Show Less
Restricted access

Gotik ohne Gott?

Die Symbolik des Kirchengebäudes im 19. Jahrhundert

Wojciech Balus

Der Autor befasst sich mit der bisher nur wenig erforschten Symbolik der sakralen Architektur des Historismus. Er konzentriert sich dabei auf die unbekannten Druckquellen aus dem 19. Jahrhundert, die zeigen, dass auch in dieser Epoche die Kirchenbaukunst ein Bedeutungsträger war. Ziel der christlichen Kunst war, die konfessionelle Prägung sowohl in der Form einer Kirche als auch in der Ikonographie zu manifestieren. Der Stil wurde als Abdruck einer Weltanschauung in der Materie des Kunstwerks verstanden. Aus diesem Grund postulierte man, die Errungenschaften des Mittelalters aufzugreifen. Man nahm an, dass in diesem ausschließlich das christliche Gedankengut die Weltanschauung bestimmt habe, die Stile deswegen den religiösen Geist vollkommen zum Ausdruck gebracht hätten und die Ikonographie ideal, dogmatisch korrekt und inhaltsreich gewesen sei.
Show Summary Details
Restricted access

II. Die Tradition der Symbolik in der Sakralarchitektur

Extract

| 29 →

Kapitel II Die Tradition der Symbolik in der Sakralarchitektur

Anthropologische Quellen des Symbolismus in der Architektur

Ethnologen und Religionswissenschaftler sind der Ansicht, jeder menschliche Akt des Bauens habe einen symbolischen Wert. Die Errichtung eines Gebäudes oder einer Stadt sei eine Nachahmung der göttlichen creatio mundi, eine Wiederholung der Kosmogonie. Das Haus sei ein kleines Universum, ein privates Zentrum der Welt1. Weise es also auf eine außeralltägliche, sogar sakrale Wirklichkeit hin, müsse der symbolische Wert eines jeden Sakralbaus umso höher sein. Ein Tempel, lehren Religionswissenschaftler, kreiere auch ein Zentrum der Welt und konstituiere damit gleichzeitig eine vertikale Achse, die das Irdische mit dem Überirdischen und das Irdische mit dem Unterirdischen verbindet. Seine Struktur habe einen himmlischen Ursprung und werde dadurch zum Abbild einer vollkommenen Ordnung und der göttlichen Idee der Weltschöpfung2.

Die hier dargestellten Ansichten greifen auf das Ursprüngliche in der menschlichen Kultur zurück. Mircea Eliade spricht geradezu von Archetypen im Jungschen Sinne dieses Begriffs und versucht zu zeigen, dass die „Symbolik der Mitte“ älter sei als alle möglichen interkulturellen Kontakte. Es ist also nicht der wechselseitige Einfluss der Zivilisationen aufeinander, der darüber entscheide, dass in der Architektur das kosmische Element wahrgenommen werde, sondern die unreduzierbare anthropologische Ausstattung des „Homo religiosus“3.

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.