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«Der Papst und der Bienenkorb»: Marcel Reich-Ranicki als ein Akteur im literarischen Feld der Bundesrepublik

Jasmin Ahmadi

Das Buch befasst sich mit Deutschlands bekanntestem Literaturkritiker: Mit Marcel Reich-Ranicki betrat 1958 ein Akteur die literarische Bühne der BRD, der bis dahin kaum über Kontakte zum westdeutschen literarischen Feld verfügte. Dennoch gelang es ihm innerhalb von nur 15 Jahren zum Leiter der Redaktion für Literatur und literarisches Leben bei der FAZ zu avancieren und zu einer der zentralen Benennungsmächte des literarischen Feldes der Bundesrepublik aufzusteigen. Jasmin Ahmadi legt dar, wie es dem Kritiker über die Jahre gelang, die feldspezifischen Kapitalien zu erwerben, strategisch wichtige Positionen einzunehmen und die informelle Struktur des literarischen Feldes zu seinen Gunsten zu verändern. Als Analyseinstrument wird dazu Pierre Bourdieus Theorie des literarischen Feldes verwandt.
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14. Reich-Ranickis posture

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14. Reich-Ranickis posture

In späteren Jahren hat man mir [Reich-Ranicki] mitunter tatsächlich kleine Filmrollen angeboten. Offenbar versprach man sich davon einen besonderen Jux, denn meist sollte ich einen Kritiker spielen. Ich habe diese Angebote stets abgelehnt, bisweilen mit der aufrichtigen Begründung, daß es mir ohnehin Mühe genug bereite, im Leben, im literarischen, versteht sich, einen Kritiker wirklich ‚überzeugend‘ zu mimen.979

Wird während einer Unterhaltung – zumindest unter Bundesbürgern eines bestimmten Alters -980 Reich-Ranicki zum Thema gemacht, so hat in der Regel jeder sofort eine typische Geste, Haltung, Aussprache oder auch Äußerung dieser dominanten Figur des Literaturbetriebs vor Augen.

Eben dieser doch sehr spezifischen Inszenierung beziehungsweise Selbstinszenierung Reich-Ranickis wird im folgenden Kapitel nachgegangen. Es gilt zu fragen, welches Bild Reich-Ranicki von sich in der Öffentlichkeit kreierte, aber auch etablierte und wie dieses schließlich von den Medien aufgegriffen und verbreitet wurde. Dass hierfür auch die Autobiografie hinzugezogen wird, ist selbstverständlich. Ich verstehe sie jedoch nicht nur als reine Informationsquelle, sondern zugleich auch als Teil der posture Reich-Ranickis.

Durch den posture-Begriff981 wird es möglich, zu ergründen, mit welcher subjektiven Manier Reich-Ranicki die objektiven Positionen des literarischen Feldes der Bundesrepublik innerhalb seiner trajectoire besetzte: „J‘entends par ce terme simultanément le travail de figuration d‘un auteur en situation officielle et l’image de l’auteur construite par ses textes autobiographiques.“982 ← 249 | 250 →

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