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Ästhetik des Geschlechts

Prousts "À la rechreche du temps perdu</I> zwischen Genealogie und Anti-Genealogie

Guido Goerlitz

Der Autor widmet sich Marcel Prousts berühmten Hauptwerk À la recherche du temps perdu im Hinblick auf das Thema der Genealogie. Diese ist im Buch als Frage nach dem Geschlecht im mehrfachen Wortsinne von Abstammung, Vererbung und Sexualität/Fortpflanzung auf allen Ebenen präsent. Der Roman wird rhythmisiert vom Begehren einer idealen genealogischen Ordnung und dem Wunsch, aus eben dieser auszubrechen, künstlerische Fluchtlinien zu schlagen. Goerlitz analysiert die zentralen Personenkreise und ihre komplexen Beziehungen zum Ich-Erzähler. Er geht den Auswirkungen der genealogischen Problematik auf Prousts Poetologie nach. Am Komplex Krieg/Genealogie/Nation untersucht er schließlich die Erschütterungen der idealistischen poetologischen Programmatik unter dem Einfluss des Ersten Weltkriegs.
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VII.10 Die Kriegsnacht – genealogische und anti-genealogische Lektüre des Körpers

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Das Kapitel über den Ersten Weltkrieg in Le temps retrouvé, „one of the most irritating and challenging of the hole novel“237, wie Marion Schmid zu Recht betont, hat trotz summarischer Anerkennung im einzelnen nur wenig Beachtung gefunden. Der Krieg, so eine verbreitete Auffassung in der Forschung, sei eigentlich eine für die Lösung des Romans überflüssige Digression, narrativ dysfunktional. Er bedeute lediglich eine rein additive Steigerung der negativen Potenzen, wie sie in den Liebeserfahrungen mit Albertine, zu denen er ja ausdrücklich in Parallele gesetzt wird, offenbar werden. Nach der zuvor behandelten literarischen Enttäuschung durch die Lektüre der Goncourts in Tansonville hätte die Recherche entwicklungslogisch sofort, ohne Umschweife, zu der weiteren Enttäuschung bei der fruchtlosen Beschreibung des Wäldchens auf der Bahnfahrt und der abschließenden mirakulösen Apotheose der Kunst auf der Matinée Guermantes übergehen können.238 „Pour la structure de l’œuvre, les années qui séparent ces deux trajets ne sont qu’une page blanche. […] La guerre est une paranthèse“239. Der Erste Weltkrieg bedeutet in der Tat nicht nur, wie eingangs erwähnt, für die Entstehungs- und Editionsgeschichte der Recherche, sondern parallel dazu auch für den Entwicklungsverlauf der erzählten Berufungsgeschichte des Helden eine Unterbrechung von unvorhergesehenem Ausmaß. Signalisiert ist dies dadurch, daß die Kriegsepisode von zwei markanten »blancs« eingeklammert wird: Die beiden längeren Aufenthalte in einem Sanatorium, in das sich der Held zurückgezogen hat, um seine nicht näher explizierte Krankheit zu...

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