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Traditionsbrüche

Neue Forschungsansätze zu Hermann Bahr

Series:

Tomislav Zelić

Fachleute aus den Bereichen der Germanistik und Komparatistik verfolgen in diesem Sammelband neue Forschungsansätze zu Hermann Bahr. Sie untersuchen Diskurse über Kaiserreich und Königtum, Krise und Kritik, Kairos und Katastrophe, Krieg und Kultur in den Essays und Reiseberichten, Zeitungsartikeln und Tagebüchern, aber auch Romanen und anderen Schriften eines Hauptvertreters der Wiener Moderne. Es werden kulturtheoretische Fragen nach der Konstitution und Konstruktion von Identität und dem Zulassen von Differenz gestellt – sowie nach den Konversionen der Weltanschauungen, Ideologien und Religionen vom Provinzialismus und Kosmopolitismus über Nationalismus, Militarismus und Imperialismus zu Katholizismus und Antisemitismus, Austroslawismus, Austromarxismus und Austro-Europäertum.
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Hermann Bahr als Kritiker und Porträtist

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Das dominierende Paradigma des ethnischen und geschlechtlichen Krisenbewusstseins, das seit Jacques Le Riders mentalitäts- und ideologiegeschichtlichem Ansatz als kulturhistorischer Kontext der Wiener Moderne vorausgesetzt wird, ist ein Spiegel heutiger Epochenkrisen.1 Hermann Bahrs Verkündung der ‚Unrettbarkeit des Ich‘2 nach seiner Lektüre von Ernst Mach gilt neben Hofmannsthals ‚Chandos-Brief‘ als Diagnose sowie als Bekenntnis zur Ichschwäche, die für die postmoderne kulturwissenschaftliche Diagnose der Identitätskrise der Moderne ausschlaggebend ist. Der Begriff ‚Identität‘, der heute zu einem Schlüsselwort der Kulturpolitiker geworden ist, war jedoch um 1900 anscheinend weniger geläufig. Zwar beherrschten ethnische Konflikte die Politik, aber im literarischen Selbstverständnis und in der Kritik war statt von ‚Identität‘ häufig von ‚Charakter‘ und ‚Persönlichkeit‘ die Rede: ob als strenge – allerdings geschlechtskritisch nicht problematisierte – ethische Voraussetzungen, ob auf gesellschaftliche Rollenspieler und Selbstdarsteller bezogen. Dem Essayisten Robert Scheu galt „[d]ie Persönlichkeit eines Menschen“ als „ein fester Bezirk“,3 aber Heinrich Mann fasste um 1907 vor Entstehung seines Romans Der Untertan die Überschätzung der „Persönlichkeit“ als „Zeitkrankheit“ auf.4 Bevor Karl Kraus die Gegenstände der Satire programmatisch an positiven Schlüsselbegriffen seiner Ethik wie ‚Echtheit‘ und ‚Persönlichkeit‘ zu messen begann, hatte er das Wort häufig konventionell auf Prominente in der Öffentlichkeit als: „gesellschaftlich markante Persönlichkeiten“ bezogen, darunter Hermann Bahr. 5 ← 33 | 34 →

Zu Recht wegen seiner geistigen Gymnastik, ästhetischen Sensibilität und Belesenheit gerühmt, war Bahr der führende Literatur-, Kunst- und Theaterkritiker...

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