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«Der Papst und der Bienenkorb»: Marcel Reich-Ranicki als ein Akteur im literarischen Feld der Bundesrepublik

Jasmin Ahmadi

Das Buch befasst sich mit Deutschlands bekanntestem Literaturkritiker: Mit Marcel Reich-Ranicki betrat 1958 ein Akteur die literarische Bühne der BRD, der bis dahin kaum über Kontakte zum westdeutschen literarischen Feld verfügte. Dennoch gelang es ihm innerhalb von nur 15 Jahren zum Leiter der Redaktion für Literatur und literarisches Leben bei der FAZ zu avancieren und zu einer der zentralen Benennungsmächte des literarischen Feldes der Bundesrepublik aufzusteigen. Jasmin Ahmadi legt dar, wie es dem Kritiker über die Jahre gelang, die feldspezifischen Kapitalien zu erwerben, strategisch wichtige Positionen einzunehmen und die informelle Struktur des literarischen Feldes zu seinen Gunsten zu verändern. Als Analyseinstrument wird dazu Pierre Bourdieus Theorie des literarischen Feldes verwandt.
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1. Einleitung

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1. Einleitung

‚Sie kenn ich ausm Fernsehen.‘ Der Taxifahrer mustert im Rückspiegel den Mann, der sich am Berliner Gendarmenmarkt auf den hinteren Sitz seines Wagens hat fallen lassen. Er zögert einen Moment, wendet den Kopf, studiert das Gesicht seines Fahrgasts und läßt Sendungen, Serien, Shows vor dem inneren Auge vorbeiziehen. Dann hellt sich sein Blick auf. ‚Ja‘, brummt er und nickt befriedigt, ‚Sie sind der Kritiker.‘ Dreht sich wieder nach vorn, fährt zur gewünschten Adresse und sagt kein weiteres Wort.1

Fragestellung und Methodik

Bei dem vom Taxifahrer erkannten Kritiker handelt es sich um Marcel Reich-Ranicki, der sich gerade auf dem Weg zur Abschlusssendung des Literarischen Quartetts im Schloss Bellevue befindet. Es ist das Jahr 2001, der Kritiker lebt zu diesem Zeitpunkt bereits seit 43 Jahren in der Bundesrepublik. Hier ist es ihm gelungen, binnen weniger Jahre von einer Außenseiterposition im literarischen Feld aus über Positionskämpfe in der Gruppe 47, der ZEIT, der FAZ, dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Literarischen Quartett – einer Sendung, in welcher er Buchbesprechungen ins Fernsehen verlagerte -, zu einer der Schlüsselfiguren des literarischen Lebens aufzusteigen. Den Höhepunkt seiner Definitionsmacht erreichte Reich-Ranicki jedoch im Jahre 2002. Ein Jahr nachdem die letzte Folge des Literarischen Quartetts auf dem ZDF ausgestrahlt worden war, veröffentlichte er, sekundiert durch mehrere Verlage, überaus erfolgreich seinen ‚Kanon der Romane‘.2 In Jahresabständen folgten hiernach der ‚Kanon der Erzählungen‘, ‚Dramen‘, ‚Gedichte‘ und ‚Essays‘.

Im Ganzen pr...

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