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«Ärgernis» und «moderner Klassiker»

Zur Autorenrolle Wolfgang Koeppens in der Literatur nach 1945

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Onur Kemal Bazarkaya

Onur Bazarkaya befasst sich mit der Person Wolfgang Koeppens, dessen literarisches Werk von einer starken, durch lange Publikationspausen bedingten Disparität gekennzeichnet ist. Er fragt nach der Autorenrolle, die Koeppen in der Literatur nach 1945 gespielt hat und die bisher in der Forschung kaum behandelt wurde, die aber gleichwohl einen Einfluss auf die Koeppen-Rezeption ausübte. Ab einem bestimmten Zeitpunkt musste der Autor Koeppen anscheinend nichts mehr veröffentlichen, um erfolgreich zu sein. Auf literatursoziologischer Basis beschreibt Bazarkaya, inwiefern bei Koeppen die Autorinszenierung (zu der auch sein «Schweigen» gehörte) von verschiedenen literarischen Systemprozessen und Positionierungen abhing, und wie seine Rolle schließlich eine Eigendynamik entwickelte.
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4. Die Reisebücher: Modifikation der Außenseiterrolle

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4.  Die Reisebücher: Modifikation der Außenseiterrolle

4.1 Der Rollenkonflikt

Mit seinen nonkonformistischen Kommunikationsstrategien trug Koeppen zu Beginn der fünfziger Jahre maßgeblich dazu bei, dass die Lesart von Tauben im Gras und Das Treibhaus von Kommunikaten bestimmt wurde, die den Autor auf die Außenseiterrolle festlegten. Nachdem er im Literaturbetrieb aber erst einmal rehabilitiert und sein Label im Marktgefüge konsolidiert war, begann der Nonkonformismus seine Produktivität einzuschränken. Koeppen war ein dezidiert ästhetischer oder artistischer Schriftsteller und, legt man Adornos in der Einleitung beschriebene These zu Grunde, gerade deshalb auch gesellschaftskritisch. Seine inhaltliche Betonung von Politik und Moral in den ersten beiden Nachkriegsromanen lassen sich auf systembedingte Gründe zurückführen. Im Hinblick auf die Erfolgschancen der nonkonformistischen Literatur war er nicht schlecht beraten, die artistischen Implikationen seiner Arbeit zusätzlich durch einen normativen Impetus zu legitimieren. Nach Beendigung vom Treibhaus fiel ihm dies jedoch zunehmend schwer, da sich seine ästhetischen Interessen mit der bekannten Rolle nicht mehr ohne weiteres vereinbaren ließen.

Um seine materielle Grundlage aber nicht zu gefährden, musste er den öffentlichen Erwartungen genügen. Nicht selten brachte er in Interviews sein Bedauern darüber zum Ausdruck, ein Schriftsteller geworden zu sein, der von seinem Schreiben leben müsse und daher einem „falschen Zwang zur Produktion“549 unterworfen sei. Seiner Ansicht nach hatten es Flaubert, Proust oder Gide in dieser Beziehung besser gehabt; von ihrer künstlerischen Unabhängigkeit, die ihnen ihr Erbe erm...

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