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«Der Papst und der Bienenkorb»: Marcel Reich-Ranicki als ein Akteur im literarischen Feld der Bundesrepublik

Jasmin Ahmadi

Das Buch befasst sich mit Deutschlands bekanntestem Literaturkritiker: Mit Marcel Reich-Ranicki betrat 1958 ein Akteur die literarische Bühne der BRD, der bis dahin kaum über Kontakte zum westdeutschen literarischen Feld verfügte. Dennoch gelang es ihm innerhalb von nur 15 Jahren zum Leiter der Redaktion für Literatur und literarisches Leben bei der FAZ zu avancieren und zu einer der zentralen Benennungsmächte des literarischen Feldes der Bundesrepublik aufzusteigen. Jasmin Ahmadi legt dar, wie es dem Kritiker über die Jahre gelang, die feldspezifischen Kapitalien zu erwerben, strategisch wichtige Positionen einzunehmen und die informelle Struktur des literarischen Feldes zu seinen Gunsten zu verändern. Als Analyseinstrument wird dazu Pierre Bourdieus Theorie des literarischen Feldes verwandt.
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2. Der Kritiker als intermediäre Instanz zwischen den Feldern der Konsumtion und Produktion

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2. Der Kritiker als intermediäre Instanz zwischen den Feldern der Konsumtion und Produktion

Der Urteilsspruch der Geschichte, die für Werk und Autor einmal zum Jüngsten Gericht wird, ist bereits mit dem Urteil des ersten Lesers präjudiziert, und die Nachgeborenen werden die öffentliche Bedeutung, die die Zeitgenossen dem Werk verliehen haben, mit in Betracht ziehen müssen.64

Obwohl die Literaturkritik als ein fester Bestandteil des literarischen Feldes ihren Beitrag zur Konstituierung desselben beiträgt, schenkt Bourdieu ihr in seinen Arbeiten nur am Rande Aufmerksamkeit. Allerdings behandelt er neben den vereinzelten Passagen, in denen er explizit die Literaturkritik beziehungsweise den Kritiker thematisiert, in mehreren Kontexten die Figur des lector und auctor sowie die des „idealen Lesers“. Diese Termini Bourdieus gilt es zu erschließen, sind sie doch dafür geeignet, zu einer eigenen respektive weitergeführten Definition der Literaturkritik zu gelangen.

Im Zuge seiner wissenschaftlichen Arbeiten über die Kabylen65 Algeriens und ihre mythologischen Überlieferungen stellt sich für Bourdieu die Frage: „Kann man irgendeinen Text lesen, ohne sich zu fragen, was Lesen bedeutet; ohne sich zu fragen, welches die sozialen Bedingungen der Möglichkeit des Lesens, der Lektüre66 sind?“67 Um sich einer möglichen Antwort auf diese Frage annähern zu können, reflektiert Bourdieu in einem ersten Schritt die mittelalterliche Tradition der intellektuellen Arbeitsteilung zwischen dem sogenannten lector und dem auctor. Unter der Berücksichtigung der bisherigen Erkenntnisse geht diese Arbeit von der Annahme aus, dass der lector in...

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