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Ästhetik des Geschlechts

Prousts "À la rechreche du temps perdu</I> zwischen Genealogie und Anti-Genealogie

Guido Goerlitz

Der Autor widmet sich Marcel Prousts berühmten Hauptwerk À la recherche du temps perdu im Hinblick auf das Thema der Genealogie. Diese ist im Buch als Frage nach dem Geschlecht im mehrfachen Wortsinne von Abstammung, Vererbung und Sexualität/Fortpflanzung auf allen Ebenen präsent. Der Roman wird rhythmisiert vom Begehren einer idealen genealogischen Ordnung und dem Wunsch, aus eben dieser auszubrechen, künstlerische Fluchtlinien zu schlagen. Goerlitz analysiert die zentralen Personenkreise und ihre komplexen Beziehungen zum Ich-Erzähler. Er geht den Auswirkungen der genealogischen Problematik auf Prousts Poetologie nach. Am Komplex Krieg/Genealogie/Nation untersucht er schließlich die Erschütterungen der idealistischen poetologischen Programmatik unter dem Einfluss des Ersten Weltkriegs.
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V. Der Erzähler

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„La famille, c’est moi“, diese wahnsinnige Devise, die Heimito von Doderer in der genealogischen Groteske Die Merowinger oder Die totale Familie (1962) seinem Helden in den Munde legt, welchem es durch eine sophistische Heiratsstrategie innerhalb der eigenen Familie gelingt, all deren Herrschaftsansprüche und Titel auf seine Person zu vereinigen, schließlich formal – d.h. in der Ordnung der Titel – zu seinem eigenen Vater und seinem eigenen Sohn zu werden, ist – wenngleich in einem anderen Sinne – auch die des Proustschen Erzählers. Zu der im Verlauf des Romans wiederholt herausgestrichenen erblichen Filiation von Ähnlichkeiten in der Kette Großmutter-Mutter-Marcel treten gegen Ende eine Reihe weiterer genealogischer Kontinuitäten. Die sich durchbrechenden verwandtschaftlichen Ähnlichkeitsmomente zum Vater wie auch zu Tante Léonie konzentrieren auf den ästhetisch-metereologischen Aspekt von ‚le temps‘, dem zentralen Gegenstand des Romans, den Marcel schreiben wird (d.h. für Zeiteinheiten als »metaphorische« Wetter-Gefäße).

Car, peu à peu, je ressemblait à tous mes parents, à mon père qui – de toute autre facon que moi sans doute, car si les choses se répètent, c’est avec de grandes variations – s’intéressait si fort au temps qu’il faisait; et pas seulement à mon père, mais de plus en plus à ma tante Léonie. […] N’était-ce pas assez que je ressemblasse avec exagération à mon père jusqu’à ne pas me contenter de consulter comme lui le baromètre, mais à devenir moi-même un baromètre vivant; que je me laissasse commander par ma tante Léonie pour rester à observer le...

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