit aller Macht aufrechterhaltene Ständeideologie getrübt sein), welches in diesem Stück von der ersten Szene an – dem „Éloge du Tabac“ – mitschwingt und in den Pierrot-Szenen des zweiten Akts sowie der soeben betrachteten Bettler-Szene des dritten Akts am deutlichsten herauszuhören ist, tritt nun in eine längere Pause. Wie ja auch der gleichsam als ein zwischen sozialem Oben und Unten hin- und herwebendes Schiffchen fungierende Sganarelle für zwei volle Szenen in den Hintergrund tritt, ja zeitweise sogar ganz von der Bühne abtritt. Das neue Thema aber ist der horizontale Konflikt, den die herrschende Klasse unter sich selbst auszutragen pflegt, wobei man sich gewöhnlich auf die „Ehre“ beruft.

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