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Ästhetik des Geschlechts

Prousts "À la rechreche du temps perdu</I> zwischen Genealogie und Anti-Genealogie

Guido Goerlitz

Der Autor widmet sich Marcel Prousts berühmten Hauptwerk À la recherche du temps perdu im Hinblick auf das Thema der Genealogie. Diese ist im Buch als Frage nach dem Geschlecht im mehrfachen Wortsinne von Abstammung, Vererbung und Sexualität/Fortpflanzung auf allen Ebenen präsent. Der Roman wird rhythmisiert vom Begehren einer idealen genealogischen Ordnung und dem Wunsch, aus eben dieser auszubrechen, künstlerische Fluchtlinien zu schlagen. Goerlitz analysiert die zentralen Personenkreise und ihre komplexen Beziehungen zum Ich-Erzähler. Er geht den Auswirkungen der genealogischen Problematik auf Prousts Poetologie nach. Am Komplex Krieg/Genealogie/Nation untersucht er schließlich die Erschütterungen der idealistischen poetologischen Programmatik unter dem Einfluss des Ersten Weltkriegs.
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VII. Krieg und Genealogie

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Die Erfahrung ist im Kurse gefallen, und das in einer Generation, die 1914 - 1918 eine der ungeheuersten Erfahrungen der Weltgeschichte gemacht hat. Vielleicht ist das nicht so merkwürdig wie das scheint. Konnte man damals nicht die Feststellung machen: die Leute kamen verstummt aus dem Felde? Nicht reicher, ärmer an mitteilbarer Erfahrung. […] Denn nie sind Erfahrungen gründlicher Lügen gestraft worden als die strategischen durch den Stellungskrieg, […]. Eine Generation, die noch mit der Pferdebahn zur Schule gefahren war, stand unter freiem Himmel in einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken, und in der Mitte, in einem Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen, der winzige gebrechliche Menschenkörper.159

Mit diesen Worten charakterisiert Walter Benjamin exemplarisch das nach dem Ersten Weltkrieg zum Vorschein gekommene, von Medizin und Psychoanalyse bei der Behandlung der Kriegsgeschädigten dann zum wissenschaftlichen Faktum erhärtete ‚Trauma‘ der Kriegserfahrung, die eigentlich mit Heidegger eine ‚Un-Erfahrung‘ genannt werden müßte: als radikalen Bruch mit der Welt des 19. Jahrhunderts, der Kategorie des erfahrungsmächtigen Subjekts und allgemeiner den Wert- und Ordnungsvorstellungen der ‚Tradition‘. Der erste Weltkrieg bezeichnet symbolisch jene kulturgeschichtliche Schwelle, die auch für Prousts literarisches Unternehmen, für das der Krieg die ganz konkrete Bedeutung einer Publikations-verzögerung um fünf Jahre hatte – Du côté de chez Swann erscheint 1913, der zweite Band A l’ombre des jeunes filles en fleurs erst 1918 – einen entscheidenden Schnitt markiert. Prousts Werk, dessen Einsatzpunkt geistesgeschichtlich noch in der Welt des...

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