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«Ärgernis» und «moderner Klassiker»

Zur Autorenrolle Wolfgang Koeppens in der Literatur nach 1945

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Onur Kemal Bazarkaya

Onur Bazarkaya befasst sich mit der Person Wolfgang Koeppens, dessen literarisches Werk von einer starken, durch lange Publikationspausen bedingten Disparität gekennzeichnet ist. Er fragt nach der Autorenrolle, die Koeppen in der Literatur nach 1945 gespielt hat und die bisher in der Forschung kaum behandelt wurde, die aber gleichwohl einen Einfluss auf die Koeppen-Rezeption ausübte. Ab einem bestimmten Zeitpunkt musste der Autor Koeppen anscheinend nichts mehr veröffentlichen, um erfolgreich zu sein. Auf literatursoziologischer Basis beschreibt Bazarkaya, inwiefern bei Koeppen die Autorinszenierung (zu der auch sein «Schweigen» gehörte) von verschiedenen literarischen Systemprozessen und Positionierungen abhing, und wie seine Rolle schließlich eine Eigendynamik entwickelte.
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2. Die literarischen Verhältnisse der frühen Nachkriegszeit

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2.  Die literarischen Verhältnisse der frühen Nachkriegszeit

2.1 Krisen, Gebote, Angebote

Unter der amerikanischen Besatzung übten sich viele deutsche Schriftsteller als kritische Instanz oder politisch-moralisches „Gewissen der Nation“106. Ihr publizistisches Sprachrohr war zu dieser Zeit Der Ruf. 1945 in einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager gegründet,107 hatte die Zeitschrift zunächst ganz im Dienst der reeducation gestanden und sollte, als in München 1946 dem Lizenzantrag für einen neuen Ruf stattgegeben wurde, in Deutschland auch in diesem Sinne fortgeführt werden.108 Die Unabhängige[n] Blätter der jungen Generation, wie der Untertitel des Ruf lautete, waren gedacht als Programm zur Erziehung der Jugend nach amerikanischem Vorbild. Durch die Initiative der Herausgeber Alfred Andersch und Hans Werner Richter, die bereits am Kriegsgefangenen-Ruf mitgearbeitet hatten, sah sich die Lizenzierungsstelle in der Folge jedoch düpiert. Von einer harmlosen Jugendzeitschrift konnte nicht die Rede sein. Im Ruf manifestierte sich nicht, wie der Begriff der Unabhängigkeit im Untertitel erwarten ließ, eine mit den amerikanischen Grundwerten verträgliche Liberalität, sondern ein als anmaßend empfundener Geist des prinzipiellen Widerspruchs, der auch die Kritik an der US-Besatzungspolitik nicht aussparte.

Den Herausgebern zufolge eignete sich Deutschland – vorausgesetzt, es bliebe ungeteilt und wäre beides: demokratisch und sozialistisch – als politischer ← 39 | 40 → Vermittler zwischen Ost und West und somit als Wegbereiter eines freien sozialistischen Europa. Zu Beginn des Kalten Krieges grenzte die Äußerung solcher Gedanken, wie Andersch später selbst einräumte, an „journalistische[n...

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