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Gotik ohne Gott?

Die Symbolik des Kirchengebäudes im 19. Jahrhundert

Wojciech Balus

Der Autor befasst sich mit der bisher nur wenig erforschten Symbolik der sakralen Architektur des Historismus. Er konzentriert sich dabei auf die unbekannten Druckquellen aus dem 19. Jahrhundert, die zeigen, dass auch in dieser Epoche die Kirchenbaukunst ein Bedeutungsträger war. Ziel der christlichen Kunst war, die konfessionelle Prägung sowohl in der Form einer Kirche als auch in der Ikonographie zu manifestieren. Der Stil wurde als Abdruck einer Weltanschauung in der Materie des Kunstwerks verstanden. Aus diesem Grund postulierte man, die Errungenschaften des Mittelalters aufzugreifen. Man nahm an, dass in diesem ausschließlich das christliche Gedankengut die Weltanschauung bestimmt habe, die Stile deswegen den religiösen Geist vollkommen zum Ausdruck gebracht hätten und die Ikonographie ideal, dogmatisch korrekt und inhaltsreich gewesen sei.
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VI. Im Umkreis der christlichen Archäologie und Ikonographie

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Kapitel VI Im Umkreis der christlichen Archäologie und Ikonographie

Die Präsenz der Kirche in der Welt: Restauration und Konfessionalisierung

Die Aussage eines Sakralgebäudes, die durch die Assoziation des verwendeten historischen Stils mit dessen christlicher Provenienz und den dadurch ausgelösten Gefühlen konstituiert wurde, war nach wie vor von ziemlich allgemeiner Natur. Ein solches Konstrukt ermöglichte zwar, einen Sakralbau auf die Idee des christlichen Geistes zu beziehen, der – religiös war und voller Sehnsucht nach Erlösung „mystisch“ gen Himmel emporsteigen wollte oder sich vor Gottes Zorn demütigte, doch es lieferte keine Anhaltspunkte für die Feststellung der „konfessionellen“ Zugehörigkeit des Gebäudes. Pater Godard Saint-Jean verwies darauf, dass man die Symbolik, die sich ausschließlich aus der Wirkung der Gebäudeform herleitete, „auf eklektische Weise“ habe erklären müssen, d.h. in Bezug auf die Gemeinsamkeiten verschiedener (heidnischer, pantheistischer, christlicher) Erfahrungen und Traditionen, wie es bei Schlegel und Hegel der Fall war.1 Es war somit kein Zufall, dass sowohl Katholiken als auch Protestanten den „basilikalen“ (altchristlichen), gotischen und romanischen Stil für geeignet für ihre Sakralbauten hielten, und dass man für verschiedene Konfessionen – trotz aller Einwände – auch Neurenaissance-Kirchen errichtete. Die Erfahrung des Sacrum ließ sich zwar noch an die Idee des persönlichen Gottes anpassen, aber sie war entschieden zu allgemein für die Dogmatiken der einzelnen Konfessionen. In den meisten Handbüchern für den Bau und die Erhaltung von Kirchen klang...

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